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Plakatmotiv: Vice – Der zweite Mann (2018)

Ein fröhlicher Blick durchs Polit-Schlüsselloch
in kaltherzige Machtmenschen-Seelen

Titel Vice – Der zweite Mann
(Vice)
Drehbuch Adam McKay
Regie Adam McKay, USA 2018
Darsteller

Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell, Alison Pill, Eddie Marsan, Justin Kirk, LisaGay Hamilton, Jesse Plemons, Bill Camp, Don McManus, Lily Rabe, Shea Whigham, Stephen Adly Guirgis, Tyler Perry u.a.

Genre Biografie, Komödie
Filmlänge 132 Minuten
Deutschlandstart
21. Februar 2019
Website foxmovies.com/vice-movie
Inhalt

Wyoming im Jahr 1963: Der 22-jährige Dick Cheney schlägt sich durchs Leben, indem er Stromleitungen repariert. Er ist ein ungelernter Arbeiter, da er das Studium in Yale wegen seiner ständigen Sauferei geschmissen hat. Sein Trinkverhalten hat sich seitdem aber nicht geändert.

Nachdem er wegen Trunkenheit am Steuer angeklagt wird, zieht seine Ehefrau Lynne die Reißleine. Sie will ihn verlassen, wenn er sein Leben nicht auf die Reihe kriegt. Daraufhin ergattert Cheney ein Praktikum in Washington. An der Seite des Kabinettsmitglieds Donald Rumsfeld beginnt er schließlich eine politische Laufbahn und wird bald sogar zum Verteidigungsminister unter George Bush Sr.

Plakatmotiv (US): Vice (2018)Seine Karriere wird aber noch steiler und gipfelt in der Vizepräsidentschaftskandidatur an der Seite von George W. Bush. Bald ist es auch Cheney, der nach dem 11. September die Pläne für einen Krieg gegen den Irak vorantreibt …

Was zu sagen wäre

Hätte Lynne ihren Mann nicht vor die Wahl gestellt, entweder er reißt sich zusammen oder sie verlässt ihn, wäre Richard ein versoffener Stromleitungsverleger geblieben. Den zweiten Irakkrieg und Bush Jr., die Terroristen des sogenannten Islamischen Staates oder die Auswüchse rechter und linker TV-Hetzereien hätte es dann wohl nicht gegeben. Sagt der Film, der im Vorspann vorsorglich deutlich macht, dass es sehr schwer gewesen sei, irgendetwas fundiertes zu recherchieren, weil Dick Cheney „einer der verschwiegensten Männer in Washington ist. Wir haben uns aber verdammte Scheiße nochmal viel Mühe gegeben.

Dieser Text gibt die Tonalität des Films vor. Der Film ist scharfzüngig, sarkastisch, bösartig, entlarvend. Und sehr lustig. So wie wir das von Adam McKays Vorgänger The Big Short (2015) ja auch schon kennen, in welchem er die Weltwirtschaftskrise 2007/2008 zynisch seziert. Hier folgt er einem leicht übergewichtigen Trinker, der sich gerne prügelt und der kurz vor dem Ende seines kaum gestarteten Lebens entscheidet, auf seine Frau zu hören, der sich in der Folge einen riesigen Panzer anfrisst, aufmerksam zuhörend in die Politikerlehre in Washington geht und dort seiner Frau und seinem Willen zur Macht alles andere unterzuordnen, gegebenenfalls auch Loyalitäten und Freundschaften. Im Anfang seiner Karriere fragt der Politpraktikant Cheney Nixon's Wirtschaftsberater Donald Rumsfeld: „An was glauben wir?“ „Glauben??“ Entgegnet Rumsfeld entgeistert und bricht in schallendes Gelächter aus.

Der Glaube und politische Ideale sind was für die, die in der ersten Reihe stehen und gewählt werden müssen. Dieser Film erzählt die Geschichte eines wirklich Mächtigen; mächtig, weil er nicht gewählt werden muss und mehr als zwei Amtszeiten werkeln kann, eine Art Kardinal Richelieu, der hinter Ludwig XIII die Strippen zog. Cheney lässt, als sich abzeichnet, dass er nach den maximal zwei Amtszeiten von Bush Sr. – zu diesem Zeitpunkt sind das im Film noch geschätzt zehn Jahre – selber als Kandidat in Frage kommen könnte, seine Beliebtheitswerte untersuchen und stellt fest: Beliebt ist er nicht, Aussichten auf eine erfolgreiche Kampagne sind also gering. Danach verabschiedet er sich von dem Gedanken, ins Oval Office einziehen zu wollen. Cheney ist klar der Mann im Hintergrund, gut darin, die Fäden zu ziehen. Er ist unbeliebt, aber smarter als die Beliebten. Während auch die Allerbeliebtesten nach acht Jahren das Weiße Haus verlassen müssen, überdauert Cheneys politische Einflusszeit rund 30 Jahre – mit Unterbrechungen.

Zentrales politisches Thema wird für ihn die „Theorie der einheitlichen Exekutivmacht“ (Unitary executive theory), die im Grunde beschreibt, dass der Präsident jederzeit unbegrenzte Verfügungsgewalt über die gesamte Exekutive hat, nicht eingeschränkt durch irgendeine parlamentarische Kraft. Auf diese Theorie stößt Cheney in seinen ersten Amtsjahren in Washington, als er noch in fensterlosen Büros arbeitet, aber fleißig erste Kontakte knüpft – mit Donald Rumsfeld, dem er als Praktikant zuarbeitet, oder zu dem aufstrebenden Juristen Antonin Scalia, der ihm die eben genannten Theorie erläutert.

