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Plakatmotiv: Der Prinz und der Bettler (1977)

Ein bunter Abenteuerfilm, der
sein großes Potenzial verfehlt

Titel Der Prinz und der Bettler
(The Prince and the Pauper)
Drehbuch Berta Domínguez D.& Pierre Spengler & George MacDonald Fraser
nach dem Roman "Der Prinz und der Bettelknabe" von Mark Twain
Regie Richard Fleischer, UK, USA, Ungarn 1977
Darsteller

Oliver Reed, Raquel Welch, Mark Lester, Ernest Borgnine, George C. Scott, Rex Harrison, David Hemmings, Harry Andrews, Julian Orchard, Charlton Heston, Murray Melvin, Lalla Ward, Felicity Dean, Sybil Danning, Graham Stark, Preston Lockwood, Arthur Hewlett, Tommy Wright, Harry Fowler, Richard Hurndall, Dan Meaden, Tyrone Cassidy, Don Henderson, Sydney Bromley, Ruth Madoc, Dudley Sutton, Roy Evans u.a.

Genre Abenteuer, Kostüm
Filmlänge 108 Minuten
Deutschlandstart
30. Juni 1977
Inhalt

London im 16. Jahrhundert: Tom ist trotz seines jungen Alters ein erfahrener Dieb, ganz nach dem Vorbild seines tyrannischen Vaters, dem es im Alter an Geschicklichkeit fehlt. Auf der Flucht vor der königlichen Wache versteckt er sich eines Tages in einem Kamin, durch den er versehentlich nach unten fällt – und direkt im Zimmer des Prinzen von Wales landet.

Prinz Edward fällt sofort die verblüffende Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden auf und er beschließt, dem Hof einen Streich zu spielen: Er tauscht seine Kleidung gegen die von Tom, um auf einem Ball als Bettler aufzutreten. Allerdings kommt er gar nicht bis zum Ball, weil er vorher von der königlichen Wache aufgegriffen wird, die ihn aus dem Palast wirft.

Nun sind die beiden jungen Männer in der Rolle des jeweils anderen gefangen. König Heinrich VIII. verstirbt an einer geheim gehaltenen Krankheit, weshalb ihm der ahnungslose Tom auf den Thron folgen muss. Währenddessen kämpft der als verrückt geltende Edward darum, den Hof wieder betreten zu können. Dabei findet er im Vagabunden Miles, der sich nach jahrelangem Einsatz in fernen Kriegen nach seiner Geliebten Lady Edith sehnt, einen unerwarteten Freund.

Durch die Herausforderungen des Bettlerlebens und die Freundschaft zu Miles lernt der Prinz, gerechter zu handeln …

Was zu sagen wäre

Das Leben der Könige und ihrer Thronfolger ist ein schwieriges. Was soll der Edward, der Prince of Wales, bloß anziehen zum großen Maskenball, der ihn in die Gesellschaft einführen soll? Hach, wie freut er sich, als ihm der Bettlerjunge vor die Füße fällt. Als Bettler will er zum Maskenball schreiten, das ist originell. Mit dieser zynischen Note wird der Hochadel in den Film eingeführt, nachdem wir schon wissen, dass das einfache Volk, dass der Bettler, im Dreck lebt und an den Grenzen des Reiches die Schmutzarbeit für des Königs Machtpolitik verrichtet. Der ist Heinrich VIII, der Mann der seine Frauen köpfen ließ, wenn er ihrer überdrüssig wurde.

Diesen König in den letzten Tagen vor seinem Tod spielt Charlton Heston mit seinem ganzen Weltstarhabitus und in prachtvollen Gewändern auf der linken Gesäßbacke herunter (Schlacht um Midway – 1976; Erdbeben – 1974; Die vier Musketiere – 1974; Airport '74 – Giganten am Himmel – 1974; Die drei Musketiere – 1973; Jahr 2022 … die überleben wollen – 1973; Der Omega-Mann – 1971; Herrscher der Insel – 1970; Planet der Affen – 1968; Der Verwegene – 1967; Sierra Charriba – 1965; 55 Tage in Peking – 1963; El Cid – 1961; Ben Hur – 1959; König der Freibeuter – 1958; Weites Land – 1958; Im Zeichen des Bösen – 1958; Die zehn Gebote – 1956; Am fernen Horizont – 1955; Pony-Express – 1953) und verschwindet nach wenigen Drehtagen aus der Produktion.

Irgendwer hat diese Mark Twain-Geschichte mit dem royal-bürglichen Identitätentausch ausgegraben, die ja in der Tat Kinopotenzial in sich trägt, man denke nur an die Legende um den Mann mit der Eisernen Maske. Und nachdem Richard Lesters Musketierfilme so erfolgreich gewesen sind, hat man die zentralen Schauspieler halt nochmal vor die Kamera geholt und was Ähnliches versucht: Mantel, Degen, flotte Sprüche, Raquel Welchs Dekoltée und eine abenteuerlich herbei halluzinierte Geschichte. Plakatmotiv (UK): Crossed Swords (1977) Und dann hat man sich wohl um die Vermarktung gekümmert, bevor der Film fertig konzipiert war. Und plötzlich waren Schauspieler, Stars, große Namen wichtiger, als ein ausformuliertes Drehbuch. Das nämlich fehlt hier. 

