IMDB

Plakatmotiv: Top Gun – Maverick (2022)

Großes Unterhaltungskino, dem jegliche
Irritationen ausgetrieben worden sind

Titel Top Gun: Maverick
(Top Gun: Maverick)
Drehbuch Peter Craig
mit Charakteren von Jim Cash & Jack Epps Jr.
Regie Joseph Kosinski, USA 2022
Darsteller

Tom Cruise, Jennifer Connelly, Miles Teller, Val Kilmer, Bashir Salahuddin, Jon Hamm, Charles Parnell, Monica Barbaro, Lewis Pullman, Jay Ellis, Danny Ramirez, Glen Powell, Jack Schumacher, Manny Jacinto, Kara Wang, Greg Tarzan Davis, Jake Picking, Raymond Lee u.a

Genre Action
Filmlänge 131 Minuten
Deutschlandstart
26. Mai 2022
Website www.topgunmovie.com
Inhalt

Ein „Schurkenstaat“ baut eine Raffinerie für atomare Aufbereitungsanlagen. Das ist laut einer UNO-Charta verboten. Also bereitet die US-NAVY einen Gegenschlag vor. Die Uran-Anlage dieses Schurkenstaates steckt in einem Gebirgsmassiv. Mit konventionellen Waffen kaum zu bekämpfen, es geht mit F-16 steil nach oben, steil nach unten, aber die erfolgreiche Bekämpfung dieser Uran-Anlage hängt an einem seidenen Faden.

So holt die Navy Captain Pete Mitchell, Kampfname Maverick, zurück. Dieser Typ müsste eigentlich längst ein Zwei-Sterne-General sein. Er ist hoch dekoriert, lauter Orden schmücken seine Brust, er ist der Pilot mit den meisten Luftkampfabschüssen, dennoch hält ihn sich die Navy hält lieber als Schrauber von Weltkriegs-II-Klassikern. Aber wie das so ist in Friedenszeiten: Manchmal wird der kalte Krieg heiß und da müssen plötzlich Kampfpiloten eine sich in der Entstehung befindliche Atomanlage bekämpfen und nur Pete … nur Maverick kann den Gordischen Knoten lösen.

Also, er könnte ihn lösen, wenn die militärische Leitung sich denn überwinden könnte, Maverick seinem Instinkt folgen zu lassen. Aber dieser Instinkt steht nun schon seit mehr als 30 Jahren einem geregelten militärischen Tagesablauf entgegen. Also versuchen allerlei ranghohe Militärs, diesen Pete Mitchell in der Versenkung verschwinden zu lassen; aus der ihn zuverlässig immer wieder Admiral Tom Kazansky hervorzerrt, Rufname Iceman, heute übermächtiger Befehlshaber in der Navy. Maverick und Iceman hatten vor langer Zeit als junge Piloten ein paar Händel, aber mittlerweile sind sie Best Buddies und damit ist Mitchell dem Rest der kommandierenden Navy ein Rotes Tuch.

"Maverick" trainiert die 16 besten Kampfpiloten der Navy, die alle das Top-Gun-Programm erfolgreich durchlaufen haben, um sie auf die Uran-Anlage des „Schurkenstaates“ anzusetzen. Und wenn es nur um Fliegen ginge und um rechtzeitiges Raketen-Auslösen, dann hätte Mitchell große Chancen, seinen Auftrag zu erfüllen.

Aber diese 16 Top-Gun-Piloten sind alles andere als pflegeleicht zu führen. Lt. Jake Seresin, Rufname Hangman, etwa, hält sich für den allergrößten Piloten der Navy. Und Lt. Bradley Bradshaw, Rufname Rooster, ist der Sohn von Mavericks ehemaligem Wingman und Best Buddy Goose, der bei einem Einsatz sein Leben ließ.

