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Plakatmotiv: Das Schweigen der Lämmer (1991)

Anthony Hopkins und Jodie Foster
Gänsehaut aus der Ersten Klasse

Titel Das Schweigen der Lämmer
(The Silence of the Lambs)
Drehbuch Ted Tally
nach dem Roman von Thomas Harris
Regie Jonathan Demme, USA 1991
Darsteller

Jodie Foster, Anthony Hopkins, Scott Glenn, Ted Levine, Anthony Heald, Brooke Smith, Diane Baker, Kasi Lemmons, Charles Napier, Tracey Walter, Roger Corman, Ron Vawter, Danny Darst, Frankie Faison, Paul Lazar, Dan Butler, Chris Isaak, Lawrence A. Bonney, Lawrence T. Wrentz, Don Brockett, Frank Seals Jr., Stuart Rudin, Masha Skorobogatov, Jeffrey Lane, Leib Lensky, George ’Red’ Schwartz u.a.

Genre Thriller
Filmlänge 118 Minuten
Deutschlandstart
11. April 1991
Inhalt

Das FBI ist bei seinen Ermittlungen gegen den brutalen Massenmörder Buffalo Bill, der Frauen tötet und partiell häutet, in eine Sackgasse geraten. Daher unternimmt Spezialagent Jack Crawford ein brisantes Experiment.

Crawford schickt die hochintelligente FBI-Akademie-Schülerin Clarice Starling in das Hochsicherheitsgefängnis für geistig gestörte Kriminelle. Dort soll sie mit Hilfe des neunfachen Mörders und ehemaligen Psychaters Dr. Hannibal Lecter ein Psychogramm von Buffalo Bill erstellen.

Aber der Inhaftierte denkt gar nicht dran, einfach zu helfen. Der Psychater verführt Starling, trickst, zäuscht - und legt Spuren zu dem Mörder, den er ganz offenbar kennt.

Zwischen ihm und Starling entwickelt sich eine intime, seltsame und gefährliche geistige Bindung …

Was zu sagen wäre

Wir sehen eine junge Frau auf einem Trimm-Dich-, einem Trainingspfad. Sie bewegt sich mit ruhigem, gleichmäßigem Laufschritt zwischen den Kletterhindernissen, und ohne abzusetzen über diese hinüber. Sie ist die Hauptfigur des kommenden Dramas und sie fällt auf: Zwischen den Helden des zeitgenössischen Kinos wie Mel Gibson, Arnold Schwarzenegger, Bruce Willis, Kurt Russell oder Sylvester Stallone ist sie die einzige Frau – auch keine wie Thelma & Louise. Kein Profi wie die anderen. Eine FBI-Schülerin. Jodie Foster spielt spielt sie, preisgekrönte Schauspielerin mit souveränen Auftritten (Angeklagt – 1988; "Pinguine in der Bronx" – 1987; "Das Hotel New Hampshire" – 1984; "Bugsy Malone" – 1976; Taxi Driver – 1976). Auch hier spielt Foster souverän, sich selbst zurücknehmend die nicht Souveräne. Plakatmotiv (US): The Silence of the Lambs (1991)Eine Anfängerin, clever, gute Beobachtungsgabe, aber Clarice Starling ist noch am Anfang ihrer Karriere, angewiesen auf Vorgesetzte, die ihr Potenzial erkennen.

Agentin zur Ausbildung Starling ist ein unsicheres Reh, das ihre Unsicherheit erfolglos zu verbergen sucht. Als sie Hannibal Lecter, dem „Monster“ hinter schweren Glaswänden, zum ersten mal gegenübertritt und ihren FBI-Ausweis zeigt, bleibt der unscharf im Vordergrund des Bildes, aber Lecter erkennt sofort „Der läuft in einer Woche aus. Sie sind gar keine FBI-Agentin.“ Was sie aber ist, weiß Clarice Starling da selbst noch nicht. Wo sie herkommt, ihre White-Trash-Vergangnheit aber sagt ihr der menschenfressende Psychiater, der durch die kleinen Luftlöcher im Glas ihre Hautcreme riechen kann, auf den Kopf zu: „Wissen Sie, wie Sie mir vorkommen mit ihrem hübschen Täschchen und ihren billigen Schuhen? Wie ein richtiger Bauerntrampel. Ein von oben bis unten gut abgeschrubbter, emsig bemühter Bauerntrampel mit ein bisschen Geschmack. Die gute Ernährung ist für Ihren Körperbau erfolgreich gewesen, aber Sie sind erst eine Generation vom schlimmsten Abschaum (Poor White Trash) entfernt, nicht wahr, Agentin Starling?“ Es entspinnt sich ein verstörender, unablässig bedrohlich wirkender Dialog sprechender Köpfe in Großaufnahmen.