Und dann fliegen alle aus ihren Ämtern, weil der Demokrat Jimmy Carter 1978 US-Präsident wird. Cheney geht für seinen Heimatstaat Wyoming ins Repräsentantenhaus, erleidet den ersten von mehreren Herzinfarkten und findet es „geil“, als nach vier Jahren Carter Ronald Reagan zum Präsidenten gewählt wird, in Washington zusammen mit seiner Frau zu einflussreichen Drahtziehern in den republikanischen Zirkeln aufzusteigen. „Die eine Hälfte auf diesem Ball will so sein wie wir, die andere Hälfte lehnt uns ab“, sagt Lynne und streichelt ihrem Gatten stolz die Wange.

Das hat immer so ein bisschen was von Schlüsselloch, was den Spaß am Film nochmal vergrößert. Denn natürlich ist Dick Cheney einer der mutmaßlich fürchterlichsten Kriegsförderer der westlichen Hemisphäre, aber wir erfahren in diesem Film eben nicht nur, mit welch machtbewusster Arroganz – und angefressenen Pfunden – dieser Mann das durchgezogen hat. Durch das Schlüsselloch sehen wir auch den Mann, der seine Tochter, die sich gerade geoutet hat, liebevoll in den Arm nimmt und sagt, es sei egal, ob sie Jungs oder Mädchen liebe. Er liebe sie so oder so, und der in der Folge manche Karriereleiter auslässt, weil das seine Tochter ins Rampenlicht ziehen würde. Dieser Mann hat auch eine gutherzige Seite – zumindest aus Sicht des einfachen Kinovolkes. Denn aus Sicht des mächtigen Strippenziehers, der zum Ende des Films die Vierte Wand durchbricht und sich direkt an uns im Sessel wendet, waren auch die Kriege in Irak und Afghanistan gutherzige Entscheidungen zu unserem Schutz. Was die allerdings für die Menschen in Kambodscha, im Irak oder in Afghanistan bedeuten, und zu diesen Menschen gehören auch diverse US-Soldaten, zeigt uns der Film immer wieder in kurzen, schnell geschnittenen Sequenzen.

Diesen machtbewussten Fettsack spielt Christian Bale, der augenscheinlich einen Eintrag im Guinnessbuch anstrebt als der Mann, der am häufigsten die extremsten Gewichtsunterschiede für jeweilige Rollen schafft (Feinde - Hostiles – 2017; The Big Short – 2015; Exodus: Götter und Könige – 2014; American Hustle – 2013; The Fighter – 2010; Terminator: Die Erlösung – 2009; Todeszug nach Yuma – 2007; Prestige – Die Meister der Magie – 2006; "The New World" – 2005; Batman begins – 2005; "Der Maschinist" – 2004; "Equilibrium" – 2002; Die Herrschaft des Feuers – 2002; Corellis Mandoline – 2001; Shaft – Noch Fragen? – 2000; American Psycho – 2000; Das Reich der Sonne – 1987). Bale sieht aber nicht nur so aus wie das reale Vorbild. Bale spielt auch brillant. Sein Cheney ist autoritär, wenn er nur murmelt, souverän und ein liebevoller Vater. Das Symbolbild seiner Herrschaft zeigt ihn beim Fliegenfischen. Immer wieder sehen wir ihn in seichtem Gewässer Köder auf elegante Fliegen aufziehen und dann die Angel schwungvoll auswerfen.

Auch Amy Adams geht sehr in der Rolle der Ehefrau und Cheney-Antreiberin auf (Nocturnal Animals – 2016; Arrival – 2016; American Hustle – 2013; Her – 2013; Man of Steel – 2013; Back in the Game – 2012; The Fighter – 2010; "Der Krieg des Charlie Wilson" – 2007). Unter den zum jeweiligen Jahrzehnt passenden Perücken spielt sie mit kleinen Gesten die Einser-Schülerin, die ihren Mann an die Kandare nimmt, die auf Knopfdruck ihren Charme über eine zweifelnde Menschenmenge versprüht um dann die Bühne gegen lauter Bravo-Rufe gar nicht mehr verlassen zu können.

Die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank superb: Steve Carell als Militarist Donald Rumsfeld: eine großartige Karikatur. Sam Rockwell ist wunderbar bemitleidenswert als zaudernder George W. Bush.

Dieser Film bildet sein Publikum. Er zeigt, wie Politik funktioniert. Wie man – mit langem Atem – wirklich Einfluss nimmt. In der achtjährigen Politpause, die die Clinton-Administration für Republikaner bedeutet, arbeitet Cheney als CEO des Ölanlagenbauers Halliburton, für den er später als Vice-President die irakischen Ölfelder erobern wird. Das juristische Unterfutter liefert ihm Antonin Scalia, zu dem Cheney (s.o.) in Nixons Amtszeiten die Fäden knüpfte und der mittlerweile im Obersten Gerichtshof sitzt. Da zeigt sich die Macht von Netzwerken, wenn man sie skrupellos nutzt. Und skrupellos sind in diesem Film, bei dessen Recherche sich alle so fucking bemüht haben, irgendwie alle. Es muss ja nicht genau so gewesen sein. Aber so ähnlich wohl schon – "House of Cards" ist eben doch nur das schöne Märchen.

Und wenn sich nach dem Abspann noch zwei Zuschauer (auf der Leinwand) darüber in die Haare kriegen, ob dieser Film nun scheiß liberal sei, weil er irgendwelche Fakten aufsammle und verdrehe oder er einfach die falschen Schlüsse aus ihnen ziehe, ist längst klar: Ja, auch diese Art des Streitens, bei dem man sich nicht mehr zuhört, ist eine Folge der Ära Cheney.

Wertung: 8 von 8 €uro
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