Bevor also Pete Mitchell die feindliche Uran-Anlage in schwerst zugänglichem Gelände angreifen und gegebenenfalls zerstören kann, muss er erst einmal diese jungen Flug-Profis davon überzeugen, dass weder er, noch professionelle Konkurrenten in den eigenen Reihen der eigentliche Gegner sind … 

Was zu sagen wäre

Nach mehr als 30 Jahren immer noch kein Mehr-Sterne-General, immer noch Captain, hochdekoriert zwar, aber auch mit Disziplinarmaßnahmen überschüttet wegen unbotmäßigen Verhaltens. „Sie sind Geschichte. Sie wissen es nur noch nicht!“ faucht der Vorschriften verliebte General hinter seinem Schreibtisch, der auf Drohnen setzt, weil die keine Widerworte geben oder gar eigene Ideen entwickeln. „Männer Ihres Schlages sterben aus!“ „Ja, das mag sein“, erwidert der Immer-noch-Captain, „aber noch nicht heute!“ Und im Kinosessel hofft man, dass das Aussterben möglichst weit in der Zukunft liegt. Denn natürlich kann man diesen Dialog auch auf Filmproduzenten und Tom Cruise übertragen. Die einen vernarrt in möglichst millimetergenau geplante Großproduktionen, die wenig kosten und viel einbringen, der andere einer, der unbeirrt auf das analoge Kino von früher setzt, das soweit es geht auf Green-Screen-Technik, CGI und Pixelgewitter verzichtet und lieber echte Stunts anbietet – was erstens teurer ist und zweitens auch noch die Darsteller vor der Kamera einem gewissen Risiko aussetzt; aber im Ergebnis die Zuschauer auch viel tiefer in die Kinosessel presst. Über Tom Cruise haben wir gerne geschmunzelt, wenn er wieder mal betonte, wie viele seiner Stunts er selber erledigt habe.

Heute, wo häufig nicht einmal einfache Landschaftsbilder auf der Leinwand noch echt sind, sondern von namenlosen Künstlern aus lauter einzelnen Elementen zusammengeschustert, lechzen wir nach analogen Menschen in analogen Situationen, nach Menschen, die in ein einfaches Auto steigen, den Zündschlüssel drehen und selbst losfahren; heute kommt da ein Bildschnitt, nach dem die Darsteller dann in einer Autoattrappe vor einer grünen Wand sitzen, über die die SFX-Techniker später eine vorbeiziehende Landschaft legen – früher gab es das als "Rückpro" und sah schlecht aus. Plakatmotiv: Top Gun – Maverick (2022) Heute sieht sowas perfekt aus, aber nicht echt. Für "Top Gun: Maverick" mussten die Darsteller in echte Jets steigen und wurden für die Großaufnahmen ihrer von hohen G-Kräften verzerrten Gesichter von echten Jet-Piloten herumgeflogen; Tom Cruise flog einige Jets gleich selbst. Dabei sind Bilder entstanden, die das strapazierte Adjektiv "atemberaubend" am besten beschreibt: echte Menschen in echten Flugmanövern über echter Landschaft. Wenn Tom Cruise drauf steht, ist analoge, physische Action drin. Das soll nicht heißen, dass nicht auch in einem Tom-Cruise-Film die Pixeltüftler noch Hand anlegen; auch bei ihm strahlt die tief stehende Sonne noch etwas orangener, auch bei ihm liegt auf den Straßen kein achtlos fallen gelassener Müll herum; wenn Wolken am Himmel sind, dann in dramatischer Formation für den schöneren Hintergrund, nicht, weil es in Kalifornien etwa regnen könnte.

