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Plakatmotiv: Carlito's Way (1993)

Vorhersehbares Gangster-Epos,
aber große Männer-Romantik

Titel Carlito's Way
(Carlito's Way)
Drehbuch David Koepp
nach den Novellen "Carlito's Way" und "Walter Hours" von Edwin Torres
Regie Brian De Palma, USA 1993
Darsteller

Al Pacino, Sean Penn, Penelope Ann Miller, John Leguizamo, Ingrid Rogers, Luis Guzmán, James Rebhorn, Joseph Siravo, Viggo Mortensen, Richard Foronjy, Jorge Porcel, Frank Minucci, Adrian Pasdar, John Ortiz, Ángel Salazar u.a.

Genre Crime, Drama
Filmlänge 144 Minuten
Deutschlandstart
24. Februar 1994
Inhalt

Carlito Brigante, ehemaliger puerto-ricanischer Mafioso, sitzt eine 30-jährige Haftstrafe ab. Nach fünf Jahren haut ihn sein Anwalt David Kleinfeld raus; er konnte Verfahrensfehler nachweisen. Mit Kleinfeld verbindet Carlito eine enge Freundschaft. Durch die vermittelten Kontakte zur organisierten Kriminalität konnte Kleinfeld sein Geschäft während Carlitos Haft ausbauen.

Carlito will nun aus dem kriminellen Geschäft aussteigen und ein neues Leben beginnen. Ihm fehlt allerdings das nötige Geld.Sein Ziel: Er will nach Paradise Island, Bahamas auswandern, zu einem alten Freund, und sich dort mit 75.000 Dollar in dessen dortige Autovermietung einkaufen. Kurz nach seiner Entlassung fährt er mit seinem jungen Cousin, der als Laufbursche für einen örtlichen Gangster arbeitet, unbeabsichtigt zu einem Drogengeschäft. Carlito hat dort aufgrund seiner Instinkte von Anfang an ein sehr ungutes Gefühl und behält recht: Sein Cousin wird von den Geschäftspartnern seines Bosses ermordet, und Carlito muss die Gangster in Notwehr erschießen. Er nimmt die 30.000 Dollar, die sein toter Cousin den Drogenhändlern überbrachte, an sich und kauft sich in einem Nachtclub ein, um dort das nötige Geld zu verdienen.

Carlitos Anwalt Kleinfeld wird mittlerweile von dem auf einem Gefängnisschiff inhaftierten Mafiaboss Taglialucci erpresst. Er soll dessen Flucht organisieren, anderenfalls würde er ermordet. Taglialucci hat Kleinfeld in der Hand, da dieser eine Million Dollar Mafiageld für sich behalten hat, anstatt es zur Bestechung von Richtern und Geschworenen zu verwenden. Die Staatsanwaltschaft versucht mittlerweile, Carlito mit einem Agent provocateur zu einem Rauschgiftdeal anzustiften. Er enttarnt den Verräter, lässt ihn aber am Leben.

In dem von Carlito geleiteten Nachtclub kommt es zu einem Streit mit dem Junggangster Benny Blanco, der Anspruch auf die Gesellschaft einer bestimmten Kellnerin erhebt, die allerdings gerade mit Kleinfeld Sex auf der Herrentoilette hat. Carlito lässt ihn hinauswerfen, aber von seinem Freund Pachanga nicht töten, da er seine kriminelle Vergangenheit hinter sich lassen will, obwohl Benny ihm klarmacht, dass er ihn bei Gelegenheit als Rache für den Rauswurf umbringen wird.

Carlito kommt seiner Ex-Freundin Gail wieder näher und kann sie überzeugen, mit ihm zusammen auf die Bahamas auszuwandern. Allerdings kommt es zwischen den beiden zum Streit, da Kleinfeld Carlito gebeten hat, ihn bei der Flucht des Mafiabosses von dem Gefängnisschiff auf Kleinfelds Boot zu begleiten und den Mafiaboss aus dem Wasser zu fischen. Kleinfeld selbst ist durch seine Kokainabhängigkeit immer unzuverlässiger und unkontrollierbarer geworden. Bei der Befreiungsaktion ist auch der Sohn des Bosses Frankie Taglialucci anwesend. Gail bittet Carlito inständig, sich nicht an Kleinfelds Unternehmungen zu beteiligen, doch dieser fühlt sich Kleinfeld gegenüber verpflichtet. Gail prophezeit Carlito, dass sie eines Tages um drei Uhr morgens in der Notaufnahme neben ihm stehen werde, weil ihn Gangster niedergeschossen haben …

Was zu sagen wäre

Versuchst Du noch, Deinen Träume zu verwirklichen?“ … fragt Carlito seine alte Liebe Gail. Diese Frage wird zum Leitmotiv des Films, mit dem sich Brian DePalma als letzter großer Romantiker des Kinos outet. Die Zeit der Träume, die Zeit der Zuerst-Schießenden ist in DePalmas Welt vorbei. Anwälte haben das Heft des Handelns in der Hand, die moderne Finanzwelt regiert. Sheriffs und Revolvermänner des Wilden Westen sind abgelöst durch Anwälte und Investmentberater. Das Großkapital personifizierte einst der Viehbaron, heute die Banken.

