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Plakatmotiv: Die drei Musketiere (1973)

Ein grandioses Abenteuer,
das Kinohelden neu definiert

Titel Die drei Musketiere
(The Three Musketeers)
Drehbuch George MacDonald Fraser
nach dem Roman von Alexandre Dumas
Regie Richard Lester, USA, Sp., Pan., UK 1973
Darsteller

Oliver Reed, Raquel Welch, Richard Chamberlain, Michael York, Faye Dunaway, Christopher Lee, Geraldine Chaplin, Jean-Pierre Cassel, Frank Finlay, Spike Milligan, Roy Kinnear, Georges Wilson, Simon Ward, Charlton Heston, Joss Ackland u.a.

Genre Abenteuer
Filmlänge 106 Minuten
Deutschlandstart
21. Dezember 1973
Inhalt

Der naive junge Draufgänger D'Artagnan taucht in Paris auf, um sich als Schwertkämpfer in Duellen einen Namen zu machen. Dabei bekommt er es mit den drei Titelhelden zu tun: dem undurchsichtigen Athos, dem frommen Aramis und dem fröhlichen Porthos. Problemlos gelingt es ihm, alle drei zu beleidigen und so gleich drei Duelle bestreiten zu können. Da tauchen jedoch die Garden des Kardinals Richelieu auf, denn dieser hat Duelle verboten.

Bei dem darauf folgenden Schwertkampf dürfen alle vier ihr ganzes Können unter Beweis stellen, und schnell werden sie Freunde. Als größere Herausforderung stellt sich jedoch heraus, die Ehre der Königin Anna zu bewahren. Denn der böse Kardinal Richelieu will den König stürzen und selbst an die Macht kommen. Um sein Ziel zu erreichen, plant er eine Intrige: Er will die Königin dazu benutzen, den König und den Duke of Buckingham zum erneuten Krieg Frankreichs gegen England aufzustacheln.

Tatkräftige Unterstützung bekommt er von dem ehemaligen, in Ungnade gefallenen Musketier Rochefort und Lady de Winter, die ihre Reize in Paris wie auch in London einsetzt, um dem Kardinal zu dienen. Die Königin erkennt die Gefahr und möchte einen warnenden Brief nach London an den Duke schicken. Bote soll der tapfere D'Artagnan sein. Und Unterstützung bekommt dieser von seinen Freunden, den drei Musketieren …

Was zu sagen wäre

Kämpfe, wann immer Du kannst!“, lautet der Rat seines Vaters, und den nimmt sich der junge Gascogner D'Artagnan sehr zu Herzen. Bald hat er drei beste Freunde, die Musketiere des Königs – trunksüchtig, promiskuitiv und rauffreudig. Diese Haltung unter Ehrenleuten ist im Paris des heimlichen Herrschers Kardinal Richelieu nicht die Ausnahme, sondern der Alltag: „Darf ich fragen in aller Bescheidenheit. Aus welchem Anlass wird von uns erwartet, dass wir sterben?“ „Wenn Ihr in einen Feldzug zieht, gibt da der König Gründe? Er sagt, Portos kämpft! Und Ihr kämpft.“ „Stimmt, das tue ich.“ „Dann gehe ich und lasse mich töten. Ist das Leben so viele Fragen wert?“ „Nein, nein nein nein …“ Richard Lester durchkreuzt die morbide Strenge des mittelalterlichen Dramas mit feiner Ironie.

Er führt uns in eine sich raufende Gesellschaft in der Pariser Haute Volee, in der ein Kardinal hinter den Kulissen die große Weltpolitik betreibt, während alle anderen damit beschäftigt sind, die eigene Libido zu befriedigen. Die Not des darbenden Volkes? Darum sollen sich andere kümmern. Der Film streift die Armut mit plastischen Szenen in Tavernen oder bei Vermietern billiger Absteigen. Sie sind die witzige Basis eines Dramas, das er auf der Ebene des mittleren Managements austrägt. Die Titelhelden – Musketiere, Fürsten, Kardinäle und König – haben Spaß daran, sich zu raufen. Sie haben Spaß an Frauen und an ihrer Ehre, die sie nötigt Frankreich zu verteidigen. Da lässt einer nicht aus zynischem Kalkül die Leiden des Volkes am Vorabend der französischen Revolution außen vor. Lester ist ein Meister des Nebenbei. Die Grausamkeiten des royalen Regimes, erkennen wir am Bildrand. Einmal verlässt der Kardinal sein Büro durch einen Geheimgang, der ihn in den Folterkeller führt. Da hängen, während der Kardinal Gespräche führt, die armen Delinquenten in ihren Käfigen von der Decke, in denen sie verhungern. Die Grausamkeit kirchlich-royaler Diktatur wird an vielen Stellen sichtbar, aber statt sich aufzudrängen, verdeutlicht sie nur die Auswirkungen der Torheiten in den oberen Palastetagen. Nebenbei.