Wenn der Film losgeht, sehen wir Pete Mitchell, Kampfname Maverick, an seiner Maschine schrauben; nein, nicht am Motorrad, das unter einer Staubplane ruht, sondern an seinem Propellerflugzeug aus einem der Kriege des früheren 20. Jahrhunderts. Da läuft noch der Vorspann, der uns gerade Harold Faltermeyer und Hans Zimmer als für den Score Verantwortliche ankündigt plus Lady Gaga, die den Titelsong beisteuert. Es ist alle bereitet für eine große Nostalgie-Show. Immer wieder streift die Kamera über alte Fotos im Spind, auf denen die Gesichter der Figuren von 1986 zu sehen sind, der Score lässt verschiedene Variationen von "Take my Breath away" anklingen, Kenny Loggins hat sein fetziges "Danger Zone" neu eingespielt, das auch heute wieder die Start- und Landeszenen auf dem Flugzeugträger mit all den wild fuchtelnden Signalmännern und -frauen; der Film haftet sehr in der Vergangenheit der glorifizierten 1980er Jahre, in denen Top Gun entstand, der mit seinem 15-Millionen-Dollar-Produktionsbudget gar nicht mal als erfolgversprechende Großproduktion galt. Es war halt ein Film mit dem jungen Tom Cruise mit dem damals tatsächlich so kritisierten „Zahnpastalächeln“, der in ein paar Halbstarken-Filmen am Bildrand gestanden und nach Ridley Scotts Legende beinahe als Kassengift entsorgt worden wäre. Aber dann wurde "Top Gun" eben Top Gun, und die Karriere des jungen Mannes nahm den bekannten Verlauf (Mission: Impossible – Fallout – 2018; Barry Seal: Only in America – 2017; Die Mumie – 2017; Jack Reacher: Kein Weg zurück – 2016; Mission: Impossible – Rogue Nation – 2015; Edge of Tomorrow – 2014; Oblivion – 2013; Jack Reacher – 2012; Knight and Day – 2010; "Operation Walküre" – 2008; Tropic Thunder – 2008; Von Löwen und Lämmern – 2007; Krieg der Welten – 2005; Collateral – 2004; Last Samurai – 2003; Minority Report – 2002; Vanilla Sky – 2001; Magnolia – 1999; Jerry Maguire: Spiel des Lebens – 1996; Mission: Impossible – 1996; "Interview mit einem Vampir" – 1994; Die Firma – 1993; Eine Frage der Ehre – 1992; Tage des Donners – 1990; Geboren am 4. Juli – 1989; Rain Man – 1988; Cocktail – 1988; Die Farbe des Geldes – 1986; Top Gun – 1986; Legende – 1985; Der richtige Dreh – 1983; Die Outsider – 1983; Lockere Geschäfte – 1983; Die Kadetten von Bunker Hill – 1981).

"Top Gun" im Jahr 2022 – eigentlich im Jahr 2020, aber dann kam die Corona-Pandemie und der Film gesellte sich in die Warteschleife für Filme, die auf einen Kinostart vor vollem Haus warten, wo er unter anderem auf James Bond – Keine Zeit zu sterben traf – ist großes Unterhaltungskino. Was wurde dem Originalfilm von 1986 nicht noch alles zur Last gelegt: Er sei ein überlanger Werbefilm für die Navy, hieß es und tatsächlich schossen die Rekrutenzahlen nach diesem Film nach oben wie eine F-14 im Steigflug. Bis heute gilt der Film aus den noch gar nicht so freizügigen 1980er Jahren als versteckte Ode an den homosexuellen Mann – ölig schwitzende, nackte Oberkörper am Strand, ein geschlossener Männerbund, in dem auch eine Meg Ryan nicht als wahrhaftiger Mensch wahrgenommen wurde, junge Männer in strahlend weißen Uniformen, Iceman, der Maverick am Ende erklärt, er könne jederzeit sein Wingman sein. Feuilletonisten erkannten sogar in Charlie, der von der fünf Jahre älteren Kelly McGillis gespielten Vorgesetzten Mavericks, eine verkappte Männerrolle, vor allem, weil sie am Tag nach einem ersten erotischen zueinander Tasten mit Lederjacke und Basecap, unter der sie ihre Wallemähne verstaute, zu ihm in einen Aufzug stieg. Von solchen erotischen Schwingungen will dieser neue Top-Gun-Film so wenig wissen, wie vom politischen Pathos der 80er.

