Sprengstoffexperte Pat Calhoun und seine Freundin Perfidia sind Teil der revolutionären Widerstandsgruppe "French 75", die mit gewaltsamen Aktionen gegen das kapitalistische System vorgeht. Ins Visier nimmt die Truppe auch ein Gefängnis, in dem Migranten interniert sind. Die Rebellen überrumpeln die von Colonel Steven J. Lockjaw angeführten Bewacher und können zahlreiche der Inhaftierten befreien.
Von diesem Tag an heftet sich Lockjaw wie ein Besessener an die Fersen der Partisanen – auch, weil er die ständig unter Strom stehende, mit ihm sexuelle Spiele treibende Perfidia begehrt. Irgendwann geht bei einem Banküberfall der Aktivisten etwas mächtig schief und nur wenig später findet sich Perfidia nach der Preisgabe von Informationen im Zeugenschutzprogramm wieder.
Ihr Lebensgefährte Pat ergreift derweil mit dem eben neu geborenen Baby die Flucht in die Kleinstadt Baktan Cross, wo er untertaucht.
16 Jahre später ist Bob getrieben von Paranoia, denn er fürchtet, dass es Colonel Lockjaw immer noch auf ihn abgesehen hat …
Die Welt, die dieser Film zeigt, stammt aus einem Paralleluniversum. Es ist die Erde, es ist Amerika, aber leicht verschoben. In gewisser Weise hat es Paul Thomas Anderson geschafft, mit seinem Film vor die Welle der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung zu kommen. Das ist, bedenkt man den langen Vorlauf, den Filmproduktionen heute haben – Idee, Drehbuch, Besetzung, Geld auftreiben, Studio überzeugen, drehen – bemerkenswert.
"One Battle after another" spielt in einer möglichen nahen Zukunft. Wir erleben ein Amerika, das hauptsächlich aus Paramilitärs, Internierungslagern für Flüchtlinge, Polizisten und linken Untergrundaktivisten besteht. Etwas, das wir im Kinosessel als normales, durchschnittliches Leben zwischen Familie, Beruf und abendlichem Bier bezeichnen würden, sehen wir nicht. Anderson hat sich von dem Roman "Vineland" inspirieren lassen, den Thomas Pynchon in der Reagan-Ära in den 1980er Jahren ansiedelt. Damals erlebte das gesellschaftliche Amerika einen konservativen Backlash. Das Amerika in diesem Film sieht aus, wie das Ergebnis von einigen Jahre unter der Herrschaft des aktuellen US-Präsidenten. Die Fäden im Hintergrund zieht eine Gruppe reicher weißer Männer, die sich "Christmas Adventurers Club" nennen.
Im weitesten Sinne ist dieser bizarre Roadtrip durch ein sonnendurchflutetes, aber fiktives Kalifornien abseits der großen Metropolen ein Film über eine Familie, die sich sucht. Er beginnt mit einem leidenschaftlichen Liebespaar und einem neu geborenen Kind im Umfeld einer bombenden Aktivistengruppe, der wir nach 16 Jahren in geänderter Zusammensetzung wiederbegegnen. Im engeren Sinne ist der knapp dreistündige Film eine ununterbrochene Verfolgungsjagd, die klug ihr Tempo drosselt. Die Tochter wird nämlich von Soldaten entführt.
Den Protagonisten, Pat Calhoun – auch bekannt als Ghetto Pat oder Rocketman – lernen wir bei verschiedenen Anschlägen auf Regierungsgebäude und Einrichtungen, die Flüchtlinge wegsperrt, kennen, immer so ausgeführt, dass nach Möglichkeit keine Menschen zu Schaden kommen; ein Anarchist, aber kein blutgieriger. Leonardo DiCaprio spielt ihn die meiste Zeit im Bademantel. Er habe sich stark von Jeff Bridges’ Darstellung des Dude in The Big Lebowski inspirieren lassen, sagt er, was insofern nicht komplett bescheuert klingt, weil der ganze Film aussieht, als handele es sich um die Neuverfilmung eines vergessenen Frühwerks der Coen-Brüder. DiCaprio spielt angenehm ungestelzt ohne die Ich-bin-bedeutendes-OSCAR-Material-Verbissenheit früherer Auftritte einen in Sachen Sprengstoff gut ausgebildeten Mister Durchschnitt (Killers of the Flower Moon – 2023; Don't look Up – 2021; Once upon a Time in Hollywood – 2019; The Revenant – Der Rückkehrer – 2015; The Wolf of Wall Street – 2013; Der große Gatsby – 2013; Django Unchained – 2012; J.Edgar – 2011; Inception – 2010; Shutter Island – 2010; "Zeiten des Aufruhrs" – 2008; Der Mann, der niemals lebte – 2008; Blood Diamond – 2006; Departed – Unter Feinden – 2006; Aviator – 2004; Catch Me If You Can – 2002; Gangs of New York – 2002; The Beach – 2000; Celebrity – Schön, reich, berühmt – 1998; Titanic – 1997; William Shakespeares Romeo & Julia – 1996; Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa – 1993). Wir erleben seine leidenschaftliche Affäre mit der afroamerikanischen Aktivistin Perfidia Beverly Hills, die die Aufmerksamkeit eines ranghohen Offiziers und White Supremacist auf sich zieht, der sie in eine Affäre zwingt. Nachdem sie Mutter geworden ist, wird ihr das Familienleben abseits ihrer Aktivistengruppe zu spießig.
