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Plakatmotiv: 24 Stunden in seiner Gewalt (1990)

Visuell beeindruckender, dabei
aber schlecht geschriebener Film

Titel 24 Stunden in seiner Gewalt
(Desperate Hours)
Drehbuch Lawrence Konner & Mark Rosenthal & Joseph Hayes
nach dem Bühnenstück und dem Drehbuch "An einem Tag wie jeder andere" von Joseph Hayes
Regie Michael Cimino, USA 1990
Darsteller

Mickey Rourke, Anthony Hopkins, Mimi Rogers, Lindsay Crouse, Kelly Lynch, Elias Koteas, David Morse, Shawnee Smith, Danny Gerard, Gerry Bamman, Matt McGrath, John Christopher Jones, Dean Norris, John Finn, Christopher Curry u.a.

Genre Drama, Crime
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
31. Januar 1991
Inhalt

Mit Michael Bosworth ist nicht zu spaßen. Hinter seinem eleganten Äußeren verbirgt sich ein kaltblütiger Killer. Auch ein Gefängnisaufenthalt kann den mit einem überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten ausgestatteten Schwerverbrecher nicht stoppen: Während einer Kautionsanhörung nutzt er mit Hilfe seiner Geliebten, der Anwältin Nancy Breyers, die Möglichkeit zur Flucht.

Gemeinsam mit zwei Komplizen, seinem Bruder Wally Bosworth und dessen tumben Begleiter Albert, will sich Michael so lange versteckt halten, bis er mit Nancy, die später zu ihm stoßen soll, das Land verlassen kann. In einer noblen Villengegend verschafft sich das kriminelle Trio gewaltsam Zutritt zum Haus von Nora Cornell. Die plant mit ihren beiden Kindern Zack und May gerade einen Umzug, da sie sich von ihrem Ehemann, dem hoch dekorierten Vietnam-Veteranen und gut betuchten Anwalt Tim Cornell scheiden lassen will.

Tim möchte die Liebe seiner Frau zurückgewinnen und platzt überraschend in die Geiselnahme. Während die bedrohte Familie in ihrem luxuriösen Heim ums Überleben kämpft, beschließt die zuständige FBI-Agentin Chandler, einen Köder auszulegen: Sie lässt Nancy, die sich in Polizeigewahrsam befindet, auf freien Fuß setzen, um dadurch an Michael Bosworth heranzukommen. Dieser hat inzwischen alle Hände voll zu tun, die zunehmend eskalierende Situation im Hause Cornell unter Kontrolle zu behalten.

Nicht nur leisten die Familienmitglieder mit ihren bescheidenen Mitteln erbitterten Widerstand, auch sein unberechenbarer Mittäter Albert droht aus der Spur zu laufen. Als schließlich Nancy auftaucht, glaubt sich der unbarmherzige Geiselnehmer am Ziel seiner Pläne. Doch vor dem Haus hat sich bereits eine Armada von Scharfschützen postiert …

Was zu sagen wäre

Michael Cimino verfilmt den Schwarz-Weiß-Klassiker An einem Tag wie jeder andere von 1955 neu. Damals spielte Humphrey Bogart die Hauptrolle des erbarmungslosen Killers, heute übernimmt das Mickey Rourke ("Wilde Orchidee" – 1989; Johnny Handsome – 1989; Angel Heart – 1987; 9 1/2 Wochen – 1986; Im Jahr des Drachen – 1985; Der Pate von Greenwich Village – 1984; Rumble Fish – 1983; American Diner – 1982; Body Heat – Eine heißkalte Frau – 1981; Heaven's Gate – 1980; 1941 – Wo bitte geht's nach Hollywood – 1979). Beide Filme, der alte wie der neue, haben als Vorlage das gleichnamige Bühnenstück von Joseph Hayes.

