In einer Provinzstadt an der Loire bleibt eigentlich nichts verborgen – vor allem kein Liebesverhältnis. Dennoch gelingt es Lucienne, der Frau des gaullistischen Abgeordneten Delamare, und Pierre, dem sozialistischen Stadtrat, verheiratet mit einer unheilbar kranken Frau, ihre Beziehung zu verheimlichen.
Doch um ihr Glück auch wirklich gemeinsam genießen zu können, müssten sie frei sein. Pierre entdeckt, dass es ein Leichtes wäre, seine Frau mit einer erhöhten Dosis ihrer Medikamente zu töten, und ermordet sie tatsächlich. Jetzt steht nur noch Paul Delamare im Weg.
Lucienne und Pierre beschließen, auch ihn zu töten. Doch die beiden Morde machen sie nicht frei. Im Gegenteil: Um keinen Verdacht zu erregen, dürfen sie sich nicht mehr sehen. Bis ein anonymer Brief bei der Polizei eintrifft …
Willkommen in der bürgerlichen Gesellschaft der französischen Provinz. Alles wirkt aufgeräumt, friedlich. Die Straßen sind sauber, die Menschen arbeiten in Büros und Geschäften. Auf der Straße über die Strenge schlagen sie nur, wenn geheiratet wird. Der Bürgermeister ist ein über alle Schichten hinweg ehrenwerter Mann und wenn er auf einer Veranstaltung auftaucht, sind ihm alle dankbar, dass er da ist.
Nur die Ehefrau des Bürgermeisters Delamare ist nicht glücklich, wenn er da ist, denn sie trifft sich leidenschaftlich gerne mit Stadtrat Maury. Der hat erst kürzlich seine schwer depressive Frau umgebracht, damit er Zeit für die Gattin des Bürgermeisters hat und bald darauf bringen beide zusammen auch den Bürgermeister um, um endlich ganz füreinander da zu sein. In der bürgerlichen Gesellschaft der französischen Provinz geht es unter der Decke des Anstands genauso schmutzig und amoralisch zu, wie in einer Hafenkneipe von Marseille.
In stillen, geradezu unschuldig wirkenden Bildern führt uns Claude Chabrol (Vor Einbruch der Nacht – 1971; Der Riss – 1970; Der Schlachter – 1970; Das Biest muss sterben – 1969; Die untreue Frau – 1969; Zwei Freundinnen – 1968; "Der Frauenmörder von Paris" – 1963) in das kriminelle Dickicht einer Liebesgeschichte, die uns in ihrer Konsequenz einen einzigen korrupten Kosmos enthüllt, in dem einzig die Tochter von Madame Delamare ein unschuldiger Engel ist, der gleichwohl in seiner blütenreinen Arglosigkeit das Liebespaar an die Polizei ausliefert. Dabei besteht das Liebespaar keine Sekunde lang aus unsympathischen Killern. Im Gegenteil: Schon in der ersten Einstellung steht fest, dass die Figur, die Michel Piccoli spielt (Cesar und Rosalie – 1972; Der diskrete Charme der Bourgeoisie – 1972; Drei auf der Flucht – 1971; Die Dinge des Lebens – 1970; Topas – 1969; Belle de jour – 1967; Brennt Paris? – 1966; Die Verachtung – 1963), in einer Art Mausoleum gefangen ist. Pierres Frau verbringt schwer depressiv die Tage im Bett, umgeben von Ölgemälden in schweren Rahmen. Ihr Mann, ein angesehener Bürger, der auf der Straße von allen gegrüßt wird, kümmert sich vorbildlich, aber vergebens. Die Frau ist im Mitleid über sich und ihren Mann gefangen.
Die Kontrolle über sein gepflegtes Auftreten verliert der Mann erst, wenn er Lucienne gegenübersteht, an der einsamen Stelle am See, wo sich beide heimlich treffen. Dann tobt beider Leidenschaft und sie lassen die Hüllen fallen. Buchstäblich.
Auch Lucienne, die ihre Tochter bekam, als sie selbst erst 17 Jahre alt war, ist in einer unglücklichen Ehe gefangen mit dem ehrenwerten Paul Delamare, der sie und die Stieftochter gönnerhaft behandelt und bei Tisch gerne doziert. Lucienne wird gespielt von Stéphane Audran, Ehefrau von Regisseur Chabrol und von dem gerne und auch hier wieder von der Leine als unterkühlte, zuweilen boshafte Frau gelassen, hinter deren distanziertem Äußeren sich ein Geheimnis, hier lodernde Leidenschaft, verbirgt (Der diskrete Charme der Bourgeoisie – 1972; Vor Einbruch der Nacht – 1971; Der Riss – 1970; Der Schlachter – 1970; Die untreue Frau – 1969; Zwei Freundinnen – 1968; "Der Frauenmörder von Paris" – 1963).
Einmal mehr steht in "Blutige Hochzeit" die Familie als Kernstück der bürgerlichen Gesellschaft im Mittelpunkt. Doch das vorgebliche Familienglück ist zerrüttet, die Ehen sind nur noch Fassade. Chabrol zeigt uns dieses eingefrorene Leben der beiden Ehepaare in grausamer Ausführlichkeit, das eitle Gesetze des Bürgermeisters, Pierres lustloses Löffeln der Suppe, die verstohlenen Blicke der Tochter, die eindeutig mehr mitbekommt von der diskreten Gesellschaft um sie herum, das genervte Schulterzucken der Küchenhilfe, wenn sie von der Dame des Hauses wieder einmal überflüssig belehrt wird. Dann: Ehebruch und Mord, die erhoffte Freiheit entpuppt sich als Gefängnis der Konventionen. Gleichzeitig blitzen um die unglücklich Liebenden andere Schweinereien auf.
Der Bürgermeister ist dabei, einen Immobiliendeal einzufädeln, der ihm viel Geld bringt und seiner Stadt eine schmutzige Kunststofffabrik. Und als er später tot im Straßengraben gefunden wird, bekommt der ermittelnde Polizist einen Anruf von einem „Monsieur Le Président“, der ihn anweist, dass der Todesfall ohne weitere Ermittlung als Verkehrsunfall zu den Akten gelegt werden soll. Warum, bleibt unklar, aber die Ehrenwerte Gesellschaft in den französischen Regierungspalästen, so wird uns hier gesagt, möchte nicht gestört werden.
Die Geschichte des Films beruht auf einer wahren Begebenheit, deren Protagonisten als die "Teufel von Bourganeuf" bekannt wurden. Doch Chabrol geht es weniger um die Schilderung des Verbrechens. Er nutzt den Fall zu einer Attacke auf die französische Bourgeoisie und vor allem die damaligen politischen Verhältnisse.
