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Plakatmotiv: Das Haus am See (2006)

Ein fantastischer Ausflug in die
Romantik durch Raum und Zeit

Titel Das Haus am See
(The Lake House)
Drehbuch David Auburn
nach dem südkoreanischen Drehbuch zu "Das Haus am Meer – Il Mare"
Regie Alejandro Agresti, USA 2006
Darsteller
Keanu Reeves, Sandra Bullock, Christopher Plummer, Ebon Moss-Bachrach, Willeke van Ammelrooy, Dylan Walsh, Shohreh Aghdashloo, Lynn Collins, Mike Bacarella, Kevin M. Brennan, Frank Caeti, Aliyah Carr, Jennifer Clark, Jacob D. Dumelle, Scott Elias u.a.
Genre Drama, Fantasy, Romanze
Filmlänge 99 Minuten
Deutschlandstart
6. Juli 2006
Inhalt

Dr. Kate Forster hat für einige Zeit in einem Haus am See gelebt. Nun zieht sie nach Chicago, wo sie in einem Krankenhaus als Ärztin arbeitet. Bevor sie das Haus verlässt, legt sie einen Brief für den Nachmieter in den Briefkasten. Alex Wyler findet die Nachricht und antwortet ihr.

Für eine Weile schreiben sie sich, wobei der Briefkasten als Verbindung dient. Durch das Briefeschreiben fällt beiden auf, dass Alex nicht der Nachmieter, sondern der Vormieter ist, dass sie beide in dem wunderschönen Anwesen leben – allerdings zeitlich zwei Jahre voneinander getrennt. Natürlich glauben beide zunächst, sie hätten es mit einem Spinner zu tun, aber als sie herausfinden, dass sie mit Hilfe ihres Briefkastens direkt und in Sekundenschnelle Sachen in die Zukunft/Vergangenheit versenden können, beginnen sie, das seltsame Zeitloch zu akzeptieren. Kate erinnert sich, dass sie Alex vor zwei Jahren auf eine Party kennengelernt hat.

Als sie ein Treffen zu einem romantischen Abendessen vereinbaren, kommt es zu unerwarteten Schwierigkeiten …

Was zu sagen wäre

Keanu Reeves und Sandra Bullock zusammen in einem Film? Da sind sofort die Erinnerungen an einen Actionklassiker aus den 1990er Jahren wach: Speed (1994) von Jan De Bont. Damals waren sie beide in einem engen Bus gefangen, der bei halsbrecherischem Tempo durch die Rush Hour von Los Angeles fuhr und zu explodieren drohte. In "Das Haus am See" kommunizieren die beiden über eine große Entfernung miteinander – aber in aller Ruhe via handgeschriebenen Briefen; und sie haben überhaupt nur drei gemeinsame Szenen vor der Kamera. Es geht um die Liebe. Und um Menschen die die Liebe nicht erkennen, oder zu spät erkennen. Es geht um Menschen, die auf die bessere Gelegenheit warten, den noch besseren Mann, die noch schönere Frau und dabei übersehen, dass ihr Leben endlich ist. Die Ärztin Kate und der Architekt Alex sind sich schon nach ein paar Briefen, die sich schreiben, sicher, dass sie sich näher kommen wollen. Bei ihnen vergehen also nicht die Jahre, in denen sie auf bessere warten. Bei ihnen liegen die Jahre unüberbrückbar zwischen ihnen: „Es gibt Jemanden. Es ist 'ne Art Fernbeziehung. Mein Schicksal: Immer schön auf Distanz halten. Alles und Jeden. Der Mann, der vor mir stand und mich heiraten wollte, den habe ich weggestoßen und bin abgehauen. Aber den Mann, den ich nie treffen werde, würde ich sofort mein ganzes Herz schenken.

Der romantische Film hat die Ruhe weg, erzählt seine Geschichte in elegischen Bildern und eleganten Blenden und sagt doch mit wenigen Bildern viel. Die Charaktere Kate und Alex sind nach zwei Filmminuten scharf umrissen: Kate ist eine alleinstehende Frau mit Hund, die einen Mustang fährt – Frau mit Muscle-Car? Sie ist wohl eher keine, die auf eine baldigen Lebenspartner samt  Familiengründung wartet. Alex wirkt entspannt und fährt einen voll geladenen Pickup – ein Draußen-Typ in Gore-Tex Jacke.