Es geht in dieser Neuinterpretation um Vertrauen. Vertrauen, dass alles gut werde, vertrauen ineinander. Ständig fordert Bosworth, der Geiselgangster, die Familie solle ihm Vertrauen, er werde niemandem etwas tun. Und tatsächlich schlägt er nur zu, wenn die Familie ihm dieses Vertrauen nicht gewährt. Auch die Ehepartner vertrauen einander nur bedingt. Von der Vorlage abweichend, die damals eine intakte, traditionelle Familie mit strengem Papa, gütiger Mutter und zwei wohlerzogenen Kindern in den Kampf gegen die Gangster schickte, ist die neue Familie kaputt. Als wir sie kennenlernen, leben Tim und Nora in Scheidung, das Haus steht zum Verkauf, die Kinder sind ob der anstehenden Trennung im Stress. Plakatmotiv (US): Desperate Hours Mutter Nora, von Mimi Rogers (Der Mann im Hintergrund – 1987) etwas zu elegant gespielt, immer zu elegant gekleidet, glaubt ihrem Noch-Mann, der zwar von Anthony Hopkins gespielt wird (Die Bounty – 1984; Die Brücke von Arnheim – 1977; Achtzehn Stunden bis zur Ewigkeit – 1974), dem man aber dennoch nicht abnimmt, dass er in einer gestörten Liebesbeziehung zu seiner Frau steht, kein Wort mehr, nachdem der sie für eine 24-Jährige verlassen hatte, jetzt aber gerne zu ihr zurückkehren würde: „Ich habe sie dafür geliebt, dass sie nicht so ist wie Du. Und dann habe ich sie verlassen, weil sie nicht so ist wie Du.“ Man ahnt im Kinosessel schnell, dass es am Ende darauf hinaus läuft, dass sie ihm in lebensbedrohlicher Situation einfach wird glauben müssen.

Das Drehbuch steckt voller solcher Nicht-Überraschungen. Es ist platt geschrieben. Gangster Bosworth wird als hochintelligenter Mann vorgestellt, „Ein IQ von 130!“ Aber er benimmt sich so. Er flieht aus dem Gefängnis und setzt draußen auf seinen leichtgläubigen Bruder Wally und dessen dauernd unter Strom stehenden Kumpel Albert, der schon nach wenigen Minuten im Haus der Cornell zum ersten Mal die Nerven verliert. Bosworth selbst bleibt nur im Haus, weil er auf seine Anwältin und Freundin Nancy warten will, „der einzige Mensch, für den ich in den Tod gehen würde!“. So, wie er sie in den gemeinsamen Szenen behandelt, sieht das nur nicht so aus. In der Vorlage wartet er auch auf sie, aber weil sie für die Flucht dringend benötigtes Geld mitbringt. Für einen so intelligenten Mann auf der Flucht diese dadurch zu gefährden, weil er seine Freundin nicht verlieren will? Hätte er nicht nach Mexiko gehen können, ihr dann sagen, wo er ist und sie kommt nach? Die Situation im Haus mit vier Geiseln in einer ruhigen Gegend, in der jederzeit jemand an der Tür klopfen könnte ist doch viel zu gefährlich. Der Film zieht einige Spannung aus der Tatsache, dass auch wirklich verschiedene Menschen an der Tür klopfen.

Mit der Familie können wir nicht recht mitfiebern, sie besteht eher aus störrischen Einzelkämpfern, die sich gegen die Gangster je auf ihre Art zur Wehr setzen; die Originalfamilie, spießig gezeichnet zwar, aber eben 1955-Style, konnte noch Kraft aus ihrem inneren Zusammenhalt schöpfen. Daraus entstand Spannung. Im aktuellen Film sorgt nur die Inszenierung von Michael Cimino für ein paar Spannungsmomente.

Die Figuren sind simpel gestrickt und einige wirken, als hätten Produzent Dino De Laurentiis oder Verleih darauf gedrungen, der kaltherzigen Geschichte um brutale Geiselgangster und eine dysfunktionale Familie etwas Sex beizumischen; Anwältin Nancy muss dauernd aus fadenscheinigen Gründen oben ohne durchs Bild laufen. Als Albert sich allein auf die weitere Flucht begibt, trifft er auf zwei Girls im Pick Up, beide mit langen Haaren, hoch geknoteter Bluse und sehr knappen, engen Hot Pants, die buchstäblich keine Rolle spielen, aber vor der Kamera halt was hermachen. Überhaupt die Kamera von Douglas Milsome.

Michael Cimino ist ein großer Filmerzähler (Der Sizilianer – 1987; Im Jahr des Drachen – 1985; Heaven's Gate – 1980; Die durch die Hölle gehen – 1978; Die Letzten beißen die Hunde – 1974). Mit der Kamera und dem Bildschnitt umgehen kann er. Auch hier. Das klaustrophobische Geschehen im Haus bekommt trotz des schlechten Drehbuchs hoch spannende Momente. Dann verlässt er immer wieder das Haus, wahlweise, um Albert zu folgen oder zu beobachten, was die Polizei gerade tut. Dabei malt er große Landschaftspanoramen auf die Leinwand, lässt die Kamera auf stabilem Dolly, statt die in solchen Thrillern zunehmend bevorzugte Handkamera mit Wackelbild einzusetzen. Es stimmt schon: Aus einem schlechten Drehbuch wird nie ein guter Film. Aber Cimino schafft immerhin einen gut aussehenden, in Momenten starken Auftritt auf der großen Leinwand.

Wertung: 5 von 10 D-Mark
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