Der Chirurg Julien Dandieu, Pazifist, Humanist und Mitglied der Résistance, lebt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Montauban, in der Zone Libre (freien Zone) im Südwesten Frankreichs. Dort versorgt er verwundete Soldaten und führt ein bourgeoises und glückliches Leben mit seiner Frau Clara und seiner Tochter Florence, die er über alles liebt.
Angesichts der bevorstehenden Besetzung der Stadt durch die Deutschen bittet er seinen Freund François, seine Frau und seine Tochter zu seinem Familienstammsitz zu fahren, einem Schloss auf dem Land. Dort glaubt er seine Familie bis zum Ende des Krieges in Sicherheit.
Doch überraschenderweise treffen die deutschen Truppen dort zuerst ein. Julien, der herbeigeeilt ist, wird Zeuge von Gräueltaten, die er fassungslos mit ansehen muss, und kämpft schließlich selbst um sein Leben. Der einst so friedliebende Arzt sinnt nun auf Rache …
Frankreich, 1944, der Krieg liegt in den letzten Zügen, die französischen Widerstandskämpfer, die Partisanen fügen den deutschen Besatzern empfindliche Niederlagen bei, die Macht der Deutschen schwindet:
„Die Kerle sind gefährlich. Die merken doch auch, dass es jetzt zu Ende geht. Die werden immer unberechenbarer.“ Mit seiner Ahnung wird Julien grausam Recht behalten, seine Tochter und seine geliebte Ehefrau werden von den Männern der SS vergewaltigt und verbrannt. Der eigentlich friedliebenden Chirurg holt das alte Jagdwehr seines Vaters vom Dachboden und geht auf Rachefeldzug.
Im vergangenen Jahr machte Charles Bronson in der Rolle eines Architekten aus New York Schlagzeilen, der auf Rachefeldzug gegen Straßengangster zog, die seine Frau und Tochter vergewaltigt hatten. Ein Mann sieht rot (1974) wurde in Deutschland als Verherrlichung der Selbstjustiz angeprangert. Die Ausgangssituation ist in diesem Film von Robert Enrico (Rum-Boulevard – 1971; Die Abenteurer – 1967; Einer bleibt auf der Strecke – 1965) eine ähnliche. Nur wiederum ganz anders. Denn der friedfertige Chirurg lebt im von den Nazis besetzten Frankreich und setzt sich gegen die (noch heute misstrauisch beäugten) Deutschen zur Wehr; Philippe Noiret (Das große Fressen – 1973; Topas – 1969; Mörder GmbH – 1969; Alexander, der Lebenskünstler – 1968; Zazie – 1960) führt in diesem 30 Jahre nach Kriegsende gedrehten Film den Krieg gegen die verhassten Besatzer nochmal. Aber erfolgreicher und ohne Hilfe der Alliierten.
Regisseur Enrico fährt eine ruhige Gangart, es dauert, bis klar wird, worum es geht. Zunächst führt er uns den freundlichen Arzt vor Augen, der im Operationssaal keinen Unterschied zwischen Franzosen, Deutschen und Résistance macht, über persönliche Kontakte dringend benötigte, aber in der Mangelwirtschaft eigentlich nicht zu bekommende Schmerzmittel organisiert. Er hilft allen Menschen und schaut zunehmend irritiert auf das unmenschliche Treiben der Deutschen.
In der Folge lernen wir Julians kleine Tochter Florence und seine Ehefrau Clara kennen. Beide haben im Film wenig Zeit, für sich einzunehmen, weil erst ihr Tod der Auslöser für die eigentliche Geschichte im Film ist.
Robert Enrico behilft sich mit einer cleveren Besetzung der Clara: Romy Schneider spielt sie als ebenso selbständige wie bezaubernde Frau, die ihrem Mann treu zur Seite steht ("Nachtblende" – 1975; "Trio Infernal" – 1974; Cesar und Rosalie – 1972; Die Dinge des Lebens – 1970; Der Swimmingpool – 1969; Spion zwischen zwei Fronten – 1966; Was gibt's Neues, Pussy? – 1965; Nur die Sonne war Zeuge – 1960; Katja, die ungekrönte Kaiserin – 1959; Christine – 1958; "Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin" – 1957; "Monpti" – 1957; "Sissi, die junge Kaiserin" – 1956; "Sissi" – 1955; "Mädchenjahre einer Königin" – 1954).
