Kinoplakat: White House Down

Humorvolles Formelkino
aus einer zu Ende gehenden Ära

Titel White House Down
(White House Down)
Drehbuch James Vanderbilt
Regie Roland Emmerich, USA 2013
Darsteller Channing Tatum, Jamie Foxx, Maggie Gyllenhaal, Jason Clarke, Richard Jenkins, Joey King, James Woods, Nicolas Wright, Jimmi Simpson, Michael Murphy, Rachelle Lefevre, Lance Reddick, Matt Craven, Jake Weber, Peter Jacobson u.a.
Genre Action
Filmlänge 131 Minuten
Deutschlandstart
5. September 2013
Website whitehousedown.com
Inhalt


Für Jack Cole gibt es keinen wichtigeren Job, als den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu bewachen. Das finden die Security-Leute des Präsidenten auch. Allerdings halten sie Jack Cole für nicht ausreichend qualifiziert für diesen Job. Vor allem psychisch nicht. Die stellvertretende Secret Service-Frau, die ihm das sagt, wird es wissen. Beide hatten auf der High School mal was miteinander - Coles Lebenslauf war wohl damals schon flatterhaft.

Aktuell lebt er geschieden und muss die pubertäre Laune seiner geliebten Tochter ertragen. Emily findet ihren Dad peinlich; und doof, weil er vergangene Woche ihren Auftritt beim Fahnenschwenken in der Schule verpasst hat.

Gerade sind beide im Weißen Haus, wo Jack seine Abfuhr vom Secret Service bekommen hat und er nun mit Emily eine Führung durch den Amtsitz des US-Präsidenten machen will. Emily, 11 Jahre alt, liebt die Politik und deren obersten Repräsentanten, Präsident Sawyer. Sie ist geneigt, ihrem Daddy ein bisschen zu verzeihen. Aber sie kommt nicht weit damit, denn plötzlich bricht die Hölle los.

Terroristen besetzen das Weiße Haus, riegeln es ab und nehmen Peäsident Sawyer und alle Menschen im Haus als Geisel.

Jack Cole kann sich verstecken und zieht in die Schlacht. Als erstes befreit Cole Präsident Sawyer aus der Hand der Terroristen - jetzt hat er einen echten Buddy im Kampf gegen das Böse im Weißen Haus. Der Secret Service wird sich noch wundern, was Cole so drauf hat - vor allem psychisch …

Was zu sagen wäre

Herzlich willkommen im Formelkino. „Formelkino” umschreibt Filme, die nach Schema F erzählen und nur die Frage offen lassen, ob es handwerklich sauber erzählt ist und „Gibt es überraschende Gimmicks/Erzählgags?” By the Way: Schön, dass Roland Emmerich dem Fremdenführer im Weißen Haus Gelegenheit gibt, darauf hinzuweisen, dass man jetzt den Bereich des Gebäudes betrete, der in (Roland Emmerichs) „Independence Day” von den Aliens zerstört wurde.

Die Story verbindet nur noch Bausteine in der Formel

Die Story als solche ist nicht mehr wichtig, dient lediglich als Bindeglied zwischen den einzelnen 150-Millionen-Dollar-dann-muss-man-das-aber-auch-sehen-Elementen. Und die Geschichte, Terroristen kapern das Weiße Haus, gab es ja auch gerade erst schon mal im Kino. Bei einem solchen Plot macht sich der Film ja geradezu von selbst. Interessant also zu sehen, wie unterschiedlich in der Qualität selbst solche Formelfilme seien können.

Antoine Fuquas Olympus has fallen (USA 2013) war ausgesprochen kurzweilig und tough – und es fehlte jeder Anflug von Humor; zu ernst ist es zu nehmen, wenn Koreaner Washington angreifen. Roland Emmerichs Version ist besser. Unterhaltsamer. Lustiger. Er dekliniert die Formeln besser. Was sind solche Formeln?

