IMDB

Plakatmotiv: Die Gräfin von Hongkong (1967)

Regisseur Charles Chaplin kann nicht
raus aus seiner Stummfilm-Haut

Titel Die Gräfin von Hongkong
(A Countess from Hong Kong)
Drehbuch Charles Chaplin
Regie Charles Chaplin, UK 1967
Darsteller

Marlon Brando, Sophia Loren, Sydney Chaplin, Tippi Hedren, Patrick Cargill, Michael Medwin, Oliver Johnston, John Paul, Angela Scoular, Margaret Rutherford, Peter Bartlett, Bill Nagy, Dilys Laye, Angela Pringle, Jenny Bridges, Arthur Gross, Balbina, Anthony Chinn, Jose Sukhum Boonlve, Geraldine Chaplin, Janine Hill, Burnell Tucker, Leonard Trolley, Len Lowe, Francis Dux, Cecil Cheng, Ronald Rubin, Michael Spice, Ray Marlowe, Josephine Chaplin, Victoria Chaplin, Kevin Manser, Marianne Stone, Lew Luton, Larry Cross, Bill Edwards, Drew Russell, John Sterland, Paul Carson, Paul Tamarin, Carol Cleveland, Charles Chaplin u.a.

Genre Romanze, Komödie
Filmlänge 120 Minuten
Deutschlandstart
10. Februar 1967
Inhalt

Die exilrussische Gräfin Natascha schlägt sich in der High Society Hongkongs als Escortdame durch. An Bord eines vor Anker liegenden Schiffes lernt sie den milliardenschweren Öl-Erben Ogden Mears kennen und wittert ihre Chance: Sie versteckt sich im Schrank seiner Kabine, um auf diese Weise illegal in die USA einzureisen.

Als der verdutzte Ogden die blinde Passagierin entdeckt, ist er außer sich, denn als hochrangiger US-Diplomat darf er unter keinen Umständen mit einer Dame so zweifelhaften Rufs gesehen werden. Während er hektisch nach einem Ausweg aus der Situation sucht, legt das Schiff ab. Zähneknirschend teilt Ogden sich nun die Kabine mit der launischen Gräfin.

Bis zur nächsten Station in Honolulu muss das Problem gelöst werden, denn dort kommt Ogdens Ehefrau Martha an Bord. Um Natascha zu helfen, arrangiert er eine Scheinehe mit seinem Butler Hudson – doch damit fangen die eigentlichen Komplikationen erst an. In all dem Chaos wird Ogden bewusst, dass er sich in Natascha verliebt hat. Doch um mit ihr zusammenleben zu können, müsste er seine Karriere als Botschafter opfern …

Was zu sagen wäre

Das Bemerkenswerteste an diesem Film aus heutiger Sicht – ich sehe den Film erstmals Ende der 1970er Jahre – ist die Besetzung in den Hauptrollen. Marlon Brando und Sophia Loren strahlen miteinander überhaupt nichts aus. Sie spielen, als würden sie nur ans Set kommen, wenn die Kamera drehfertig ist und sobald sie wieder aus ist, in ihren jeweiligen Garderoben verschwinden.

Der Film reißt durchaus ernstzunehmende Themen an, etwa das Schicksal junger Flüchtlingsfrauen – hier sind es stellvertretend für alle überall in der Welt russische Frauen, die sich in Shanghai und Hongkong durchschlagen mussten – denen offenbar wenig anderes, als die offene Prostitution blieb oder die weniger offene, die sich in der Gunst reicher Männer äußerte. Plakatmotiv (US): A Countess from Hong Kong (1967) Vertieft wird das Thema nicht. Chaplin konzentriert sich auf das gesellschaftliche Parkett, auf dem Schicklichkeit von Unschicklichkeit zu trennen ist, wobei jede Unschicklichkeit unbedingt vermieden werden muss.

Lange Zeit im Mittelpunkt des romantischen Dramas steht eine junge Frau, die sich einem reichen Mann in dessen Schiffskabine aufdrängt, was diesen in höchste (gesellschaftliche) Nöte bringt. die Frau ist mit Geld und guten Worten nicht dazu zu bewegen, die Kabine zu verlassen, fragt, wo sie denn hin solle, sie habe doch nur ein Abendkleid, in dem könne sie unmöglich bei Tag an Deck herum laufen. Diese Frau wird gespielt von Sophia Loren, die wie so häufig in ihren Filmen in Make Up, Kostüm und Auftreten ziemlich drüber ist – irreal erscheint (Arabeske – 1966; "Geheimaktion Crossbow" – 1965; Der Untergang des Römischen Reiches – 1964; Ungezähhmte Catherine – 1961; El Cid – 1961; Hausboot – 1958). Obwohl mir ihre tragische Vergangenheit angedeutet worden ist, geht mir ihr Verhalten auf die Nerven. Zumal jetzt ein Tür-auf-Tür-zu-Boulevard-Theater seinen Anlauf nimmt, das ich aus dem Kino der 40er Jahre kenne, in denen sich Frauen wie Katherine Hepburn mit Männern wie Cary Grant in Screwballkomödien die verbalen Bälle zuspielten.

