IMDB

Plakatmotiv: Das Arche-Noah-Prinzip (1984)

Ein akademisch interessantes Projekt: Wächst da
einer aus der deutschen Provinz auf Weltniveau?

Titel Das Arche Noah Prinzip
Drehbuch Roland Emmerich
Regie Roland Emmerich, BRD 1984
Darsteller

Richy Müller, Franz Buchrieser, Aviva Joel, Matthias Fuchs, Nikolas Lansky, Matthias Heller, Markus Dürru.a.

Genre Science Fiction
Filmlänge 100 Minuten
Deutschlandstart
24. Februar 1984
Inhalt

Die Raumstation Florida Ark-Lab ist ein Gemeinschaftsprojekt der amerikanischen und europäischen Raumfahrtbehörden, erbaut zur Erforschung autonomer Lebenssysteme im All sowie, um Einfluss auf Klima und Wettergeschehen der Erde im Rahmen des Forschungsprogrammes C.O.R.A. zu nehmen. Die Besatzung besteht aus dem Wissenschaftler Max Marek und dem Techniker Billy Hayes. Marek ahnt schon die Gefahr, die von den Versuchen ausgeht und die Bevölkerung ganzer Landstriche vernichten könnte. Hayes dagegen zählt das Programm zu den Aufgaben, die er zu erfüllen hat.

Eine Krise im Nahen Osten spitzt sich zu. Amerikanische und russische Marinestreitkräfte versammeln sich im Indischen Ozean. Plakatmotiv (DDR): Das Arche-Noah-Prinzip (1984) Als von der Bodenstation in Houston der Befehl für ein Strahlenmanöver kommt und Max die Koordinaten überprüft, wird ihm klar, dass hier die Technik der Wetterkontrolle für einen militärischen Zweck missbraucht werden soll …

Was zu sagen wäre

Die Idee ist bestechend. Aus militärischer Sicht: Um uns unliebsame Regime irgendwo in der Welt auszuschalten, schicken wir Bodentruppen mit Panzern, was nach UNO-Regeln illegal wäre. Aber wir schalten einfach Beobachtungssateliten im Orbit mittels starker Wolkenbildung aus. Das ist, ungefähr, die Geschichte dieses Films. Im Mittelpunkt stehen die beiden Männer, die diese Wolkenbildung ermöglichen müssen.

Die filmische Umsetzung dieser Idee ist nicht halb so bestechend. Was ich dem Regisseur ausdrücklich nicht zum Vorwurf machen kann. Im Gegenteil: Der Film erzeugt seine Spannung nicht durch die irgendwie schon spannende Geschichte, sondern durch seine Umstände.

Regisseur Roland Emmerich ist Student an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) und, was im Verlauf dieser Geschichte von Bedeutung sein wird, Sohn eines vermögenden und an seinen Sohn glaubenden Vaters. "Das Arche Noah Prinzip" ist der Abschlussfilm des Studenten Emmerich an seiner Alma Mater. Für diesen Abschlussfilm stehen ihm an der HFF normal 20.000 D-Mark zur Verfügung. Das Budget für "Das Arche Noah Prinzip" betrug aber etwa eine Millionen D-Mark <Nachtrag1999>– das sind Mitte der 2010er-Jahre inflationsbereinigt etwa 1,1 Millionen Euro, also für einen Film aus diesem Genre, 16 Jahre nach A Space Odyssey (1968), sieben Jahre nach Krieg der Sterne (1977), fünf Jahre nach Alien (1979), lächerlich wenig Geld</Nachtrag1999>. Den finanziellen Mangel erkennt man im Kinosessel, in dem sich der Film seiner genannten Konkurrenz dann aber halt auch stellen muss, schnell. Was der Filmstudent, der als Abschlussfilm offenbar nicht ein weiteres, bleischweres Psychogramm einer gequälten deutschen Filmemacher-Generation, sondern ein dramatisches SciFi-Drama inszenieren wollte, hier mit Hilfe seines sicher kostenbewussten Vaters und dessen Produktionshallen, die sich augenscheinlich leicht zu einer Art Filmstudio umbauen ließen, auf die Beine gestellt hat, ist dramaturgisch immer noch nur durchwachsen, aber akademisch betrachtet ein großer Wurf. Dieser Film und seine Geschichte gehören auf den Lehrplan einer jeden Filmhochschule – Stichwort visuelle Machbarkeit einer Idee, geboren aus den Randnotizen der örtlichen Tageszeitung: Böse Geheimdienste manipulieren mittels Weltraumtechnik die Weltpolitik.

