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Plakatmotiv: Jennifer 8 (1992)

Ein warmherziger Film Noir
mit einem bezaubernden Engel

Titel Jennifer 8
(Jennifer Eight)
Drehbuch Bruce Robinson
Regie Bruce Robinson, USA 1992
Darsteller

Andy Garcia, Lance Henriksen, Uma Thurman, Graham Beckel, Kathy Baker, Kevin Conway, John Malkovich, Perry Lang, Nicholas Love, Michael O'Neill, Paul Bates, Bob Gunton, Lenny von Dohlen, Bryan Larkin, Debbon Ayer u.a.

Genre Thriller
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
8. Juli 1993
Inhalt

Der aus Los Angeles stammende Polizist John Berlin ist beruflich in die Kleinstadt Eureka gezogen. Dort hat er es zunächst mit einem scheinbaren Routinefall zu tun: Auf einer Müllkippe wurde eine Leiche gefunden, bei der alles auf Selbstmord hindeutet. Durch Zufall entdeckt ein Beamter dort auch eine Frauenhand, die mit dem Selbstmord allerdings nichts zu tun hat. Die Routineuntersuchung weitet sich zu einer groß angelegten Spurensuche aus. Schnell vermutet John Berlin im Laufe der Ermittlungen einen Serientäter. Er geht von bisher sieben Opfern aus. Die Akte des ersten Falls trägt den Namen "Jennifer".

John Berlins Partner in Eureka ist Freddy Ross, der früher sein Polizeiausbilder war und mittlerweile sein Schwager ist. Er hält ebenso wie Berlins neue Polizeikollegen wenig von seinem Diensteifer. Doch Berlin findet heraus, dass die bisherigen Untersuchungen zur Mordserie mehr als unvollständig waren. Mikroskopisch feine Abschabungen an allen Fingerkuppen der Frauenhand deuten darauf hin, dass die Tote Blindenschrift abgetastet haben und also blind gewesen sein muss. Freddy Ross und John Berlin statten daher dem nahe gelegenen Blindenwohnheim einen Besuch ab, da Berlin den Serientäter in der näheren Umgebung vermutet.

Die blinde Helena Robertson begegnete möglicherweise dem Täter, als eine Frau namens Amber ihr Wohnheim verließ. Sie wird daher als Zeugin befragt. Berlin vermutet, dass sie zum nächsten Opfer des Killers werden könnte. Er bewacht sie. Sie verlieben sich.

Als sich an Weihnachten ein Unbekannter, angeblich Polizist, in dem Blindenwohnheim nach Helena erkundigt und Berlin zufällig auf der privaten Weihnachtsfeier von Freddy Ross davon erfährt, sieht er seinen Verdacht endgültig bestätigt. Schwer bewaffnet eilen Berlin und sein Partner Freddy Ross noch spät in der Nacht zum Wohnheim und überwachen den Komplex vom Auto aus. Als sie den Lichtkegel einer Taschenlampe im während der Feiertage verwaisten Wohnheim sehen, dringt Berlin ins Gebäude ein, wird dort aber vom Killer k.o. geschlagen – Ross wird mit Berlins Waffe erschossen.

Der mit allen Wasser gewaschene interne Ermittler St. Anne hält Berlin für den Täter und will der Staatsanwaltschaft empfehlen, Berlin wegen Mordes anzuklagen. Er verwirft Berlins Erklärungen und argumentiert, dass Ross von Kugeln aus Berlins Waffe getroffen wurde …

Was zu sagen wäre

Eine Geschichte, in der eine blinde Zeugin über Wohl und Wehe der Sympathieträger entscheidet, in einem visuellen Medium. Das ist eine Herausforderung. Die Regie geht sie an mit Regen, grauen Bildern, die zentrale Kulisse der ersten halben Stunde ist eine Müllkippe. Conrad L. Hall, Director of Photography ("Das Gesetz der Macht" – 1991; Tequila Sunrise – 1988; "Die schwarze Witwe" – 1987; Der Marathon-Mann – 1976; "Der Tag der Heuschrecke" – 1975; Butch Cassidy & Sundance Kid – 1969; Der Unbeugsame – 1967; Ein Fall für Harper – 1966), taucht diese Szenerie auch noch in entsättigte Farben. Er macht aus dem Städtchen Eureka im (eigentlich) sonnigen Kalifornien einen traurigen, depressiven Ort. Nichts klassisch Schönes, für das es sich zu sehen lohnt.

Plakatmotiv (US): Jennifer 8 (1992)Ein Serienkiller geht um. Das ist im Kino gerade en vogue, seit Jonathan Demme vor knapp zwei Jahren seinen Menschenfresser auf der Leinwand von der Leine gelassen hat. Wenn ich die Produktionsabläufe einberechne, ist der vorliegende Film kein Trittbrettfahrer. Höchstens hat das Studio verlangt, das aus dem Killerthriller noch rasch ein Serienkillerthriller wird. Aber das ist auch maximal ein Nebenkriegsschauplatz.

