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Plakatmotiv: Send Help (2026)

Spaßige Gesellschaftssatire zwischen
Splatter und blutigen Überraschungen

Titel Send Help
(Send Help)
Drehbuch Damian Shannon & Mark Swift
Regie Sam Raimi, USA 2026
Darsteller

Rachel McAdams, Dylan O'Brien, Edyll Ismail, Dennis Haysbert, Xavier Samuel, Chris Pang, Thaneth Warakulnukroh, Emma Raimi, Kristy Best, Francesca Waters, Olivia Sawyer, Brad Flett, Nana Miya, Anuwat Pornladawong, Benjawan Teawsomboonkit, Aaron Shore u.a.

Genre Abenteuer, Drama, Komödie
Filmlänge 113 Minuten
Deutschlandstart
29. Januar 2026
Inhalt

Linda Liddle zählt zu den Angestellten, die im Unternehmen unter dem Radar fliegt und deshalb kaum Beachtung findet. Ihr Alltag ändert sich jedoch von einem Moment auf den anderen, als sie gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten Bradley Preston nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel strandet.

Als einzige Überlebende stehen die beiden nun vor der Herausforderung, sich in dieser unwirtlichen Umgebung nicht nur zurechtzufinden, sondern den Überlebenskampf sicher für sich zu entscheiden. Früh treten die alten beruflichen Spannungen und unausgefochtene Konflikte an die Oberfläche, während die beiden gezwungen sind, zusammenzuarbeiten, um Nahrung, Schutz und einen Weg zur Rettung zu finden.

Doch aus dem gemeinsamen Überlebenskampf entwickelt sich ein Spiel aus Kontrolle und Misstrauen, in dem keiner bereit ist, die Oberhand zu verlieren …

Was zu sagen wäre

Der Hingucker in diesem in vielerlei Hinsicht überraschenden Kunstwerk ist Rachel McAdams. Weil Rachel McAdams in ihrem früheren Leben qua Rolle häufiger der Hingucker war, manchmal mehr oder weniger unfreiwillig aus der männlichen Perspektive als romantic love interest, mal als hübsch anzuschauendes Beiwerk in einem Blockbuster (Doctor Strange and the Multiverse of Madness – 2022; The Killing of a Sacred Deer – 2017; Doctor Strange – 2016; Spotlight – 2015; Every Thing Will Be Fine – 2015; A most wanted Man – 2014; Alles eine Frage der Zeit – 2013; Passion – 2012; Für immer Liebe – 2012; Sherlock Holmes – Spiel im Schatten – 2011; Midnight in Paris – 2011; Morning Glory 2010; Sherlock Holmes – 2009; State of Play – Stand der Dinge – 2009; Red Eye – 2005; Wie ein einziger Tag – 2004).

So kennen wir sie. Irgendwie. Aber in "Send Help" ist sie ganz anders! Das macht schon ihr Filmname deutlich: Linda Liddle!

Ausgeleierter Strickpullover, breit gelatschte Halbschuhe, Thunfischsalat-Sandwich-Reste an der Wange, sperrige Breitwandbrille und im engwinkligen Zuhause ein Nutellasüchtiger Papagei – nein, die prominente Hauptdarstellerin spielt hier nicht das klassische Rolemodel für eine Aufsteigersaga. Miss McAdams wurde nachhaltig entglamourisiert.

Eigentlich soll Rachel McAdams' Charakter neue Vizepräsidentin in ihrer Beratungs-Firma werden. Aber nachdem ihr – offenbar – gütiger Chef gestorben ist, übernimmt dessen schnöseliger Sohn das Ruder in der Irgendwie-Geld-Vermehrungs-Firma, und der schart lieber seinen Boysclub um sich. Er sehe auf der VP-Position, erklärt er Linda, eher „jemanden, der Golf spielt“. Nicht sie.

Wenige Drehbuchseiten später sitzt sie mit den Karrierechauvis in einem Privatjet, der dann plötzlich abstürzt und nur – mit ein paar süffig blutigen Bildern, immerhin haben wir es hier mit einem Film von Sam Raimi zu tun, der solche Bilder kann (Send Help – 2026; Doctor Strange and the Multiverse of Madness – 2022; Drag Me to Hell – 2009; Spider-Man 3 – 2007; Spider-Man 2 – 2004; Spider-Man – 2002; The Gift – Die dunkle Gabe – 2000; Aus Liebe zum Spiel – 1999; Ein einfacher Plan – 1998; "Schneller als der Tod" – 1995; Armee der Finsternis – 1992; Darkman – 1990; Tanz der Teufel 2 – Jetzt wird noch mehr getanzt – 1987; Tanz der Teufel – 1981) – sie und ihren Arschloch-Chef übrig lässt. Auf einer einsamen Insel. Abseits des Rettungskorridors.

