Der Arzt Pierre kehrt traumatisiert aus dem Libanon zu seiner Familie nach Paris zurück. Er beginnt, mit seiner 16-jährigen Tochter Claire eine Beziehung aufzubauen.
Die depressive Verstimmung von Pierre ändert sich aber nicht, da er sich an Kamal rächen will, der auch in Paris lebt und für ein Massaker verantwortlich ist, das ein libanesisches Dorf ausgelöscht hat.
Die Situation wird dramatisch, als sich Claire in Kamal verliebt …
Dieser Film war nicht auserkoren, die Grenze nach Deutschland zu überqueren. Er kam 1987 in die französischen Kinos und verschwand dann in Videotheken und Streaming-Diensten. Bis ihn Ende 2025 der deutsch-französische Kultursender arte in seine Mediathek holte.
Der Film ist ein rein kommerzielles Produkt seiner Zeit. Mit vielen Worten und wenig Bild täuscht Regisseur Maroun Bagdadi großes Drama nur vor, geizt in Dialogen nicht mit Schlüsselwörtern wie Libanon, Massaker oder Blutbad, zeigt dann aber doch nur redende Menschen. Was den USA ihr Vietnam, ist den Franzosen ihre Vergangenheit im arabischen Raum – Algerien oder hier Libanon, unter dessen Verwaltung das Land in den Nachwirren des Ersten Weltkriegs zwischen 1920 und 1943 geriet. Der vorliegende Film, 1987 entstanden, spielt zur Zeit, in der der libanesische Bürgerkrieg (1975-1990) tobt. Mit dem haben die Franzosen direkt nichts zu tun; dort sind sunnitische Muslime, rum-orthodoxe Christen, schiitische Muslime, Drusen und maronitische Christen involviert. Aber – zumindest im Film – gibt es noch Verbindungen der Menschen dort nach Frankreich.
Der Film spielt ausschließlich in Paris, selten draußen, meistens in dunklen Schlachthöfen, arabischen Cafés oder mondänen Appartements mit Blick auf Seine und Louvre. Ein lange Zeit namenloser Mann in langem dunklen Mantel kommt in die Stadt, besucht ein Café, verfolgt und erschießt einen Mann. Der Killer stellt sich als Pierre und Mitglied der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" heraus, frisch zurück aus dem Libanon, wo er als Sanitäter geholfen hat, um jetzt in Paris seine Tochter zu treffen.
Eine Zeit lang wird es dann unübersichtlich, weil der Mann, gespielt von dem in den 70er und 80er Jahren populären französischen Schauspieler Bernard Giraudeau ("Engel aus Staub" – 1987; "Die Spezialisten" – 1985; "Der Rammbock" – 1983; La Boum – Die Fete – 1980; "Bilitis" – 1977), offenbar mehr Killer als Arzt ist, beauftragt von Libanesen, andere Libanesen zu töten. Derweil hat seine allein lebende Tochter, 16 Jahre alt, ein Verhältnis just mit dem Libanesen, den Pierre gekommen ist zu töten.
Das wird uns alles in Dialogen mitgeteilt, während die sprechenden Menschen in Räumen oder auf Straßen stehen oder gehen. Spannung kommt nicht auf, mehr Irritation als Neugier, wie das wohl alles zusammenhängt. Dazu bleiben einem die Figuren zu egal. Die 17-jährige Laure Marsac, die Tochter Claire spielt, schafft es, den ganzen Film ohne einen Funken Ausstrahlung durchzustehen. Dafür zieht sie sich hin und wieder in Dusche oder Bett aus. Der Film tut so, als verfolge Claire ihrerseits irgendeinen Plan mit dem gar nicht nach romantischer Liebe aussehenden Kontakt zu dem Libanesen Kamal, mit dem sie vielleicht dann ihren Vater beeindrucken oder erschrecken oder ärgern möchte. Aber da gibt es dann doch keinen weiteren Plan. Als sie schließlich erkennt, dass ihr vergötterter Doktor-Papa im Libanon Menschen erschossen hat, bricht ebendieser Papa, der harte Killerhund, in Tränen aus und befummelt die Schulfreundin seiner – 16 Jahre alten – Tochter. Dem Zuschauer bringt das ein weiteres paar nackter Frauenbrüste, dem Film aber weder Sinn noch Verstand.
Der auf dem Plakat groß angekündigte Michel Piccoli, Ikone des französischen Kinos der 1960er bis 1980er Jahre (Kopfjagd – Preis der Angst – 1983; Die Spaziergängerin von Sans-Souci – 1982; Der Maulwurf – 1982; "Atlantic City, USA" – 1980; Dieses obskure Objekt der Begierde – 1977; Vincent, François, Paul und die anderen – 1974; "Trio Infernal" – 1974; Das große Fressen – 1973; Blutige Hochzeit – 1973; Cesar und Rosalie – 1972; Der diskrete Charme der Bourgeoisie – 1972; Drei auf der Flucht – 1971; Die Dinge des Lebens – 1970; Topas – 1969; Belle de jour – Schöne des Tages – 1967; Brennt Paris? – 1966; Die Verachtung – 1963), bewohnt hier sowas wie eine Austragshäusl-Rolle. Es mögen vier entspannte Drehtage gewesen sein, maximal, an denen er als rätselhafter libanesischer Pate mit Kubanka auf dem Kopf und Gebetskettchen zwischen den Fingern in Erscheinung tritt, Drohungen raunt und dann wieder verschwindet. Einmal pfeffert er Pierre ein deftiges „Kamal fickt Deine Tochter! Er FICKT sie!“ entgegen – das ist so eine Eigenart bei Michel Piccoli, dass er, der phänotypisch eher an einen freundlichen Onkel oder einen soignierten Herrn erinnert, in vielen seiner Rollen Schweinkram machen oder sagen muss; in Das große Fressen hat er sich mal die Hosen voll geschissen, in Belle de Jour Cathérine Deneuve sexuell belästigt.
"L'homme voilé" (den Filmtitel kann man etwa mit "Der verschleierte Mann" übersetzen) gehört zu jenen zahllosen Billigproduktionen, die mit wenig Aufwand und günstig gewordenen, ehemals großen Namen Aufmerksamkeit heischen und dann auf dem osteuropäischen Videomarkt für Umsätze sorgen.
