Die exilrussische Gräfin Natascha schlägt sich in der High Society Hongkongs als Escortdame durch. An Bord eines vor Anker liegenden Schiffes lernt sie den milliardenschweren Öl-Erben Ogden Mears kennen und wittert ihre Chance: Sie versteckt sich im Schrank seiner Kabine, um auf diese Weise illegal in die USA einzureisen.
Als der verdutzte Ogden die blinde Passagierin entdeckt, ist er außer sich, denn als hochrangiger US-Diplomat darf er unter keinen Umständen mit einer Dame so zweifelhaften Rufs gesehen werden. Während er hektisch nach einem Ausweg aus der Situation sucht, legt das Schiff ab. Zähneknirschend teilt Ogden sich nun die Kabine mit der launischen Gräfin.
Bis zur nächsten Station in Honolulu muss das Problem gelöst werden, denn dort kommt Ogdens Ehefrau Martha an Bord. Um Natascha zu helfen, arrangiert er eine Scheinehe mit seinem Butler Hudson – doch damit fangen die eigentlichen Komplikationen erst an. In all dem Chaos wird Ogden bewusst, dass er sich in Natascha verliebt hat. Doch um mit ihr zusammenleben zu können, müsste er seine Karriere als Botschafter opfern …
Das Bemerkenswerteste an diesem Film aus heutiger Sicht – ich sehe den Film erstmals Ende der 1970er Jahre – ist die Besetzung in den Hauptrollen. Marlon Brando und Sophia Loren strahlen miteinander überhaupt nichts aus. Sie spielen, als würden sie nur ans Set kommen, wenn die Kamera drehfertig ist und sobald sie wieder aus ist, in ihren jeweiligen Garderoben verschwinden.
Der Film reißt durchaus ernstzunehmende Themen an, etwa das Schicksal junger Flüchtlingsfrauen – hier sind es stellvertretend für alle überall in der Welt russische Frauen, die sich in Shanghai und Hongkong durchschlagen mussten – denen offenbar wenig anderes, als die offene Prostitution blieb oder die weniger offene, die sich in der Gunst reicher Männer äußerte.
Vertieft wird das Thema nicht. Chaplin konzentriert sich auf das gesellschaftliche Parkett, auf dem Schicklichkeit von Unschicklichkeit zu trennen ist, wobei jede Unschicklichkeit unbedingt vermieden werden muss.
Lange Zeit im Mittelpunkt des romantischen Dramas steht eine junge Frau, die sich einem reichen Mann in dessen Schiffskabine aufdrängt, was diesen in höchste (gesellschaftliche) Nöte bringt. die Frau ist mit Geld und guten Worten nicht dazu zu bewegen, die Kabine zu verlassen, fragt, wo sie denn hin solle, sie habe doch nur ein Abendkleid, in dem könne sie unmöglich bei Tag an Deck herum laufen. Diese Frau wird gespielt von Sophia Loren, die wie so häufig in ihren Filmen in Make Up, Kostüm und Auftreten ziemlich drüber ist – irreal erscheint (Arabeske – 1966; "Geheimaktion Crossbow" – 1965; Der Untergang des Römischen Reiches – 1964; Ungezähhmte Catherine – 1961; El Cid – 1961; Hausboot – 1958). Obwohl mir ihre tragische Vergangenheit angedeutet worden ist, geht mir ihr Verhalten auf die Nerven. Zumal jetzt ein Tür-auf-Tür-zu-Boulevard-Theater seinen Anlauf nimmt, das ich aus dem Kino der 40er Jahre kenne, in denen sich Frauen wie Katherine Hepburn mit Männern wie Cary Grant in Screwballkomödien die verbalen Bälle zuspielten.
