Der angesehene Architekt Cesar Catilina von der städtischen Design-Behörde hat für die Entwicklung des neuartigen Baustoffes „Megalon“ den Nobelpreis gewonnen. Durch die finanzielle Unterstützung seines reichen Onkels Hamilton Crassus III. möchte er das Material nun dazu nutzen, seine futuristische Zukunftsvision der Stadt umzusetzen: Megalopolis.
Gegenwind erhält Cesar allerdings vom amtierenden Bürgermeister Franklyn Cicero, der lieber weiterhin auf die bewährten Baustoffe Stahl und Beton setzen möchte. Beide Männer teilen eine gemeinsame Vergangenheit, war Cicero doch der Staatsanwalt, als Jahre zuvor der mysteriöse Tod von Cesars erster Ehefrau Sunny Hope vor Gericht verhandelt wurde.
Zwischen ihnen hin- und hergerissen ist die prominente Julia Cicero, die Tochter des Bürgermeisters, deren Liebe zu Cesar ihre Loyalitäten gespalten hat und sie dazu zwingt, herauszufinden, was ihrer Meinung nach die Menschheit wirklich verdient …
Der Film lässt mich sprachlos zurück. Und dafür kann er selbst am allerwenigsten. Es sind sein Regisseur, die Genese und die nicht enden wollende Berichterstattung zum Film, seit ruchbar wurde, dass er 2024 bei den Filmfestspielen von Cannes nun endlich seine Uraufführung erleben würde.
Der Regisseur ist Francis Ford Coppola (Supernova – 2000; Der Regenmacher – 1998; Jack – 1996; Bram Stoker's Dracula – 1992; Der Pate III – 1990; Tucker – 1988; Peggy Sue hat geheiratet – 1986; Cotton Club – 1984; Rumble Fish – 1983; Die Outsider – 1983; Einer mit Herz – 1981; Apocalypse Now – 1979; Der Dialog – 1974; Der Pate II – 1974; Der Pate – 1972), ein Mann, der neugierig macht, weil er bewiesen hat, dass er große Filme drehen kann, und der auch einen gewissen Wahnsinn für das Filmemachen mitbringt.
Die Genese des Films reicht 40 Jahre oder mehr in die Vergangenheit zurück. Coppola träumt seit den frühen 1980er Jahren von "Megalopolis", eine erste Drehbuchfassung schrieb er kurz nach Apocalypse Now. Angeblich sind über die Jahrzehnte rund 300 Überarbeitungen dokumentiert. Schauspieler wie Paul Newman, Robert De Niro und Al Pacino wurden zu Leserunden des Drehbuchs eingeladen. Der Anschlag vom 11. September 2001 stoppte ausgefertigte Drehpläne. Und weil Coppola sich sein Herzensprojekt nicht von Controllern eines Filmstudios kaputtsparen lassen wollte, verkaufte er Teile seiner Weinberge im Napa Valley und finanzierte seinen Film selbst. 100 bis 120 Millionen soll er in "Megalopolis" investiert haben. Und ungebührlich mancher Frau am Set soll der Über-80-Jährige sich auch noch genähert haben.
Die Berichterstattung nahm Formen an, als stehe ein Weltereignis an, nach der Premiere schrieben Feuilletonisten von Meisterwerk oder Katastrophe. Ein deutscher Kritiker merkte an, es sei „spannender, Francis Ford Coppola beim Scheitern zuzusehen als anderen Regisseuren beim Triumphieren“.
Weniger als ein Jahrhundertereignis konnte ich da kaum noch erwarten. Aber es ist dann einfach ein langweiliger Film. Ein Werk, das eitel Intellekt vor sich her trägt, nonchalant den Sein oder Nichtsein-Monolog aus Hamlet zur Aufführung bringt, ohne, dass das einen inhaltlichen Sinn ergibt und verkrampft literarische und historische Vorbilder in einer Kulisse verbreitet, die aussieht, als sei sie mal als Idee für einen Schurken aus einem Superheldenfilm erst ent- und dann wieder verworfen worden.