Diese Art Kinoerzählung ist heute nicht mehr für kleines Geld zu haben, die Leute wollen im Weltraumkino mindestens Krieg der Sterne. Um Geld zu sparen, wählt der erfindungsreiche Regisseur aber das Erzähltempo von dem neun Jahre älteren 2001 – A Space Odyssee –  statt schneller und effektvoller Schnitte rätselhafte Bilder, für die Stanley Kubrick schätzungsweise das 11fache Budget zur Verfügung hatte – und Computermonitor-Sequenzen und Score-Fragmente von Alien, für deren Einbettung in sein Drama Ridley Scott sogar das etwa 12fache Budget zur Verfügung stand.

Roland Emmerich macht aus seiner einen Million D-Mark das Beste, was er kriegen kann. Er wählt bei seinen wenigen vor der Kamera agierenden Protagonisten enge Bildausschnitte, die eine ausufernde Kulisse erübrigen und mit ein paar Rauchmaschinen und Soundeffekten verheerende Explosionen vortäuschen; Plakatmotiv: Das Arche-Noah-Prinzip (1984) meistens stopfen die Figuren in dramatischen Szenen handelsübliche, aber für den an Videocassetten gewöhnten Otto Normalverbraucher im Kinosessel ungewohnt wirkende Zwei-Zoll-Mazen in Abspielgeräte oder drücken in Close-Aufnahmen auf irgendwelche beleuchteten Knöpfe. Emmerich kreuzt die deutsche Kunst des Dialogfilms mit der US-Kunst, mittels Montage mit wenig Bildinhalt bombastische Szenen vorzugaukeln.

Dann scheint er in englischer Sprache gedreht zu haben, um den Film international vermarkten zu können – mit dem schmerzhaften Effekt, dass die deutschen Schauspieler Richy Müller als Billy und Franz Buchrieser als Max in der deutschen Sprachversion wirken wie unpersönliche C-Stars in einer für den osteuropäischen Markt verramschten Billigproduktion. Typische Bilder eines SciFi-Films wie die Landung einer Raumfähre, sehen wir im Kinosessel nur auf einem grisseligen Monitor; die Raumstation Florida Ark-Lab dagegen sehen wir in aller Ausführlichkeit sich im All drehend und kreiselnd – man möchte annehmen, dass diese Aufnahmen den Großteil des begrenzten Budgets verschlungen haben.

Die eigentliche Handlung ist in einer Rückblende eingebettet und wird in Off-Kommentaren und -Dialogen vorgetragen, unter die die dazu passenden Bilder gelegt werden. Miteinander interagierende Charaktere sehen wir in den 100 Filmminuten zusammengerechnet ungefähr zehn Minuten lang, den Großteil davon ein Ehepaar, das in einer nicht näher benannten, aber die Dramaturgie befeuernden Ehekrise steckt, mit der wir im Kinosessel gerne mitfiebern. Das gibt Emmerich mit wenig der teuren Schauspielerzeit und bei zurückhaltendem Ausstattungsbudget die Möglichkeit, visuell nur so zu tun, als würde er einen international konkurrenzfähigen Film produzieren. In Wirklichkeit besteht sein Film aus endlosen Textnachrichten auf Computermonitoren, Gesichtern in Großaufnahme, die mit einer Telefonstimme diskutieren, und beeindruckenden Trickaufnahmen der Raumstation. Der dabei zauberhaft entstehende Effekt: Die Stimmen aus dem Funkgerät, die Kommandos geben, die jeder Menschlichkeit Hohn sprechen, wirken in ihrer Gesichtslosigkeit vielfach bedrohlicher, als jeder bombastische Spezial Effekt: „Die Mikrowellenstrahler waren bis zuletzt in Betrieb. Und als die Amis merkten, was sie damit anrichten, war leider nichts mehr zu ändern. Die Monsunregen Indiens haben zu früh eingesetzt. Die Überschwemmungskatastrophe ist unbeschreiblich.“ So, wie der Deutsche im US-Kino meist der Befehle bellende Nazi ist, ist der US-Amerikaner im deutschen Kino gerne Mitarbeiter eines bösen Geheimdienstes einer skrupel- und gesichtslosen Regierung im Weißen Haus.

Der Witz ist – jedenfalls für Kinofans, die einem Talent gerne dabei zusehen, wie es wächst und, vielleicht, mal erfolgreich wird – dass diese Mischung aus boulevardesker Verschwörungsstory und klug aus modernen Klassikern geklauten Sequenzen gut funktioniert. In vielerlei Hinsicht ist das deutsche "Arche Noah Prinzip" von 1984 so etwas wie die Abenteuer des Raumschiffs Orion in der 1966 in Deutschland produzierten, längst zum Kult avancierten TV-Serie "Raumpatrouille": liebevoll engagiertes Handwerk bei flachem Drehbuch.

Wertung: 7 von 9 D-Mark
IMDB