IMDB

Plakatmotiv: Der Tag, an dem die Erde stillstand (2008)

Uninspirierte Neuauflage
einer alten Kino-Botschaft

Titel Der Tag, an dem die Erde stillstand
(The Day the Earth Stood Still)
Drehbuch David Scarpa
Neuinterpretation des gleichnamigen Film von Robert Wise (1951) nach einem Drehbuch von Edmund H. North
Regie Scott Derrickson, USA, Kanada 2008
Darsteller

Keanu Reeves, Jennifer Connelly, Kathy Bates, Jaden Smith, John Cleese, Jon Hamm, Kyle Chandler, Robert Knepper, James Hong, John Rothman, Sunita Prasad, Juan Riedinger, Sam Gilroy, Tanya Champoux, Rukiya Bernard u.a.

Genre Science Fiction, Drama
Filmlänge 104 Minuten
Deutschlandstart
11. Dezember 2008
Inhalt

Ein Komet rast auf die Erde zu. Die US-Regierung beruft einen Wissenschaftlerstab ein, um die Krise gegebenenfalls noch rechtzeitig abzuwenden. Doch es scheint zu spät, bis sich herausstellt, dass es sich nicht um einen Kometen handelt, sondern um das Raumschiff des Außerirdischen Klaatu, der die Erde besucht.

Er lässt nicht viel über seine Absichten verlauten. Doch die US-Regierung vermutet eher eine Bedrohung der gesamten Menschheit, als eine friedliche Mission und stellt sich auf eine kriegerische Abwehr ein. Dass Klaatu noch einen riesigen golem-ähnlichen Roboter mitgebracht hat, der ihn beschützt, sorgt auch nicht gerade für Beruhigung.

Klaatu wird erstmal in Gewahrsam genommen und untersucht. Die Biologin Helen Benson sieht aber in Klaatu einen Friedensbotschafter und hilft ihm …

Was zu sagen wäre

Umweltverschmutzung. Kriege. Geplünderte Bodenschätze. Ausbeutung. Neid. Intrigen. Hass. Mord. Totschlag … die Liste menschlicher Verfehlungen ist lang. Und die Behauptung, der Mensch sei die Krone der Schöpfung, nur weil er kreativ denken, Hochhäuser und Panzer bauen kann, wird von ihm selbst immer wieder auf das nachdrücklichste entkräftet. Okay: Dieser Satz ist so wahr wie er eine Binse ist, denn immer, wenn es Spitz auf Knopf stand mit ihrer eigenen Vernichtung, haben die Menschen in letzter Sekunde die Kurve gekriegt. Warum 20th Century Fox jetzt mit der Neuverfilmung eines Sci-Fi-Klassikers aus dem Jahr 1951 kommt, ist also gerade jetzt nachvollziehbar wie grundlos. Laufen Rechte aus? Braucht das Studio einen großen SFX-Film fürs Weihnachtsgeschäft?

Robert Wise's The Day the Earth stood still brachte im aufkeimenden Kalten Krieg der nuklear noch verschreckten Menschheit eine Botschaft: Klaatu, der Außerirdische, mahnte damals, die Menschen sollten aufhören, Atombomben zu bauen, die nukleare Energie besser friedlich nutzen. Jegliche weitere Aggression würde zu ihrer sofortigen Auslöschung durch die Außerirdischen zur Folge haben. Dass man Nuklearenergie überhaupt friedlich verwerten kann, war der Wissenschaft damals noch nicht bekannt. Klaatus Rasse habe eine Armada von mächtigen Robotern geschaffen, die die Menschheit ständig überwacht und den endgültigen Befehl hat, jeden Aggressor zu vernichten. So würden Kriege verhindert, sagt Klaatu; eine eindeutige Metapher auf den Rüstungswettlauf. Das war 1951.

Im Jahr 2008 ist Klaatu wieder da. Man kann nicht behaupten, dass die Erde ein besserer Ort, die Menschheit eine friedvollere Rasse sei als damals. Aber atomare Vernichtung oder Eroberung des Alls stehen gerade nicht auf der Tagesordnung. Das neue Drehbuch, das auf dem von 1951 basiert, in großen Teilen aber von der damaligen Dramaturgie abweicht und mit der ursprünglich zugrunde liegenden Kurzgeschichte bis auf ein paar Namen eigentlich gar nichts gemein hat (s.u.) sieht denn auch nicht mehr das nukleare Potenzial als Gefahr.

