Nicht jeder Neuanfang bietet eine zweite Chance. Die 27-jährige Millie hofft nach der Entlassung aus dem Gefängnis als Hausmädchen bei einem wohlhabenden Ehepaar neu anzufangen.
Doch schon bald merkt sie, dass sich hinter der Fassade aus Luxus und Eleganz eine dunkle Wahrheit verbirgt, die weitaus gefährlicher ist als ihre eigene. Ein verführerisches Spiel um Geheimnisse, Skandale und Macht beginnt …
Der Film heißt "The Housemaid", damit steht die entsprechende Figur im Zentrum und die wird gespielt von Sydney Sweeney, das derzeit angesagte Hit-Girl in Hollywoods Filmfabrik ("Euphoria" – 2019-2026; Madame Web – 2024; Once Upon a Time In… Hollywood – 2019; John Carpenter's the Ward – Die Station – 2010),
die in den zurückliegenden Monaten in den Medien durch einen scheinbar grenzenlosen Sexappeal aufgefallen ist – Fotos in Red-Carpet-Roben, die mehr freilegen als verhüllen, eine Jeanswerbung, die sie in die Nähe eines rassistischen Sexismus lancierte. Ganz klar: Im vorliegenden Film ist diese derart vorbelastete Titelheldin die Schurkin, die die heile Welt einer Vorstadt Millionärsfamilie zerstören will.
Ist dann nur alles ganz anders. Die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in dem Hausfrauen sittsame Opfer, zugewandte Männer die Beschützer waren und für tätowierte Neider die Rolle des mörderischen Eindringlings blieb, sind dann auch in Hollywood mal vorbei. In den Vorzeigehaushalt der amerikanischen Vorstadtfamilie hat Einzug gehalten, was wir toxische Männlichkeit nennen. Das neu eingestellte Hausmädchen ist schon Opfer, bevor es Tür rein kommt. Es saß zehn Jahre im Gefängnis. Warum, erschließt sich im Laufe des Films, aber man kann soviel sagen: weil sie in einer von Kerlen dominierten Welt etwas zu radikal die Rechte der Frau auf einen eigenen Willen durchgesetzt hat.
Als Millie sich als Kandidatin auf den Job des Hausmädchens vorstellt, erwähnt die Ehefrau schon im Vorgespräch, schwanger zu sein, wovon ihr Ehemann aber noch nichts wisse. Und ihr Ehemann habe auch das ganze Haus eingerichtet und designt, eigentlich sei er „in der Tech-Branche. Aber er achtet minutiös auf die kleinsten Details“. Das gibt früh eine Ahnung und dann sind in diesem Arrangement so viele kleine, nun ja, Dinge, die die Nase kräuseln lasen, dass für einen als Thriller apostrophierten Film schon genug laute Fragezeichen gesetzt sind, bevor der Film richtig in die Gänge kommt. Die meisten Zuschauer werden vom gleichnamigen Roman von Freida McFadden her zum Film stoßen, die Geschichte also schon kennen. Der Rest wird Sidney Sweeney sehen wollen, die derzeitige Must See im Kommerzkinotempel.
Den auf kleinste Details achtenden Ehemann spielt Brandon Sklenar (Midway – Für die Freiheit – 2019; Vice – Der zweite Mann – 2018), ein glatter Schönling, der im Lookalike Contest für Alec Baldwin-Doubles "frühe Phase" als Gewinner durchginge. Und wer weiß, dass der frühe Alec Baldwin, sicher abgesehen von Jagd auf Roter Oktober (1990), ganz besonders gut glatt polierte Arschlöcher spielen konnte (Notting Hill – 1999; Das Mercury Puzzle – 1998; Auf Messers Schneide – Rivalen am Abgrund – 1997; Das Attentat – 1996; Nicht schuldig – 1996; "Getaway" – 1994; Malice – Eine Intrige – 1993; Glengarry Glen Ross – 1992; Alice – 1990; Great Balls of Fire – 1989; "Talk Radio" – 1988; Die Waffen der Frauen – 1988; Die Mafiosi-Braut – 1988; Beetlejuice – 1988; She's Having a Baby – 1988), kann sich auch ohne Kenntnis des vorliegenden Romanbestsellers seinen Teil schon denken, wenn er nach 20 Minuten zum ersten Mal auftritt.
Zumal die neben Sweeney andere weibliche Hauptrolle von der im allgemeinen mit Entzücken besetzten Amanda Seyfried besetzt ist (Mank – 2020; "Mamma Mia! Here We Go Again" – 2018; Zu guter Letzt – 2017; Pan – 2015; "Ted 2" – 2015; Gefühlt Mitte Zwanzig – 2014; A Million Ways To Die In The West – 2014; In Time – Deine Zeit läuft ab – 2011; Das Leuchten der Stille – 2010; "Chloe" – 2009; Jennifer's Body – 2009; "Boogie Woogie" – 2009; "Mamma Mia!" – 2008). Seyfried spielt die Job vergebende Dame des Hauses, die sich geriert, als habe sie nicht mehr alle Tassen im Schrank und dem neuen Hausmädchen das Leben zur Hölle macht. Es macht Spaß, ihr und Sweeney dabei zuzusehen, wie sie umeinander gleiten, Geländegewinne erstreiten und dabei dennoch immer den Schimmer der Unschuld bewahren.
An dieser Stelle können wir die Betrachtung des Films hinten anstellen, denn bisher verfolgt er häufig mehr, ganz manchmal weniger buchstabengetreu die Romanvorlage, die lustvoll erzählte Geschichte mit all ihren Wendungen und Überraschungen ist also ganz Freida McFaddens Verdienst. Und wenn wir beklagen, dass der Roman manche Momente lustvoller auskostet, dann ist das sicher richtig, liegt aber einfach daran, dass man in fünf geschriebene Sätze in einem Roman manchmal eben doch mehr Sehnsucht packen kann, als in die entsprechende Szene in einem Hochglanzfilm, in der dann der Luxus glänzen, die Seide strahlen und der Sex bombastisch inszeniert sein muss. Wer von sich behaupten kann, das Buch vorher nicht gelesen zu haben, kann sich neben den erwähnten Schauspielerinnen 90 Minuten lang an boshaften Plottwists erfreuen.
Danach verliert der Film sein Niveau. Ungefähr an der Stelle, an der das moderne Hollywoodgesetz es verbietet, dass Schauspielerinnen aus der Oberklasse berechnende, Männer mordende Furien spielen könnten. Es sind nur Kleinigkeiten, die Regisseur und Produzent Paul Feig, der in seinen Filmen gerne den Frauen das erste und das letzte Wort gibt (Last Christmas – 2019; Nur ein kleiner Gefallen – 2018; "Ghostbusters" – 2016; Spy: Susan Cooper Undercover – 2015; Taffe Mädels – 2013; Brautalarm – 2011), gegen seine Mitproduzentinnen Seyfried und Sweeney durchgesetzt hat. Aber es sind im Buch diese Rache ist kalt zu servieren-Szenen, die der Film gegen einfache Splatterelemente austauscht, die nicht halb so schmerzhaft sind, wie die geschriebenen Varianten.
Unterm Strich ist diese Bestsellerverfilmung eine von den besseren, die das Kommerzkino hervorbringt. Und das liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellerinnen.
