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Plakatmotiv: Wehrlos - Die Tochter des Generals (1999)

Gut besetzter Krimi aus dem
Innenleben des US-Militärs

Titel Wehrlos – Die Tochter des Generals
(The General's Daughter)
Drehbuch Christopher Bertolini & William Goldman
nach dem Roman von Nelson DeMille
Regie Simon West, USA 1999
Darsteller

John Travolta, Madeleine Stowe, James Woods, James Cromwell, Timothy Hutton, Leslie Stefanson, Daniel von Bargen, Clarence Williams III, Peter Weireter, Mark Boone, John Beasley, Boyd Kestner, Brad Beyer, John Benjamin Hickey, Rick Dial u.a.

Genre Drama
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
18. November 1999
Inhalt

Es gibt drei Vorgehensweisen: die richtige, die falsche und … die der Army!

Colonel Paul Brenner ist Sonderermittler der US-Army – der Beste im Corps der C.I.D., der Criminal Investigation Division, Ermittler mit allen Befugnissen; auch der, jeden noch so hohen Dienstgrad an jedem Platz der Welt verhaften zu können. Brenner wird auf die Südstaaten-Basis Fort Mac Callum berufen. Dort hat der Drei-Sterne General "Fighting" Joe Campbell das Kommando. Die Army Legende gilt als einer der angesehensten Offiziere des Pentagon, ein Kriegsheld – und als solcher auch Vorbild für Brenner.

Unter Campbells Kommando dient auch seine Tochter, Captain Elisabeth Campbell, Psychaterin und Offizierin in der Abteilung für Psychologische Kriegführung (PsyOp). Vergangene Nacht hat man Captain Elisabeth Campbell auf dem Truppenübungsplatz von Fort Mac Callum gefunden – nackt, gefesselt, ermordet. Am Tatort trifft Brenner auf seine neue Partnerin Sarah Sunhill. Sie ist Expertin im Umgang mit Vergewaltigungsopfern.

Brenner, der gerne allein arbeitet, ist nicht gerade begeistert. Denn mit Sarah hat ihn mal mehr verbunden als nur berufliches Interesse. Das Duo beginnt mit Hilfe von Colonel Kent, einem alten Freund Brenners, den Fall zu bearbeiten. Sie erstellen ein Profil des Opfers, vergessen dabei niemals die Anweisung des Generals, den „Weg der Army” einzuhalten.

Zur Aufklärung bleiben gerade mal 36 Stunden. Danach muss das FBI informiert werden und damit würde aus der militärischen eine öffentliche Angelegenheit …

Was zu sagen wäre

Die abgeschlossene Welt der Soldaten ist eine von männlichem Habitus geprägte. Zwar gibt es mittlerweile Frauen im Dienst an der Waffe, aber der Korpsgeist ist weiterhin dem groben Machismo geweiht. Auf der Army Base in diesem Film prahlen die Soldaten unverblümt mit sexuellen Handlungen und lassen Frauen ihre ihnen zugewiesene Rolle spüren.

Im vorliegenden Film ist die smarte, attraktive Tochter von General Campbell brutal ermordet worden. Dieser General ist ein Star in der Welt der Militärs, seine Heldentaten haben es bis aufs Titelblatt des TIME Magazins geschafft. James Cromwell (The Green Mile – 1999; Schnee, der auf Zedern fällt – 1999; Schweinchen Babe in der großen Stadt – 1998; Deep Impact – 1998; Species 2 – 1998; L.A. Confidential – 1997; Star Trek – Der erste Kontakt – 1996; Larry Flynt – Die nackte Wahrheit – 1996; Eraser – 1996), der vor vier Jahren der fluffig Farmer Hogget in Ein Schweinchen namens Babe (1995) war, spielt den General mit verkniffenen Mundwinkeln, stolzer Haltung und der Autorität eines langen Soldatenlebens. Plakatmotiv (US): The General's Daughter (1999) Jetzt nimmt der Hochdekorierte seinen Abschied und wird als künftiger Vizepräsident der Vereinigten Staaten gehandelt. Das erzählt Simon West (Con Air – 1997) in den ersten zehn Minuten seines Films. Dieser unappetitliche Mord ist also mit größtmöglicher Fallhöhe verbunden; zumal der General in seinem Ermittler Paul Brenner einen großen Fan hat, weil der Offizier dem damals jungen Wachsoldaten in Vietnam mal die Angst vor der Nacht nehmen konnte.

