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Plakatmotiv: Kill Bill, Vol. 1 (2003)

Kino in Bewegung
Tarantino auf dem Höhepunkt

Titel Kill Bill: Vol. 1
(Kill Bill: Vol. 1)
Drehbuch Quentin Tarantino + Uma Thurman
Regie Quentin Tarantino, USA 2003
Darsteller

Uma Thurman, Lucy Liu, Vivica A. Fox, Daryl Hannah, David Carradine, Michael Madsen, Julie Dreyfus, Chiaki Kuriyama, Shin'ichi Chiba, Chia-Hui Liu, Michael Parks, Michael Bowen, Jun Kunimura, Kenji Ohba, Yuki Kazamatsuri u.a.

Genre Action
Filmlänge 111 Minuten
Deutschlandstart
16. Oktober 2003
Website kill-bill-volume-1.com
Inhalt

Vier Jahre liegt die Blondine, die man "die Braut" nennt, im Koma. Als sie aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht, kennt sie lediglich ein Ziel: Rache. Rache an denen, die beinahe ihren Tod verantwortet hätten. Rache an ihren einstigen Freundinnen und Weggefährtinnnen, die sie mit einer Kugel im Kopf einfach liegen ließen. Rache an ihrem ehemaligen Ausbilder und Chef Bill, der sie einstmals liebte und den Auftrag für den Mord an ihr gab.

Angetrieben von ihrer Wut bereitet die Braut einen Rachefeldzug vor, in dem es keine Gnade für diejenigen gibt, die sie verraten haben. Doch die Braut ahnt nicht, dass auf dem Weg eine Reihe von schmerzlichen Überraschungen auf sie warten …

Was zu sagen wäre

Das erste Bild gehört der jungen Frau im Hochzeitsschleier. Großaufnahme ihres blutigen Gesichts.

Ein Mann, von dem man nur die Stiefel sieht, nähert sich der schwer verletzten Frau. Er erklärt ihr, dass es für ihn masochistisch sei, sie zu töten. In dem Moment, als die Frau ihm eröffnet: „Bill, es ist dein Baby“, schießt er ihr in den Kopf. Die Kamera zieht auf und da liegt die Braut in ihrem Blut. In der Kirche. In der nächsten Einstellung ist die junge Frau schon unterwegs in der Vorstand, klingelt an der Tür eines properen Häuschens und ist Sekunden später in eine wilde Schlägerei mit Fäusten, Messern, Pfannen mit der Dame des Hauses verstrickt. Als dann die vierjährige Tochter des Hauses in der Tür steht, tun die beiden eben noch in wildem Kampf verbissenen Frauen, als seien sie alte Schulfreundinnen und, angesichts der Zerstörungen im Wohnzimmer, habe deshalb der Hund etwas übermütig herumgetollt. Als das Mädchen nach oben in seinem Zimmer verschwunden ist, geht die mörderische Prügelei mit kurzer Kaffeeunterbrechung weiter.

Aus einem Film werden zwei

Quentin Tarantino dreht nicht viele Filme, dieser hier ist erst sein vierter in elf Jahren, und so kann man auf die Idee kommen, dass er es, wenn er dann dreht, gar nicht abwarten kann mit seiner speziellen Form des Storytellings. Wieder springt er auf dem Zeitstrahl vor und zurück und gibt der Rachestory gehörigen Drive, an dessen Ende wir aber immer nicht nicht alles wissen. Es wird einen zweiten Teil geben. Genauer gesagt: Es gibt ihn schon.

In seinem vierten Film hätte Tarantino beinah überreizt. Seine Erfolge, sein Kasseneinspiel, geben ihn im harten Buchmacher-Hollywood. weitgehende Freiheiten als Regisseur. Aber als seine große Racheoper dann um die vier Stunden lang zu werden drohte, griffen die MIRAMAX-Bosse Bob und Harvey Weinstein ein und verlangten nach der Schere. Aber anders, als bei Gangs of New York (2002), bei dem Martin Scorsese zu heftige Kürzungen durch die Schere gezwungen wurde, um seinen Film im Kino zeigen zu dürfen, musste Tarantino nicht kürzen, sondern aufteilen, was ihn höchstens zwang, seine vierstündige Geschichte dramaturgisch umzumontieren, um beiden (Einzel-)Filmen ein stimmiges Gerüst zu geben. Hierin kann man den Status ablesen, den der immer-noch-Jungstar Tarantino im Vergleich zu historischen Filmgrößen die Martin Scorsese genießt. Kann aber auch einfach eine gewisse Dankbarkeit der MIRAMAX-Bosse spiegeln, deren Firma ohne den Erfolg von Tarantinos Pulp Fiction (1994) womöglich nicht mehr am Markt wäre.

