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Plakatmotiv: Marty Supreme (2025)

Ein Film, so schnell wie Tischtennis,
so nervtötend wie seine Hauptfigur

Titel Marty Supreme
(Marty Supreme)
Drehbuch Ronald Bronstein & Josh Safdie
Regie Josh Safdie, USA, Finnland 2025
Darsteller

Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A'zion, Larry Ratso Sloman, Mariann Tepedino, Ralph Colucci, Devorah Shubowitz, Tyler Okonma, George Gervin, Luke Manley, Marinel Tinnirello, Fran Drescher, Sandra Bernhard, Emory Cohen, John Catsimatidis, Géza Röhrig, Koto Kawaguchi, Nick Waplington u.a.

Genre Komödie, Drama
Filmlänge 149 Minuten
Deutschlandstart
26. Februar 2026
Inhalt

Marty ist Schuhverkäufer in New York 1955. Darin ist er ein Meister. Er könne Amputierten Schuhe andrehen, behauptet er von sich selbst und genauso selbstbewusst ist er überzeugt, dass er schon bald den Weltmeistertitel im Tischtennis trägt. In Gedanken backt Marty Mauser stets die ganz großen Brötchen.

Er ist davon überzeugt, zu den weltweit besten Tischtennisspielern zu gehören. Deshalb ist es für ihn nur noch eine Frage der Zeit, bis die Realität nachzieht. Seine große Chance sieht er in einem Turnier, für das er nach London fliegt. Doch dort wird er mit der knallharten Realität des Sports, zu dem es dann eben doch ein bisschen mehr als Selbstbewusstsein braucht, konfrontiert. Im Finale unterliegt er dem Japaner Koto Endo.

Marty gibt sich nicht geschlagen. Nach einer ausgedehnten Europatournee als Showspieler in den Pausen der Auftritte der HARLEM GLOBETROTTERS kehrt er nach New York zurück und beginnt damit, das Geld für das nächste Turnier zusammen zu kratzen. Dieses Mal muss es mit dem Sieg klappen, sonst muss Marty womöglich wirklich bis in alle Ewigkeit Schuhe verkaufen …

Was zu sagen wäre

Tischtennis ist ein schnelles Spiel. Das Spielgerät, der Ball, ist immer in Bewegung, wechselt ständig die Richtung, fliegt mal hoch, mal flach. Manchmal bleibt er im Netz hängen. Dann geht die wilde Hatz schnell wieder von vorne los. In dieser Atemlosigkeit, in den Entscheidungen der Spieler, dem Ball eine bestimmt Richtung zu geben, die zu neuen Entscheidungen des anderen Spielers führen, findet der Ball seine Parallele in diesem Film, der von einem Tischtennisspieler erzählt, der sich selbst für den größten und besten von allen hält und dauernd falsche Entscheidungen trifft, die zu neuen falschen Entscheidungen führen.

Marty kommt aus einer Gegend, sagt er, in der man selber auf sich aufpassen müsse, sich selbst kümmern müsse. Damit erklärt er, warum er sich ständig benimmt wie ein Arschloch. Auch wenn er das nicht ganz so bezeichnet. Marty lügt, raubt, erpresst und erzählt den Menschen das Blaue vom Himmel herunter, um an deren Geld zu kommen, das er braucht, um zur nächsten Weltmeisterschaft im Tischtennis zu reisen. Tischtennis beginnt sich damals gerade erst durchzusetzen, „Pingpong“ wird es meist noch genannt. Sein Onkel, dem der Schuhladen, in dem Marty arbeitet, gehört, will ihn nicht bezahlen, weshalb Marty ohne zu zögern in sein Büro marschiert und mit vorgehaltener Pistole erklärt, das Geld sei versprochen worden, jetzt her damit. Nein? Dann sei das hier jetzt ein Überfall. Ein anderes Mal kracht er mit der Badewanne durch die Decke. Das ausbrechende Chaos einen Stock tiefer nutzt er zur Kontaktanbahnung und Geldbeschaffung. Er schwängert seine Freundin, die unglücklich verheiratete Rachel und bestreitet rundheraus, Vater des Kindes zu sein und außerdem passe Familie in dieser Phase seines Lebens überhaupt nicht in seine Planung. Er streift durch die verrauchten Bowling- und Tischtenishallen New Jerseys, zieht dort ein paar Spieler ab, in der Folge explodiert eine Tankstelle. Ein entführter Hund führt zu einer wilden Schießerei mit einem Farmer.