Bruce Robinson legt einen Thriller vor und Thriller ist ein schwieriges Genre. Mittendrin müssen wir im Kinosessel lauter Details, die gegen Ende – in diesem Fall – dem Helden zum Verhängnis werden (in anderen Fällen geben sie unauffällig Hinweise auf den Täter), möglichst wahrnehmen, aber nicht als in die Story konstruiert erkennen, müssen mitunter seltsame Plot-Twists als folgerichtig akzeptieren und müssen am Ende aber noch so überrascht sein, das wir uns a.) nicht über vorherige Naja-das-war-ja-offensichtlich-Twists lustig machen und b.) dieses Ende nicht als eine Kai-aus-der-Kiste-Konstruktion empfinden. Beide Gefahren umschifft der Film ganz gut. Die Motivation des Mörders ist zwar schwach, klingt tatsächlich kon-stru-iert. Aber die ist auch nur der MacGuffin, der das Ganze am Laufen hält.

Ein neuer Sheriff kommt in die Stadt und alle Einwohner müssen sich neu orientieren. Das war eine beliebte Struktur des Westerns. Aus dieser Konstruktion – Neuer gegen Etablierte – wuchsen die Konflikte des Filmdramas. Hier kommt ein Cop aus der Großstadt, wo ihm die unübersichtlichen, ausufernden Delikte zu viel werden, in eine kleine Stadt und stolpert ins kleinstädtische Phlegma – durch Zufall in einen abgeschlossenen Fall, der das dortige Office 500.000 Dollar gekostet hat und zu nichts geführt hat. Eine Einer-gegen-Alle-Geschichte, in der man bei machen Figuren schnell ahnt: Überlebt! Überlebt nicht! Dem Thriller-Genre sind halt enge Grenzen gesetzt.

Alternativen bieten sich wenige: Sowas kann man sehr noir erzählen – zynisch, kalt. Oder mit Wärme. Bruce Robinson hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden. Emotionales Zentrum seines Films sind Uma Thurman als blinde Zeugin Helena und Lance Henriksen als Cop und Schwager Fred Ross (Alien 3 – 1992; Aliens – Die Rückkehr – 1986; "Das Messer" – 1985; Terminator – 1984; "Der Stoff aus dem die Helden sind" – 1983). Es hebt das Drama, das auch weiterhin unter dauerndem Nieselregen und in nebelgrauer Kulisse in farblosen Bildern erzählt ist, aus dem einsamen Einzelkämpferfilm hervor. Einzelkämpfer sind coole Typen, im Thriller beim dritten Aufguss aber langweilig.

John Berlin, den Andy Garcia (Schatten der Vergangenheit – 1991; Der Pate 3 – 1990; Internal Affairs – Trau' ihm, er ist ein Cop – 1990; Black Rain – 1989; Die Unbestechlichen – 1987; Ein Single kommt selten allein – 1984) für seine Verhältnisse ungewöhnlich leidenschaftlich, engagiert, fast zappelig anlegt, hat eine Art Familie um sich – seine große Schwester ist die Frau seines ehemaligen Ausbilders und jetzigen Partners Fred; zudem verliebt er sich in Helen, die blinde Lehrerin, der Uma Thurman eine starke Präsenz gibt ("Eiskalte Leidenschaft" – 1992; Die Zeit der bunten Vögel – 1990; "Gefährliche Liebschaften" – 1988). Thurman erinnert mit ihrem blinden Blick an Michelangelos Pietá. So, wie sie sich dauernd an Wänden, Tischen, Stühlen, Theken ihrer Umgebung versichert, wirkt sie wie ein ätherisch schwebender Engel. Thurman nimmt uns mit, während sie über den Niederungen des vorhersehbaren Thrillers schwebt.

Auftritt John Malkovich ("Von Mäusen und Menschen" – 1992; "Schatten und Nebel" – 1991; "Himmel über der Wüste" – 1990; Das Reich der Sonne – 1987; "Die Glasmenagerie" – 1987; "Tod eines Handlungsreisenden" – 1985; "Killing Fields – Schreiendes Land" – 1984). Ihm, beziehungsweise dem von ihm gespielten Ermittler St. Anne, gehört – nach einer länglichen Verfolgung durch Thriller-typisch dunkle Gänge, die bald fad wird, weil zur Mitte eines Whodunnit-Thrillers ohnehin noch keine Wahrheiten zu erwarten sind – die nahezu ganze zweite Stunde des Films. Seine Szenen wirken so, als habe die Regie ihm gesagt: „Mach mal!“ Malkovich ist wunderbar, eine herrlich auftrumpfende Miniatur des verbissen Wort-verliebten Arschloch-Ermittlers. In seinem Verhör pulvern dann auch all die kleinen Storybausteine an ihre dramaturgische Stelle, die Bruce Robinson zuvor ausgestreut hat. Aus Berlins Versuch, das Rauchen aufzugeben, aus genervten Kollegen, wird da plötzlich eine Indizienkette, die unseren Helden um Kopf und Kragen bringt.

Unterm Strich geht dieser Film als kein bemerkenswerter in die Geschichte ein. Aber wenn jemand am Wochenende einen spannenden, gut inszenierten Whodunnit sehen möchte, ist hier nicht verkehrt.

Wertung: 7 von 10 D-Mark
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