Die schwammig als "Außerirdische" umschriebenen Fremden im Jahr 2008 sind eine Gruppe von Völkern auf unterschiedlichen Planeten im Universum, die die Menschen nicht warnen wollen. Sie wollen sie auslöschen. Sie haben erkannt, dass die Menschheit nicht die Krone der Schöpfung ist, sondern eine Spezies, die den Planeten, auf dem sie lebt, zerstört – und damit das Leben im Universum verändern würde: „Wir können nicht zugunsten einer einzigen Spezies das Überleben dieses Planeten riskieren.“ „Was soll das heißen?“ „Wenn die Erde stirbt, sterben Sie. Wenn Sie sterben, wir die Erde überleben. Es gibt nur eine Handvoll Planeten im Kosmos, auf denen komplexes Leben existieren kann. Dieser Planet darf nicht untergehen.Plakatmotiv: Der Tag, an dem die Erde stillstand (2008) Eine durchaus interessante Botschaft, die ein 80 Millionen Dollar teurer Studiofilm heutzutage aber mit ordentlich Wumms auffüllen muss, um auch genug Popcorn-Volk dafür zu begeistern. Robert Wise ließ den Wumms 1951 liegen, konzentrierte sich auf seine Botschaft und jene, die sie betrifft: die Menschen überall auf der Welt.

Scott Derrickson inszeniert ein effektvolles, visuell interessantes Abenteuer. Der Film ist um zeitgemäße Diversität bemüht – die USA haben eine Frau an der Spitze ihres Verteidigungsministeriums, die weibliche Hauptfigur ist von der freundlichen 1951er Hausfrau zur Astrobiologin mutiert, die einen afroamerikanischen Stiefsohn hat – aber ertrinkt in Klischees: Die US-Politik will das Alien für sich ausweiden, das Militär ist ein plumper Haufen von schießwütigen Hau-Drauf-und-Schluss-Typen. Die Menschen auf diesem Erdball, die für die Außerirdischen eine so wichtige Rolle spielen, spielen in diesem Film überhaupt keine Rolle. Neben der Witwe mit ihrem Stiefsohn, der, seiner Pubertät gehorchend, ordentlich aufmüpfig ist, gibt es nur aggressive, verschlagene Interessenvertreter. Wise brauchte nur wenige Einstellungen, um die Menschen in aller Welt in seinen Film einzubeziehen. Da begann der Film während des Titelvorspanns aus der Sicht eines Etwas, das von weit her die Erde erreicht und rund um den Erdball Nachrichten und Neugier auslöst. Er zeigte er Chinesen, Briten, Kenianer, Russen, Franzosen, Hawaiianer, Brasilianer und und und, die die Ankunft des Fremden bang verfolgen, und er begleitete Klaatu in eine Pension, in der ein Zimmer mietete; damit waren genug normale Menschen in den Film involviert, mit denen man im Kinosessel mitfiebern konnte. In der Neufassung von 2008 spielen andere Nationen und einzelne Menschen keine Rolle mehr und der Außerirdische kommt von außen – nicht: Ich komme mit dem Außerirdischen, was im Kinosessel eine andere Haltung vermitteln würde.

Hier bleibt die Astrobiologin Helen Benson lange Zeit die einzige Figur, die nach- und mitdenkt; bis auch die Verteidigungsministerin – die zweite Frau im Film – ins Grübeln kommt. Die irdischen Männer sind, bis auf einen, in der Krise nicht zu gebrauchen. Diese eine Ausnahme spielt John Cleese (3 Engel für Charlie – Volle Power – 2003; Harry Potter und der Stein der Weisen – 2001; James Bond 007 – Die Welt ist nicht genug – 1999; Wilde Kreaturen – 1997; Mary Shelleys Frankenstein – 1994; Ein Fisch namens Wanda – 1988) In einer feinen kleinen Nebenrolle als freundlicher Nobelpreisträger Dr. Barnhardt spricht er den klügsten Satz im ganzen Film. Als ihm klar wird, wer oder was da als Klaatu vor ihm steht, sagt er knapp „Ich habe unendlich viele Fragen an Sie“.

