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Plakatmotiv (US): News of the World – Neues aus der Welt (2020)

Eine banale Wahrheit
wird zu großem Kino

Titel Neues aus der Welt
(News of the World)
Drehbuch Paul Greengrass & Luke Davies
nach dem gleichnamigen Roman von Paulette Jiles
Regie Paul Greengrass, USA, China 2020
Darsteller
Tom Hanks, Helena Zengel, Tom Astor, Travis Johnson, Andy Kastelic, Ray McKinnon, Mare Winningham, Jeffrey Ware, Chris Bylsma, Justin Tade, Darrin Giossi, Brenden Wedner, Elizabeth Marvel, Michael Angelo Covino, Clay James u.a.
Genre Western, Drama
Filmlänge 118 Minuten
Deutschlandstart
10. Februar 2021
Inhalt

Texas 1870. Der ehemalige Captain der Armee der Südstaaten Jefferson Kyle Kidd, im früheren Berufsleben Drucker, verdient nach Beendigung des Amerikanischen Bürgerkrieges seinen Lebensunterhalt damit, dass er von Stadt zu Stadt reist, um aktuelle Nachrichten aus Zeitungen vorzulesen und für sein meist leseunkundiges Publikum dramatisch aufzuarbeiten. So erfahren seine Zuhörer von politischen Entwicklungen, Epidemien und Abenteuern in fernen Welten, aber auch von neuen Technologien, die ihr eigenes Leben verändern werden. Dazu zählt auch die Eisenbahn, die bald Südtexas an den Rest des Landes anschließen soll.

Auf dem Weg zu einer Lesung wird ihm von einer Armeepatrouille die vorläufige Verantwortung für ein indianisch gekleidetes Mädchen namens Johanna Leonberger übertragen. Das Kind wurde bei der gewaltsamen Räumung einer Indianersiedlung von der Armee aufgegriffen und anhand seiner blonden Haare als europäischstämmig identifiziert. Vor einigen Jahren hatten die Kiowa Johannas deutschstämmige Eltern ermordet und sie als Kleinkind verschleppt. Nachdem nunmehr auch ihre indianische Familie ausgelöscht wurde, will die für indianische Angelegenheiten zuständige Bundesbehörde das Kind in die Obhut 400 Meilen entfernt lebender Verwandter überführen. Da der zuständige Beamte aber erst in drei Monaten aus dem Reservat zurückerwartet wird, stimmt Kidd nach anfänglichem Widerstreben zu, diese Aufgabe selbst zu übernehmen.

Die wochenlange Reise durch das immer noch Krieg versehrte Texas gerät zu einem abenteuerlichen Trip, bei dem mal der Mann das Kind und mal das Kind den Mann beschützen muss …

Was zu sagen wäre

Das Leben ist eine dauernde Abfolge von Geschichten. Manche mögen nicht länger taugen als drei Sätze. Aber es sind Geschichten. Ich komme morgens nicht aus dem Bett (oder verschlafe den schrillen Wecker). Ich schlage ein Ei in die Pfanne und klaube die Schalenreste aus dem weiß-gelben Glibber. Mein Projekt steht auf der Kippe. Ein Verkehrsunfall legt den Verkehr einer ganzen Stadt lahm. Überlebende einer Minenkatastrophe lehnen sich gegen die widrigen Arbeitsbedingungen auf und gründen eine Gewerkschaft. Kleine Geschichten. Große Geschichten. Aus ihnen formt sich das Leben der Menschen, die in ihnen leben und die sie sich erzählen. Geschichten sind der Lebensunterhalt von Jefferson Kyle Kidd.

