Der Pariser Werbefachmann Charles Masson hat Erfolg in seinem Beruf. Er führt eine tadellose Ehe mit der eleganten Hélène und hat zwei wohlgeratene Kinder. Heimlich unterhält Charles aber eine Affäre mit der masochistisch veranlagten Laura. Sie ist die Ehefrau des befreundeten Innenarchitekten François Tellier und gleichzeitig Freundin von Hélène.
Charles und Laura geben sich leidenschaftlich SM-Spielen hin, die Charles jedoch insgeheim anekeln. Bei einem neuerlichen Treffen erdrosselt Charles Laura, die ihn genötigt hatte, sie zu würgen, während des Liebesakts. Wie betäubt lässt er den Leichnam in der extra für die Seitensprünge genutzten Wohnung zurück.
Apathisch und zerstreut findet er sich in einer Bar wieder, wo er auf eben François trifft, bester Freund. Und Ehemann der eben erwürgten Laura. Da die beiden zudem Nachbarn sind, fährt François Charles nichtsahnend nach Hause, wo Frau und Kinder auf ihn warten. Der Fall wird von der Polizei aufgenommen, jedoch führen keine Spuren zu Charles. Der Skandal bleibt somit aus.
Doch Charles ist weiterhin auf der Suche nach Bestrafung. Sogar als er sein Geheimnis, das wie eine schwere Bürde auf ihm lastet, seiner Frau Hélène anvertraut, bringt diese ihm vollkommen unerwartet Verständnis entgegen. Schließlich erzählt er auch seinem Freund François, dass er der Mörder seiner Frau ist. Aber dieser nimmt das bloß zur Kenntnis und redet ihm aus, sich zu stellen; vielmehr will er die Freundschaft zwischen den beiden retten …
Die Welt, aus der Claude Chabrol Geschichten erzählt, ist eine fremde Welt (Der Riss – 1970; Der Schlachter – 1970; Das Biest muss sterben – 1969; Die untreue Frau – 1969; Zwei Freundinnen – 1968; "Der Frauenmörder von Paris" – 1963). Egal, wie emotional durchgerüttelt sie sind, sie bleiben immer ruhig. Steif beinahe.
Im vorliegenden Fall tötet ein erfolgreicher Werbemanager aus Versehen seine Geliebte – sie ist ihm mit ihren Sexfantasien ein wenig auf den Wecker gegangen, deshalb möchte man bei einem Chabrol-Film nicht ausschließen, dass etwas mehr als aus Versehen hinter der Tat steckt. Aber Charles ist von sich selbst schockiert, das macht der weitere Filmverlauf deutlich.
Ist Charles deshalb fiebrig, wirkt er gestresst? Sind seine Frau, sein bester Freund und Ehemann der Toten überrascht, entsetzt, verzweifelt, irgendwas? Nein. Nein. Nochmal nein. Alles geht in der wohlanständigen Welt von Architekten und Werbern seinen geregelten Gang, die wohlgefällige Alltagsmaske wird von keinem der Protagonisten gelupft. Die Familie bewohnt eine moderne Vorortvilla und hat ein schwarzes Dienstmädchen bei sich integriert. Während Charles' Vorzeigewelt nach außen erhalten bleibt, zerbricht er im Innern nach und nach an seiner Bürde. Aber nur innen. Zu sehen bekommen wir Zuschauer das nicht.
Chabrol hat seine Manierismen. In seinen Filmen wird leidenschaftlich gegessen. Ständig gießen die Figuren in seinen Filmen Whiskey nach oder Champagner, meist in Räumen mit vielen Bildern an den Wänden. Wenn seine Ehefrau Stéphane Audran eine Hauptrolle spielt (Der Riss – 1970; Der Schlachter – 1970; Die untreue Frau – 1969; Zwei Freundinnen – 1968; "Der Frauenmörder von Paris" – 1963), trägt diese Rolle im Film den Namen Hélène. Ihr gegenüber spielt oft Micheal Bouquet, mal als ihr Mann, mal als ihr Schwiegervater (Der Riss – 1970; Borsalino – 1970; Das Geheimnis der falschen Braut – 1969; Die untreue Frau – 1969; Die Braut trug schwarz – 1968; Katja, die ungekrönte Kaiserin – 1959). Die Charaktere haben sich unter Kontrolle. Sie morden, sie betrügen, bewegen sich aber statisch wie Mordverdächtige in der deutschen TV-Serie "Der Kommissar" durchs Bild.
Manchmal legt diese vermeintliche Leblosigkeit der Figuren einen sarkastischen Blick auf die vorgeführte bourgeoise Gesellschaft frei, die unter allen Umständen den schönen Schein wahren will. Im vorliegenden "Juste avant la nuit" wahrt die Ehefrau sogar ihrem Mann gegenüber noch den schönen Schein, wenn der ihr von seiner tödlichen Affaire erzählt. Der Freund, der zum Witwer geworden ist, spaziert ungerührt mit den Schultern zuckend weiter, wenn sein Freund aus Kindheitstagen ihm die Wahrheit sagt. Hier komme ich mit einem gedachten Sarkasmus des Regisseurs nicht weiter. Hier bleiben mir die gezeigte Welt und die vorgestellten Menschen fremd.