Die Szenen im Zentrum der Leinwand sind nicht weniger vielsagend. Es gibt jede Menge Fechtszenen, davon auch einige auf den obligatorischen Treppenstufen. Aber Lester geht lässt die Kämpfe lieber im Klosterhof zwischen aufgehängten Bettlaken inszenieren, auf dem Hof einer Gasstätte, wo Brunnen, Fässer und allerlei Landwirtschaftsgerät als Schwertersatz gilt. Plakatmotiv (DDR): Die drei Musketiere (1973) Einmal stehen sich D'Artagnan und des Kardinals rechte Hand, Rochefort („Er ist des Kardinals wandelnde Klinge!“) im nächtlichen Wald gegenüber, man sieht die Hand vor Augen kaum, drum tragen beide in der einen Hand das Schwert, in der anderen eine Laterne. Ihr Zweikampf wird zum furiosen Ballett. „Wenn er verblutet, ist es sein Pech.

Michael York gibt einen wunderbar landeiigen D'Artagnan ab, aufrichtig, anständig und mit viel zu brav für das Pariser Leben. Die gewisse Robustheit muss ihn Constance lehren, Zofe der Königin, die Raquel Welch (Tote Bienen lügen nicht – 1969; Bandolero – 1968; "Eine Million Jahre vor unserer Zeit" – 1966; Die phantastische Reise – 1966) mit bebender Brust und Leidenschaft spielt. Oliver Reed als mächtiger Athos ist eine Wucht. Aber die schönste Überraschung ist das Schurkenduo: Graf Dracula Christopher Lee (Dracula jagt Mini-Mädchen – 1972; Das Privatleben des Sherlock Holmes – 1970; Dracula – 1958) als Rochefort und Charlton Heston (Jahr 2022 … die überleben wollen – 1973; "Der Omega-Mann" – 1971; Planet der Affen – 1968; Der Verwegene – 1967; Sierra Charriba – 1965; El Cid – 1961; Ben Hur – 1959; König der Freibeuter – 1958; Weites Land – 1958; Die zehn Gebote – 1956; Am fernen Horizont – 1955; Pony-Express – 1953) als Kardinal Richelieu („Erspart mir die Aufzählung all der Dinge, die Ihr nicht wisst, sonst ist Buckingham in Calais, bevor Ihr fertig seid.”). Nachdem er die übergroßen Heldenfiguren schon vor mehr als zehn Jahren gespielt hat, ist Heston intriganter Kardinal ein freundlicher Mann von ausgesuchter Höflichkeit, der seine mörderischen Spitzen mit einem Lächeln setzt. Zu diesem Duo Intrigantes gesellt sich Faye Dunaway (Little Big Man – 1970; Thomas Crown ist nicht zu fassen – 1968), die als zischelnde, umgarnende, doppelzüngige Mylady DeWinter dem Bild einer eiskalten Hexe ein neues Bild hinzugibt.
Lester gibt dem Genre des Abenteuerfilms eine neue Richtung, als hätte er sich den Spaß der Zeichentrickabenteuer aus dem Disney-Studio – parallel zu den "Drei Musketieren" bringt Disney seine Robin Hood-Version – genommen und ihn mit echten Menschen besetzt. Lesters Musketiere sind kindlich albern und verspielt. Und ihr Spielbrett reicht vom einfachen Bauern bis zum König. Der ist selbst ein Tor. Seine Frau schätzt die Aufmerksamkeit des britischen Thronfolgers mehr als die des eigenen Mannes und schnell hängt der Weltfriede an der Libido und der Leidenschaft des Königshauses. Der Kampf um die Liebe der französischen Königin zum britischen Lord Buckingham spiegelt sich im Kampf D'Artagnans um die Liebe zu Constanze. Die Kämpfe sind wörtlich zu verstehen: Die Männer kämpfen um die Ehre, die Liebe und das Königreich. Lester wandelt den heilige Ernst, mit dem dies Alexandre Dumas in seinem Buch beschreibt, in einen bunten, luftigen, fröhlichen Abenteuerfilm. Dabei teilen die Helden die Probleme ihrer Zuschauer.

Denn nur, weil man als Musketier einen König verteidigt, ist man ja noch nicht wohlhabend. Unter Lesters Regie sind die noblen Musketiere charmante Diebe oder clevere Räuber. aber wie auch immer liefern sie wenigstens eine gute Show. Wenn es sein muss, bieten die Musketiere einen guten Schaukampf in einer Taverne, in welchem sie sich augenscheinlich bedrohen, während ihres vorgetäuschten Kampfes Hühnchen und Gemüse vom Teller unbeteiligter Zuschauer stibitzen und zum Nachspülen Wein aus den prallen Schläuchen absaugen. Diese Musketiere räumen ordentlich auf mit der Legende, dass Gut sein bedeutet, gleichzeitig ein strahlend unschuldiger Engel zu sein.

Wertung: 8 von 8 D-Mark
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