Er verbeugt sich vor dem Asiatischen Kampfkino

"Kill Bill" ist eine Hommage an das asiatische Kino mit seinen großen Karate-, Kung-Fu- und Schwertkampfkünstlern. Das sieht man natürlich in allerlei absurd anmutenden Schwertkampfballett-Aufführungen, die Tarantino zeigt. Am sympathischen aber sieht man es vielleicht in der Figur des Hattori Hanzo, der in Okinawa eine kleine Sushi-Bar betreibt, früher aber ein legendärer Waffenschmied war. Sonny Chiba spielt diesen Hattori Hanzo und er hat ihn früher schon im Fernsehen gespielt in einer Serie über mehrere Staffeln. Quentin Tarantino war ein großer Fan dieser Serie und also baute er den Waffenschmied an zentraler Stelle in sein Drama. Er ist es, der für "die Braut", die erst viel später als Beatrix Kiddo bei ihrem richtigen Namen genannt wird, seinen Eid bricht und ihr in wochenlanger Arbeit ein exklusives Schweres, ein Katana, anfertigt. „Ich habe mein bestes Schwert gemacht. Sollten Sie Gott auf Ihrer Reise begegnen. Er würde zur Strecke gebracht.

Gott begegnet die Rächerin nicht. Aber sie wird viele Männer und Frauen zur strecke bringen. Der Film ist der bislang blutigste in der kurzen Filmografie Tarantinos. Aber nicht der brutalste. Schmerzhafter anzusehen waren manche der blutigen Szenen in Reservoir Dogs. Brutaler war manches in Pulp Fiction. In "Kill Bill" macht sich Tarantino geradezu einen Spaß aus seinem Ruf, ein Gewaltverherrlicher zu sein, und spielt mit den Möglichkeiten des Mediums. Die ganz große Schlachtplatte, in der "die Braut" die "Wilden 88" plus ein paar mehr abschlachtet, wechselt Tarantino auf Schwarz-Weiß – da fällt das Blut, das aber ohnehin in absurden Fontänen aus den Körpern der Opfer schießt, nicht so auf. Die Geschichte, wie aus dem kleinen Mädchen O-Ren die unangefochtene Unterweltkönigin Tokios wurde, zeigt Tarantino als Anime, in dem ordentlich Blut fließt. Gezeichnetes Blut. Plakatmotiv: Kill Bill, Vol. 1 (2003) Zuletzt hat Oliver Stone die Möglichkeiten des Mediums derart ausgereizt, für den Tarantino das Drehbuch zu dem vor allem visuell wilden Ritt Natural Born Killers (1994) geschrieben hat. "Kill Bill" ist mehr Comic, als Drama. Das unterstreicht die Szene, in der "die Braut" den letzten der 88 besiegt. Erst "entmannt" sie ihn, indem sie dessen Schwert immer kleiner hackt. Dann versohlt sie ihm mit ihrem Hattori-Hanzo-Schwert den Hintern: „Und das ist dafür, dass Du Dich mit den Yakuza abgibst. Geh heim zu Deiner Mutter.

