Tommy ist psychosomatisch geschädigt. Seitdem er als Kind zufällig mitansehen musste, wie sein Stiefvater seinen leiblichen Vater umgebracht hat, kann der Junge weder sehen noch hören und ist in der geistigen Entwicklung stehen geblieben.
Während seine Jugend entsprechend trostlos und hart war, findet er erst im Erwachsenenalter etwas, dass ihn glücklich macht: Flipper spielen. Sein Erfolg als Spieler nimmt stetig zu, bis er eines Tages der Weltchampion ist. Das bringt ihm und seiner Familie nicht nur Ruhm und Reichtum, sondern auch die spontane Heilung seiner psychischen Abkapselung.
Nun bringt er anderen seine Sicht der Welt näher und wird mehr und mehr zu einer religiösen Kultfigur …
Und plötzlich singen Tina Turner und Elton John Songs, die ich seit eigentlich immer von der Schallplatte kenne, die in unserem Haushalt eine große Rolle spielt. "Tommy" ist eine Rockoper, sagen sie dem Jungen, der ich Anfang der 1970er Jahre bin, und ich kenne alle diese Lieder, weil die Langspielplatte "Tommy by The Who" dauernd bei uns läuft. Und ich wurde mit ins Kino genommen, in den dazugehörigen Film. Und plötzlich sangen Tina Turner und Elton John Lieder, die bisher immer der Sänger von der Platte gesungen hatte. Da erkannte ich erst, dass da unterschiedliche Charaktere eine Geschichte singen, obwohl auf der Schallplatte die Stimme immer dieselbe ist.
In diesem Film geht mir ein Universum auf. Ich habe kaum verstanden, worum es geht – ich bin ein Teenager von 14 Jahren – aber ich habe schon erkannt, dass auf dieser Platte anders gesungen wurde, als in Vaters Opern oder in den Schlagern in Dieter Thomas Hecks "Hitparade", dass also der fremdsprachige Gesang womöglich einen Inhalt transportiert.
Diesen Inhalt transportieren plötzlich Turner und John. "Acid Queen" und "Pinball Wizard" sind schon auf der Schallplatte großartige Nummern gewesen, aber auf der Leinwand in deren Interpretation nun echte Hammernummern. Auch die meisten anderen Lieder werden nicht von den Sängern auf der Platte gesungen, sondern in verteilten Rollen von den Schauspielern – Mutter, Stiefvater, Uncle Ernie usw.
Die Musik, die ich seit Jahren aus den Boxen in unserem Wohnzimmer kenne, passt in diesem Film, der doch diese Schallplatte verfilmt, kaum zu meiner bisherigen Hörerfahrung. Dafür sehe ich eine wilde, bunt kostümierte, durchgedrehte Geschichte, die mich lehrt, dass Schallplatten mehr sind, als fingerschnippende Musik mit Gesang. Dass "Tommy by The Who", die Platte, ein Konzeptalbum ist, dass die da das große Drama mit Weltkrieg-II-Verlusten, vaterloser Gesellschaft, Drogentraumata und Erlöserfantasien erzählen, ist mir erst im Kino klar geworden. Klar: Ich war viel zu jung für den Film. Aber dieser Film wurde mein großer Bruder, der mich in seine bezaubernde Welt eingeführt hat.
Ken Russell (Das Milliarden Dollar Gehirn – 1967) hat zusammen mit der Rockband ganze Arbeit geleistet. Sprechszenen bietet der Film nicht, alles ordnet sich der musikalischen Dramaturgie unter – eine Oper eben. Und es ist aufregend zu erleben, wie die Stücke von der Schallplatte, in denen die Singstimme immer die Hauptrolle spielte, ohne dass ich sie hätte übersetzen können oder wollen, durch die Filmkamera zum visuellem Leben erweckt wird. Eine der wenigen Zeilen, die ich mitsingen konnte, ohne freilich zu wissen, worum es ging – „You didn't hear it, you didn't see it, You won't say nothing to no one, Ever in your life, you never heard it, Oh, how absurd it, all seems without any proof“ – enttarnt die Leinwand als Trauma des jungen Tommy, der gerade erlebt hat, wie sein Stiefvater seinen unerwartet aus dem Krieg heimgekehrten Vater erschlagen hat und nun von ihm und seiner Mutter ins Gebet genommen wird, nur ja nie jemandem was davon zu erzählen. Worauf Tommy zu jenem Deaf, Dumb and Blind wird, von dem auf der Platte die Rede ist. Dort, auf der Platte, singen immer Roger Daltrey und Pete Townshend. Hier nun als Tommys Mutter auch Ann-Margret (Die Kunst zu lieben – 1971; Cincinnati Kid – 1965). Oder als Tommys unangenehmer Stiefvater Oliver Reed (Die vier Musketiere – 1974; Die drei Musketiere – 1973; Mörder GmbH – 1969; "Oliver!" – 1968). Und sogar Jack Nicholson gibt sich ein Stelldichein als verrückter Psychiater, der Tommy gerne den Rest geben würde (Einer flog über das Kuckucksnest – 1975; Chinatown – 1974; Die Kunst zu lieben – 1971; Easy Rider – 1969; Psych-Out – 1968; Der Rabe – Duell der Zauberer – 1963; Kleiner Laden voller Schrecken – 1960). Russell gibt sich alle Mühe, dem Coming of Consciousness Raum zu geben, sein Film ist ein schriller Ritt durch Bilder unappetitlicher Zwischenmenschlichkeit. Der in seine Schwärze eingeschlossene Junge wird von einer Irren zum nächsten Irren geschoben, die ihn heilen sollen aber nicht können, bis seine Finger die Vibrationen eines Flipperautomaten fühlen, er zum Pinball Wizard aufsteigt und zu seiner Himmelfahrt ansetzt. Dem zu einem goldgelockten Jüngling herangewachsenen Tommy folgen die Mühseligen und Beladenen in der Hoffnung, seine Hand möge sie gegen einen kleinen Obolus von ihren Qualen erlösen. Schnell wird aus der neuen Kirche eine reine Gelddruckmaschine.
All das erschließt sich mir nach und nach im Kino und höre die Platte künftig mit anderen Ohren. Und hören werde ich sie sicher noch häufiger. Denn so aufregend sich die Bilder auf der Leinwand zu den mir bekannten Melodien entfalten, so selten erkenne ich die eigentlichen Stücke von der Schallplatte wieder und stehe zwischenzeitlich also vor dem Problem, dass die musikalische Vorlage doch eigentlich ganz anders war. Sonst heißt es oft, der Roman ist besser. Bei "Tommy" stehen beide Werke nebeneinander, die Rockoper, deren Texte ich mir jetzt ordentlich durchlesen werde erzählt das Drama in aufregenden Noten und Harmonien, der Film in aufregenden Bildern.
Die Geschichte, die dieses Konzeptalbum erzählt, ist, wenn man wirklich darin eintaucht, komplex. Der für den jungen Teenager in mir sehr bunte, widerstreitende Film wird dieser Komplexität gerecht.
