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Plakatmotiv: Free Guy (2020)

Ein fröhliches Best-Of des
21-Century-Popcornkinos

Titel Free Guy
(Free Guy)
Drehbuch Matt Lieberman & Zak Penn
Regie Shawn Levy, USA, Kanada 2020
Darsteller

Ryan Reynolds, Jodie Comer, Taika Waititi, Lil Rel Howery, Joe Keery, Utkarsh Ambudkar, Aaron W Reed, Britne Oldford, Camille Kostek, Mark Lainer, Mike Devine, Sophie Levy, Vernon Scott, Naheem Garcia, Anabel Graetz, Ric Plamenco, Kenneth Israel, Michael Malvesti u.a.

Genre Action
Filmlänge 115 Minuten
Deutschlandstart
12. August 2021
Inhalt

Guy führt ein Leben als Kassierer in einer Bank, das vor allem von der täglichen Routine und dem Chaos und der Gewalt um ihn herum geprägt ist. Jeden Tag wird seine Bank aufs Neue überfallen, aber damit hat sich Guy abgefunden.

Eines Tages findet er dann jedoch heraus, dass er in Wahrheit in einem Open-World-Videospiel namens "Free City" lebt und ein sogenannter NPC ist – eine Videospielfigur, die nicht von einem menschlichen Spieler gesteuert wird. Verantwortlich für diese Erkenntnis sind die Programmierer Milly und Keys, die "Free City" gehackt haben. Guy verliebt sich in Millys Avatar Molotovgirl, doch die Tatsache, dass sich ein NPC merkwürdig verhält, bleibt den Köpfen hinter dem Spiel natürlich nicht verborgen.

Der Publisher Antwan möchte "Free City" abschalten und nun ist es an Guy, sich und die anderen Videospielfiguren zu retten …

Was zu sagen wäre

Du triffst die Frau Deiner Träume und fortan steht das Leben Kopf. Nichts ist mehr, wie es gestern war. Das ist eine Prämisse, die schon viele Romanzen, Komödien, auch Actionfilme befeuert hat. Weil sie ja einer realen Empfindung entspringen, die die meisten Menschen schon einmal erlebt haben – statt mit einer Frau gerne auch mit einem Mann. Es stellt sich dann nur in der Regel nicht heraus, dass die Frau/der Mann sowas ist wie Gott, und Deine Welt wie Du sie wahrnimmst, gar nicht existiert.

Die Autoren Matt Lieberman, Zak Penn und Regisseur Shawn Levy (Sieben verdammt lange Tage – 2014; Real Steel – 2011; "Nachts im Museum" – 2006; Der rosarote Panther – 2006) bieten einen gut gelaunten Smoothie mit Zutaten aus der Truman Show, Matrix, John Carpenters Sie leben, Spielbergs Ready Player one – und die Avengers sind auch noch an Bord; was insofern nicht verwundert, weil Zac Penn eifriger Drehbuchautor bei den MARVEL-Filmen ist. „Was soll das?“, ruft der Schauspieler Chris Evens in einer Szene, als er über dem Open-World-Spiel "Free City" sitzt und sieht, wie die überraschend populär gewordene Nebenfigur "Blue Shirt Guy" mit dem Schild von Captain America die wütenden Schläge eines riesigen Muskelberges abwehrt und der Typ dann auch noch mit Hulks Faust zurückschlägt. Chris Evans, der in diesem kurzen Cameo auftritt, hat in den jüngsten Marvel-Filmen den Captain America gespielt und darf sich also zu Recht wundern. Wir im Kinosessel sehen einen Blick ins aktuelle Kino, bei dem alles, was Popcornkino ist, aus dem Hause Disney kommt. So auch dieser Film von den 20-Century-Studios, die mittlerweile auch zu Disney gehören. Da ist die Frage nach individuellen Rechten an Kunstfiguren kein Problem mehr, künftig kann im Kino fröhlich hin- und herzitiert werden.

Guy, der freundliche Mann am Bankschalter, hat also die Frau seiner Träume gefunden, was insofern verwunderlich ist, weil er zwar dauernd hofft, eine Frau fürs Leben zu finden, aber in der Programmierung dafür nicht vorgesehen ist; er ist eine Hintergrundfigur in einem Computerspiel, soll auf ewig der freundliche Mann am Bankschalter sein.

Guy verkörpert uns Zuschauer im Kinosessel. Wir haben nichts dagegen, irgendwann einmal als der Retter der Welt da zu stehen, aber in der Zwischenzeit geben wir uns zufrieden mit der Rolle des Unauffälligen. Es ist bequem, nicht gegen den Strom zu schwimmen, sich einfach treiben zu lassen. Die Rolle des NPC, des Non Playable Charakter, hat ihre Vorteile: Du machst dies und das. Und dann vergeht ein Tag und am nächsten Morgen ist alles wieder wie am ersten Tag. In der Rezeption landen wir da schnell bei … und täglich grüßt das Murmeltier. Da ist auch ein Tag wie der andere und wir können nicht mehr ausbrechen. Bis die Liebe uns einen Weg aus der Zeitschleife offenbart. Weil die Liebe die Koordinaten des Alltags durcheinander bringt. Es gibt eine Frau, die in Guys Leben tritt: Molotow Girl. Und die offenbart: Wenn wir uns verlieben, löst sich unsere alte Welt auf, das rationale Handeln tritt außer Kraft. Die Liebe ist in Literatur, Film aber auch Realität etwas, das uns innehalten, ja stolpern lässt. Die Welt von Guy wird der Liebe wegen neu codiert – und das ist ja etwas, was die allermeisten ZuschauerInnen gut kennen.

