Hélène Régnier verlässt ihren psychisch kranken Ehemann Charles, nachdem dieser ihren Sohn angegriffen hat. Charles kommt danach bei seinen Eltern unter, die das Sorgerecht für dessen Sohn bekommen wollen.
Charles’ Vater Ludovic Regnier ist ein einflussreicher Mann mit viel Geld. Die aus einfachen Verhältnissen stammende Hélène quartiert sich gegenüber dem Krankenhaus, in dem ihr Sohn liegt, in einer kleinen Familienpension ein. Unterdessen setzt Hélènes Schwiegervater den undurchsichtigen Paul Thomas auf die junge Frau an. Er soll Hélènes tadellosen Ruf ruinieren.
Paul nimmt seine neue Aufgabe sehr ernst …
Ein Film über die Abhängigkeit der Frauen von Männern. Es beginnt mit einer Ehehölle, die im Jahr 1970, dem Produktionsjahr dieses Films, für manche Familien Alltag war: Ohne ersichtlichen Grund flippt der Ehemann und Vater aus, kaum aus dem Bett aufgestanden, schleudert er seinen kleinen Sohn gegen einen Heizkörper und geht auf die Ehefrau los, die sich mit einer Pfanne resolut zu verteidigen weiß.
Dieser häusliche Angriff spielt dann weiter keine rolle mehr im Film, der sich von da ab damit beschäftigt, wie einer Frau von tadellosem Leumund der Boden unter den Füßen weggezogen werden soll. Der schlagende Ehemann, psychisch angeschlagen, kommt bei seinen schwer reichen Eltern unter, die Frau, die bislang den Lebensunterhalt der Familie als Bedienung in einer Bar gesichert hat, landet mehr oder weniger mittellos in einer billigen Pension. Irgendwelche polizeilichen Ermittlungen in Sachen Häuslicher Gewalt finden nicht statt.
Claude Chabrol spielt mit den Stilmitteln von Psychothriller, Drama und surrealen Verfremdungen, um eine im Grunde simple Geschichte zu erzählen. Eine Frau aus einfachen Verhältnissen verlässt ihren Mann. Sie will das alleinige Sorgerecht, der schwer reiche Schwiegervater will das verhindern.
Chabrol (Der Schlachter – 1970; Das Biest muss sterben – 1969; Die untreue Frau – 1969; Zwei Freundinnen – 1968; "Der Frauenmörder von Paris" – 1963) entwirft eine gespiegelte Welt: In der kriselnden Ehe verdient die Ehefrau das Geld, während ihr Mann erfolglos versucht, es als Schriftsteller zu schaffen. Als sie ihn verlässt, und sich in der Nähe des Krankenhauses, in dem ihr Sohn sich von dem Gewaltausbruch des Vaters erholt, win Zimmer nimmt, hat sie aber schon bald kein Geld mehr – arbeiten geht sie fortan nicht mehr. Sie heißt Hélène, wie meistens, wenn Stéphane Audran (Der Schlachter – 1970; Die untreue Frau – 1969; Zwei Freundinnen – 1968; "Der Frauenmörder von Paris" – 1963) für ihren Mann Chabrol eine Rolle übernimmt. Die Pension, die in wenigen Wochen abgerissen und drei Neubauten weichen soll, wird über die Tage zu Hélènes Lebensmittelpunkt.
Hélène ist eine untadelige Frau. Das ist im Film ihr einziges Kapital. Die Männer um sie herum wollen ihr selten etwas Gutes, bis auf einen freundlichen Arzt, der ihren Sohn behandelt. Ein Fremder, der sich als alter Freund ihres Mannes ausgibt, sucht ihre Nähe, um im Auftrag des Schwiegervaters ihren Ruf zu zerstören, damit ihr nicht das Sorgerecht für den Jungen zugesprochen wird. Jean-Pierre Cassel (Armee im Schatten – 1969; Brennt Paris? – 1966; Mit den Waffen einer Frau – 1958) spielt ihn als aalglatten Halbweltganoven, der mit einer Frau zusammenlebt, die stets halbnackt auf dem Bett liegt und nichts lieber will, als mit ihm zu schlafen.
Gegenüber Hélène gibt er sich zunächst erfolgreich als Kümmerer aus, der sie tatsächlich aber von aller Welt isoliert – ferne Freunde in Paris ruft er an und erzählt Lügengeschichten über sie, worauf die sich nicht mehr melden. Ihr einziger Vertrauter wird ein Mann, mit dem sie kaum ein Wort wechselt, ein Mann, der bunte Luftballons verkauft, die ein wenig Farbe in Hélènes graue Tage bringen. In der Schlusseinstellungen lässt er die bunten Ballons fliegen – eine Metapher für die Freiheit, die Hélène schließlich gewinnt.
In der Pension sitzen drei alte Damen immer am selben Tisch im Salon und spielen Karten. Chabrol bezeichnet sie als "Parzen"; in der römischen Mythologie heißen so die drei Schicksalsgöttinnen, die über Leben, Lebenslauf und Tod entscheiden. Eine ähnliche Rolle haben die drei Kartenspielerinnen in Chabrols Film, in dem sie über eine Filmstunde lang wie klatschsüchtige alte Weiber wirken und erst spät für die Dramaturgie der Geschichte wichtig werden, wenn der Plan des verräterischen Paul Thomas zunehmend auseinander bricht.
Die Dramaturgie bezieht ihre leidliche Spannung aus der Ruhe, mit der Chabrol zwei Stunden lang erzählt, und mit den auch hier wieder dissonanten Streichinstrumenten auf der Tonspur. Wir schauen derweil Stéphane Audran dabei zu, wie sie als Hélène moralisch integer in der abbruchreifen Pension, die von einer strengen Wirtin geleitet wird, die mit einem Trinker verheiratet ist und eine geistig eingeschränkte Tochter versorgt, lebt, während Jean-Pierre Cassel kaum verständliche Pläne gegen sie inszeniert, mit denen er ihren Ruf zerstören will. Bis das aber passiert, ist Hélène hauptsächlich mit Warten beschäftigt. Sie wartet auf ihren Scheidungstermin in zwei Tagen, der eine Art ticking clock in der Dramaturgie darstellt: Bis zum Scheidungstermin muss Hélènes Ruf ruiniert sein, das gibt Paul Thomas' Winkelzügen eine gewisse Dringlichkeit, für die Chabrol höchstens halbherziges Interesse aufbringt.
Der Regisseur erzählt lieber von Männern und Frauen, die in unterschiedlichen Abhängigkeiten zueinander stehen – mal sie von ihm, mal er von ihr –, und von Besitzansprüchen in einer Ehe, in der Männer den Ton angeben wollen, die Frauen aber den Alltag schmeißen und das Geldverdienen besorgen.