Ein bezaubernder Moment, nachdem über eine Stunde lang alle Welt versucht, den Außerirdischen für eigene, fragwürdige Zwecke zu missbrauchen. Als Klaatu zu Beginn einmal erklärt, er wolle vor der UNO und den Führern der Welt sprechen, sagt die US-Verteidigungsministerin nicht etwa, das sei ja auch nachvollziehbar, schließlich komme er von weit her und sicher sei die Welt interessiert und so weiter. Nein, sie sagt, das sei „bedauerlicherweise nicht möglich“ und stellt mit schnarrendem Ton fest, „Seine DNA ist Eigentum der US-Regierung. Schon ihre Existenz ist streng geheim.

Die schon 1951 als verfilmtes Thesenpapier umschriebene Filmhandlung wird hier ganz auf These reduziert, ohne jedes menschliche Beiwerk. Das umweltfreundliche Ideal, das der Film hochhält, hat in der Filmhandlung niemanden, die/der es vertritt – es heißt nur Die Menschheit zerstört den Planeten und dass das so ist, wissen wir ja aus den täglichen Nachrichten, deswegen spart sich der Film eine Szene, die das unterstreichen könnte, der Zauber der Natur wird nicht gezeigt. Der Nutzen des einzigartigen Planeten Erde für den Kosmos bleibt eine Behauptung, die Bilder des Films werden beherrscht von kalter Architektur, Neonreklame, strömendem Regen und breitbeiniger Aufrüstung. Auch die Aliens bleiben abstrakt. Keanu Reeves spielt den Abgesandten einer fremden Macht mit der ihm eigenen stoischen Ruhe (Das Haus am See – 2006; Hardball – 2001; Sweet November – 2001; The Gift – 2000; The Watcher – 2000; Matrix – 1999; Im Auftrag des Teufels – 1997; Dem Himmel so nah – 1995; Vernetzt – Johnny Mnemonic – 1995; Speed – 1994; Bram Stokers Dracula – 1992) – als Alien-Akademiker mit interessiertem, aber empathilosen Blick auf die Gattung Mensch. Nichts, was mich mitfiebern lässt. Bis auf Helen Benson.

Jennifer Connelly gibt dem Zuschauer Grund, um die Menschheit zu bangen ("Blood Diamond" – 2006; Hulk – 2003; A Beautiful Mind – 2001; Requiem for a Dream – 2000; Dark City – 1998; Rocketeer – 1991; Labyrinth – 1986; Es war einmal in Amerika – 1984). Ihre Astrobiologin Helen ist aus irgendeinem Grund vernünftiger, abgeklärter – neugieriger? – als die gesamte Führungselite der Vereinigten Staaten. Ihre Funktion gibt dem Film den menschlichen Anker, den er so dringend braucht. Aber bald tut uns die Witwe dann auch eher leid, dass sie in einer Welt wie der im Film gezeigten, mit ihrem Jungen leben soll. Wäre da der effektvoll in Szene gesetzte Mördersturm durch die Naniten nicht doch die bessere Lösung?

1951 litt The Day the Earth Stood Still unter der Last seiner Friedensbotschaft. Aber 1951 war eine andere Zeit, der Schrecken der Bomben von Hiroshima und Nagasaki war nach sieben Jahren noch frisch, die Wissenschaft machte rasch große Fortschritte und Kino war in einem anderen Stadium seiner Entwicklung: Science Fiction im Kino waren Plastikraumschiffe, die an Schnüren vor schwarzer Wand schwebten, Männer in Gumminanzügen markierten Monster und Pappmachéwürfel fremde Planeten. Da waren Klaatu mit seiner bedrohlichen Botschaft und sein großer, friedlicher Roboter aus dem Weltall noch ein Hingucker. Im Jahr 2008 gehören hingegen Filme mit gewaltigen Bildern wie etwa Star Wars, Terminator oder Independence Day schon zur Filmgeschichte. Gegen diese Kaliber wirkt Derricksons Film wie ein naiver Umweltfreund, der die Welt mit beeindruckenden Pappplakaten retten will. 2008 erwarte ich vom Kino mehr als das. Aber, wie sagt Klaatu im Finale: „Kurz vor dem Abgrund entwickeln wir uns weiter.

Wertung: 2 von 7 €uro
IMDB