Die wohlhabende Frédérique liest auf einer Pariser Seine-Brücke eine junge Frau auf, die sich mit Pflastermalerei durchs Leben schlägt und kein Zuhause hat. Sie heißt Why. Die schöne, kühle Frédérique fühlt sich von der ebenso schönen, sanften jungen Frau angezogen und nimmt Why mit in ihre Villa in Saint-Tropez. Die beiden Frauen beginnen ein Verhältnis miteinander.
Frédériques Leben in Saint-Tropez ist der Inbegriff des süßen Nichtstun; doch zwischen Roulettetisch und Pokerabend gähnt die Langeweile. Als bei einem Pokerabend ein neuer Gast auftaucht – der Architekt Paul Thomas – und mit Why flirtet, geht sie darauf ein und verbringt mit dem jungen Mann die Nacht.
Frédériques Eifersucht ist geweckt. Sie weiß nicht nur das nächste Rendezvous der beiden zu verhindern, sondern fängt selbst eine Beziehung mit Paul an und lädt ihn ein, mit in die Villa zu ziehen. Why ist nun die von beiden Verlassene, scheint es aber mit Fassung zu tragen. Doch unter der Oberfläche des seltsamen Dreiecksverhältnisses schwelen Eifersucht, Abhängigkeit und Hass …
Blicke führen durch diesen Film. Blicke, die sich Menschen zuwerfen, Blicke ins Nichts, Blicke in die ferne, Blicke auf etwas. Nie in etwas. Die Figuren in diesem Film von Claude Chabrol ("Der Tiger parfümiert sich mit Dynamit" – 1965; "Der Frauenmörder von Paris" – 1963) haben das Produktionsjahr des Films verinnerlicht. Der Film, 1968 entstanden, feiert die Freiheit des Individuums, alles geht, was gehen will.
Chabrol führt uns Paare abseits der Konventionen vor. Wir lernen Frédérique kennen, die schwerreiche Unternehmerin aus Saint Tropez, und das Mädchen, das sich Why nennt, eine Künstlerin, Straßenalerin. Beide werden ein Paar und treffen in Frédériques Haus an der Küste auf zwei Männer, die sich dort einquartiert haben. Wer und was sie sind, bleibt unklar – Künstler, Schnorrer, auch ein Liebespaar?
Viel Freude schenken diese Figuren nicht. Sie leben unabhängig von den alltäglichen Zwängen durchschnittlicher Kinobesucher in hellen und großen, karg möblierten Räumen, oder spazieren durch die Gassen und Uferstraßen Saint Tropez', die Kameramann Jean Rabiers in wunderbare Pastelltöne taucht. Die Menschen reden nicht viel. Offensichtlich ist das Leben dieser Schönen und Reichen langweilig und von Neid und Gier beseelt.
Kaum hat sich die junge Why, die eben noch behauptet hat, noch Jungfrau zu sein, den Architekten Paul ins Bett geholt, sorgt die ältere Frédérique, die in der Personenkonstellation sowas wie die Chefin ist, dafür, das Paul zu ihr ins Bett steigt. Die beiden männlichen Bewohner des Hauses schielen nicht auf Sex, dafür auf Frédériques Geld, um sich ihre Tage mit üppigem Essen und Alkohol zu versüßen.
Der Film wirkt wie eine Versuchsanordnung. Chabrol ordnet sein Figuren im jeweiligen Raum und schaut dann zu, was passiert. Möglicherweise gab es nur knappe Regieanweisungen und ein stichwortartiges Skript, worauf die kargen Dialoge schließen lassen. Manche Szenen ziehen sich in die Länge. Und dann werfen sich die Menschen wieder Blicke zu. Im Original heißt der Film "Les Biches / Die Rehe". Und schreckhaft wie Rehe bleiben die Menschen nie lang an einem Ort und in einer Konstellation. Sie bleiben unberechenbar.
Dazwischen erzählt Chabrol die Geschichte einer charakterlichen Aneignung. Nachdem sich Frédérique, gespielt von Chabrol Ehefrau Stéphane Audran ("Der Frauenmörder von Paris" – 1963), Paul, die Liebschaft ihrer jungen Freundin, angeeignet hat, eignet sich diese die Persönlichkeit Frédériques an. Paul überrascht Why einmal, wie sie sich wie Frédérique schminkt, ihre Haare wie sie trägt und Kleider von ihr anzieht. Frédérique wiederum entgeht nicht, dass Paul sich weiterhin von Why angezogen fühlt. Die wiederum bekennt beiden gegenüber in angetrunkenem Zustand, dass sie beide liebe. Das Leben der Reichen und Schönen in diesem Film mag reich sein, schön ist es nicht. Hinter der goldenen Fassade klirrt die Einsamkeit der Charaktere.
Dass schließlich noch ein Mord geschieht, kündigt sich früh im Film an. Zwingend wirkt er nicht, zumal offen bleibt, welchen Zweck die Tat verfolgt.
Stéphane Audran bekam für ihr Spiel auf der Berlinale 1968 den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin.
