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Plakatmotiv: John Wick - Kapitel 3

Ein testamentarischer Pas de
deux mit Knarre und Schwert

Titel John Wick: Kapitel 3
(John Wick: Chapter 3 – Parabellum)
Drehbuch Derek Kolstad + Shay Hatten + Chris Collins + Marc Abrams
Regie Chad Stahelski, USA 2019
Darsteller
Keanu Reeves, Halle Berry, Ian McShane, Laurence Fishburne, Mark Dacascos, Asia Kate Dillon, Lance Reddick, Tobias Segal, Anjelica Huston, Saïd Taghmaoui, Jerome Flynn, Randall Duk Kim, Margaret Daly, Robin Lord Taylor, Susan Blommaert u.a.
Genre Action
Filmlänge 131 Minuten
Deutschlandstart
23. Mai 2019
Website johnwick-filme.de
Inhalt

Nachdem John Wick den Mafia-Boss Santino D’Antonio auf dem heiligen Boden des New Yorker Continental getötet hat, ist Hotelchef Winston gezwungen, ein Excommunicado auszusprechen und Wick alle Rechte in der mystischen Geheimwelt der Auftragskiller zu entziehen. Winston gibt seinem Freund zwar eine Stunde, bevor der Bann in Kraft tritt, doch viel Zeit, sich zu bewaffnen, bleibt Wick nicht.

Die gesamte Unterwelt klebt an seinen Hacken, weil mit dem Ausschluss auch ein Kopfgeld in Höhe von 14 Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt wird. Die ersten Angreifer lassen nicht lange auf sich warten, selbst wenn man einen so vermeintlich friedvollen Ort wie die New York Public Library besucht. Weil er sich die Killer kaum mehr vom Leib halten kann, will Wick die Stadt und das Land verlassen. Doch dazu benötigt er Hilfe. Seine Suche nach Verbündeten führt ihn zur toughen Sofia nach Marokko.

Währenddessen übt die Hohe Kammer, das oberste Gremium der Auftragskiller-Organisation, Druck auf Continental-Chef Winston aus. Eine Richterin des Rats leitet eine Untersuchung ein und macht mit dem so zähen wie kampfstarken Killer Zero nicht nur Jagd auf John Wick …

Was zu sagen wäre

Der Ballettfilm des Jahres 2019 kommt mit alttestamentarischem Einschlag daher. John Wick, der Messias des 21. Jahrhunderts, tritt sogar seinen Gang in die Einsamkeit der Wüste an, bei dem er Erlösung und Weisheit findet – wenn die Erlösung auch nur zwischenzeitlich ist und die Weisheit im laufenden Mehrkampf, einer gegen Viele, nur bedingt von Nutzen ist.

Das dritte Kapitel der John-Wick-Reihe macht da weiter, wo das zweite vor zwei Jahren aufgehört hat. Die eine Stunde Zeit, die Hotelmanager Winston dem Titelhelden gewährt hat, ist zur Hälfte rum, die Killer rotten sich zusammen – es winken immerhin 14 Millionen … später gar 15 Millionen Dollar – Plakatmotiv: John Wick - Kapitel 3 um den Mann mit den halblangen Ölhaaren zu vierteilen, zu hängen, zu spalten, zu killen, zu häkseln, zu köpfen, zu brechen, Hauptsache er ist schnell tot. Wie wir im Kinosessel uns erinnern, ist genau das alles andere als leicht, und so erreicht Chad Stahelski in seinem Film nach zehn Minuten im nächtlichen, von pastellfarbenem Neon beschienenen Regen von Manhattan die Betriebstemperatur, deren Höchstgeschwindigkeit er erst unmittelbar vor dem Abspann abbremst.

Über weite Strecken ist das ein elegantes, mit der Kamera schwebend eingefangenes Ballett aus Sprüngen, Schlägen, Tritten und Hieben bei einem zurückhaltenden Score. Bis auf die Zeit in Marokko, die in ihrer grün-rot-gelb-blau-bunten Knallfarbigkeit an die Dramaturgie der Zwischenfilme eines Ego-Shooters gemahnt, bei der der Blut spritzende Kopfschuss zur neuen Alltagsbanalität gerinnt.