Es beginnt ein irrwitziger Briefwechsel zwischen dem Jahr 2004 und dem Jahr 2006. Während sich die beiden Protagonisten hier emotional schnell näher kommen, baut Regisseur Alejandro Agresti ein paar absichtlich redundante Pirouetten in seinen Film, damit wir im Kinosessel uns in die Struktur der beiden Zeitebenen eingewöhnen können. Das fällt nicht ganz leicht, weil die beiden Briefe Schreibenden miteinander kommunizieren, als würden Sie E-Mails hin- und herschicken – wir verfolgen ihre Gespräche über die Tonspur aus dem Off. Diese Art des Dialoges ist zunächst schwer nachzuvollziehen, weil handgeschriebene Kommunikation so eigentlich nicht funktioniert. Während unser Hirn sich mit dem Gedanken vertraut macht, dass das über den Zeitsprung und den zentralen Briefkasten eben doch geht, spazieren Alex und Kate gemeinsam – aber in ihrer jeweiligen Zeit – durch Chicago und tauschen Eindrücke aus und dann passiert das: „Alex?“ „Kate?“ „Ich wünschte, wir hätten diesen Spaziergang gemeinsam machen können“, sagt Kate.
Schnitt.
Kate geht an einer Hausfassade vorbei, auf die jemand, offensichtlich Alex, vor zwei Jahren „Kate, I'm here with You. Thanks for the lovely Saturday together“ (Kate, ich bin bei Dir. Danke für einen schönen gemeinsamen Samstag) gesprüht hat. An dieser Stelle ist die Einführung in diese knifflige Geschichte noch nicht vorbei, aber ich mittendrin. Im Übergang von der komplexen Einführung in die Handlung, in der es dann darum geht, wie sich die beiden wohl treffen können, was es mit dem Zeit-Phänomen auf sich hat und mit dem titelgebenden Haus am See, pflanzt Alex im Jahr 2004 einen Baum, der Kate eine Überblendung später im Jahr 2006 unter seiner mittlerweile vollen Pracht Schutz vor strömendem Regen gibt. Alejandro Agresti inszeniert die Zeitsprünge – deren Logik man besser nicht hinterfragt – in schönen Bildern. Da glaubt einer ans Kino und schert sich nicht um die Realität.
Realität im Kino? Da sind zum Beispiel Alex und Kate in ihrem jeweiligen Jahr zum Glück viel zu beschäftigt – sie als Ärztin, er als Architekt – als dass sie Zeit für Nachforschungen über den Verbleib des jeweils anderen in der eigenen Zeit hätten – heißt: Alex könnte Kate fragen, wo sie zu seiner Zeit, 2004, war und sie dort dann aufsuchen (und auf eine Kate treffen, die keine Ahnung hat und ihn aufdringlich finden könnte – Szenen, die nicht in die entspannte, schön fotografierte Komposition dieses romantischen Films passen. Aber natürlich könnte ja Kate recherchieren, wo in ihrem Jahr 2006 ein gewisser Alex Wyler, Architekt, sein Büro hat, was sie nicht tut, sicher weil sie zu beschäftigt ist und weil das die langweilige Realität wäre, von der wir draußen vor der Kinotür genug haben.

Sie treffen sich dann doch. 2004. Nicht ganz zufällig. Da spielt Alex' Hund eine Kupplerrolle, der auch Kates Hund ist (das zu erklären führt hier zu weit). Da sitzen beide auf der nächtlichen Veranda vor einem Haus, in dem Kates Freund für Kate eine Geburtstagsparty schmeißt, von der sie eher nicht so begeistert ist – sie kennt ihren Freund erst ein paar Wochen und fühlt sich von seinem Drängen auf Nähe und Familie eingeengt. Sandra Bullocks Kate, das hatte sich schon mit dem Mustang in der ersten Filmminute angedeutet, ist keine für die schnelle Heirat. Nun sitzt sie also ahnungslos mit dem Mann, den sie liebt ohne zu wissen, dass sie ihn liebt und der weiter von ihr entfernt ist als die Venus, auf der Veranda vor dem Geburtstagsparty-Haus und redet über Jane Austen, über Lebensentwürfe, die erste Liebe. Plakatmotiv: Das Haus am See (2006) Agresti zeigt dieses Gespräch ohne, dass Musik die Stimmung manipuliert, in einer Einstellung. Dann stehen die beiden auf, tanzen im Garten und küssen sich. Zwei Schauspieler und eine Kamera. Diese Inszenierung macht aus einer Drehbuchpassage einen intimen Moment. Große Romantik. In der Sandra Bullock mal zeigt, was sie abseits ihrer kumpeligen Komödienfiguren auch im ernsten Fach für eine wunderbare Schauspielerin ist (Miss Undercover 2 – 2005; L.A. Crash – 2004; Ein Chef zum Verlieben – 2002; Mord nach Plan – 2002; Miss Undercover – 2000; Die Jury – 1996; Das Netz – 1995; Während du schliefst – 1995; Speed – 1994; Demolition Man – 1993).

