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Plakatmotiv: Cincinnati Kid (1965)

Ein Duell mit Karten
statt mit dem Colt

Titel Cincinnati Kid
(The Cincinnati Kid)
Drehbuch Ring Lardner Jr. + Terry Southern
nach dem Roman "Der Pokerkönig" ("The Cincinnati Kid") von Richard Jessup.
Regie Norman Jewison, USA 1965
Darsteller

Steve McQueen, Ann-Margret, Karl Malden, Tuesday Weld, Edward G. Robinson, Joan Blondell, Rip Torn, Jack Weston, Cab Calloway, Jeff Corey, Theodore Marcuse, Milton Selzer, Karl Swenson, Émile Genest, Ron Soble u.a.

Genre Drama
Filmlänge 102 Minuten
Deutschlandstart
14. Januar 1966
Inhalt

New Orleans, 1936. Eric Stoner, genannt The Cincinnati Kid hat sich einen beachtlichen Ruf als Pokerspieler erarbeitet. Doch er möchte der Beste sein. Als der legendäre Spieler Lancey Howard, der als unangefochtener König des Five Card Stud gilt, nach New Orleans kommt, , setzt Kid alles daran, gegen die Koryphäe anzutreten. Doch der standesbewusste Howard zeigt zunächst kein Interesse daran, mit diesem jungen Herausforderer zu spielen.

Schließlich gelingt es Cincinnati Freund Shooter, Howard für eine äußerst lukrative Runde an den Pokertisch zu bringen. Es kommt zum alles entscheidenden Duell, wofür Cincinnati Kid gar gewillt wäre, seine Beziehung zur hübschen Christine aufs Spiel zu setzen.

Gangsterboss und Millionär Slade möchte, dass Stoner um jeden Preis gewinnt. Zuvor hatte ihn Howard in einem Spiel gedemütigt und nun möchte Slade Howard schwitzen sehen. Dafür ist er bereit, das Spiel manipulieren zu lassen.

Plakatmotiv (It.): Cincinnati Kid (1965)Er erpresst Cincinnatis besten Freund Shooter, der die Position des Gebers im Pokerspiel einnimmt und Stoner zwingt ihn, zu Cincinnatis Gunsten auszuteilen …

Was zu sagen wäre

Anfangs wird Eric Stoner zu einer Partie Pool Billard eingeladen. „Danke, ist nicht mein Spiel“, lehnt der ab. Richtig: Pool war das Spiel von "Fast Eddie" Felson, den Paul Newman vor vier Jahren in dem anderen großen Spielerfilm, Haie der Großstadt, gespielt hat. Eric Stoner, den alle Cincinnati Kid nennen, spielt Poker. Und er steht, wie einst Eddie Felson gegen Minnesota Fats, vor der Partie seines Lebens, gegen den Besten seiner Zunft, Lancey Howard: „Ich will keinen Unterricht von ihm. Ich will alles was er hat!“ Dieser Film ist für den Pokerspieler, was Haie der Großstadt für den Poolspieler ist.

Norman Jewison erzählt seine Geschichte in New Orleans, im schwülen, hier oft verregneten French Quarter, abseits aller Touristenromantik. Diese Welt ist bevölkert von Spielern und Betrügern. Oder Betrügern und Spielern, ganz wie man's nimmt. Sie wetten auf Pool, auf Karten, auf Hahnenkämpfe, auf alles, dessen Ausgang volatil ist. Jewison inszeniert diese Duelle wie Ringkämpfe, in denen die Zuschauer mehr über das Spiel aussagen, als die Spieler selbst. Immer wieder blendet er in Großaufnahmen verschwitzter, gieriger, müder, verschlagener Gesichter, die zu Spielern gehören, die 25 Dollar setzen. Kleine Fische.

Zwischen diesen Glücksrittern, die heute ganz oben, morgen ganz unten sind, schweben die Frauen. Elfengleiche Wesen Mitte Zwanzig, die sich die Erfolgreichen raus picken; oder die früh bei einem hängen geblieben sind und keinen Ersatz mehr finden. Melba ist so eine. Sie gehört zu Shooter, einem alternden Spieler, dem Lancey Howard am Spieltisch einst das Genick brach. Jetzt spielt Shooter nur noch um kleine, überschaubare Einsätze; in dieser Welt ist er ein ehrbarer Mann, den alle respektieren, niemand fürchtet und den Elba verachtet. Sie, die beim Puzzle die Steine zurecht feilt, damit die da passen, wo sie sie haben will, glaubt, nur wer den Mumm hat, nötigenfalls für den Sieg zu betrügen, ist ein echter Mann.