Der Anstaltsleiter hatte Starling gewarnt, sich in Sachen Sicherheit exakt an die Vorschriften zu halten: „Er klagte über Schmerzen in der Brust und kam auf die Krankenstation. Man nahm ihm die Fesseln ab, um ein EKG zu machen. Als sich die Krankenschwester über ihn beugte, tat er ihr das hier an.“ Anstaltsleiter Chilton zeigt Starling ein Foto, das wir im Kinosessel nicht sehen können. Wir sehen nur Starlings um Fassung ringendes Gesicht. „Die Ärzte konnten ihren Kiefer wieder einrenken und ein Auge retten. Sein Puls stieg dabei nicht über 85. Nicht einmal, als ihr die Zunge abbiss.“ Regisseur Jonathan Demme hat bei Roger Corman gelernt, dem respektvoll als "Billigfilmer" apostrophierten Produzenten erfolgreicher, zu Klassikern gewordener B-Filme (Corman spielt als FBI-Chef auch eine kleine Rolle in Demmes Lämmerfilm). Bei Corman hat Demme gelernt, mit Wenig große Spannung zu erzeugen. Aus Cormans Schule kommen Regisseure wie Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, James Cameron, Peter Bogdanovich, Joe Dante, George Lucas, Ron Howard oder Robert Zemeckis – Cormans Rekord für eine schnelle Produktion liegt bei zwei Tagen und einer Nacht für einen kompletten 35-mm-Spielfilmdreh: das Original von "Little Shop of Horrors" startete 1960 Jack Nicholsons Karriere.

Wenig Geld, maximale Spannung. Die erste Begegnung zwischen der FBI-Schülerin und dem freundlichen, aber bestimmten Menschenfresser hinter Glas ist reines Talking Heads. Es gibt weder ungewöhnliche Kameraeinstellungen, noch hektische Schnitte, die Dramatik suggerieren. Artwork: The Silence of the Lambs (1991) Zwei Charaktere führen einen Dialog und die ganze Spannung wird durch die klug geschriebenen Sätze des Drehbuchautors und der formidablen Schauspielkunst der beiden Protagonisten, Jodie Foster und Anthony Hopkins (24 Stunden in seiner Gewalt – 1995; Die Bounty – 1984; Die Brücke von Arnheim – 1977; Achtzehn Stunden bis zur Ewigkeit – 1974), erzeugt. Es ist die alte Lehre, die Kinogänger spätestens seit Spielbergs Weißem Hai kennen: Deute nur an. Der eingebildete Schrecken im Kopf des Zuschauers ist größer, als der auf der Leinwand gezeigte. An der richtigen Stelle im Film reicht Demme ein abgerissener Fingernagel, der in der lehmigen Wand eines Erdlochs steckt und erfolglose Befreiungsversuche erahnen lässt, um maximales Entsetzen zu erzeugen.