Sie haut ab. 16 Jahre später ist die Mutter zu einer zwielichtigen Erzählung aus anderen Zeiten geronnen, aus dem allein erziehenden Vater ein kiffender und trinkender Durchhänger, während die Teenager-Tochter ihren Weg sucht, von ihrer unbekannten Mutter träumt und mit ihrem Vater pubertätsgerecht gerade wenig anfangen kann.
Es dauert eine bisweilen sich ziehende Stunde, bis der Film an dieser Stelle endlich zu sich findet. Die Figuren sind keine Menschen aus Fleisch und Blut; sie sind nur prominent besetzte Drehbuchkonstrukte, die erst ein MacGuffin ab der zweiten Stunde in Bewegung setzt. In der ersten Stunde sind diese Charaktere ohne echtes Leben bald egal, weil sie ohne Zwischentöne erzählt werden – für diesen Informationsgehalt hätte eine halbe Stunde auch für künstlerische ambitionierte Regisseure ausgereicht. Der Zeitsprung 16 Jahre in die Zukunft sprengt endlich erzählerischen Fesseln. Jetzt geraten die Figurschablonen in Bewegung und lassen dem Zuschauer wenig Raum zum Nachdenken über ein etwaiges Leben abseits der Verfolgung. Colonel Lockjaw, der White Supremacist, entführt die farbige Tochter des bekifften Bombenbauers. Der macht sich im Bademantel auf die beschwerliche Suche und bekommt Unterstützung von gut organisierten Untergrundkämpfern, während der gefährlich zackige Offizier unterwegs seine liebe Mühe mit dem bissigen Mädchen hat. Sean Penn gibt diesem zerfurchten Rassisten mit grotesk aufgeblähten Oberarmen eine bedrohliche, unheimliche Aura (Licorice Pizza – 2021; The Gunman – 2015; Das erstaunliche Leben des Walter Mitty – 2013; Gangster Squad – 2013; "Milk" – 2008; Inside Hollywood – 2008; Das Spiel der Macht – 2006; Die Dolmetscherin – 2005; 21 Gramm – 2003; Mystic River – 2003; Sweet and Lowdown – 1999; Being John Malkovich – 1999; Der schmale Grat – 1998; The Game – 1997; U-Turn – Kein Weg zurück – 1997; Dead Man Walking – 1995; Carlito's Way – 1993; Im Vorhof der Hölle – 1990; Die Verdammten des Krieges – 1989; "Der Falke und der Schneemann" – 1985; Ich glaub' ich steh' im Wald – 1982; Die Kadetten von Bunker Hill – 1981).
Eineinhalb Stunden übt sich Paul Thomas Anderson fortan in der für ihn noch unbekannten Kunst einer dynamischen Zwangsläufigkeit (Licorice Pizza – 2021; "Der seidene Faden" – 2017; Inherent Vice – Natürliche Mängel – 2014; "The Master" – 2012; "There Will Be Blood" – 2007; "Punch-Drunk Love" – 2002; Magnolia – 1999; Boogie Nights – 1997). Da steht der verzweifelte und im Drogensumpf vernebelte Vater neben sich, wird von Freunden auf Trab gehalten, von den Militärs wieder eingekreist, während zahlreiche illegale Migranten durch Geheimgänge geschleust werden, ein Entführer einen DNA-Test aufbaut und ein Kopfgeldjäger seinen ethischen Grundsätzen folgt. Das Karussell kreist immer wilder.
Jetzt ist Andersons Film auf Betriebstemperatur und findet seinen Höhepunkt in einer Jagd dreier röhrender Muscle Cars auf einem welligen Highway durch die kalifornische Wüste. Unter strahlendem Sonnenschein entfaltet der Film auf der großen Leinwand eine Kinetik, wie es sie im zeitgenössischen Kino lange nicht gegeben hat.
"One Battle after another" ist visuell ein aufregender Trip, der erzählerisch eine Stunde hinterher hinkt.