Elba hätte gerne den Cincinnati Kid, der junge Spieler, guter Freund von Shooter, der beim Poker immer gewinnt – sogar ohne zu betrügen. Steve McQueen (Gesprengte Ketten – 1963; Die glorreichen Sieben – 1960; Wenn das Blut kocht – 1959) spielt Kid als besonnenen Zeitgenossen, der nicht viele Worte macht. Für den Spielschulden Ehrenschulden sind. Kid passt nicht in diese Welt der Kleinganoven und billigen Einsätze. Er träumt von der Spitze, von First-Class-Hotels und Miami. Gleichzeitig hat er noch die romantische Vorstellung von Frau, Familie und der heilen Welt, personifiziert in der jungen, blonden Tuesday Weld, die seine Freundin Christine spielt. Eric Stoner ist der Nachwuchs, der am Thron der Etablierten rüttelt und zerrt, weil er längst sich selbst da oben sieht, während unten schon die nächsten an seinem Status rütteln – der Junge, der Kid immer die Schuhe putzt, fordert ihn regelmäßig zum Münze werfen heraus; am Ende gewinnt er gegen den "Alten", den der andere Alte, Lancey, gerade rasiert hat.

Plakatmotiv (US): Cincinnati Kid (1965)Kid gegenüber am Tisch sagt ihm Lancey Howard, Romantik wäre in ihrem Metier eher hinderlich: „Man nimmt sich eine Frau, wenn man nicht spielt. Das erledigt sich dann von selbst.“ Wobei das für ihn natürlich nur noch eine akademische Frage sei, sagt der alte Fuchs, dem der große Edward G. Robinson mit der Autorität seiner jahrzehntelangen Erfahrung Grandezza verleiht (Cheyenne – 1964; Die zehn Gebote – 1956; Schakale der Unterwelt – 1955; Gangster in Key Largo – 1948; Gefährliche Begegnung – 1944; Frau ohne Gewissen – 1944; Orchid, der Gangsterbruder – 1940; "Das Doppelleben des Dr. Clitterhouse" – 1938; Kid Galahad – Mit harten Fäusten – 1937; Wem gehört die Stadt? – 1936; Der kleine Caesar – 1931).

Ursprünglich sollte Spencer Tracy (Vater der Braut – 1950; Ehekrieg – 1949; Die Frau von der man spricht – 1942) den Robinson-Part übernehmen, er winkte aber ab und so wurde Tracy durch Robinson ersetzt. Ein Glücksgriff. Mit McQueen steht ein Vertreter der neuen Hollywoodgeneration einem der großen Namen des alten Hollywoods gegenüber. Zwischen ihnen steht Karl Malden als Shooter (Cheyenne – 1964; Das war der wilde Westen – 1962; Der Gefangene von Alcatraz – 1962; "Die Faust im Nacken" – 1954; Ich beichte – 1953; "Endstation Sehnsucht" – 1951; "Okinawa" – 1951). Malden spielt die interessanteste, weil kompexeste Figur. Shooter weiß, dass seine große Zeit vorbei ist, dass seine Frau ihn verachtet. Malden spielt das mit Melancholie in der Stimme und Feuer in den Augen, als er noch einmal Zugriff auf den Inneren Kreis des Spiels bekommt. Ann-Margret, knapp 30 Jahre jünger als Karl Malden, spielt dessen Frau. Sie ist meist nur mit knapper Satinwäsche bekleidet und blickt bemüht erotisch. Beide spielen eine zentrale Rolle in einer Nebenhandlung, in der einer der Geldsäcke von New Orleans, Slade, das entscheidende Pokerspiel beeinflussen möchte, weil er mit Lancey Howard noch eine Rechnung offen zu haben glaubt.

Es bleibt eine Nebenhandlung, die Steve McQueen während dieses Spiels eine Szene spendiert, in der er Kids ehrbaren Sportsgeist zeigen kann. Das Pokerspiel, bei dem Jewison weitgehend auf Musik verzichtet, nimmt das letzte Viertel des Films ein und ist, auch wenn ich keine Ahnung von den exakten Regeln des Stud Poker habe, spannend inszeniert. Mit launigen Milieutypen – Joan Blondell als Lady Fingers sorgt für Erholung im Spannungsaufbau –, kurzweiligen Dialogen und immer wieder diesen Duellinszenierungen, denen schwitzende Gesichter beiwohnen, in denen Zigarren stecken.

Zunächst sollte Sam Peckinpah Regie führen (Sierra Charriba – 1965). Der wollte aber schärfere Erotik haben, nicht einfach Tuesday Welt und Ann-Margret in knappem Satin; Peckinpah wollte nackte Tatsachen und hatte dafür auch schon Sharon Tate geholt. Das ging allerdings Produzent Martin Ransohoff gegen den Strich, woraufhin Peckinpah, der seit einem großen Krach mit dem Produzenten seines vorherigen Films in Hollywood als Regisseur ohnehin einen schweren Stand hatte, die Dreharbeiten abbrach. Nach seinem Rückzug kam auch Tate nicht mehr in den Film zurück.

Das verregnete, düstere Setting, die bewegliche Kamera, der elegante Schnitt (Editor Hal Ashby wurde später selbst ein wichtiger Regisseur des New Hollywood) und der Titelsong von Ray Charles machen "Cincinnati Kid" zu einem atmosphärisch dichten Drama aus der Halbwelt der Zocker.

Wertung: 7 von 8 D-Mark
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