Da ist diese Frau mit der Sonnenbrille. Guy tut, was ein Mann dann eben so tut. Er entwaffnet einen Bankräuber und nimmt ihm dessen Sonnenbrille ab. Menschen mit Sonnenbrillen in Guys Welt sprechen nicht mit Menschen, die keine Sonnenbrillen tragen. Menschen mit Sonnenbrillen sind, was Guy nicht einmal ahnt, die Avatare der Player, die zu Millionen in aller Welt vor ihren Monitoren sitzen und das Open-World-Videospiel "Free City" spielen. Also setzt Guy die Sonnenbrille auf – und sieht plötzlich schwebende, bunte Dinge um sich herum, Health Kits, Dollarnoten, leuchtende Schriftzüge, die einem zum Beispiel für einen Bankraub 300 Punkte versprechen, Dinge, die die meisten Zuschauern aus Videospielen kennen, die sie selber mal gespielt haben. Plakatmotiv: Free Guy (2020)Für Guy ist das so wie für Neo in der Matrix, nachdem er die rote Pille geschluckt hat. Er entdeckt den freien Willen und das Potenzial, sich zu entwickeln. Aber Erkenntnis und freier Wille sind schon Adam und Eva nicht gut bekommen.

Filme, in denen die reale Welt mit der des Computers in Kontakt tritt, bilden mittlerweile ein eigenes Genre, sie heißen Ralph reicht's, Blade Runner, Jumanji, Ready Player One, Pixels, Emoji – Der Film, Tron und auch Klassiker wie 2001 – Odyssee im Weltraum oder Colossus gehören dazu. Immer geht es um eine Künstliche Intelligenz, die sich verselbstständigt – eine der großen Ängste in der erzählenden Kunst. "Free Guy" dreht den Spieß um. Hier muss die Künstliche Intelligenz Angst vor dem Menschen haben, weil die Künstliche Intelligenz idealerweise gar nicht weiß, dass sie künstlich ist, sich statt dessen als reale Menschen in der realen Welt erlebt. Dass in dieser realen Welt andauernd Banken überfallen und Menschen erschossen werden, Hubschrauber abstürzen und Häuser explodieren und Menschen, die vom Auto überfahren worden sind, am nächsten Morgen nach friedlichem Schlaf in ihrem Bett aufwachen, ist für sie Alltag. Sie kennen das nicht anders; und wenn der Bankräuber kommt, schnallt der Wachmann als erstes seinen Pistolengurt ab. Und als die KI erfährt, dass sie nur eine Erfindung ist von spielenden anderen – echten – Menschen ist, ist es fast zu spät, denn der Mensch will die KI der "Free City" ausschalten, vom Netz nehmen.

Böse ist der Mensch, nicht die KI. Ein Mensch, der Unternehmer Antwan, hat einen neuartigen Programmcode gestohlen und darauf ein Imperium aufgebaut, eben "Free City". Gerade steht "Free City 2" in den Startlöchern und dem bösen Menschen, Publisher Antwan, leuchten die Dollarzeichen in den Augen ob all der weiteren Fortsetzungen, Spin Offs und anderem Marketingzeug, das er noch wird verkaufen können. Gegen ihn stehen zwei freundliche Programmier-Nerds, die den Code ursprünglich entwickelt haben, Antwans Diebstahl aber nicht beweisen können. Antwan wird am Ende natürlich scheitern. Aber wie und warum er scheitern wird, das ist schön erzählt, bombastisch gepixelt mit Anleihen an Christopher Nolens Weltentwürfen in Inception (2010) und mit liebevollen Details garniert. Einen großen Anteil am Spaß hat Ryan Reynolds als dieser freundliche Mann hinterm Schalter, dessen bester Freund Buddy heißt, der einen Garderobenschrank voller identischer Hemden und Hosen hat und das explosive, mörderische Leben um sich herum mit einer großen Naivität jeden Tag aufs Neue bejaht. Reynolds spielt das mit einer entwaffnenden Offenheit, sein Image zu veralbern. Was er in Deadpool mit düsterer Note tut, tut er hier mit staunenden Augen und zunehmend nuanciertem Spiel.

Es ist die Liebe, die den Schurken, den Taika Waititi als herrlich exaltierten Super-Nerd spielt, besiegt, weil einer KI-Figur das Bild einer Traumfrau einprogrammiert ist. Etwas pathetisch ausgedrückt: Die Welt wird gerettet durch die Liebe einer Künstlichen Intelligenz, die ihrer Welt Frieden und Gewaltfreiheit beschert.

Wertung: 6 von 8 €uro
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