Paul Greengrass, dessen so mitreißend präzise montierte Fortsetzung Die Bourne Verschwörung (2004) uns nachhaltig in den Knochen steckt, erzählt in seinem neuen Film ruhig und zurückhaltend die Geschichte eines Geschichtenerzählers, dessen Geschichten die Zuhörenden in Bewegung setzen, oder sie beruhigen. Es sind wahre Geschichten – so wahr, wie Geschichten, die in der Zeitung stehen, jeweils sein können. Rein visuell hat Paul Greengrass einen Western gedreht: Männer mit breitkrempigen Hüten. Frauen, die sich unterordnen. Pferde in gestecktem Galopp. Schießereien mit ekligen Schurken. Die Yankees in ihren blauen Röcken. Indianer. Formal siedelt sein Film im Jahr 1870, fünf Jahre nach Ende des Sezessionskrieges (1861 – 1865). Man muss aber nicht übertrieben genau hinsehen, um zu erkennen, dass Greengrass die Erzählform des Roadmovies gewählt hat, um einen kritischen Blick auf die sehr aktuellen USA im 21. Jahrhundert zu werfen. Dass dieser Blick im Gewand eines Westerns daher kommt, liegt zum einen natürlich schlicht an der Romanvorlage von Paulette Jiles; aber natürlich auch daran, dass der Western in seinen besten Ausprägungen immer in kritischer Relation zu seiner Entstehungszeit stand. Amerika findet sich und seine Ideale in keinem Genre so sehr wieder wie im Western oder im Gangsterfilm. In "News of the Word" beschreibt Greengrass ein gespaltenes Land und die Macht von Fake News.

Mitnichten gibt Jefferson Kyle Kid immer Eins zu Eins wider, was in der Zeitung steht. Er lebt und arbeitet in Texas. Texas gehörte zur Südstaatenarmee. Texas hat den Krieg verloren und leidet seit fünf Jahren an der gefühlten Besetzung durch den Norden, unter Reparationszahlungen, an unentwegter Schikane durch die Blauröcke. Und da formuliert der ehemalige Südstaaten-Captain Kidd seine Zeitungsgeschichten schon mal etwas weicher, um den immer brodelnden Zorn der einfachen Menschen in Texas nicht explodieren zu lassen. Woanders gibt er einer von ein paar Revolvermännern unterdrückten Gemeinde durch einen Zeitungsartikel über einen Aufstand den entscheidenden Funken zur gerechten Auflehnung. Was ist gerecht? Was ist richtig, was falsch? Meist entscheidet über diese Fragen eine Geschichte, die Menschen lesen; oder ein Beispiel, das Menschen erzählt bekommen. Texas im Jahr 1870 ist ähnlich wie die USA 2020 ein tief gespaltenes Land: ein paar Grundbesitzer und reich gewordene Blauröcke und ganz viele besitzlose Tagelöhner, die seit dem verlorenen Krieg von der Hand in den Mund leben. Und Gangster oder Warlords, die sich nehmen, was sie haben wollen – und seien es 12-jährige Mädchen zu ihrem persönlichen Vergnügen. Man kann kaum glauben, dass aus diesem zerrissenen Land wenige Jahrzehnte später mal die in zwei Weltkriegen glorreichen, die Demokratie in die Welt tragenden Vereinigten Staaten von Amerika werden können. Aber sie wurden es. Wahrscheinlich auch durch ausgleichende Charaktere wie den Zeitungsvorleser Jefferson Kyle Kidd. Der vor seiner eigenen Geschichte davonläuft. So wie die 12-jährige Johanna vor ihrer Geschichte davonläuft.