Da entwickelt sich der Film schnell in diese okay-habe-ich-schon-geahnt-Richtung, für ungefähr fünf Minuten. Sie ist kurz vorher als Fan von Survival-Shows im Fernsehen eingeführt worden und kennt sich also bestens aus in der neuen Umgebung. Flugs baut sie einen Unterstand, fängt Regenwasser in Kokosnussschalen auf und brät zur Stärkung einen Fisch. Er hat ein verletztes Bein und ist dieser Situation in der sein Geld, seine Position, sein Geschlecht nicht helfen, ausgeliefert. Spätestens, wenn Linda Liddle ein nahrhaftes, sehr sehr blutig zur Strecke gebrachtes Wildschwein serviert, pulverisiert sich die Vorstellung, dass diese Hollywoodproduktion auf ein Ende hinaus liefe, in dem er sie – oder sie ihn – nach der Rettung vor den Traualtar zieht. Es ist zwar ein Rachel McAdams-Film, aber nicht mit so einer Rachel McAdams. Auf dem Plakat wird sie mit Messer in der Hand als „aus dem Strategieteam“ vorgestellt. Die Gewissheiten, wohin uns dieser Film treibt, verflüchtigen sich von Minute zu Minute. Während die Tage vergehen, legt Linda augenscheinlich keinen Wert darauf, von einem etwaig vorbeifahrenden Schiff gerettet zu werden.

Die umgedrehten Herrschaftsverhältnisse kommen ihr entgegen. Sam Raimi bebildert das, indem er sie jener Strickpullover-Graumäusigkeit enthebt und äußerlich in jene Schönheit verwandelt, die Miss McAdams für gewöhnlich in ihren Filmen ist, ihr Teint strahlt sanft gebräunt. Was sie innerlich umtreibt, bleibt die spannende Frage bis zum Schluss. Inzwischen hat sich der Chauvi-Boss von seiner Beinverletzung erholt und nach ein paar sehr unterhaltsamen Szenen, in denen sie sich Frischfisch-Sashimi mit Tropenblütendeko anrichtet, während er auf lebenden Insekten herumkaut, die neuen Hierarchien auf der Insel akzeptiert und geht bei der kenntnisreichen Frau in die Survivor-Lehre.

Weil sich das erzählerische Potenzial solcher Robinson-Geschichten schneller leert, als die Laufzeit des Films, entstehen leidige Längen, in denen wir uns im Kinosessel die schwierige Frage nicht beantworten können, wie Sam Raimi seine female empowerment story mit Kastrationsängsten und Lagerfeuerromantik über 113 Minuten zu einem schlüssigen Ende bringen will. Plakatmotiv: Send Help (2026) Das ist in Zeiten, in denen die großen Filmstudios dazu übergegangen sind, die Welt mit Algorithmus-Filmen, die nach Schema-F ablaufen, erstens überraschend, zweitens erfreulich und drittens sehr lustig. Gerade noch schlagen sie und er sich die Köpfe zu Brei, folgt eine Szene für den lauten Lacher, abgelöst von einem erzählerischen Wow!-Moment, gefolgt von einem emotionalen Monolog im romantischen Inselambiente, die mit einer Kotzszene in Großaufnahme schließt. Raimi, McAdams und Dylan O'Brien ("The Change" – 2025; Maze Runner – Die Auserwählten in der Todeszone – 2018; Deepwater Horizon – 2016; Maze Runner – Die Auserwählten in der Brandwüste – 2015; Maze Runner – Die Auserwählten im Labyrinth – 2014; "Prakti.com" – 2013) holen alles aus den erzählerischen Möglichkeiten raus. O'Brien ist der gockelhafte Chauvi, der glaubhaft zurück in jene Welt will, in der seine Privilegien Gültigkeit haben, McAdams verkörpert sowohl im Büro die Auswirkung von Sexismus am Arbeitsplatz als auch auf der Insel die Frau, die jene Brutalität lernt, die sie in der Unternehmenskarriere weiter bringt.

Unter anderem beim Kotzen erinnert der Film an Ruben Östlunds Triangle of Sadness (2022) mit seiner epochalen Kotzerei beim Captain's Dinner, aber natürlich nicht nur da. Auch bei Östlund stranden ein paar schwer reiche Unsympathen auf einer einsamen Insel und überleben nur, weil eine Putzfrau weiß, wie man Feuer macht und mit dem Speer Fische fängt und damit die Machtverhältnisse umdreht. Aber was bei Östlund damals zu einer beinahe zweieinhalbstündigen platten Posse geriet, die sich zwischen Schöner Wohnen, Russenklischees und Millionärsbashing verlor, entfaltet in Sam Raimis Händen zwischen magischen Dialogen, genussvoll überzeichnetem Splatter und Wendung um Wendung hohen Unterhaltungswert, dessen paar Leerläufe vergessen sind, wenn man immer noch gerne an den spaßigen Film zurück denkt.

Wertung: 6 von 8 €uro
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