  • Jack Cole gilt zu Beginn als nicht gut genug für den Secret Service? Wir dürfen davon ausgehen, dass der Film uns zeigen wird, wie gut Jack Cole ist und uns auf den Hauptgewinn für Cole einstellen.
  • Die Gattin fragt ihren Präsidentengatten zu Beginn nach der Lincoln-Uhr und er betont, er trage sie bei sich, habe sie im Jacket. Wir dürfen sicher sein, diese Uhr wird den Präsidenten noch irgendwann retten, wahrscheinlich bleibt eine Kugel in ihr stecken oder die Uhrkette hilft beim Terroristen würgen oder bewahrt vor einem Absturz
  • Cole hat die Fahnenschwenkaufführung seiner Tochter versäumt, die Tochter ist sauer. Ein solcher Auftritt - Tochter mit Fahne - wird später im Film garantiert eine zentrale Rolle spielen.
  • Der Fremdenführer im Weißen Haus sorgt sich um das wertvolle, historische, unbezahlbare Mobiliar. Na gut: Der Film heißt White House Down ... da wird noch mehr kaputt gehen, als nur eine Mingvase (natürlich ist es eine Vase aus der Ming-Dynastie, die der Terrorist zerschlägt. Andere wertvolle Vasen kennt der Volksmund nicht, aber dem soll der Film ja gefallen, der muss ihn durchdringen und per Mundpropaganda weiterempfehlen.
  • James Woods spielt mit? Der ist der Böse.

Ein mutmaßlich kompliziertes Storyelement findet nicht mehr statt

Man kann solche Formelhinweise noch beliebig viele aufzählen. Das moderne Formelkino funktioniert immer nach demselben Schema. Es setzt sich nur noch aus durchdeklinierten Bausteinen zusammen, der Zuschauer soll nicht abgelenkt werden vom teuren Augenfutter, indem er etwa eine komplizierte Story durchdringen, verstörende Lebensentwürfe akzeptieren müsste. Und ums Augenfutter geht es dem kommerziellen Kino des frühen 21. Jahrhunderts. Die Studios sind dazu übergegangen, lieber 200 Millionen Dollar in einen Film zu stecken, ihn damit zum Event aufzupumpen, in der Hoffnung, dass die Zuschauer dann schon kommen werden - wer will schon ein Event verpassen.

Teaserplakat: White House Down

Roland Emmerich sagte Mitte August 3013 der „Süddeutschen Zeitung”, den Studiobossen gehe es "immer um den größten gemeinsamen Nenner. Diese Filme müssen für jegliches Publikum funktionieren. Nicht nur für Liberale, sondern auch für rechte Republikaner. Dazu müssen sie noch ethnisch funktionieren. Und im Rest der Welt, neuerdings müssen wir darauf achten, dass sich China nicht an dem Film stört." Wie soll man da noch kreativ Spektakelkino entwerfen und drehen? "Es wird immer komplizierter", konstatierte der durchaus kreative Emmerich.

Im Frühjahr 2013 erst hat Regisseur Steven Soderbergh (Side Effects - USA 2013; „Haywire - Trau keinem” - USA 2011; „Contagion” - USA 2011; Traffic - Die Macht des Kartells - USA 2000) seinen Abschied vom Hollywood-Kino erklärt hat, weil er das alles nicht mehr ertrage. Er war, wie viele andere Regisseure von den verzweifelten Filmstudios in den 1990er Jahren aus der angesagten Independent-Kinoszene geholt worden, die auf Robert Redfords Sundance-Festival Triumphe feierte, um dem schon damals siechen Erzählkino neue Impulse zu geben. Die Folge war, dass die Regisseure unter der Multimillionen-Dollar-Belastung einbrachen, oder sich korrumpieren ließen - auch Steven Soderbergh machte mit Lust seine „Ocean-11”-Spielereien.

Gleichzeitig starb das Independent-Kino einen schleichenden Tod, weil das Geld für solche Filme knapp wurde.