In "Die Gräfin von Hongkong" spielt niemand mit Bällen. Betulich stolpern die Personen, um einen drohenden Skandal zu vermeiden, durch die beiden Räume der Suite des Luxusliners und kabbeln sich ein bisschen. Da ist überhaupt kein Feuer, keine Leidenschaft. Man sieht deutlich Charles Chaplins filmische Sozialistation im Stummfilm. Immer, wenn die Personen vor der Kamera mimisch etwas ausdrücken müssen, wenn sie tänzerisch stolpern, sich fangen und wieder stolpern, sehen wir Szenen, die, wären sie nicht in Farbe und die Menschen nicht in Abendgarderobe, auch aus Moderne Zeiten oder Goldrausch sein könnten. Chaplin, ein minuziös planender Choreograf, soll seinen Darstellern genau vorgespielt haben wie sie sich vor der Kamera zu bewegen haben. Das hat einerseits zu Ärger mit Marlon Brando geführt, der sich in seiner Kunst eingeschränkt fühlte (Ein Mann wird gejagt – 1966; Morituri – 1965; Meuterei auf der Bounty – 1962; Der Besessene – 1961; Sayonara – 1957; Die Faust im Nacken – 1954; Der Wilde – 1953; Julius Caesar – 1953; Viva Zapata – 1952; "Endstation Sehnsucht" – 1951), andererseits hat es das Spiel der Akteure vor der Kamera noch steifer und unlebendiger aussehen lassen.

Eine Stunde lang tritt der Film auf der Stelle, bis die Hauptfiguren zum ersten Mal die großräumige Kabine verlassen und im Ballsaal tanzen. Dem Film hilft das nur im Bild auf die Sprünge, weil viele Menschen in Abendgarderobe zu Orchestermusik tanzen. Plakatmotiv (US): A Countess from Hong Kong (1967) Zur Dramatik des Films steuern die Szenen aber nichts mehr bei. Ein ehemaliger Kunde Nataschas taucht auf, der für kurze Aufregung sorgt und dann aus dem Film wieder verschwindet, es bleibt dabei, dass Ogden Mears und Natascha nicht zusammen gesehen werden dürfen. Kurz darauf, wieder in der Abgeschiedenheit ihrer Kabine, zieht er sie an sich und küsst sie. Was sich zwischen den beiden Streithähnen warum verändert hat, bleibt unklar, am Spiel von Brando und Loren hatte sich nichts verändert, die Chemie zwischen beiden bleibt matt.

Neben Natascha tauchen noch zwei Frauen auf, und rechnet man deren Betragen hoch auf den Durchschnitt, möchte man um alle weitere Frauen dieser Welt einen Bogen machen. Die eine plappert ununterbrochen, stellt eine Frage und plappert dann weiter, was ihr Daddy dazu sagen würde. Die andere ist Ogdens Noch-Ehefrau Martha, eine kalte Blonde im engen Kostüm, die ihren reichen Erben nicht so einfach hergeben möchte. Tippi Hedren (Marnie – 1964; Die Vögel – 1963) spielt sie so giftig, wie sie am Set wohl auch aufgetreten ist – sie soll enttäuscht gewesen sein, weil sie eigentlich eine größere Rolle erwartet hatte. Drei Jahre nach ihrem Bruch mit Alfred Hitchcock am Set von Marnie war dies ihr erstes Engagement in einem Film.

"Die Gräfin von Hongkong" wäre gerne eine hitzige Screwballcomedy wie die Vorbilder aus den 30er (Leoparden küsst man nicht – 1939) und 40er Jahren (Ehekrieg – 1949). Weil der Film von 1967 aber auch eine Problematik verhandelt, die in jenen 30er/40er Jahren aktuell war, in den späten 60er Jahren aber schon nicht mehr, wirkt Chaplins letzte Regiearbeit ein wenig aus der Zeit gefallen.

Wertung: 3 von 8 D-Mark
IMDB