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Kinoplakat: The Fighter (2010)
Wunderbare Schauspieler feiern
die amerikanischen Family Values
Titel The Fighter
(The Fighter)
Drehbuch Scott Silver + Paul Tamasy + Eric Johnson + Keith Dorrington
basierend auf dem Leben des ehemaligen Boxweltmeisters Micky Ward
Regie David O. Russell, USA 2010
Darsteller Mark Wahlberg, Christian Bale, Amy Adams, Melissa Leo, Mickey O'Keefe, Jack McGee, Melissa McMeekin, Bianca Hunter, Erica McDermott, Jill Quigg, Dendrie Taylor, Kate B. O'Brien, Jenna Lamia, Frank Renzulli, Paul Campbell u.a.
Genre Drama
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
7. April 2011
Inhalt

Micky Ward verdingt sich als Straßenarbeiter im heruntergekommenen Lowell. Seine einzige Hoffnung, dieser Tristesse zu entfliehen, stellt der Box-Ring dar. Doch selbst im Training mit seinem Bruder Dicky, einem ehemals gefeierten und tief gefallenen Profi-Boxer, kommt er nur schleppend vorwärts.

Trotz ihrer komplizierten Beziehung zu den Brüdern versucht Mutter Alice immer wieder, halbwegs lukrative Kämpfe für Micky zu organisieren. Der Einwand seiner Freundin Charlene, seine Familie stünde ihm bei seiner Karriere eher im Weg, statt ihm dabei zu helfen, prallt am gebeutelten und trotzdem loyalen Verliertyp ab.

Als sein Junkie-Bruder im Knast landet, weiss er, dass er nur noch diese eine Chance hat: Mickey wechselt zu einem neuen Manager, kehrt seiner Familie den Rücken und trainiert, als ginge es um sein Leben – tatsächlich geht es immerhin um die Weltmeisterschaft. Die sind derweil garnicht mit seiner Entscheidung einverstanden …

Was zu sagen wäre

Wäre es ein Film des Briten Ken Loach, man wüsste, dass das Drama, das sich in den ersten Minuten um die Verliererfamilie Ward entspinnt, nach 90 Minuten noch tiefer unten enden würde. Diesen Film hat David O'Russell, von dem vor allem bekannt geworden ist, dass er sich während der Dreharbeiten an Three Kings mit George Clooney überworfen hat, für ein Hollywood-Studio gedreht unter den strengen Augen von Produzent Harvey Weinstein. Es ist also ein amerikanischer Film über eine amerikanische – noch dazu eine wahre – Geschichte. Aber nach Sozialporno sieht auch das lange aus, inklusive großartig schmuddeligem Setting und großartiger Schauspieler. O'Russell und seinen Set Designern gelingt es wunderbar, den Schmuddel eines heruntergekommenen Viertel zu inszenieren, die Verwahrlosung, innerhalb derer nur durchkommt, der ein Netzwerk hat – was in dieser Gegend natürlich niemand Netzwerk nennt – oder der sich mit Gewalt seine Stellung erkämpft. Die anderen greifen zum Crack.

Christian Bale, der als Batman in muskulöser Erinnerung ist, spielt den Crackjunkie Dicky Ward, der in seiner Heimatstadt Lowell, Massachussetts dafür berühmt ist, dass er vor einer Ewigkeit mal den Boxer Sugar Ray Leonard auf die Bretter geschickt hat – wobei man hinter vorgehaltener Hand munkelt, Sugar Ray sei in der besagten Situation ausgerutscht. Danach kam nichts mehr für Dicky, heute hängt er am Crack. Christian Bale hat für die Rolle ordentlich abgespeckt, läuft mit tiefen Augenringen und der großen Geste des Verlierers, der sich als Gewinner aufpumpt, durch diesen Film und untermauert seine Ambitionen, zu den Großschauspielern der Branche gezählt werden zu wollen (Terminator: Die Erlösung – 2009; „I'm Not There“ – 2007; „Todeszug nach Yuma“ – 2007; Prestige – Die Meister der Magie – 2006; „The New World“ – 2005; „Der Maschinist“ – 2004; „Equilibrium“ – 2002; Die Herrschaft des Feuers – 2002; Corellis Mandoline – 2001; Shaft – Noch Fragen? – 2000; American Psycho – 2000) – hatte nicht auch Robert De Niro schon mal ordentlich abgespeckt für eine Boxerrolle?

Dickys Bruder Micky, den Boxer, der nun erreichen soll, was Dicky nicht geschafft hat, spielt Mark Wahlberg („Date Night“ – 2010; „Shooter“ – 2007; Departed – Unter Feinden – 2006; „Vier Brüder“ – 2005; The Italian Job – 2003; Planet der Affen – 2001; Der Sturm – 2000; The Yards – 2000; Three Kings – 1999; Corruptor  Im Zeichen der Korruption – 1999; Boogie Nights – 1997). Er spielt ihn als pflichtbewussten All American Guy mit dicker Muskulatur, der sich durch die Boxringe des Landes prügeln lässt, um von den Antrittsgeldern seine sieben Schwestern und die Mutter durchzubringen. Das gelingt mehr schledcht als recht, weil die Mutter sich als Managerin aufspielt, die ihrem Sohn aber nur Kämpfe besorgen kann, die als „Sprungbrettkämpfe“ für jüngere Boxer inszeniert werden. Diese Mutter spielt Melissa Leo und zu Beginn ist man versucht, die Figur im film zu übersehen; schließlich geht es ja um die beiden Brüder. Aber Leo denkt gar nicht daran, anderen allein das Feld zuüberlassen. Wunderbar, wie sie dauernd wechselt zwischen ordinärer White-Trash-Mom, fürsorglicher Mutter und jederzeit zum Kampf um die eigene Brut bereitem Muttertier.

Es ist kein britisches Sozialdrama. In amerikanischen Filmen geht es immer um die Family Values, darum, dass die Familie zusammehalten muss. Und darum geht es in David O'Russells Film auch. Es ist eine wahre Geschichte, deshalb kann man ihr das Happy End, das Hollywood ja über die letzten vierzig Jahre zur Conditio sine qua non erhoben hat, nicht vorwerfen; vielleicht wäre Micky Wards Lebensgeschichte im US-Kino nicht verfilmt worden, wäre er dann nicht Weltmeister geworden.

Aber dann hätte bestimmt Ken Loach zugegriffen.

Wertung: 7 von 7 €uro
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