Altkluge Elfjährige und andere Ausreden

Im Sommer 2013 – zeitlich zwischen den beiden Terroristen-besetzen-das-Weiße-Haus-Filmen – warnte Regisseur Steven Spielberg (Schindlers Liste - USA 1993; Der Weiße Hai - USA 1975) vor dieser Entwicklung. Wenn plötzlich im Sommer alle Filme als „Event” daher kämen, wären sie ja einzeln keine Events mehr. Der Zuschauer habe nur ein begrenztes Budget für Eventkino. So kam es: Der Sommer 2013 geht aus Kinosicht als der Jahrgang in die Geschichte ein, in dem kaum eines der großen Summer-Movies erfolgreich war; am ehesten noch „Iron Man 3” und „Star Trek: Into Darkness” - das sind Folgen erfolgreicher Franchises und sie starteten Anfang Mai, noch bevor der Zuschauer in der Schwemme immer gleicher Blockbuster-Bausteine ersoff, anstatt eine Kinokarte zu kaufen. „After Earth”, „Oblivion”, „Elysium”, „Die phantastische Welt von Oz”, beide „White House”-Filme … alle floppten, alle tummeln sich in phantastischen Gesellschaften mit marginalem Bezug zur realen Welt der Zuschauer, und sind in ihrer Formelhaftigkeit offensichtlich nur darauf angelegt, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Herrschaft der Controler in den Filmstudios ist umfassend, Risiko wird nicht erlaubt. Deshalb „Formelkino”. Ein Kino, das sich selbst überlebt - zu teuer, zu schlicht, für den Event-Sucher unter den Kinogängern schnell langweilig.

Formelkino besteht aus Formelfiguren. In Emmerichs White House down hat die elfjährige Tochter nichts gemein mit Mädchen, die tatsächlich elf sind. Emily wird von einer 14-Jährigen gespielt und ihre Rolle von einem erwachsenen Mann (James Vanderbilt) geschrieben. Sie sagt ihrem Dad so Sachen wie „Red nicht mit mir wie mit einem Kind. Wir sind beide erwachsen.” und Dad antwortet hilflos „Eine von uns ja.” Wäre aber dem Popcorn kauenden Teenager auch schwer zuzumuten, im Kino seine kleine Schwester heulen zu sehen - das hat er schon zu Hause und coole Sprüche angesichts des Terrors kommen doch viel besser. Zwar hat diese Pseudo-Elfjährige Angst vor den bösen Terroristen, filmt aber tapfer alles mit ihrem Handy und stellt es auf ihren Blog im Internet, während sie erklärt, dass man das gar nicht „Blog” nennt - wie sich erwachsene Männer halt ein elfjähriges Mädchen herbei träumen. Und die Medien berichten selbstverständlich live und nennen jederzeit den vollen Namen und zeigen ein Foto dieses Mädchens in Endlos-Schleife und spielen den Terroristen damit einen Trumpf in die Hände. Schon klar: US-Sender sind doof - aber so doof?

Die Action fließt, der Film macht Spaß

Das ist alles erwartbar albern, lediglich auf Effekt geschrieben. Dennoch fießt der Film. Es macht Spaß, der Aktion und Reaktion in den schicken HighTech-Kulissen zu folgen, dem Kamera-Move und den hübschen Schauspielern, die ihre Rollen ausfüllen. Erstaunlich schlecht sind in diesem Emmerich-Film die Visual Effects. Das Wasser im Reflecting Pool vor dem Lincoln-Memorial kräuselt sich auffallend künstlich, wenn die deutlich digitalen Helikopter drüber fliegen, fast alle Szenen vor dem Weißen Haus sind deutlich vor Green-Screen gedrehte Aktionen mit einkopiertem Hintergrund - das kann Hollywood eigentlich viel besser, da hat der Schwabe Emmerich am falschen Ende gespart.

Wertung: 4 von 7 €uro