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Plakatmotiv (Fr.): Il faut tuer Birgitt Haas / Der inszenierte Mord (1981)

Drei Herzensmenschen in der kalten
Welt eines grotesken Agentenfilms

Titel Der inszenierte Mord
(Il faut tuer Birgitt Haas)
Drehbuch Pierre Fabre & Laurent Heynemann & Caroline Huppert
nach dem Roman "L’histoire de Birgitt Haas" von Guy Teisseire
Regie Laurent Heynemann, Frankreich, BRD 1981
Darsteller

Philippe Noiret, Jean Rochefort, Lisa Kreuzer, Maurice Teynac, Michel Beaune, Victor Garrivier, Monique Chaumette, Christian Bouillette, Stephan Meldegg, Peter Chatel, Roland Blanche, Bernard Le Coq, Thérèse Crémieux, Dagmar Deisen, Hervé Duhamel, Herbert Fiala, Axel Ganz, Michèle Grellier u.a.

Genre Thriller, Drama
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
2. März 2026 (TV-Premiere)
Inhalt

In den 80er Jahren erhält ein französischer Geheimdienst den Auftrag, die deutsche Terroristin Birgitt Haas aus dem Weg zu räumen – wobei ihr Tod den Anschein eines privaten Unglücks haben soll.

Um diese Mission kümmert sich ein Team um den Agenten Athanase, vor kurzem verstärkt durch den jungen, ehrgeizigen Agenten Colonna. Von ihm stammt die Idee, wie die als Nymphomanin dargestellte Haas beseitigt werden soll: Ein Lockvogel soll die Terroristin verführen und ihren Tod sozusagen orchestrieren. Der politische Mord wäre somit als Affekthandlung vertuscht; weder die Medien noch die Justiz würden Verdacht schöpfen.

Als Colonnas nützlicher Idiot soll Charles-Philippe Bauman dienen, er scheint auf den Auftrag zugeschnitten. Bauman wurde kürzlich von seiner Frau verlassen und auch seine Stelle wurde ihm gekündigt. Er hat Selbstzweifel im Überfluss.

Der Eifer seines Neuzugangs Colonna weckt bei Athanase Bedenken, daher übernimmt es der Chef höchstpersönlich, den Kontakt zum ahnungslosen Bauman aufzubauen. Alles läuft wie geplant: Als Bauman unter dem Vorwand seiner Deutschkenntnisse eine Stelle als Handelsvertreter in München angeboten wird, nimmt er sofort an. Dort haben die allgegenwärtigen Spione ein leichtes Spiel, den Unglücksraben und die charmante, aber einsame Birgitt Haas zusammenzuführen.

Je näher die Nacht des geplanten Mordes rückt, desto heftiger werden Athanases Gewissensbisse. Vor allem als herauskommt, dass Colonnas Wahl nicht zufällig auf Bauman gefallen ist, sondern von privaten Interessen geleitet war. Wenn schon Birgitt Haas liquidiert werden muss, setzt Athanase nun alles daran, dass der verliebte Bauman überlebt …

Was zu sagen wäre

Die Welt der Geheimdienste ist schmierig. Es geht um Lug und Trug, die Agenten spielen mit den Gefühlen ahnungsloser Menschen. Im Allgemeinen sterben Unschuldige. Dieser Film aus dem Jahr 1981, der es nie in ein deutsches Kino geschafft hat, obwohl er in München spielt, ist ein gutes Beispiel für Agentenfilme aus den späten 1970er Jahren, in dem man nicht weiß, wer hier eigentlich die Guten sind, was Recht und Gerechtigkeit noch bedeuten, wenn die politischen Führer über Leichen gehen. In den 70ern prägte diese Ambivalenz den Begriff "Paranoiathriller" für Filme, in denen die moralischen Grenzen verschwimmen. Hier planen Geheimdienstler einen kaltblütigen Mord inklusive eines Unschuldigen, den sie als vermeintlichen Mörder aus Leidenschaft über die Klinge springen lassen wollen, während die Terroristin, um die es die ganze Zeit geht, im Film als charmante, reflektierte, kluge Frau dargestellt wird, die so gar nichts Geiferndes einer Extremistin an sich hat.

Vor dem Hintergrund der damals auch in Deutschland noch schwelenden Terroristenjagd entwickelt Laurent Heynemann ein melancholisch-romantisches Puzzle aus Lügen und doppelten Wahrheiten. Eine junge Frau soll aus dem Weg geräumt werden. Sie ist irgendwie verwickelt in Aktionen aus der linken Terrorszene, im Radio ist von der RAF die Rede. Dem deutschen Geheimdienst sind die Hände gebunden. Würde er die junge Frau aus dem Weg räumen, wären Aktionen ihrer Gesinnungsgenossen zu befürchten. Also wendet man sich an die Franzosen, die einen gewagten Plan zur Tötung der Frau aufsetzen. In dessen Mittelpunkt steht ein vom Leben gebeutelter Mann, dem der Geheimdienst eine Perspektive vorgaukelt, um ihn ins Bett der jungen Frau zu lotsen, die dort dann von einem angeblich eifersüchtigen Liebhaber getötet werden soll.