DePalma hat sich für seine düstere Männerromantik die Halbwelt ausgesucht, das Terrain für Nachtclubs, Organisiertem Verbrechen, Dealern, Zuhältern und Nutten. Hier regieren Männer, sind Frauen für das romantische Gedöns zuständig und entsprechend spielt Penelope Ann Miller ihre von Edelfeder David Koepp angelegte Rolle. Es ist immer schwierig, wenn Männer Frauenrollen schreiben und die dann wahlweise nackt sind, lieblich schauen und ein sorgenvolles Gesicht machen müssen. Penelope Ann Miller kann mehr, als sie hier zeigt, aber sie macht dann eben auch das beste aus dieser von einem Mann geschriebenen Frauenrolle. Das Problem legt sich dann über den ganzen Film: Männer in von Männern geschriebenen Drehbüchern sind halt Kerle, Killer oder Kojoten. Man weiß, wie es endet, das Kino hat seinen 90. Geburtstag schon länger hinter sich.

So richtig fetzen tut das Drama zu keinem Zeitpunkt. Es folgt ausgetretenen Gang-Pfaden: „Wenn Du alt genug bist, findest Du bei jedem einen Grund, warum er Dich umbringen könnte. Du glaubst keinem. Aber Du willst allen glauben. Auch wenn Du weißt, dass einer lügen muss. Wenn Du den Überblick verlierst, dann steckst Du in der Klemme.“ sinniert Carlito … Ja: Das ist das Problem im Spannungsaufbau solcher Filme. Man weiß es eigentlich schon und wartet nur auf die Bestätigung.

Es bleiben DePalmas leidenschaftliche Inszenierungslust sowie Al Pacino (Der Duft der Frauen – 1992; „Glengarry Glen Ross“ – 1992; Frankie und Johnny – 1991; Dick Tracy – 1990; Sea of Love – 1989; Scarface – 1983; „Cruising“ – 1980; Hundstage – 1975; Der Pate – 1972) und Sean Penn, die sich als Großschauspieler alles abverlangen. Das macht Spaß, den beiden zuzuschauen, wie sie aus ihren Figuren rausholen, was rauszuholen ist. Pacino gibt den Harten, der weich werden möchte, Penn ("Im Vorhof der Hölle" – 1990; Die Verdammten des Krieges – 1989; "Colors – Farben der Gewalt" – 1988; "Der Falke und der Schneemann" – 1985; Ich glaub' ich steh' im Wald – 1982; "Die Kadetten von Bunker Hill" – 1981) den Akademiker, der sich unter schießwütigen Gangstern etablieren will. Auch dieser Spaß wäre wohl zu wenig, wenn da nicht immer noch Brian DePalma gerne mal seine Lehren aus der Suspense Alfred Hitchcocks (seines Vorbildes) ausbreiten würde. Timing und bildtechnisches Handwerk retten kein männliches Drehbuch vor Chauvinismus. Aber es veredelt Situationen. Es ist wieder die Central Station, in der DePalma seiner Kreativität freien lauf lässt. In The Untouchables (1987) zitierte er noch Sergej Eisenstein mit Matrosen und Kinderwagen. Jetzt baut er nach eigenem Gusto Bild auf Bild inklusive der – in seinen Film immer vorkommenden – Plansequenz (2:10 Minuten lang).

In den letzten 15 Minuten beweist DePalma all sein Können – Spannungsaufbau, Tempo anziehen, Thriller und Auflösung … rein filmtechnisch ist das perfekt! Dass die Geschichte zu diesem Zeitpunkt schon als ein wenig angestaubt entlarvt ist, spielt da keine Rolle mehr. Jetzt ist DePalma ganz bei sich und seinem Genre.

Jetzt ist er ganz der Romantiker des Kinos. In seinen letzten lebenden Sekunden schaut Carlito auf eine Leuchtreklame für die Bahamas, deren Bild sich zu bewegen beginnt. Plötzlich ist es Gail, die als Schatten vor einer Bar am Strand im roten Sonnenuntergang tanzt und erfüllt, was der sterbende Carlito ihr gewünscht hat: „Jetzt kommt der Schüttelfrost. Die letzte Runde, bevor die Bar schließt. Die Sonne geht auf. Wo wollen wir frühstücken? Ich möchte nicht so weit gehen. Es war eine harte Nacht. Ich bin müde, Baby. Müüüde …“ Schöner ist das Sterben des Gangsters und das Leben danach (das ja bekanntlich weiter geht) im Kino selten gezeigt worden.

Wertung: 6 von10 D-Mark
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