Clara ist mir mit ihrem trockenen Humor sofort sympathisch. Das ist wichtig. Würde ich die Ehefrau nicht mögen, würde ich womöglich Julians Rachefeldzug nicht akzeptieren. Dass die deutschen Soldaten eher Karikaturen gleichen – versoffen, brutal, großmäulig und feige – reicht für die Rachemotivation nicht aus. Ich sehe den Film erst Ende der 70er Jahre im Fernsehen. Auch dort ist Romy Schneider aufregend, die einsame Filmtochter eine freundliche Klassenbeste und auch hier überträgt sich noch der Hass, den Julien nach dem Mord an Frau und Tochter antreibt.
Ohne Romy Schneider bliebe der Film Stückwerk. Philippe Noiret bleibt äußerlich ruhig. Er präsentiert kein hassverzerrtes Gesicht, schreit keine Flüche in die Welt, auch hebt die Musik nicht dramatisch an. Es reichen ein paar traurige Blicke der Erinnerung, die wir in kurzen Rückblenden meist mit strahlendem Sonnenlicht sehen, um des Chirurgen Innenleben auszuleuchten. Insgesamt aber bleibt der beliebte Schauspieler blass. Etwas mehr Emotion in seinem Spiel hätte der Rolle zu mehr Glaubwürdigkeit und Identifizierung verholfen. Wo sein Spiel Spannung vermissen lässt, baut das Drehbuch geschickte Volten. Der Film spielt größtenteils in einer alten Burgruine, die sich Julien im Film zu seinem privaten Domizil ausbaut. Er kennt hier also jeden Winkel – anders als die Feinde. Er legt Fallen, schießt aus dem Versteck und bald glauben die SS-Schergen, sie seien auf der Burg von der Résistance umstellt.
"Le vieux fusil" ist ein spannendes Drama, das schnörkellos von den Verheerungen eines Krieges erzählt.
Das emotionale Kriegsdrama basiert auf wahren Begebenheiten: dem Massaker von Oradour im Jahr 1944, das als größtes deutsches Kriegsverbrechen in Westeuropa im Zweiten Weltkrieg gilt.
"Le vieux fusil" erhielt im Jahr 1976 mit dem César in der Kategorie Bester Film den erstmals verliehenen nationalen Filmpreis Frankreichs. Ebenfalls ausgezeichnet wurden Philippe Noiret und die Filmmusik von François de Roubaix, während Enricos Film in sechs weiteren Kategorien nominiert war. Nicht nominiert wurde Romy Schneider, die seinerzeit für ihr Porträt einer Pornodarstellerin in Andrzej Żuławskis Drama "Nachtblende" den Vorzug erhielt und bei der Preisverleihung die Trophäe für die Beste Hauptdarstellerin entgegennehmen durfte. Mehrere Monate später wurde Noiret auch mit dem italienischen David di Donatello als bester ausländischer Darsteller bedacht.
1985 wurde der Film mit einem Ehrenpreis bei der César-Verleihung, dem "César des Césars", ausgezeichnet.
Der Film ist ein Beispiel für praktizierte Selbstzensur eines Films für das Publikum in der Bundesrepublik Deutschland: Eigens für die bundesdeutsche Premierenfassung "Abschied in der Nacht" wurden Alternativ-Szenen gedreht und eingeschnitten, die besonders menschenverachtende Dialoge der Deutschen im französischen Original milderten und relativierten. Besonders brutale Szenen wurden entfernt. Es handelt sich dabei um eine bereits während der Produktion durchgeführte Selbstzensur, nicht etwa um das Wirken einer staatlichen Zensurbehörde. In der DDR kam der Film unter dem Titel "Das alte Gewehr" synchronisiert, aber unzensiert in die Kinos und später ins Fernsehen. Erst 2007 kam die deutsche Uncut-Version als DVD unter dem Titel "Abschied in der Nacht" mit den deutschen Extra-Szenen als Bonus-Material auf den deutschen Markt.
Bis heute gehört "Das alte Gewehr" zu den in Deutschland unbekanntesten Filmen mit Romy Schneider. Einer der wenigen Filme, in denen Romy Schneider sich nicht selbst synchronisierte – in der DDR aus finanziellen Gründen, in der bundesdeutschen Fassung vermutlich deshalb, weil sie mit den Verfälschungen nicht einverstanden war (ein wichtiger Grund auch für die Neusynchronisation der DDR).