Im Mittelpunkt dieses Films aber steht das Lake House, das Produktionsdesigner Nathan Crowley extra für diesen Film (am Maple Lake in Illinois) entworfen hat. Das Haus ist ein Traum in Glas, ein Bungalow mit rundherum durchsichtigen Wänden. Nichts für Menschen, die an Verfolgungswahn leiden, aber in der Landschaft zwischen See und Wald eine architektonische Perle, die im Film Alex' Vater, ein berühmter Architekt, entworfen hat. Alex steht auf dem Dach dieser Perle und sinniert: „Le Corbusier trifft Frank Lloyd Wright. Hier fühlst Du Dich wie in einem Kasten. Du sitzt in diesem Glaskasten und siehst alles um Dich herum. Aber Du kannst nichts berühren. Zwischen Dir und dem, was Du siehst, besteht keine Verbindung. Bei diesem Haus geht es um Besitz. Nicht um Beziehung. Ja klar, es ist wunderschön. Sogar verführerisch. Aber es ist unvollständig. Es sagt alles über ihn. Dad hat ein Haus gebaut, kein Zuhause. Ich denke, er will, dass wir tun, was er nicht konnte.“ Hier bekommt das Haus am See eine mystische Bedeutung als romantischer Kuppler, die erklärt, warum es diese Zeit-Irritation gibt – irgendwie jedenfalls, obwohl eine Erklärung zu diesem Zeitpunkt des Films niemand vermisst, weil sie für den Film auch eher marginal von Bedeutung ist. Darin liegt die Qualität dieses Films: Er bringt mich dazu, unwahrscheinliche Wahrscheinlichkeiten einfach zu akzeptieren. Kino kann sowas.

Den Architekten dieses wunderschönen, mystisch aufgeladenen Hauses, spielt Christopher Plummer. Dieser Simon Wyler ist offenbar eine architektonische Koryphäe und offenbar ein erdrückender Vater. Plummer hat nur wenige Minuten in diesem Film, aber die reichen diesem Großen seiner Zunft, um einen den ganzen Film beherrschenden Eindruck zu setzen (Inside Man – 2006; "Der Mann, der König sein wollte" – 1975; "Der rosarote Panther kehrt zurück" – 1975; Spion zwischen zwei Fronten – 1966). Architektur spielt auf der Metaebene des Films eine tragende Rolle, immerzu wird in den Kinobildern irgendwo ein Haus gebaut. Der romantische Briefeschreiber Alex ist Architekt. Keanu Reeves spielt diesen Mann, der vier Jahre weit weg war an einem unbekannten Ort, vor allem, um seinem Vater aus dem Weg zu gehen, als pragmatischen Single mit blutender Seele ("Was das Herz begehrt" – 2003; Hardball – 2001; Sweet November – 2001; The Gift – 2000; The Watcher – 2000; Matrix – 1999; Im Auftrag des Teufels – 1997; Dem Himmel so nah – 1995; Vernetzt – Johnny Mnemonic – 1995; Speed – 1994; "Little Buddha" – 1993; Bram Stokers Dracula – 1992). Um die Architektur zu feiern, hat Alejandro Agresti die richtige Stadt als Drehort ausgeguckt: Chicago bietet viele architektonische Highlights und Agresti präsentiert sie ausführlich.

"The Lake House" ist ein romantischer ruhiger Fluss durch die Zeit, melancholisch, herzbebend, klar strukturiert, elegant gefilmt und smart montiert. Mit dem in meinen Augen falschen Ende. Das Hollywood-Ending, das der Film hat, ist völlig okay, ein Tränenzieher. Aber es wird der Melancholie nicht gerecht, die diesen wunderschönen Film umwölkt.

Aber: Ein gelungener Ausflug aus dem Alltag zwischen verschüttetem Bürokaffee und verpasster Trambahn.

Wertung: 6 von 7 €uro
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