Mark Lester (Fahrenheit 451 – 1966) spielt die Hauptrollen, sowohl den Thronfolger als auch den Bettlerjungen, kommt aber trotz anderslautender Angaben im Drehbuch kaum über Statisterie hinaus. Dieie Produktion kümmert sich lieber um seine prominenten Gaststars. Ernest Borgnine (Die Höllenfahrt der Poseidon – 1972; The Wild Bunch – 1969; Das dreckige Dutzend – 1967; Der Flug des Phoenix – 1965; Stadt in Angst – 1955; Verdammt in alle Ewigkeit – 1953) spielt des Bettlers impulsiven, herzlosen Vater, George C. Scott spielt einen politisch interessierten Räuberhauptmann, der zum ersten Gewerkschaftsfunktionär des Königreichs heranwächst (Die Hindenburg – 1975; Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben – 1964; Haie der Großstadt – 1961), Rex Harrison den loyalen Duke of Norfolk, David Hemmings einen intriganten Bruder und so weiter. Die Auftrittminuten für all diese großen Namen rauben dem Film die Energie, die er bräuchte, um eine spannende, tiefgehende Geschichte mit Inhalt auszustatten.

Es geht immerhin um eine veritable Staatskrise: Der König ist tot, sein Nachfolger ist ein ungebildeter Doppelgänger, das Königreich steht vor dem Abgrund. Interessiert den Film aber nicht, und seine Hauptfiguren auch nicht. Die sind alle mit ihren privaten Liebes- und Wirtschafts-Problemchen beschäftigt, die wichtiger sind, als eine Regierungskrise im fernen London – wahrscheinlich, weil den Filmemachern Könige und Prinzen und ein geordnetes Staatswesen prinzipiell nicht geheuer sind. Die gülden gewandeten Schranzen bei Hofe werden als liebedienerische Idioten dargestellt, die ihrem potenziellen König schmeicheln, egal, was der tut. Als Bettlersohn Tom im Thronfolgergewand bei einem großen Festmahl die seidene Serviette zur Seite legt, „sie soll nicht schmutzig werden“, und dann mit den Fingern isst, ist die Gesellschaft ganz angetan: „Er beschreitet neue Wege!“ Weiter denkt niemand.

Stattdessen erleben wir einen Bettelknaben, der auch ungebildet irgendwann Spaß am Regieren entwickelt, weil er scharf auf eine Hofdame ist, die gerne Königin wäre, und einen Königssohn, der sich in freier Wildbahn die Autorität des gerechten und gütigen Herrschers aneignet. Schön wenigstens, dass dem Thronfolger nach seiner unfreiwilligen Reise durchs Land der Diebe, Erbschleicher und Bettler dann doch noch einfällt, dass der größte Spaß nicht die Verkleidung in einen Bettler ist, sondern die in den König noch viel toller ist.

Weder diskutiert der Film aber eine möglicherweise notwendige Machtausübung durch die Obrigkeit, noch die Vorteile einer Machtergreifung durch das Volk (denn wir wissen ja aus dem Geschichtsunterricht, dass auf Heinrich VIII. keine Demokratie folgte, sondern die Virgin Queen Elizabeth I.). Der Film will unterhalten. Sonst nichts. Und es lässt sich nicht leugnen: Das Zuschauen macht Spaß. Nährt aber weder den künstlerisch, noch den historisch interessierten Geist nicht, und ist folglich schnell verdaut und vergessen.

Eine Ausnahme bietet Oliver Reed, der hier eine Art Bud Spencer des englischen Königs gibt ("Lisztomania" – 1975; Tommy – 1975; Die vier Musketiere – 1974; Die drei Musketiere – 1973; Mörder GmbH – 1969; "Oliver!" – 1968). Er darf sich bei jeder Gelegenheit mit einer Überzahl prügeln und entwickelt sich im letzten Drittel doch noch zum emotionalen Zentrum des Films. In ihn ist sogar Raquel Welch verknallt (Die vier Musketiere – 1974; Die drei Musketiere – 1973; Tote Bienen singen nicht – 1969; Bandolero – 1968; Die phantastische Reise – 1966). Reeds Miles Hendon bekommt am Ende seine Baroness, aber wichtiger ist dem Film, dass er sich das Recht erstreitet, alleine sturzbesoffen vor des Königs Füßen zu liegen und zu lallen. Heldenkino, also Filme, in denen Menschen ihre Idee durchsetzen, habe ich mir immer anders vorgestellt.

Nachdem der Film nicht sehr erfolgreich lief, hatte das Feuilleton bald den vermeintlichen Hauptdarsteller als Schuldigen ausgemacht: Prompt beendete der bereits als Kinderstar mehrere Jahre erfolgreiche Mark Lester seine Filmkarriere, kaufte sich einen Ferrari, um damit 18 Monate durch Europa zu touren.

Wertung: 4 von 9 D-Mark
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