Der Schriftsteller und ehemalige Kriegsreporter Bastien Grimaldi wird eines Abends anlasslos auf offener Straße von einer Männergruppe zusammengeschlagen. Zurück aus dem Krankenhaus versucht er, so gut wie möglich in seinen Alltag zurückzukehren. Doch der mysteriöse Vorfall lässt ihn nicht los, zumal merkwürdige Telefonanrufe, Erpressungsversuche und sogar ein Autobombenanschlag folgen.
Bastien schaltet die Polizei ein. Als diese ihm nicht weiterhelfen kann, entschließt er sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und trifft dabei auf einen gewissen Sylvain Hagner. Der ist ein aktenkundiger Krimineller, der vor ihm schon sechs andere Opfer erpresst hat.
Hagner fordert eine Milliarde Francs von Bastien. Eine beträchtliche Summe, die er nicht auftreiben kann – bis seine Ermittlungen ihn zu einem alten Familiengeheimnis führen. Seine Mutter hat ihm den Besitz von vier Gemälden der Maler Degas, Dufy, Renoir und Picasso verheimlicht. Wie hat Hagner von dem wertvollen Besitz erfahren?
Es offenbart sich ein kriminelles Netzwerk, das bis ins geteilte Berlin führt, wo es zum Showdown kommt …
Endlich darf die Polizei mal unsortiert sein, wie es sich nicht einmal Alfred Hitchcock je getraut hat zu erzählen. So wenig dieser Film über einen unbescholtenen Mann, der unerwartet, unerklärlich in eine blutige Geschichte verwickelt wird, auch nur in die Nähe der Qualität des eben genannten Regisseurs kommt, der mit solchen Geschichten zeitlose Meisterwerke fürs Kino geschaffen hat, so wenig hat die Polizei in diesem Film mit einer realen Polizei zu tun.
Auf Realismus soll man, sagte jener gefeierte Regisseur und sprach dabei über seine besten Filme, nichts geben, die Hauptsache sei, dass der Film funktioniere. Als Zuschauer mag man sich also beim vorliegenden Film wirklich alle Mühe geben. Mit Claude Pinoteau sitzt ja auch ein namhafter Mann auf dem Regiestuhl, auch wenn der eher nicht mit Kriminalfilmen und Thrillern erfolgreich ist (La Boum 2 – Die Fete geht weiter – 1982; La Boum – Die Fete – 1980; "Mann in Wut" – 1979; "Die Ohrfeige" – 1974). Und vor der Kamera spielt immerhin Lino Ventura die Hauptrolle.
Dem Film helfen beide nicht. Das Drehbuch von Pinoteau und Jean-Loup Dabadie ist auf Effekt geschrieben, nicht auf Plausibilität. Da wird Bastien erst auf offener Straße rüde verprügelt. Dann wird er auf einer Autobahn von einem Truck abgedrängt und in die Böschung gerammt, wobei noch ein unbeteiligtes Auto in Mitleidenschaft gezogen wird.
Und schließlich explodiert Bastiens Auto in der Tiefgarage – offensichtlich ein Sprengstoffanschlag. Und die Polizei? Findet nur Bastiens Mutmaßungen dazu fragwürdig und ihn also verdächtig, geht aber keinen weiteren Spuren nach und schickt ihn nach Hause. Ich kenne die Polizeibehörden in Frankreich nicht – im Kino steht da mal ein Arschloch-Bulle, mal Jean-Paul Belmondo. Aber auch in Frankreich würden die Behörden nach derart schwerwiegenden Überfällen nicht einfach nichts tun.
Dabei hätte die Geschichte das Zeug für einen großen Thriller gehabt. Anstatt aber konsequent der Geschichte einer Erpressung zu folgen, die mit einem Zufall in New York beginnt und in den Gewehrkugeln der DDR-Grenzsoldaten an der Berliner Mauer endet, orchestriert von einem kriminellen Mastermind, für den Bastien nach sechs erfolgreichen Erpressungen jetzt das siebte Erpressungsziel ist (der Originaltitel La 7ème cible heißt auf deutsch "Das 7. Ziel"), verliert sich die Dramaturgie in Frauen- und Familiengeschichten. Bastiens Ex-Freundin ist heute mit dessen besten Freund, einem im Kinderfernsehen erfolgreichen Bauchredner, verheiratet, der ein Alkoholproblem hat. Bastiens aktuelle Freundin Catherine ist mit Paul verheiratet, der im Film erst eine Rolle spielt, als der Catherine schlägt und Bastien sie also zu sich holt – fortan spielt Paul keine Rolle mehr. Irgendwie ist Bastien außerdem Adoptivvater eines Jungen, der altersmäßig sein Enkel sein könnte, ohne dass daraus ein Spannungselement erwüchse, dann ist da ein junger Inspecteur, der Bastien dann doch als Sicherheit an die Seite gestellt wird, der aber unfähig und mit familiären Problemen beschäftigt ist, und schließlich gibt es noch Laura, Bastiens Mündel, die im Orchestergraben Violine spielt, jung verheiratet ist, aber schon fremd geht, während auch ihr Ehemann aus dem Film verschwindet.
All diese Konstellationen, die im französischen Kino seit den 1960er Jahren wiederkehrende Elemente sind, blähen ein ideenloses Drehbuch auf, ohne irgendwohin zu führen; einige Figuren sind – schnell erkennbar – als Opfer- oder Scharnier-Charakter, der einen Übergang von Ort A nach Ort B erklären muss, ins Skript geschrieben worden.
Und Lino Ventura? Seit Jahrzehnten die vertrauensbildende Maßnahme im französischen Action-, Drama-, Gangster- und Abenteuer-Kino ("Der Rammbock" – 1983; Der Maulwurf – 1982; Das Verhör – 1981; "Mann in Wut" – 1979; Der Schrecken der Medusa – 1978; Die Macht und ihr Preis – 1976; Adieu Bulle – 1975; "Der Ehekäfig" – 1975; "Die Ohrfeige" – 1974; Die Filzlaus – 1973; "Ich – Die Nummer eins" – 1973; Die Valachi-Papiere – 1972; Rum-Boulevard – 1971; Der Clan der Sizilianer – 1969; Armee im Schatten – 1969; Die Abenteurer – 1967; Einer bleibt auf der Strecke – 1965; Taxi nach Tobruk – 1961; Der Panther wird gehetzt – 1960; Tatort Paris – 1959; Fahrstuhl zum Schafott – 1958; Razzia in Paris – 1955)? Er spielt tapfer gegen die Leere des Drehbuchs an, zeigt alle seine beliebten Manierismen – er kocht, er küsst, er prügelt, er fährt, er lacht, ein Mann der sein vielfältiges Leben souverän im Griff hat – und muss dem Zuschauer doch signalisieren, dass er auch nicht versteht, was er hier eigentlich macht.
<Nachtrag1999>Das ist besonders schade. Für Lino Ventura war Bastien Grimaldi die letzte große Kinorolle. Drei Jahre später starb er an den Folgen eines Herzinfarkts.</Nachtrag1999>