In "Die Gräfin von Hongkong" spielt niemand mit Bällen. Betulich stolpern die Personen, um einen drohenden Skandal zu vermeiden, durch die beiden Räume der Suite des Luxusliners und kabbeln sich ein bisschen. Da ist überhaupt kein Feuer, keine Leidenschaft. Man sieht deutlich Charles Chaplins filmische Sozialistation im Stummfilm. Immer, wenn die Personen vor der Kamera mimisch etwas ausdrücken müssen, wenn sie tänzerisch stolpern, sich fangen und wieder stolpern, sehen wir Szenen, die, wären sie nicht in Farbe und die Menschen nicht in Abendgarderobe, auch aus Moderne Zeiten oder Goldrausch sein könnten. Chaplin, ein minuziös planender Choreograf, soll seinen Darstellern genau vorgespielt haben wie sie sich vor der Kamera zu bewegen haben. Das hat einerseits zu Ärger mit Marlon Brando geführt, der sich in seiner Kunst eingeschränkt fühlte (Ein Mann wird gejagt – 1966; Morituri – 1965; Meuterei auf der Bounty – 1962; Der Besessene – 1961; Sayonara – 1957; Die Faust im Nacken – 1954; Der Wilde – 1953; Julius Caesar – 1953; Viva Zapata – 1952; "Endstation Sehnsucht" – 1951), andererseits hat es das Spiel der Akteure vor der Kamera noch steifer und unlebendiger aussehen lassen.
Eine Stunde lang tritt der Film auf der Stelle, bis die Hauptfiguren zum ersten Mal die großräumige Kabine verlassen und im Ballsaal tanzen. Dem Film hilft das nur im Bild auf die Sprünge, weil viele Menschen in Abendgarderobe zu Orchestermusik tanzen.
Zur Dramatik des Films steuern die Szenen aber nichts mehr bei. Ein ehemaliger Kunde Nataschas taucht auf, der für kurze Aufregung sorgt und dann aus dem Film wieder verschwindet, es bleibt dabei, dass Ogden Mears und Natascha nicht zusammen gesehen werden dürfen. Kurz darauf, wieder in der Abgeschiedenheit ihrer Kabine, zieht er sie an sich und küsst sie. Was sich zwischen den beiden Streithähnen warum verändert hat, bleibt unklar, am Spiel von Brando und Loren hatte sich nichts verändert, die Chemie zwischen beiden bleibt matt.
Neben Natascha tauchen noch zwei Frauen auf, und rechnet man deren Betragen hoch auf den Durchschnitt, möchte man um alle weitere Frauen dieser Welt einen Bogen machen. Die eine plappert ununterbrochen, stellt eine Frage und plappert dann weiter, was ihr Daddy dazu sagen würde. Die andere ist Ogdens Noch-Ehefrau Martha, eine kalte Blonde im engen Kostüm, die ihren reichen Erben nicht so einfach hergeben möchte. Tippi Hedren (Marnie – 1964; Die Vögel – 1963) spielt sie so giftig, wie sie am Set wohl auch aufgetreten ist – sie soll enttäuscht gewesen sein, weil sie eigentlich eine größere Rolle erwartet hatte. Drei Jahre nach ihrem Bruch mit Alfred Hitchcock am Set von Marnie war dies ihr erstes Engagement in einem Film.
"Die Gräfin von Hongkong" wäre gerne eine hitzige Screwballcomedy wie die Vorbilder aus den 30er (Leoparden küsst man nicht – 1939) und 40er Jahren (Ehekrieg – 1949). Weil der Film von 1967 aber auch eine Problematik verhandelt, die in jenen 30er/40er Jahren aktuell war, in den späten 60er Jahren aber schon nicht mehr, wirkt Chaplins letzte Regiearbeit ein wenig aus der Zeit gefallen.
Diese Film ist Chaplins letzte Regiearbeit. Er hat sie für ein Familientreffen genutzt. Chaplin, der Mann vom Stummfilm, dessen erste Filme im Kino noch mit Livemusik begleitet wurde, hat die Musik zu diesem Film selbst geschrieben. Sein Sohn Sydney spielt die wichtige Nebenrolle des Freunds und Beraters des gehetzten Millionärssohns und Diplomaten Ogden, seine drei Töchter Geraldine, Josephine und Victoria haben Kurzauftritte ohne Dialog.
Eine erste Idee zum Film hatte Chaplin bereits 1931 bei einer Reise nach Shanghai. Ursprünglich wollte er die Geschichte um 1940 mit seiner damaligen Ehefrau Paulette Goddard in Sophia Lorens Rolle verfilmen. Die "Gräfin" ist erst der zweite Film nach seinem Drama "Die Nächte einer schönen Frau" von 1923, in dem Chaplin anderen Darstellern die Hauptrollen überlassen hat.