In der Pressemappe und anderem Begleitmaterial zu diesem Film nennt Coppola als kreative Einflüsse die Catilinarische Verschwörung, den von H. G. Wells geschriebenen Science-Fiction-Film "Was kommen wird" (1936) und seine eigene Kindheit in New York City, in der er von Wissenschaftlern und Forschern fasziniert gewesen sei. Die literarischen Vorbilder seien die Bücher "Schulden: Die ersten 5.000 Jahre", "Bullshit Jobs" sowie "Anfänge" von David Graeber, "Das Glasperlenspiel" von Hermann Hesse, "Kelch und Schwert" von Riane Eisler, "The Origins of Political Order" von Francis Fukuyama, "The War Lovers" von Evan Thomas und "The Swerve" von Stephen Greenblatt.
Zuviel Einflüsse verderben den Film, überdecken, was Coppola eigentlich erzählen will, oder wenigstens zeigen will. "Megalopolis" ist als Geschichts-Epos angelegt, das Bezug zum Römischen Reich nimmt. Die Handlung spielt in einer an New York angelehnten Stadt namens New Rome. Darüber, wie in der Stadt regiert wird und wie sie neu gestaltet werden soll, entbrennt ein Streit zwischen dem Bürgermeister Franklyn Cicero und dem visionären Erfinder Cesar Catilina.
Während der Bürgermeister am Status quo festhalten will, hat Catilina utopische Ideen. Für ein neues Baumaterial namens "Megalon" hat er den Nobelpreis gewonnen. Zwischen den Fronten steht Julia Cicero, des Bürgermeisters Tochter, die sich in den zwischen Arroganz und Schwermütigkeit oszillierenden Catilina verliebt – eine Paraderolle für Adam Driver, der seinen mächtigen Körper gerne in den Dienst zweifelnder Denker stellt (House of Gucci – 2021; The last Duel – 2021; Star Wars: Episode IX - Der Aufstieg Skywalkers – 2019; Marriage Story – 2019; BlacKkKlansman – 2018; Star Wars - Episode VIII: Die letzten Jedi – 2017; Logan Lucky – 2017; Star Wars - Episode VII: Das Erwachen der Macht – 2015; Sieben verdammt lange Tage – 2014; Gefühlt Mitte Zwanzig – 2014; The F-Word – 2013; Spuren – 2013; Inside Llewyn Davis – 2013; Lincoln – 2012; "Frances Ha" – 2012; J. Edgar – 2011).
In selten aufregenden Bildern zwischen spätrömischer Dekadenz und dem New York der Gegenwart entwirft das Drehbuch eine Debatte über Wohl und Wehe der Menschheit. Der – eher böse – Bürgermeister will Casinos und Paläste bauen lassen, mit denen die Unternehmer verdienen; aus gewohntem Beton und Stahl sollen die Gebäude sein. Der – eher feingeistige – Künstler träumt von Bauten, die innen wie außen für die Menschen gemacht sind, ihnen den aufrechten Gang wieder ermöglichen soll; er will eine ganz neue Stadt bauen aus seinem Material Megalodon, das – zumindest im Film – golden glänzt. Zwischen diesen Polen schweben meist leicht und durchsichtig bekleidete Frauen, die intrigant bis weihevoll um diese Herren der Schöpfung kreisen und Kreativeres als Verrat nicht zustande bringen.
Es gibt noch den schwer reichen Bankier, der glaubt, die Stadt im Griff zu haben, dessen blonde, ein Drittel so alte Ehefrau sowie dessen nichtsnutzigen Neffen, der von einer Revolution träumt, mit der er seinem Onkel die Bank entwenden könnte.
