IMDB

Plakatmotiv: Das Biest muss sterben (1969)

Chabrols Dialogspur macht
den Zuschauer zum Mittäter

Titel Das Biest muss sterben
(Que la bête meure)
Drehbuch Paul Gégauff & Claude Chabrol
nach dem Roman "The Biest musst die" von Nicholas Blake (Pseudonym von Cecil Day-Lewis)
Regie Claude Chabrol, Frankreich, Italien 1969
Darsteller

Michel Duchaussoy, Caroline Cellier, Jean Yanne, Anouk Ferjac, Marc Di Napoli, Louise Chevalier, Guy Marly, Lorraine Rainer, Dominique Zardi, Stéphane Di Napoli, Raymone, Michel Charrel, France Girard, Bernard Papineau, Robert Rondo, Jacques Masson, Georges Charrier, Maurice Pialat, Jean-Louis Maury u.a.

Genre Krimi, Drama
Filmlänge 110 Minuten
Deutschlandstart
1. Dezember 1970 (TV-Premiere)
Inhalt

Charles Théniers neunjähriger Sohn wird von einem rücksichtslosen Autofahrer in der Bretagne totgefahren. Der Schriftsteller schwört sich, den Fahrer zu finden und ebenfalls zu töten. Besessen von diesem Gedanken notiert er seine Pläne minuziös in einem Tagebuch.

Als Drehbuchautor getarnt nimmt er Kontakt zur Schauspielerin Hélène Lanson auf, die eine der Hauptzeuginnen ist. Er reist nach Paris. Es beginnt eine Liebesbeziehung, in deren Verlauf sich herausstellt, dass Hélènes Schwager das Auto fuhr.

Charles lernt die ganze Familie kennen und es wird immer deutlicher, dass er nicht der Einzige ist, der den Schwager gern tot sehen würde. Denn Paul Decourt ist ein herzloser Mann und Vater. Mit der wachsenden Nähe zu den Familienmitgliedern beginnt für Thénier ein enormer emotionaler Konflikt, bis die Tat eines anderen die Anspannung löst und Thénier sich zu handeln gezwungen sieht …

Was zu sagen wäre

Ein Kind wird überfahren. Der Fahrer, der mit überhöhter Geschwindigkeit durch den kleinen Ort rast, begeht Fahrerflucht. Diesmal verliert Claude Chabrol keine Zeit: Die Welt, in die er uns führt, ist eine egoistische Welt. Der Regisseur, der in bisherigen Werken gerne Bilder für sich stehen ließ und durch visuelle Experimente Rätsel eröffnete, statt Geschichten zu erzählen (Die untreue Frau – 1969; Zwei Freundinnen – 1968; "Der Tiger parfümiert sich mit Dynamit" – 1965; "Der Tiger liebt nur frisches Fleisch" – 1964; "Der Frauenmörder von Paris" – 1963), erzählt hier mit aller Klarheit. An der auch der Nebel in der Normandie, dem Schauplatz der Geschichte, nichts ändert.

Chabrols Hauptfigur Charles, ein Mann mit einem 08/15-Gesicht, das im nächsten Moment vergessen ist – Michel Duchaussoy spielt ihn zurückhaltend ohne große Geste –, und dadurch zu Otto Durchschnittsbürger wird, mit dem sich jeder Zuschauer identifizieren kann, notiert alles, was er vor hat, in eine rote Kladde. Plakatmotiv (Fr.): Que la bête meure (1969) Was er dort hinein schreibt, hören wir als Stimme aus dem Off. Chabrol überführt das Format des Romans, den er hier verfilmt, gleichsam eins zu eins in das Medium Film. Das ist nicht übermäßig elegant, hilft dem Zuschauer aber, Chabrol weder fantastisch komponierten Bilder zu bestaunen, was im Medium Film ja von Bedeutung ist.

Chabrol hat durch den Off-Text, der dem Zuschauer Orientierung bietet, ein klares Gerüst, das ihn, sein Drehbuch und seine Kamera treibt. Prompt bekommt sein Film eine Statik – anders als bei Filmen, die er zuvor inszeniert hat, bei denen häufig nicht klar wurde, was er mit seinen interessanten Kameraeinstellungen eigentlich inhaltlich Neues zu seinem Film beitragen will. Film ist ja dann eben auch nicht nur Bild. Das Medium besitzt auch eine Tonspur für Dialoge und Begleitmusik; schon in Stummfilmtagen bekamen Filme im Kinosaal stimmungsvolle Begleitung vom Klavier.