Anthony Hopkins spielt den Kannibalen als höflichen, lustvoll Gedanken sezierenden Mann. Keiner, der groß Gewese um seine Taten macht, keiner, der sich brüstet, keiner, der dem Wahnsinn nahe mit den Augen rollt. Hopkins gibt den Kannibalen, der seine Neigung betrachtet wie andere ihren Nine-to-Five-Job. Ein Mann, der mit Worten tötet. Auch das ist selten geworden im Hollywood-Kino: Intelligentes Wort. Durch ihn, sein zurückgenommenes Spiel, dem er nur ein Mal und mit blutiger Wucht sein inneres Monster von der Kette lässt, durch sein Minenspiel liegt der Schatten einer Bedrohung immer mit im Bild. Die Welt in dieser nasskalten Ostregion der USA ist eine ungemütliche, unheimliche. Selbst Lecter findet, „Clarice, Ihr Problem ist, dass Sie aus Ihrem Leben nicht mehr Spaß herausholen.“ Für Spaß, für die im Kino heute so beliebte ironische Brechung, ist in dieser Welt wirklich kein Platz. In ihren Gesprächen schauen Hopkins und Foster häufig direkt in die Kamera, die die Position des jeweiligen Gegenübers einnimmt. Sie schauen also direkt uns im Kinosessel an, was die Verbindung zum unheimlichen Geschehen verstärkt.

Im Verließ des Hannibal Lecter baut sich eine Tochter-Vater-Beziehung auf: Sie, die unsichere Schülerin, die Regisseur Demme immer wieder zwischen sie körperlich weit überragende Männer stellt. holt sich von Lecter, was ihr früh verstorbener Vater ihr nicht mehr geben konnte, Bildung, rhetoriches Geschick, der Glaube an das eigene Können. So reift sie im Laufe des Films zu der erwachsenen Agentin heran, die sie am Anfang so unbeholfen vorzutäuschen sucht. Während FBI-Mentor Crawford sie strategisch nutzt, in gewisser Weise mit ihrer Unerfahrenheit spielt, spielt Lecter nie. Er nimmt sie ernst: „Wenn ich Ihnen helfe, dann nur, wenn wir uns abwechseln. Quid pro Quo. Ich antworte Ihnen, dann antworten Sie mir. Aber nicht zu diesem Fall. Sondern zu sich selbst.Artwork: The Silence of the Lambs (1991) Für ihn sind ihre persönlichen Geständnisse neben der Demonstration seiner Macht sein „Fenster“ in die Welt hinter seiner kleinen Zelle. Am Ende hält Clarice noch einmal ihren FBI-Ausweis in die Kamera. Jetzt ist er scharf und echt. Clarice, die Schülerin, ist angekommen.

Jonathan Demme (Die Mafiosi-Braut – 1988; Gefährliche Freundin – 1986; "Stop making Sense" – 1984; "Melvin und Howard" – 1980) inszeniert mit maximalem Understatement. "Das Schweigen der Lämmer" ist gekonntes Kino des nicht Gezeigten. Andeutungen, wenige Frames im Zwischenschnitt, wortlose Mimik im Gespräch der Ermittler. Erst im Finale, auf dem Höhepunkt dieses spannenden Thrillers erlaubt sich Demme künstlerische Extravaganzen in Bildschnitt und Beleuchtung.

Manchmal erlaubt der familienfreundliche Modus des Hollywood-Kinos einen Film, der in jeder Hinsicht aus dem Raster fällt und hat damit Erfolg. Die Welt der Romanvorlage war unappetitlich, der Film ist es auch. Dass die ängstlichen Herren von Tinseltown den Braten geschluckt haben, liegt an Demmes sensibeler Regieführung. Gedreht wurde der Authentizität halber auch in einem echten Gefängnis und eineer Anstalt für Geisteskranke. Der Film, gedreht mit einem Budget von etwa 19 Millionen US-Dollar, setzte sich kurz nach dem Start an die Spitze der US-BoxOffice-Charts, erreichte weltweit Einnahmen in Höhe von 273 Millionen Dollar und wurde schließlich der Abräumer bei der OSCAR-Verleihung 1992: "Bester Film", "Bestes Drehbuch", "Bester Hauptdarsteller" (Hopkins), "Beste Hauptdarstellerin" (Foster), "Beste Regie". "Schnitt" und "Ton" waren ebenfalls nominiert. Damit ist "Das Schweigen der Lämmer" nach "Es geschah in einer Nacht" und Einer flog über das Kuckucksnest erst der dritte Film, der in den fünf wichtigsten Kategorien – den so genannten Big Five – den Oscar gewinnen konnte.

Wertung: 10 von 10 D-Mark
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