Wicks Sinnsucher-Gang in die Wüste markiert den Wendepunkt. Ziemlich genau in der Mitte des Films findet sich der leck geprügelte Titelheld in einem Beduinenzelt irgendwo in der Wüste wieder. Hier trifft er auf, nun ja, sinngemäß auf Gott; auf den Mann, der eingeführt wird als der, der über dem Hohen Rat steht. Dieser Hohe Rat war in den beiden vorherigen Teilen die allumfassende Legislative, die die Exekutive der Einfachheit halber gleich selber in Gang setzt. Die John-Wick-Welt bewegt sich einen halben Herzschlag neben unserer Realität, in die wir nach dem Abspann zurückkehren (müssen). Auch dort gibt es klare Regeln. Auch dort werden Verstöße gegen die Regeln mit klarem Strafmaß geahndet. Es herrscht die Ganovenehre 3.0. Aber je länger die Filmerzählung dauert, desto deutlicher setzt sich in dieser Parallelwelt die alte Weisheit durch: Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut.

John Wick, die Jesus-Figur dieser alttestamentarischen Büßer-Saga, muss die Pharisäer aus dem Tempel vertreiben, jene, die Recht über Gerechtigkeit setzen. Deshalb sind wir im Kinosessel ja auf seiner Seite – anfangs, weil er von Keanu Reeves verkörpert wird, jenem in der Instagram-Welt gefeierten Ausbund an Freundlichkeit ("Siberia – Tödliche Nähe" – 2018; The Neon Demon – 2016; John Wick – 2014; 47 Ronin – 2013; Der Tag, an dem die Erde stillstand – 2008; "Was das Herz begehrt" – 2003; The Matrix Revolutions – 2003; Hardball – 2001; Sweet November – 2001; The Gift – 2000; The Watcher – 2000; Matrix – 1999; Im Auftrag des Teufels – 1997; "Außer Kontrolle" – 1996; Dem Himmel so nah – 1995; Vernetzt – Johnny Mnemonic – 1995; Speed – 1994; "Little Buddha" – 1993; "William Shakespeare's Viel Lärm um nichts" – 1993; Bram Stokers Dracula – 1992; "Gefährliche Brandung" – 1991), später, weil das Drehbuch in diese Richtung erzählt. Und also sammelt sich langsam eine Schar der Gerechten gegen die Selbstgerechten. Das passiert in "Kapitel 3" noch sehr verhalten: Die Gerechten, verkörpert von großen Namen der Darsteller-Riege Hollywoods, haben ihren Auftritt und verschwinden wieder. Plakatmotiv (US): John Wick - Kapitel 3 Aber das wird es nicht gewesen sein: Wieder fängt die Gerechtigkeit vor lauter Selbstgerechtigkeit an zu stinken. Wieder siegt die Kinokasse über das naturgemäß limitierte Erzählpotenzial einer Geschichte.

Etwa zehn Minuten vor dem Abspann dieses dritten Kapitels wird deutlich: Es wird einen weiteren Teil geben müssen. Dabei ist schon seit den Szenen im Beduinenzelt außer zünftiger Prügelei im 80er-Jahre-Metropolen-Neonlicht nichts Neues mehr erzählt worden. Die aufgetretenen Figuren – zu Killer John Wick, Hotelchef Winston und Concierge Charon gesellen sich Hundefreundin Sofia, von Halle Berry prügelfreudig angelegt, die von Anjelica Huston machtvoll angelegte russische Clanchefin "The Director" sowie Asia Kate Dillon als eine aufregende "Richterin" – stehen auserzählt im Finale auf einem Schachbrett, auf dem es bis zum Schachmatt in einem nächsten oder gar übernächsten "Kapitel" noch ein paar überraschende Züge geben mag, die Strategie dahinter aber längst offen liegt. Es steht zu befürchten, dass Hollywood dieses Schachmatt nun weiter hinauszögert und hinauszögert bis – klassisches Dilemma – die Könige allein auf dem Brett verbleiben.

John Wick war 2014 ein Überraschungshit; ein Zufall, aber ein nachvollziehbarer, denn er hatte genau jenes comichaft überzeichnete Potenzial, dass das Hollywoodkino der Zehner Jahre beherrscht hat. Chad Stahelski hat dieses Potenzial bemerkenswert geradlinig ausgeschöpft bis in diesen dritten Teil hinein – und wir im Kinosessel sind seit 1983, seit 36 Jahren, ja auf die Struktur der Trilogie als Königsdisziplin der Erzählstruktur geeicht. Aber jetzt ist das Format ausgeschöpft, die Originalität verblasst. Was jetzt noch kommen kann, zeigen uns dritte Staffeln einst gehypter Serien auf Netflix anschaulich: geheime Organisationen hinter der Geheimorganisation und jede Menge Bauernopfer, denen niemand mehr nachweint.

Der vorliegende Film ist ein gutes Beispiel für ein schlechtes Beispiel: dafür, wie man eine clevere, einfache und deshalb funktionierende Idee ausleiert.

Wertung: 4 von 8 €uro
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