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Plakatmotiv: Triangle of Sadness (2022)

Ein maßlos überschätzter Film, der der
Gesellschaft nichts Neues zu sagen hat

Titel Triangle of Sadness
(Triangle of Sadness)
Drehbuch Ruben Östlund
Regie Ruben Östlund, UK, S, D, Mex, Fra, Tü, Dan, USA, H, Gr 2022
Darsteller

Harris Dickinson, Charlbi Dean Kriek, Woody Harrelson, Dolly de Leon, Zlatko Burić, Iris Berben, Vicki Berlin, Henrik Dorsin, Jean-Christophe Folly, Amanda Walker, Oliver Ford Davies, Sunnyi Melles, Thobias Thorwid, Jiannis Moustos, Timoleon Gketsos, Alicia Eriksson, Hanna Oldenburg, Carolina Gynning, Ralph Schicha u.a.

Genre Abenteuer, Komödie, Drama
Filmlänge 147 Minuten
Deutschlandstart
13. Oktober 2022
Inhalt

Das junge Männer-Model Carl und die erfolgreiche Influencerin Yaya, in deren Beziehung es ein wenig kriselt, sind es gewohnt, ihr Luxus-Leben auf Instagram zu vermarkten. Als sie auf eine Kreuzfahrt für Superreiche eingeladen werden, können sie Erholung und Arbeit perfekt miteinander verbinden – sich mit einem Champagner-Glas auf dem Sonnendeck zu räkeln, ist schließlich absolut social-media-tauglich.

Hinter den Kulissen geht es jedoch weit weniger paradiesisch zu. Während sich der dauerbetrunkene, marxistische Kapitän in seiner Kabine einschließt, versucht die Crew unter Leitung ihrer perfektionistischen Chefin Paula, den verwöhnten Gästen jeden noch so absurden Wunsch zu erfüllen. Als das obligatorische Kapitänsdinner, zu dem sich der Captain dann doch noch breitschlagen lässt, ausgerechnet während eines Sturms stattfindet, laufen die Dinge jedoch völlig aus dem Ruder …

Was zu sagen wäre

Die Reichen sind zu blöd, ein Loch in den Schnee zu pinkeln. Was man ihnen aber nicht vorwerfen kann, wenn ihnen doch niemand erklärt hat, was Schnee ist. Weil: Was man den Reichen nicht erklärt, wissen sie nicht. Woher denn auch? Wo sie doch den ganzen Tag damit beschäftigt sind, Geld auszugeben. Wie sollen sie da auch noch Wissen erlangen? Reiche sind einfach reich! Ohne auf Lebenserfahrungen zurückgreifen zu können, wie man eigentlich zu Geld und Reichtum kommt.

Das ist die These dieses bei den Filmfestspielen in Cannes 2022 mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Films von Ruben Östlund (The Square – 2017; "Höhere Gewalt"  – 2014), dessen Titel das in der Welt der Models berüchtigte und gerne durch Botox eliminierte Dreieck der Traurigkeit, auch "Zornesfalte" zwischen Augenbrauen und Nasenwurzel bezeichnet – welche im weiteren Verlauf des Films keine Rolle mehr spielt.

Echt jetzt? Sind wir 2022 nicht weiter als diese Erkenntnis: Die Reichen sind eigentlich lebensunfähig, haben bei der Lotterie des Lebens einfach nur Glück gehabt und sind aber, um ihr güldenes Glück zu genießen, angewiesen auf die Arbeiterschicht, die den Laden am Laufen hält? Das Räderwerk des Kapitalismus' hat doch Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" schon 1949 aufgedeckt. Und was Ruben Östlunds Film – also das Kunstwerk – angeht: Da war ja manch Chuck Norris-Kracher in den 1980er Jahren mit seinen vorgeblichen Klagen gegen herrschende Verhältnisse komplexer.

Es ist ein bisschen unfair, einen Film anhand der Bugwelle einzuordnen, die er eher ungewollt vor sich herschiebt, weil er einen der bedeutendsten Filmpreise der Welt bekommen hat. Und immerhin weiß ja im Film Milliardär Dimitry zum Beispiel, anders als in oben zitierter Gemeinheit, ziemlich genau, wie er zu seinem Geld gekommen ist: „Ich habe mit Scheiße Geld gemacht!“ Dimitry ist milliardenschwerer Düngemittelproduzent. Wir lernen ihn auf einer 250 Millionen Dollar teuren Yacht kennen zusammen mit seiner Ehefrau und seiner Geliebten.