Der Plan, den das Drehbuch entfaltet, ist hanebüchen, ist aber klassische Filmdramaturgie. Die Chance im wirklichen Leben, dass sich Bauman, der vom Leben Gebeutelte, und Monika, die in Wirklichkeit Birgit heißt, zueinander hingezogen fühlen, ist zu gering, um darauf einen derart komplizierten Plot zu bauen. Im Kino ist ihr Falling in Love beinahe eine Selbstverständlichkeit. Aber es ist gar nicht die Geschichte, die den Film sehenswert macht. Laurent Heynemann entwirft das Portrait zweier einsamer Männer, die im modernen Frankreich des Jahres 1981 den Anschluss ans Leben verlieren.

In Deutschland zeigt der deutsch-französische Kultursender arte den Film erstmals im März 2026, 45 Jahre nach seiner Entstehung. Da bezaubert er zunächst mit dem groben Korn und dem latent immer etwas zu dunklen Bild des Polyester-Negativs, das den älteren Zuschauer an Zeiten erinnert, als Straßenszenen im Kino noch ohne digitale Retouchen einfach die reale, manchmal hässlich verregnet Welt zeigten wie sie ist, und die Dramaturgen sich Zeit ließen mit der Entwicklung ihres Stoffs. Philippe Noiret spielt mit seinen traurigen Dackelaugen den alten Agenten Athanase, ein Mann, dessen stoischem Blick nichts mehr fremd ist (D'Artagnans Tochter – 1994; Die Rückkehr der Musketiere – 1989; Cinema Paradiso – 1988; Chouans! – Revolution und Leidenschaft – 1988; Ertrinken verboten – 1987 Masken – 1987; "Die Bestechlichen" – 1984; Der Saustall – 1981; Ein verrücktes Huhn – 1977; Abschied in der Nacht – 1975; Das große Fressen – 1973; Topas – 1969; Mörder GmbH – 1969; Alexander, der Lebenskünstler – 1968; Zazie – 1960). Im Job trankelt er durch die Gefühöswelt unschuldiger Menschen wie Bauman, daheim holt ihn seine Frau auf den Teppich des Familienlebens zurück, das kaum mehr existiert, seit die einzige Tochter flügge geworden ist. Athganase ist ein Melancholiker, der weiß, dass er ein Arschloch ist, aber einer muss den Jb ja machen.

Sein Opfer ist Bauman, dem vor einigen Monaten die Frau weggelaufen ist, weil Bauman ihr zu langweilig war, „sie sagte, im Bett wäre ich wie ein Priesteranwärter“. Gerade hat er auch seinen Job verloren und ist unter eineinhalb Millionen Arbeitslosen in Paris für alle zur Verfügung stehenden Jobs überqualifiziert. Jean Rochefort, der Mann mit dem spitzen Gesicht und der markanten Nase spielt ihn, der im französischen Kino immer gerufen wurde, wenn sture Beamte, komische Sidekicks oder kalte Machtmenschen zu besetzen waren (Asterix & Obelix – Im Auftrag Ihrer Majestät – 2012; Prêt-à-Porter – 1994; Der große Blonde kehrt zurück – 1974; Der Erbe – 1973; Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh – 1972; Die tollen Abenteuer des Monsieur L. – 1965; "Angelique" – 1964; Die eiserne Maske – 1962; Cartouche, der Bandit – 1962). Sein Bauman ist armer Kerl, der hilflos in der Luft hängt und nicht vor noch zurück weiß.

Bauman fasst wieder Lebensmut, als er in München auf Monika trifft, die eigentlich Birgitt Haas heißt und die er auch nicht so zufällig trifft, wie er glaubt. Als sie sich gerade kennengelernt haben, gehen sie nachts an der Isar spazieren und hier gelingt Regisseur Heynemann eine bezaubernde Szene, die andeutet, warum sich Bauman Hals über Kopf in die ihm ganz Fremde verliebt. Er schaut in die Isar und sagt „Ist verlockend, oder? Ein Sprung und in dem Moment wird ein ganzes Leben ausgelöscht. Eine Meldung unter 'Vermischtes'“. Anstatt, dass sie sich erschrocken – Aber was sagen Sie denn da? – abwendet, erwidert sie lächelnd und zugewandt: „Hier würde Ihr Plan nicht wirklich aufgehen.“ „Und warum?“ „Man kann stehen!“ Lisa Kreuzer, in den 1970er Jahren beim Wim Wenders gesetzt (Grand Budapest Hotel – 2014; Der amerikanische Freund – 1977; Im Lauf der Zeit – 1976; Falsche Bewegung – 1975; Alice in den Städten – 1974), spielt diese doch an sich schreckliche Person, immerhin eine Terroristin, hier als warmherzige, entgegenkommende, aufmerksame, anlehnungsbedürftige Frau, an die sich ein Mann in Baumans Lage glaubhaft anlehnen würde.

Heynemann packt diese Agentengeschichte mit gefälschter, aber echter Romantik in ruhige, kalt ausgeleuchtete Bilder. Die Welt der Agenten ist keine schöne Welt – die staatlichen Behörden planen Mordanschläge in unaufgeräumten Kellerlöchern, sie arbeiten in unübersichtlichen Großraumbüros, steigen in farblosen Hotelzimmern ab und fahren in verbeulten Autos. Eingerahmt in eine groteske Geschichte wandeln in dieser ungemütlichen Welt lauter Agentenklischees. Und zwei Männer und eine Frau, die ans Herz gehen.

Wertung: 4 von 9 D-Mark
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