Das Furchtbare an dem Drehbuch ist wohl, dass diese Storyelemente Anfang der 80er Jahre noch einigermaßen originell gewesen sein mögen – es gab natürlich TV-Serien wie "Dallas" oder "Der Denver Clan", in denen sich schwer reiche Erben bekämpften. Aber für eine Debatte, wem das große Geld dienen solle – dem Investor oder dem Menschen – war im Kino zwischen Krieg der Sterne, Terminator, Indiana Jones, König der Fischer oder Full Metal Jacket noch jede Menge Platz. Den haben über die Jahrzehnte, die folgten, dann andere genutzt und so wandelt "Megalopolis" diesbezüglich in ausgelatschten Schuhen, die höchstens Verwirrung ob ihrer gigantomanischen Präsentation hervorrufen.
Und die Bilder dieses Meisters der Bilder?
Das Büro des feingeistigen Architekten befindet sich in der Spitze des silbern glänzenden Chrysler Buildings – das hier nicht das Chrysler Building ist, weil wir uns ja nicht in New York befinden – was ein paar schöne, aber aus Pixeln zusammengesetzte Bilder der im Sonnenuntergang glänzenden Spitze des Gebäudes hervorbringt, wie sie Peter Jackson in seinem King Kong aus dem Jahr 2005 verwendet hat. Der reiche Bankier feiert seine Hochzeit in einem Circus Maximus artigen Madison Square Garden, in dem Pferderennen und Ringkämpfe ausgetragen werden, während Fake News einer vestalischen Jungfrau verbotenen Sex unterstellen. Ansonsten agieren die Schauspieler viel vor Green Screen und manchmal vor Hightech-LED-Kulissen aus der Lucasfilm-Manufaktur.
Eingeklemmt zwischen all seinen Einflüssen (s.o.) hat Coppola das Wesen des Filmemachens, Show don't tell außer acht gelassen. Ein Satellit stürzt auf die Erde und zerstört halb New York? Bei Coppola zerrinnt das zu ein paar Schattenspielen auf Skyscraper-Fronten zwischen ausladenden Dialogsequenzen. Cesar Catilina kann mit einem Fingerschnippen die Zeit anhalten? Das wird spannend! Nein, wird es nicht. Er braucht das dann nur, um einmal seine neue Freundin Julia zu beeindrucken. Die beiden Antagonisten haben sich wegen des einstigen Unfalltodes von Catilinas Ehefrau in der Wolle? Bei Coppola löst sich das in shakespeare'schen Dialogen auf, deren Bezug unklar bleibt. Der Ton des Films schwankt zwischen Pathos und Slapstick-Szenen, in denen hochmögende Männer spitze Pfeile auf Kinderbogen im Gesäß eines Kontrahenten versenken.
Ein Künstler kämpft für seine Vision und böse Bürokraten wollen ihn daran hindern. Greife ich ganz hoch ins Regal, hat sich der betagte Francis Ford Coppola hier noch eine Art dramatisiertes Selbstportrait gegönnt. Sein Architekt in "Megalopolis" ist Chef einer "Design Authority", in deren Stadtplanung nicht einmal der gewählte Bürgermeister hineinpfuschen kann. Wenn Catilina will, sprengt er hässliche Sozialwohnblocks einfach weg. Hier beantwortet die Kunst – endlich frei von Subventionen und direkten Profitinteressen – die Machtfrage. Hier darf ein Schöngeist durchregieren, ganz wie sein ästhetisches Empfinden es verlangt. Der Abspann beginnt mit "Written, Produced and Directed by Francis Ford Coppola".
Der Künstler hat sich von niemandem reinreden lassen in sein Kunstwerk, dessen Held in einem frühen Drehbuchentwurf, der im Internet kursiert, noch ein zerrissener, ein Trinker und Hurenbock war. Coppola will es zum Ende seiner Karriere auf der Leinwand offenbar lieber harmonisch haben und verzichtet auf einen echten Konflikt.
Nein, es ist nichts spannend daran, ihm beim Scheitern zuzusehen.