In "Das Biest muss sterben" bekommen wir es zum Auftakt mit einer fesselnd montierten Tötung mit Fahrerflucht zu tun. Das Kind, das überfahren wird, trägt im diesigen Grau eine französischen Kleinstadt einen quietschgelben Ostfriesennerz, das gibt dem Drama der Situation einen starken bildlichen Kontrast – und kommt auch ohne weitere Erklärungen von der Tonspur aus.

Wenn dann die Suche nach dem Täter beginnt, begeistert Chabrol mit vielen kunstvollen Einstellungen, mit Spiel aus Licht und Schatten, undeutlichen Vorder- vor etlichen Hintergründen. Alles ergibt einen Sinn, weil der Zuschauer weiß, wo er die Bilder einordnen muss, über die der Protagonist seine Geschichte aus dem Off erzählt. Wenn er zum Beispiel über seine große Ratlosigkeit, wie er nun weiter vorgehen soll, berichtet, schwenkt die Kamera in einer Totalen über Nebel verhangenes Land. Ratlosigkeit, Nebel: klare Bildsprache, die schön ist, in einem Film ohne die verbal formulierte Ratlosigkeit aber einfach eine Landschaft im Nebel bliebe. Der Off-Text rettet Chabrol über die oft zerklüfteten Felsen seiner Erzählung. Wir staunen über Chabrols visuelle Einfälle, dass er ein ums andere Mal seine Kamera kreiseln lässt, dass er immer wieder schnell auf ein Gesicht zufährt (nicht zoomt). Weil plötzlich all diese Chabrolschen Kunstgriffe eingebettet sind in ein erzähltes Ganzes, pressen uns sogar Beziehungsstreitereien in den Sessel. Plakatmotiv (UK): This Man must Die (1969) Als die junge (ahnungslose) Schauspielerin mit dem Teddy des Sohnes (des Erzählers) rumhampelt und der deshalb ausflippt, was wiederum sie gar nicht versteht, bekommt die Szene eine große Intensität – inklusive schneller Ranfahrt mit der Kamera auf das braune Auge der blonden Schauspielerin. Das erste (SmallTalk)-Treffen des Protagonisten mit der Familie ist visuell (und im Dialog) hinreißend. Fortan bin ich gefesselt bei der Sache und freue mich an eleganten Farbkompositionen, subtilen Kamerafahrten, die ich früher nicht unbedingt mit für den Film notwendigen Informationen füllen konnte.

Als Charles seine Zuschauer aus dem Off wissen lässt „Letzten Endes zahlen sich Gefühle, die man vortäuscht, auf dieser Welt am besten aus", entpuppt sich das als die Moral von der Geschicht, nach der man sich niemals zu sehr mit Dingen und Menschen einlassen sollte. Welches stumme Bild sollte das beschreiben können? Hier wird aus dem versierten Filmemacher der Nouvelle Vague ein Filmerzähler. Der es mit dem verbalen Erklären bewusst auf die Spitze treibt: Der Tod des Schurken, den alle herbeisehnen, erschöpft sich in der Beschreibung durch den Kommissar über einen Mann, der Rattengift zu sich genommen hat: „Der Tod, den es hervorruft, ist grässlich. Das zentrale Nervengift wird paralysiert. Eine Stunde vor dem Exitus wird der Körper von Zuckungen geschüttelt. Wie bei einem epileptischen Anfall. Die Atmung wird unmöglich gemacht. Paul Decourt hat unmenschlich leiden müssen.

Der französische Regisseur hat hier einen Kriminalfilm inszeniert, der keine Fragen offen lässt. Er stellt den Zuschauer nie vor Rätsel, was für einen Kriminalfilm ja ungewöhnlich ist. Hier entpuppt sich die wortreiche Dramaturgie Chabrols als psychologischer Kniff. Weil der Zuschauer vor keinem Rätsel steht, stattdessen weiß, was der Protagonist weiß – und was der plant – wird der Zuschauer zum engen Komplizen des potenziellen Mörders und gruselt sich mit dem wohligen Schrecken durch den Film, dass ein Mord an diesem alle Welt terrorisierenden Arschloch nun auch nicht verkehrt sein muss.

Ein böser Film. Von einem cleveren Regisseur.

Wertung: 7 von 8 D-Mark
IMDB