Kinoplakat (US): Tote schlafen fest
Die Blaupause für den Film Noir
Bogart & Bacall sind wunderbar
Titel Tote schlafen fest
(The Big Sleep)
Drehbuch William Faulkner + Leigh Brackett + Jules Furthman
nach dem gleichnamigen Roman von Raymond Chandler
Regie Howard Hawks, USA 1946
Darsteller Humphrey Bogart, Lauren Bacall, John Ridgely, Martha Vickers, Dorothy Malone, Peggy Knudsen, Regis Toomey, Charles Waldron, Charles D. Brown, Bob Steele, Elisha Cook Jr., Louis Jean Heydt u.a.
Genre Krimi, Film Noir
Filmlänge 114 Minuten
Deutschlandstart
29. September 1967
Inhalt
Privatdetektiv Philip Marlowe wird von General Sternwood engagiert, weil dieser wegen der Spielschulden seiner jüngeren Tochter Carmen erpresst wird. Zur Sprache kommt dabei auch, dass ein früherer Angestellter Sternwoods namens Sean Regan, mit dem Marlowe befreundet war, spurlos verschwunden ist. Marlowe macht sich an die Arbeit und entdeckt, dass Vivian, die ältere Tochter Sternwoods, mehr weiß, als sie zugibt. Ihre Schwester Carmen ist in kriminelle Machenschaften verwickelt, aber unzurechnungsfähig, da sie, wie sich bald herausstellt, drogensüchtig ist.

Seine Nachforschungen führen Marlowe in einen Dschungel kleiner und großer Verbrechen. Da er dabei auch die Auseinandersetzung mit dem mächtigen Gangsterboss Eddie Mars nicht scheut, schickt dieser ihm zwei Schläger auf den Hals. Ein klein gewachsener Mann, der die Sache beobachtet, hilft Marlowe erst, als die Schläger abgezogen sind. Es stellt sich heraus, dass er eine Bekannte hat, die etwas über den Verbleib von Sean Regan und von Eddie Mars’ angeblich mit diesem durchgebrannter Frau weiß. Marlowe folgt dieser Spur.

Später am selben Abend erwacht der Privatdetektiv in einem unbekannten Haus. Sein Schädel dröhnt – wohl von dem Schlag, der ihn niedergestreckt haben muss. Er selbst liegt gefesselt am Boden …

Was zu sagen wäre
Eine augenscheinlich einfache Ermittlung wächst sich zu einer großen Sache aus, schöne Frauen lügen, Männer schießen, Unschuldige sterben. Howard Hawks‘ „The Big Sleep“ wirkt wie die Blaupause für einen Film Noir: Der einsame Detektiv, die dunkle Stadt, der aufrechte Loner gegen die Korruption und Frauen in dünner Seide, die ihr eigenes Spiel spielen und die Schwarze Witwe ins Reich der Menschen geholt haben.

Die Akteure am Set: ahnungslos

Hawks‘ „The Big Sleep“ ist, wie schon Chandlers Vorlage das Portrait einer düsteren Gesellschaft, gewalttätig, asozial, mit Toten, die nichts zählen. Das Setting: verregnete Straßen, meistens nachts. Deshalb tragen die Männer Trenchcoat und den Hut tief ins Gesicht gezogen; zwischendurch trinken sie Whisky. Die Polizei ist hoffnungslos in der Defensive. Mehrfach bittet der in den Mordfällen ermittelnde Chief Inspector Bernie Ohls Marlowe um Aufklärung, was eigentlich los ist und der unterbezahlte, einsame aber aufrechte Private Investigator zeigt sich bestens im Bilde.

Es gehört in den Trivia-Kanon der Filmgeschichte, dass Howard Hawks (Haben und Nichthaben – 1944; „Sergeant York“ – 1941; „His Girl Friday – Sein Mädchen für besondere Fälle“ – 1940; „Leoparden küsst man nicht“ – 1938; „Scarface – Narbengesicht“ – 1932) während der Dreharbeiten ein Telegramm an Raymond Chandler schickte, der die Romanvorlage geschrieben hatte, worin er Auskunft erbat, wer denn nun eigentlich den Sternwoods Chauffeur Owen Taylor ermordet hätte, den im Film die Polizei tot am Steuer seines Packard aus dem Wasser gezogen hatte. Chandlers Antwort, ebenfalls per Telegramm: „Keine Ahnung“. Kann man das der Story vorwerfen? Dass da einer ermordet wird, und der Mörder einfach nicht ermittelt wird? Nur, wenn ich sie als klassischen Krimi missverstehe.

Hut, Trenchcoat und die filterlose zwischen den Lippen

Humphrey Bogart hat mit diesem Marlowe eine Ikone geschaffen. Der Mann im Trenchcoat, der Filterlosen zwischen den manchmal leicht zuckenden Lippen unter der Hutkrempe mit der kurzläufigen in der Hand. Wenn ihm was spanisch vorkommt, kratzt er sich mit dem Daumen über die straffen Lippen; erstaunt ihn etwas, zupft er sich am Ohrläppchen. Kleine Manierismen, die Bogart über die Jahre seiner Karriere entwickelt und gepflegt hat und die eine ganze Generation von Schauspielern, Typ Harter Kerl mit weichem Kern übernehmen sollte – nach „The Big Sleep“ sahen Privatdetektive im Kino über Jahrzehnte aus wie Humphrey Bogart als Phil Marlowe.

William Faulkner und Jules Furthman hielten sich an den Geist der Vorlage und legten dem knarzigen Privatdetektiv schneidige, kurze Sätze in den Mund, die den Eindruck des unbeeindruckten Moralisten unterstreicht. Die erste Drehbuchfassung von Leigh Brackett fand keine Verwendung. Hawks ließ von Faulkner und Furthman, mit denen er bereits bei dem erfolgreichen Projekt „Haben und Nichthaben“ (1944) zusammengearbeitet hatte, ein neues Drehbuch verfassen.

Lauren Bacall – eine Königin

Bogart bellt die Sätze häufig; oder er vernuschelt sie, wenn er auf Lauren Bacall trifft („Jagd im Nebel“ – 1945), seiner Partnerin aus Haben und Nichthaben, die er im vergangenen Jahr geheiratet hat und die hier ihren erst dritten Leinwandauftritt souverän gestaltet. Bogart und Bacall beiden können gut miteinander, wirkten schon vor zwei Jahren, als spielten sie sich einfach und locker die Bälle zu.

Bacall spielt eine junge Frau, die intelligenter ist als die meisten Männer um sie herum, sehr klar weiß, was sie will, mit kühlem Blick darauf zusteuert, dann aber nicht immer ein glückliches Händchen beweist und also froh sein darf, dass es doch noch Männer wie Philip Marlowe gibt, die nicht nur so intelligent sind wie sie, sondern dazu auch noch street wise. Bacall kann als Antwort wunderbar kühl die Grande Dame herauskehren. Natürlich findet Marlowe dann zur rechten Zeit auch die rechten Worte, um die schöne, smarte Tochter aus gutem Hause in den Sonnenuntergang zu begleiten.

Film Noir heißt ja nicht, dass auf märchenhafte Züge und happy endings keinen Wert gelegt würde. Die Welt ist kalt genug; da soll der einsame Marlowe wenigstens die schöne Tochter bespaßen dürfen.

Wertung: 5 von 6 D-Mark