Kinoplakat: Joy – Alles außer gewöhnlich
Jennifer Lawrence unterstreicht
ihre Ausnahmestellung im Kino
Titel Joy – Alles außer gewöhnlich
(Joy)
Drehbuch David O. Russell + Annie Mumolo
nach der Lebensgeschichte der Unternehmerin Joy Mangano
Regie David O. Russell, USA 2015
Darsteller
Jennifer Lawrence, Robert De Niro, Bradley Cooper, Edgar Ramirez, Diane Ladd, Virginia Madsen, Isabella Rossellini, Dascha Polanco, Elisabeth Röhm, Susan Lucci, Laura Wright, Maurice Benard, Donna Mills, Jimmy Jean-Louis, Ken Howard u.a.
Genre Drama, Komödie
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
31.12.2015
Inhalt

Dies ist die Geschichte der Joy Mangano, einer alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern, die zu einer der erfolgreichsten Unternehmerinnen der USA wurde. In den 1970er Jahren in ärmlichen Verhältnissen in Long Beach aufgewachsen, zeigte sie bereits als Jugendliche Ambitionen einmal eine erfolgreiche Unternehmerin zu werden.

1990 entwickelt sie mit dem „Miracle Mop“ ihr bis dato erfolgreichstes Produkt. Der Mop, der das lästige Auswringen per Hand überflüssig macht, wird zum Grundstein ihres Geschäftsimperiums …

Was zu sagen wäre

Dieser Film ist eine One-Woman-Show, in der der furiosen Hauptdarstellerin von großen Schauspiel-Legenden und Oscar-Preisträgern die Stichworte zugeworfen werden. Jennifer Lawrence ist präsent in diesem Film, keine Szene ohne sie. Das Buch erzählt konsequent und unbedingt aus ihrer Perspektive. Das macht den Film etwas anstrengend. Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht und schauen zunehmend erstaunt (und ungläubig), wie einfach doch diese Joy Mangano stets die großen Hindernisse, die ihr Familie und Geschäftspartner bauen, am Ende überwindet: Sie geht hin und spricht persönlich mit ihnen.

Dass sie ihre Geschäftspartner dabei leichter überzeugt, als ihre Familie, macht den Film in seiner konsequenten Subjektivität, hoch emotional. Diese Familie macht mich wahnsinnig. Diese Ansammlung von lebensuntüchtigen Schnorrern und Handaufhaltern, die an der Titelheldin zerren und fordern, fordern, fordern und nicht einen Handschlag helfen macht mich so aggressiv, dass ich im Kino beinahe laut aufschreie vor Zorn. Umso strahlender und großartiger leuchten dann natürlich auch die Erfolge der Titelheldin, die mir prompt die Tränen in die Augen treiben.

Ist ein gutes Zeichen. Kino, das solche Emotionen weckt, ist selten geworden.

„Joy“ ist der Film von Jennifer Lawrence (Serena – 2014; American Hustle – 2013; „House at the End of the Street“ – 2012; Silver Linings – 2012; Die Tribute von Panem – 2012; X-Men: Erste Entscheidung – 2011; „Der Biber“ – 2011; Winter's Bone – 2010). Sie trägt ihn und hält diese seltsame Geschichte zusammen. David O. Russell hat eine wahre Geschichte verfilmt – naja, eine wahrscheinlich geschönte, dramatisierte wahre Geschichte; die erfolgreiche Geschäftsfrau Joy Mangano taucht in den Credits als eine von vielen Executive Producern auf. Je länger der Film dauert, desto schwerer vorstellbar wird, dass es so, wie hier erzählt, funktionieren würde im Geschäftsleben der wirklichen Welt. Die inszenierte Realität aber wirkt in ihrer Subjektivität überdramatisiert.

David O. Russell (American Hustle – 2013; Silver Linings – 2012; „The Fighter“ – 2010; Three Kings – 1999) steht auf grelle Typbeschreibungen und also wird etwa zu Beginn Joys Vater zurückgebracht. Die Frau, mit der er die letzten beiden Jahre zusammengelebt hat, will ihn nicht mehr, er habe Mängel. Joy bringt ihn im Keller unter, wo schon ihr vor zwei Jahren geschiedener Ex-Gatte lebt. Na, jedenfalls: Als erstes stolpert Joys Vater, den Robert De Niro (Man lernt nie aus – 2015; Zwei vom alten Schlag – 2013; Ronin – 1998; Cop Land – 1997; Heat – 1995; Kap der Angst – 1991; Die Unbestechlichen – 1987; Es war einmal in Amerika – 1984; Der Pate II – 1974) mit der Arroganz des Alters und der Blödheit desinteressierter Väter spielt, in das Schlafzimmer seiner Ex-Frau, Joys Mutter, die tagein tagaus Seifenopern im Fernsehen guckt, sich dem Leben da draußen verweigert und sofort einen wilden Streit mit dem Zurückgebrachten vom Zaun bricht und der schmeißt ihren sehr geliebten Porzellan-Nippes zu Bruch – diese Art greller Typenbeschreibung meine ich.

Kinoplakat: Joy – Alles außer gewöhnlichDer Film verfolgt den Werdegang seiner Titelheldin, der ein Stein nach dem anderen in den Weg gelegt wird – von bornierten Männern, die Frauen am Herd, aber nicht im Geschäft haben wollen, von windigen Geschäftspartnern, die sie nach allen Regeln der Kunst über den Tisch ziehen, von neidischen Halbschwestern, die nichts auf die Reihe kriegen, aber „auch gute Ideen haben“ und von zahllosen weiteren Besserwissern. Joy räumt die Steine alle wieder aus dem Weg. Das macht einerseits diese Heldenreise so toll, andererseits bringt es den Film aus der Balance, weil ihre Gegengewichte lediglich das ein langweiliges Schwarz gegen ihr strahlendes Weiß sind - eine Heldin ohne Antagonisten wirkt irgendwann blass; nur ihre beste Freundin und ihr Ex (der aus dem Keller) halten zu ihr.

Und so läuft dieser Film nach einem klaren Muster ab: Joy hat ein Problem. Joy hat eine Idee, wie sie das Problem löst. Dann halten alle, die ihr helfen könnten, die Hand auf oder ziehen sie über den Tisch. Joy nimmt die Sache in die Hand und regelt das im persönlichen Gespräch mit wenigen, unaufgeregt vorgetragenen Worten. Deshalb ist es der Film von Jennifer Lawrence. Sie bietet eine großartige Show zwischen liebender Mutter, verzweifelnder Tochter und erfindungsreicher Geschäftsfrau und reiht eine weitere Perle auf die Kette ihre rasch wachsenden Rollenvielfalt.

Alle anderen Figuren im Stück bleiben Zuarbeiter, um die Story voran zu bringen – selbst so ein Traumpaar wie Robert De Niro und Isabella Rosselini. Für einen großen Film ist diese Fixierung auf eine zu wenig; für einen unterhaltsamen, emotionalen Film ist diese Jennifer-Lawrence-Show aber eine Wucht – ich habe geheult, ich habe gelacht, ich habe im Kinosessel innerlich getobt. Was will man mehr vom Kino?

Wertung: 6 von 8 €uro