Schon klar: Jeder Generation gebührt das Recht der eigenen Erkenntnis. Wahrheiten, die vor 40 Jahren schon auf dem Tisch lagen, dürfen heute als Kokolores in den Müll geschmissen und mit einem zeitgemäßer gefilmten Werk als neu entdeckt deklariert werden. Das bringt nur die diese Wahrheiten schluckende Gesellschaft insgesamt keinen Jota weiter. Auf dem Heimweg nach "Triangle of Sadness" beschleicht mich die defätistische Vorstellung einer reichen und schönen Gesellschaft, die sich nach der Weltpremiere dieses Films in Cannes champagnerselig in die Arme fiel, weil sie sich in dieser elegant gefilmten, schrillen Satire für einen kurzen Moment gespiegelt sah und – Champagner ist ein Rauschmittel, das wie jedes Rauschmittel das Hirn vernebelt – „Palme d'Or! Palme d'Or!“ gerufen hat. Na ja, und dann hat halt ein dienstbeflissener Kellner diesen deutlich formulierten Wunsch weiter gegeben. Und so wurde aus einem trunkenen Zufall heraus "Triangle of Sadness" Träger der Goldenen Palme 2022. Wie gesagt: defätistische Vorstellung.

Der Film ist ein verfilmtes Thesenpapier, das sich dem Zuschauer nicht anzuvertrauen traut. Er braucht ewig, um einfachste Ideen, Behauptungen – etwa: Reiche sind lebensuntüchtig – zu tätigen und noch viel länger, um aus diesen Behauptungen eine Dramaturgie zu destillieren. In seinem ersten Kapitel, das im Titel die Namen seiner beiden Hauptfiguren trägt, hält der Film sich ausführlich bei Carl und Yaya auf – er männliches Model, zehn Minuten jenseits seiner erfolgreichsten Zeit, sie gefragtes Model und ordentlich geklickte Influencerin –, die es sich leisten können, einen ganzen Abend lautstark darüber zu streiten, wer die Rechnung im Restaurant begleicht, wobei im Zentrum des Streits immer das Mantra steht, dass man hier nicht um profanes Geld streite, sondern ums Prinzip der Gleichberechtigung. Plakatmotiv: Triangle of Sadness (2022) Der durchschnittliche, männliche, Zuschauer im Kinosessel hat seine Freundin sicher schon das ein oder andere Mal zum Essen eingeladen und sich auch schon gefreut, dass sie ihn mal eingeladen hat. Wir schreiben das 21. Jahrhundert! Da passiert so etwas! Und so wissen wir im Kinosessel nach einer viertel Stunde schon: Carl und Yaya leben lebensfern!

Im zweiten Kapitel, das schlicht mit "Die Yacht" überschrieben ist, treffen wir Yaya und Carl wieder an Bord einer Yacht am Tisch mit lauter schwer reichen Menschen, die uns so unzugänglich bleiben, wie schwer reiche Menschen uns auch in unserem realen Leben hinter hohen ihren Hecken unzugänglich bleiben. Einige bekommen Namen, andere nicht, tragen dafür aber bekannte Schauspielerinnengesichter – Iris Berben etwa, oder Sunnyi Melles. Und allen ist gemein, dass sie die Grundregeln des menschlichen Zusammenseins nicht beherrschen. Die schwer reichen, unförmigen Figuren an Bord halten sich für was Besseres und wenn sie die schmutzigen Segel des Schiffs kritisieren, dann verspricht der Kapitän der hoch motorisierten, also ohne Segel auskommenden Luxusyacht, diese Segel umgehend reinigen zu lassen. Die dienstbaren Geister sind den schwer Reichen zu Diensten, weil sie auf ein großes Trinkgeld setzen. Und die Maschinisten, Putzfrauen und Köchinnen machen ganz unten, unsichtbar einfach nur ihren schlecht bezahlten, ölverschmierten Job. Hui: Das ist die Entdeckung der puren Klassengesellschaft, die uns dieser Film hier eineinhalb Stunden von zweieinhalb Filmstunden lang präsentiert.

Und dann kommt Kapitel 3: "Die Insel". Die Höhere Gewalt des Drehbuchs will es, dass Teile der Yachtgesellschaft nach einem Unwetter und einem pittoresken Piratenangriff auf einer einsamen Insel stranden, wo sich die Verhältnisse umkehren: Die philippinische Putzfrau ist nun jene, die sich auskennt, die weiß, wie man in dieser Umgebung überlebt und weiterkommt, während die Millionäre zu sonnenverbrannten, durstigen Bittstellern schrumpfen, die in tropischer Hitze noch dankbar dargereichtes Salzgebäck in sich hinein schaufeln, das den Durst nur verstärkt. Und die Putzfrau weiß ihre ihr zugewachsene Macht gewinnbringend zu nutzen.

Das künstlerische Werk hat Pluspunkte: Es ist elegant gefilmt. Der Score ist süffisant zurückhaltend. Das zugrunde liegende Drehbuch entwirft eine bei stürmischer See sich entfaltende Kotzorgie, die Regisseur und Schauspieler lustvoll in unappetitliche Bilder umsetzen. Und natürlich ist dem Werk insgesamt seine soziale Haltung gar nicht vorzuwerfen; schadet ja niemandem, die Ungerechtigkeiten dieser Welt ab und zu mal in Bildern, Wörtern oder Noten zu komprimieren.

Wenn ich aber das Großpreis- und das Feuilletonisten-Brimborium beiseite lasse und nur auf den vorliegenden Film schaue, dann sehe ich das schlecht getimte, bereits erwähnte Thesenpapier.

Wertung: 2 von 8 €uro
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