Die Männer kennen ihr Risiko und akzeptieren es“, sagt der General. „Ich nicht!“, sagt Maverick. Hier geht es nicht mehr um Soldaten als politische Schachfiguren, die für Amerika, für die Sache in den Krieg ziehen und dann unter einem dieser anonymen weißen Grabsteine landen. Die selbstlosen Helden von einst sind Realisten gewichen, die für die Gute Sache kämpfen, aber fürs Vaterland sterben? No way! In "Top Gun: Maverick" geht es um Familie. Also um das Große und Ganze. Maverick und Iceman, die alten Heroen, kungeln ein letztes Mal gemeinsam, während Maverick gleichzeitig Rooster einnorden muss, Sohn von Goose, seines Zeichens damals Top-Kumpel von Maverick, der damals leider den Abspann nicht mehr erlebte, was Rooster nun, 34 Jahre später, Maverick sehr zum Vorwurf macht. Das ist ein transzendierter Vater-Sohn-Konflikt, der die Dramaturgie ein wenig zum Schweben bringt, aber nicht ausgearbeitet genug ist für einen echten Konflikt; der wichtigste Satz in diesem Zusammenhang, „Mein Dad hat an Dich geglaubt. Ich mache nicht denselben Fehler“, ist schon zentraler Bestandteil der Filmtrailer und die Auflösung damit vorhersehbar. Auch die Liebesgeschichte ist eher eine von der Sorte Tom Cruise darf halt nicht alleine in den Sonnenuntergang reiten, also gibt es Penny, die Barbesitzerin, gespielt von Jennifer Connelly (Alita: Battle Angel – 2019; Noah – 2014; Der Tag, an dem die Erde still stand – 2008; "Blood Diamond" – 2006; Hulk – 2003; A Beautiful Mind – 2001; Requiem for a Dream – 2000; Dark City – 1998; Rocketeer – 1991; Labyrinth – 1986; Es war einmal in Amerika – 1984), die mit schwarzem Kajal den verruchten Charme der Bartenderin unterstreicht, aber sonst keine größere Rolle spielt. Von Anfang an ist klar: Die isses. Plakatmotiv: Top Gun – Maverick (2022) Und dann kommt da auch nichts mehr; wie überhaupt diesbezüglich im Hollywood-Kino heutzutage selten noch was kommt. Die Zeiten leidenschaftlicher Sex-Szenen oder, wie soll ich mal sagen, erotischer Umklammerungen, sind irgendwann in den 10er Jahren zwischen all den jugendfreien Marvel-Filmen verloren gegangen.

Und der Schurkenstaat, der da Uran anreichert, bleibt ein Namenloser. Selbst hier legt sich das Filmstudio, das den Film möglichst weltweit vermarkten will, nicht fest; naheliegend wäre Iran mit seinem Atomprogramm, das, seit Donald Trump als US-Präsident aus dem internationalen Atomabkommen mit Iran ausscherte, wieder hochgefahren wird. Aber es muss ja nicht sein, da bleibt das Hollywood des 21. Jahrhunderts pragmatisch: Auch Iran ist ein potenzieller Absatzmarkt für Filme dieser Art und also ist die Schlucht, die die zentrale Anflugschneise auf das Ziel darstellt, eine verschneite Bergwelt – die auch in Weißrussland sein kann. Und das Ziel der Mission ist kühl bei dem Fantasy-Unterhaltungsfilme der Neuzeit geklaut: Die Piloten müssen in hohem Tempo durch einen engen, gewundenen Korridor auf das Ziel zufliegen, das sich, nur wenige Quadratmeter groß, hinter einer Bergkuppe verschanzt; auf dem Höhepunkt des Final Countdown fällt das Laserziel-System aus, der Pilot muss, um die Mission nicht gleich scheitern zu lassen, auf seine Intuition vertrauen. Vorher im Film schon hat Maverick den Piloten eingebläut, „Wenn Du da oben nachdenkst, bis Du tot! Denke nicht. Tu es!“ Das ist nahezu eine Eins-zu-Eins-Kopie des großen Finales und der wichtigsten Sentenzen aus Star Wars von George Lucas aus dem Jahr 1977, der für die Generation der heutigen Filmemacher als Monolith des kommerziell konstruierten Unterhaltungskinos gilt.

Das will "Top Gun: Maverick" unter der Regie von Joseph Kosinski (Oblivion – 2013; Tron: Legacy – 2010): unterhalten. Er will keine politische Machtdemonstration des US-Militärs sein, das den Film eng begleitete, unterstützte und gegebenenfalls den Finger hob, wenn das Drehbuch zu fantasievoll wurde. Er will keine Rekruten für die Navy heranziehen. Nicht mit homo- oder heteroerotischen Sequenzen versteckte Botschaften senden und vom eigentlichen Abenteuer ablenken. Ununterbrochen strahlt der Film, der nirgendwo mal in die Tiefe geht, aus, dass er Spaß machen will. Das tut er mit großartigen Bilden und angenehm analoger Action auf sehr hohem Niveau.

Wertung: 7 von 8 €uro
IMDB