Die Stunde der großen Uma Thurman

Uma Thurman spielt das alles mit einer Gelassenheit, als sei sie mit dem Erlernen asiatischer Kampfkunst aufgewachsen und das Metzeln von Killertypen natürliches Alltagsgeschehen. Thurman, die schon in Pulp Fiction besonders hell funkelte, ist eine Wiederentdeckung, obwohl sie schon so lange im Geschäft ist (Vatel – 2000; Sweet and Lowdown – 1999; Mit Schirm, Charme und Melone – 1998; Les Misérables – 1998; Gattaca – 1997; Batman & Robin – 1997; Lügen haben lange Beine – 1996; Pulp Fiction – 1994; "Cowgirl Blues" – 1993; Jennifer 8 ist die Nächste – 1992; "Eiskalte Leidenschaft" – 1992; Die Zeit der bunten Vögel – 1990). Thurman nimmt diese Kriegerin ernst, sowohl in der Haltung zum Kampf als auch in ihrer Haltung zur Rache. In Großaufnahmen selbst bei Kampfszenen sticht ihr trauriger Blick hervor. Diese Frau ist eine an der Seele gemarterte Trauernde, die Rache sucht, aber weiß, dass ihr das am Ende nicht das Glück zurück bringt. Ihre Szenen unterfüttert Tarantino mit Klängen aus Zamfirs Panflöte, was ihre Rache in die Nähe einer anderen großen Rachestory bringt, Sergio Leones Spiel mir das Lied vom Tod. Der Regisseur ist verliebt ins Kino und seine Klassiker.

"Kill Bill" beginnt mit einer Schrifttafel „Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. – altes klingonisches Sprichwort“. Das sagt Khan, als er in Star Trek II: Der Zorn des Khan in die Schlacht gegen die Enterprise zieht. Das Zitat gab es aber auch schon 1967 in dem Italowestern "Von Mann zu Mann", den Tarantino als Inspirationsquelle für "Kill Bill" nennt (Ursprünglich stammt das Zitat wohl aus Eugène Sues 1841 erschienenen Roman "Mathilda"). Auch, dass Uma Thurman einen seltsam unmodischen, aber umso auffallenderen gelb-schwarzen Anzug trägt, ist in Tarantinos Welt natürlich kein Zufall. Der Anzug ist ein Replikat jenes Anzuges, den Bruce Lee in "Bruce Lee – Mein letzter Kampf", seinem letzten und zu seiner Zeit nie fertiggestellten Film, getragen hat.

FSK 18 – Also keine Aufregung

Von den vielen Zitaten und Bildspäßen abgesehen startet der Film in für Filme dieser Art schwieriger Zeit. Dass ihm die Verherrlichung von Gewalt vorgeworfen wird, ist einerseits erwartbar, andererseits aber in einer Gesellschaft, in der die Zahl der Mörder zunimmt, die sich durch ihre Taten auf Filme berufen, nicht ganz von der Hand zu weisen. Tarantinos Film kreist um eine Attentätertruppe, die sich Attentatskommando Tödliche Viper nennt und aus lauter Könner*innen ihres Fachs bestehen. Sie nennen sich Black Mamba, Cottonmouth, Kupferkopf, Seitenwinde, Königsnatter und Bill, ihr Boss, nennt sich Schlangenbeschwörer. Der Film lässt eigentlich keine Sekunde im Unklaren, dass er sich auf dem Feld der Phantasie bewegt und keinerlei Anspruch auf Realität erhebt. Möglicherweise wird dennoch irgendwann ein Teenager-Geisteszwerg angeben, nachdem er Menschen getötet hat, er habe nur sehen wollen, ob das Blut wirklich so Fontänen bildet, wie in diesem Film.

"Kill Bill, Vol. 1" ist ab 18 Jahre freigegeben. Mithin also für Leute, die auch wählen und also mit über das Schicksal unseres Landes entscheiden dürfen.

Interessant: Immer, wenn in den 90er Jahren über Gewalt im Kino geschimpft wurde, war Tarantino beteiligt, als Autor oder als Regisseur. Die Filme – True Romance (Autor, 1993), Natural Born Killers (Autor, 1994), From Dusk till Dawn (Autor/Darsteller, USA 1996), Pulp Fiction (Autor/Regisseur, 1994), Reservoir Dogs (Autor/Regisseur, 1992) – waren an der Kasse unterschiedlich erfolgreich, sie liefern das Film-Fundament für eine ganze Generation von Kinogängern, die in der Zeit Teenager waren, aber man könnte nicht behaupten, dass die Blutbäder in der Welt – angerichtet von ausgetickten jungen Leuten – signifikant zugenommen hätten, seit Quentin Tarantino seinen Platz hinter der Verkaufstheke einer Videothek gegen den Regiestuhl eingetauscht hat.

Tarantino gibt seiner Rachestory durch Aufbau, Schnitt, Musikeinsatz, Kampfchoreografie und Uma Thurman Nägelkau-Qualitäten großer Klassiker.

Wertung: 6 von 6 €uro
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