Auch Paul Brenner ist kein Kind sexueller Traurigkeit. Das gehört im Hollywood-Kino offenbar immer noch zwingend dazu, darin den Verhaltensweisen in der Army gar nicht unähnlich. Brenner ist Single. Und für diesen Film spielt eine weibliche Bezugsperson in seinem Leben keine Rolle. Man kann aber wohl einen John Travolta nicht unbeweibt durch einen Film gehen lassen, also wird ihm ein ehemaliges Verhältnis zu seiner Ermittlungspartnerin ins Drehbuch geschrieben, die er dann ausführlich ausfragt, ob sie denn nun verheiratet sei und er gibt sich erst zufrieden, als sie erklärt, dass sie die Scheidung eingereicht habe. Wenn es später im Film um Gruppenvergewaltigung und andere fragwürdige sexuelle Handlungen geht, spielt die Frage, ob also aus den beiden vielleicht wieder was werden könnte, keine rolle mehr. Aber Travolta ist auch ohne aktuelle Gespielin als Mann installiert.

Travoltas Brenner fühlt sich in der Army wohl. Auch Brenner schmettert gerne kräftige Sprüche, droht Befragten mit gefletschten Zähnen mit dem Karriereaus, schlägt und würgt lustlose Gesprächspartner und hält schon mal Beweise zurück, wenn sie dem Ruf der Army oder einzelner Offiziere schaden könnten. John Travolta kommt mit der steifen Uniformrolle gut zurecht. (Zivilprozess – 1998; Der schmale Grat – 1998; "Welcome to Hollywood" – 1998; Mit aller Macht – 1998; Mad City – 1997; Im Körper des Feindes: Face/Off – 1997; Michael – 1996; Phenomenon – 1996; Operation Broken Arrow – 1996; Schnappt Shorty – 1995; Pulp Fiction – 1994; "Staying Alive" – 1983; Blow Out – 1981; Urban Cowboy – 1980; Grease – Schmiere – 1978; Nur Samstag Nacht – 1977; Carrie: Des Satans jüngste Tochter – 1976). Sein markantes Kinn und die nasale Stimme verleihen seinem Ermittlungsoffizier eine mühsam unterdrückte Wildheit, mit der er aus der braven Ermittlerrolle einen immer knapp am Militär-Klischee schrammenden hardboiled Cop macht.

Brenner muss sich nicht zügeln. Anders, als in der zivilen Welt gilt hier nicht das Recht auf einen Anwalt. In der Army sind Befragte verpflichtet, immer und wahrheitsgemäß zu antworten. Rau geht er zur Sache, weil ein Zeitfaktor hinzukommt. 36 Stunden nachdem die Leiche gefunden wurde, muss das (zivile) FBI hinzugezogen werden. Das würde die verschlossene Welt der Stabsoffiziere stören – und in diesem besonderen Fall aus den Angeln heben, wie sich im zweiten Drittel des Films herausstellt. Brenner und seine ungeliebte Ex-Geliebte Sarah Sunhill müssen also klaren Verstands mit militärischen Interessenkonflikten agieren. Madeleine Stowe spielt die Sunhill als coolen, besser aussehenden Kerl (Leben und lieben in L.A. – 1998; 12 Monkeys – 1995; "Blink – Tödliche Augenblicke" – 1994; Short Cuts – 1993; Die Abservierer – 1993; Der letzte Mohikaner – 1992; Fatale Begierde – 1992; Die Spur führt zurück – 1990; Stakeout – Die Nacht hat viele Augen – 1987). Sie stört es nicht, wenn Brenner bei Verhören zulangt. Sie selbst ist beim Tricksen gegenüber virilen und von sich selbst allzu überzeugten Captains auch nicht zimperlich.

Die Härte und die Tricks der Ermittler erscheinen nötig in dieser Welt, die Simon West als klandestin und den Regeln von Befehl und Gehorsam folgend inszeniert. Zackige Hab-Acht-Stellung, zackiger Gruß, glänzende Uniformen, keine Widerworte, wenn der Vorgesetzte gesprochen hat; der erwähnte Korpsgeist erklärt sich von selbst, die Männer sind nur in der Gruppe stark, sobald sie ohne Backup ihrer Kameraden sind, fallen sie wie ein welkes Blatt vom Baum.

"The General's Daughter" ist ein angenehm Fanfarenarmes Stück über das Innenleben des US-Militärs. Es besticht weniger durch originelle Einfälle als mehr durch das geschickt gebaute Drehbuch von Christopher Bertolini & William Goldman, das aus langen Verhören spannende Sequenzen macht, in denen James Woods (The Virgin Suicides – Verlorene Jugend – 1999; Ein wahres Verbrechen – 1999; John Carpenters Vampire – 1998; Contact – 1997; Das Attentat – 1996; Nixon – Der Untergang eines Präsidenten – 1995; Casino – 1995; "Getaway" – 1994; Auf die harte Tour – 1991; Salvador – 1986; KatzenAuge – 1985; Es war einmal in Amerika – 1984; "Gegen jede Chance" – 1984; "Videodrome" – 1983) als Vorgesetzter und undurchsichtiger Freund/Mentor der Toten heraussticht.

Der Film wirft einen kritischen Blick auf Geist und Ehre einer Armee, die sich als über den Gesetzen stehend begreift, und zu denen Frauen keinen Zugang haben.

Wertung: 9 von 11 D-Mark
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