Und damit sind wir abseits des berührenden Kommentars zur US-Gesellschaft 2020 beim Thema Roadmovie. In diesem Subgenre, das in der Komödie ebenso zuhause ist wie im Drama, begegnen sich (mindestens) zwei Charaktere auf einer Reise, deren Ziel sie erst erreichen, nachdem sie die Dinge des Lebens verstanden und die ihres Lebens geordnet haben. Hier verdichtet sich der Film auf die Kunst dreier Personen: Tom Hanks, der den einsamen Reiter erst zu einer klassischen Tom-Hanks-Figur macht ("Der wunderbare Mr. Rogers" – 2019; Die Verlegerin – 2017; The Circle – 2017; Inferno – 2016; Sully – 2016; Ein Hologramm für den König – 2016; Bridge of Spies: Der Unterhändler – 2015; Saving Mr. Banks – 2013; Captain Phillips – 2013; Cloud Atlas – 2012; Extrem laut & unglaublich nah – 2011; Larry Crowne – 2011; Illuminati – 2009; Der Krieg des Charlie Wilson – 2007; The Da Vinci Code – Sakrileg – 2006; Terminal – 2004; Catch Me If You Can – 2002; Road to Perdition – 2002; Cast Away – Verschollen – 2000; The Green Mile – 1999; e-m@il für Dich – 1998; Der Soldat James Ryan – 1998; That Thing You Do! – 1996; Apollo 13 – 1995; Forrest Gump – 1994; Philadelphia – 1993; Schlaflos in Seattle – 1993; Eine Klasse für sich – 1992; Fegefeuer der Eitelkeiten – 1990; Joe gegen den Vulkan – 1990; Meine teuflischen Nachbarn – 1989; big – 1988; Schlappe Bullen beißen nicht – 1987; Nothing in Common – 1986; Alles hört auf mein Kommando – 1985; Der Verrückte mit dem Geigenkasten – 1985; Bachelor Party – 1984; Splash – Jungfrau am Haken – 1984), um dann ganz hinter ihr zu verschwinden. Die 12-jährige Helena Zengel ("Systemsprenger" – 2019), deren Präsenz, deren Instinkt für die passende Mimik im richtigen Moment diesem zwischen drei Welten (Einwanderer, Kiowas, gesettelte Amerikaner) verlorenen Kind großartige Wucht geben. Und Paul Greengrass, der auf dem Regiestuhl lauter richtige Entscheidungen trifft ("22. Juli" – 2018; Jason Bourne – 2016; Captain Phillips – 2013, "Green Zone" – 2010; Das Bourne Ultimatum – 2007; "Flug 93" – 2006; Die Bourne Verschwörung – 2004; "Bloody Sunday" – 2002; "Vom Fliegen und anderen Träumen" – 1998; "Resurrected – 1989). Beispielhaft für seine elegante Zurückhaltung ist eine Sequenz irgendwo in der Leere der texanischen Weite. Da werden der Zeitungsvorleser und sein Schützling von drei Typen belagert, die sich das junge Mädchen verfügbar machen wollen. Greengrass inszeniert das als klassischen Shootout. Aber ohne Musik. Dadurch, dass uns kein Score ablenkt, indem er uns erklärt, was wir zu fühlen haben, kleben wir an den Bildern, in denen Tom Hanks verzweifelt nach einem Ausweg sucht und das junge Mädchen zeigen kann, was es bei den Kiowa gelernt hat. Jene Kiowa, die im Kopf des Zuschauers lange als die mörderischen Kindesentführer gelten, die Erinnerungen an die von John Wayne gejagten, Babys entführende Indianer in John Fords Klassiker Der schwarze Falke (1956) wecken. Und die, als sie endlich in Persona auftauchen, genauso verlorene Seelen sind, wie all die Weißen, die sich vor ihnen fürchten – und die selbstverständlich ihr vorletztes Hemd mit ihnen teilen.

"Neues aus der Welt" ist großes Kino, das die Corona-Pandemie via Netflix auf den (egal wie großen, aber im Vergleich zur Kinoleinwand kleinen) Bildschirm verbannt hat. Diese "News of The World" erzählen tatsächlich eine alte Wahrheit: Egal, ob Sieger oder Verlierer, ob links oder rechts, progressiv oder konservativ, ja sogar egal, ob reich oder arm – klug beraten ist, wer erkennt, dass wir alle im selben Boot sitzen.

Das mag nach banalem Kalenderspruch klingen, wenn man anderntags wieder Home-Office und Home-Schooling unter einen Hut zu bringen versucht. Aber es ist die Banalität des Richtigen, die sich im Kopf fest setzt. Diese Macht, banale Geschichten zu großem Leben zu erwecken, hat das Kino. Selbst, wenn es nur auf dem heimischen Bildschirm leuchtet.

Wertung: 8 von 8 €uro
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