Frankreich, 1960: In Trentemoult, einem kleinen Hafenort bei Nantes, lebt Hausfrau Liliane während der 1960er Jahre glücklich mit vier Kindern, ihrem Vater Lucien und ihrem Ehemann Jean, der als Klempner sein Geld verdient. Dessen Badinstallationen sind bei der aufstrebenden Mittelklasse sehr gefragt. Seine Freizeit verbringt er am liebsten damit, zusammen mit seinem Schwiegervater für den alljährlichen Karnevalsumzug einen Wagen zu bauen, während Liliane die Rolle der Hausfrau genügt.
Die Familienidylle wird jäh getrübt, als nach zwanzig Jahren Jeans Jugendfreund Yvon aus Guadeloupe mit seiner schwarzen Frau Annabelle und drei Kindern in die Provinzstadt zurückkehrt. Yvon hatte mit Jean einst um die Gunst der schönen Liliane gekämpft. Doch nachdem er sie für sich erobert hatte, ließ er sie ohne Erklärung sitzen und verließ Frankreich. Daraufhin entschied sich Liliane, die man bei einem Schönheitswettbewerb zur "Weißen Königin" gekürt hatte, für Jean.
Yvons Ankunft befeuert die alte Rivalität der beiden Männern – viel Stoff für Konflikte in den jeweiligen Familien.
Und dann ist da noch der Karneval mit der Wahl zur Schönheitskönigin, die Lili einst gewann und an der nun Yvons jugendliche Tochter teilnimmt …
Beziehungen sind niemals abgeschlossen. Liebesbeziehungen schon gar nicht. In diesem Film, der in einem anderen Jahrhundert zu spielen scheint, obwohl es nur 1960 ist, treffen alte Lieben, Frustrationen, Lebenslügen, unausgesprochene Vorwürfe und in die Irre laufende elterliche Fürsorge aufeinander. Und schaffen es, gewachsene Familienverhältnisse zu sprengen.
Und trotzdem hat der Zuschauer die ganze Zeit das Gefühl, dass sich am Ende schon eine allen gerecht werdende Lösung finden wird. Weil der Film wirkt, wie ein ausgedehnter Urlaub an der Atlantikküste.
Im Mittelpunkt steht die Ehe von Liliane und Jean. Vier Kinder haben sie bekommen, eine Tochter, zwei Söhne und vor Kurzem noch eine Tochter. Nein, da prickelt es nicht mehr zu jeder Sekunde, das Paar hat sich eingelebt, die Ehe könnte man als etwas lang geworden bezeichnen. So spielt das Leben, die anfängliche verliebte Verrücktheit hat sich im Alltag zwischen Badezimmerbedarf und Kindergeschrei abgeschliffen. Im Kino ist das der Moment, in dem man seine Entscheidungen von einst, als die Ehe eingefädelt wurde, revidieren kann. Auftritt Yvon, Jeans damaliger Nebenbuhler, der in die Heimat zurückkehrt und farbige Ehefrau und drei Kinder mitbringt. In der kleinstädtischen Gemeinschaft der 60er Jahre fallen die farbigen Familienmitglieder nicht weiter auf, vielleicht, weil schon der – weiße – Yvon jene Vorurteile unterstreicht, die unterschwellig kursieren?
Er hat kein Geld, keinen Job und verkauft mit seiner Familie Erdnüsse und Kirmesnippes auf der Straße und füllt damit den Platz, den die Gesellschaft seiner Familie zuweist. Der Rassismus spielt im Film eine untergeordnete Rolle, wird ausdekliniert vor allem im Verhältnis zwischen Jeans und Yvons Familien.
Aber vor allem öffnet sich für Liliane und Jean ein Tor in die Vergangenheit: Hat Liliane damals mit Jean die richtige Wahl getroffen? Catherine Deneuve spielt die Ambivalenz ihrer Figur voll aus (Agent Trouble: Mord aus Versehen – 1987; Begierde – 1983; "Wahl der Waffen" – 1981; Die letzte Metro – 1980; Die schönen Wilden – 1975; Der Chef – 1972; Das Geheimnis der falschen Braut – 1969; Mayerling – 1968; Belle de Jour – 1967; Ekel – 1965), spielt die Unnahbare und die Leidenschaftliche sowie die in beiden Fällen Vernünftige, die sich in ihr Schicksal gefügt hat und von diesem dann herausgefordert wird. Ihre Liliane gibt offen zu, neben Jean einzuschlafen und an Yvon gedacht zu haben, genauso, wie sie neben Yvon eingeschlafen wäre und an Jean gedacht hätte. Sie war jung und hatte keine Erfahrung.
Richard Bohringer (Agent Trouble: Mord aus Versehen – 1987; Subway – 1985; Diva – 1981; La Boum – Die Fete – 1980; Die letzte Metro – 1980; Ein irrer Typ – 1977) spielt seinen Jean als einen Mann, der sein Glück, mit dieser wunderschönen Prinzessin verheiratet zu sein, nie hat fassen können. Jean ist der laufende Minderwertigkeitskomplex, der sich lieber in sein Geschäft vertieft und in der Freizeit Karnevalswagen baut, als seiner geliebten Frau in die Augen zu sehen. Um die ehe dieser beiden zu beschreiben, reicht Autorenfilmer Jean-Loup Hubert die Nachricht, dass Yvon wieder aufgetaucht ist. Er ist noch nicht zu sehen, auch nicht zu hören, da brechen bei den Eheleuten schon alte Wunden und Ängste auf.
Yvon, der vermeintliche Weltenbummler und Abenteurer, hegt keine Hintergedanken, er ist glücklich mit seiner Familie in der von der Tante geerbten Villa und Bernard Giraudeau (Der Mann mit Geheimnis – 1987; "Die Spezialisten" – 1985; "Der Rammbock" – 1983; La Boum – Die Fete – 1980; "Bilitis" – 1977) verleiht ihm das Flair des Lebenskünstlers, der nur eine alte Schuld begleichen möchte.
Interessanter, weil den Film menschlich wärmer machend sind – neben der urlaubsreifen Umgebung – die Kinder. Die Töchter von Jean und Yvon, die blonde, sehr weiße Annie und die dunkelhäutige Mireille bilden schnell ein tragfähiges Fundament durch die dramatischen Momente der Geschichte, weil sie sich unverstellt mögen und, wie alle junge Menschen., neugierig aufeinander sind. Die Freundschaft der beiden hilft über Schwächen im Drehbuch hinweg, in denen Jean-Loup Hubert seine Hauptfiguren aus dem Fokus verliert.
"La reine blanche" behandelt ein paar schwergewichtige Themen. Das deutet der Titel zu einem Film, in dem eine farbige Familie in den Mittelpunkt rückt, schon an. Aber er wird nie schwerblütig. Daran hat auch Jean Carmet seinen Anteil (Die Flüchtigen – 1986; "Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe" – 1981; Der große Blonde kehrt zurück – 1974; Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh – 1972; Vor Einbruch der Nacht – 1971; Der Riss – 1970; Alexandre, der glückselige Träumer – 1968). Der ist als Großvater Lucien nicht einfach der kauzige Alte, als der er eingangs gezeigt wird. Carmet gibt diesem Mann Würde und Daseinsberechtigung. Lucien nimmt uns an die Hand und versichert uns jederzeit, dass das Leben weiter geht. Egal, welche Vergangenheit uns beutelt.
Das ist das Schöne an diesem Film aus einer Region, in der wir dringend mal Urlaub machen müssten.