Marty ist immer auf der Suche. Er verführt die alternde Hollywood-Diva Kate Stone, herrlich gelangweilt gespielt von Gwyneth Paltrow (Sky Captain and the World of Tomorrow – 2004; Schwer verliebt – 2001; Die Royal Tenenbaums – 2001; Traumpaare: Duets – 2000; Der talentierte Mr. Ripley – 1999; Dogma – 1999; Shakespeare in Love – 1998; Ein perfekter Mord – 1998; Große Erwartungen – 1998; Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht – 1998; Emma – 1996; Sieben – 1995; Malice – Eine Intrige – 1993; Hood – 1991), klaut ihr Halsband und pumpt parallel ihren Mann an, einen Stifte-Fabrikanten. Nur Tischtennis spielt er kaum. Irgendwann fragt man sich, woher er das eigentlich kann, woher er eigentlich diesen Kick hat. Bei der Weltmeisterschaft in London wird er immerhin Vizeweltmeister, was auf eine gewisse Leidenschaft schließen lässt. Woher die kommt? Bleibt offen. Sie führt nur dazu, dass er es sich schon in London mit allen Wichtigen in der Tischtennisbranche verscherzt. Sein Hotel ist eine Bruchbude. Er sei hier der Champion, beschwert er sich bei der Turnierleitung, warum man ihn in so einem Rattenloch einquartiere? Für sein Benehmen belegt ihn der Verband mit einer Geldstrafe, die er bezahlen muss, sonst wird er für die Weltmeisterschaft gesperrt. Also muss er wieder Geld auftreiben. So gerät der gesamte Film zu einem sich nie erfüllenden American Dream, der in den 1950er Jahren ja noch diese gewisse Strahlkraft der Glaubwürdigkeit in sich trug, in dem sich der Protagonist unentwegt bemüht, tapfer an sich glaubt und damit alles immer nur noch schlimmer macht. Immer schneller fliegt der Ball, alles folgt aufeinander, der Film ist reine Bewegungsenergie, nur fällt es einem hinterher schwer, den Zusammenhang noch herzustellen.

Denn was erzählt der Film eigentlich? Genau genommen nur das eben Beschriebene. Wer einen klassischen Sportlerfilm erwartet, so mit Trainingsszenen zu aktueller Popmusik geschnitten und dem entscheidenden Punkt in der letzten Spielsekunde, der guckt sich vielleicht lieber mal wieder die Mighty Ducks an. Wir verlassen den Film "Marty Supreme", dessen Titel auf einen extra designten, orangfarbenen Tischtennisball der gleichnamigen Marke anspielt, der im Film eine kurze, unbedeutende Rolle spielt, kaum klüger, als wir ihn betreten haben. Plakatmotiv: Marty Supreme (2025) In Marty schlummert eben kein Weltmeistermaterial, auch wenn er das unablässig von sich behauptet. Dabei ist er kaum in der Lage, seinen Alltag zu organisieren, hat nicht mal eine sichere Bleibe für die Nacht. Wenn er Hunger hat, verführt er Kate Stone und hofft auf ein Essen danach auf ihre Hotelzimmerrechnung.

Marty Mauser basiert lose auf der Biografie des US-Tischtenisspielers Marty Reisman, der in den 1950er und -60er Jahren an sieben Weltmeisterschaften teilnahm und dabei fünfmal Bronze gewann. Aber was heißt das, basiert lose? Reizte die Filmemacher das Leben eines Sportlers, der es in einem im Kino selten bebilderten und also reizvollen Sport (Ausnahme: Forrest Gump – 1994) nie nach ganz oben geschafft hat? Dann haben sie zu wenig rausgeholt aus dieser Biografie. Marty ist als Sportler keine originelle Figur. In seinem Auftreten als Großschwätzer, Egozentriker und Talent aus bescheidenen Verhältnissen ist er nicht aufregender als lauter historische Kinofiguren. Das Etikett "authentische Biografie" scheint eher ein Argument an die Produzenten gewesen zu sein, Geld für dieses Ping/Pong-Drama, diese Aktion/Reaktion-Dramaturgie zu geben mit dem verkaufsfördernden Label Nach einer wahren Geschichte.

Das Marketing des Films legt Wert auf den Hinweis, dass sich Timothée Chalamet sechs Jahre lang auf diese Rolle vorbereitet habe, um so gut Tischtennis spielen zu können, wie er das im Film tut. Das ist so ehrbar wie unnötig. So eine Aussage zitieren Journalisten gerne (auch in diesem Text wieder) und schreiben dann mehr über diesen Film. Für die authentische Bebilderung der Tischtennissequenzen braucht es im Jahr 2026, in dem man Mängel an der grünen Platte leicht digital radieren kann, aber kein solch aufwendiges Training mehr. Zumal in einem Film wie diesem, in dem es um das Wesen des Tischtennis', um einen Zauber an der Platte am allerwenigsten geht.

Der Film ist rein technisch gesehen ein Werk von Könnern, dynamisch geschnitten, effektvoll unauffällig ausgeleuchtet, im Set Design in verranzten Hotels und verrauchten Tischtennishallen meint man noch den Geruch von Schweiß und Urin wahrzunehmen, der Soundtrack, der sich für diese Story aus den 1950er Jahren auch fröhlich bei Popsongs aus den 1980er Jahren bedient, versetzt diese Tragödie in eine frei definierbare Zeitlosigkeit. Und die Hauptfigur geht einem im Kinosessel ebenso sehr auf den Geist, wie den Leuten auf der Leinwand. Das ist entweder die hohe Schauspielkunst, Timothée Chalamet ist als Marty Mauser für einen von neun Oscars für diesen Film nominiert (Dune: Part Two – 2024; Don't look Up – 2021; Dune: Part One – 2021; Little Women – 2019; A Rainy Day in New York – 2019; Feinde – Hostiles – 2017; Lady Bird – 2017; "Call Me by Your Name" – 2017; Interstellar – 2014; #Zeitgeist – 2014). Oder es ist einfach die hohe Kunst des ebenfalls für einen Oscar nominierten Drehbuchautoren, der einen auch auf den Zuschauer übergriffigen Charakter geschrieben hat.

Alles, was über das Technische hinaus ins Künstlerische, ins Erzählende geht, schafft der Film nicht. Statt mich zu packen, geht er mir auf die Nerven. Dieser Charakter ist von Minute zu Minute weniger glaubhaft. Er tourt mehrere Monate als Showact durch Europa, verdient damit aber offenkundig so wenig, dass er, kaum zurück in New York, schon wieder pleite ist. Er stößt jeden von sich, seine Mutter, Freunde, Freundin, sogar sich selbst. Sein Selbsterhaltungstrieb ist auf die kürzeste Distanz ausgelegt, den Erwerb von Geld für die Reise zur Tischtennis-WM nach Tokio; eine dauerhafte Sicherung der Lebensgrundlagen – Nahrungsmittel, dauerhaftes Dach über dem Kopf, Kontakte im Verband für die sportliche Perspektive, Training – ist dem Drehbuch egal. Hauptsache, die Figur schwebt handlungstreibend in ständigem Stress. Das könnte die Hauptfigur als getriebenen, nur seiner Sache verschriebenen, also coolen Charakter identifizieren. Allerdings offenbaren die Tränen der Rührung, die die Titelfigur im Schlussbild dann plötzlich über ein Baby vergießt, ein konservatives Weltbild, das alles, was die Autoren Marty 140 Minuten lang an den freiheitsliebenden Schläger gedichtet haben, als Zeitverschwendung, also uncool entlarvt.

Wertung: 3 von 8 €uro
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