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Plakatmotiv: The Little Things (2021)

Ein Polizeifilm nicht über die Mörderjagd,
sondern über die Einsamkeit des Jägers

Titel The Little Things
(The Little Things)
Drehbuch John Lee Hancock
Regie John Lee Hancock, USA 2021
Darsteller

Denzel Washington, Rami Malek, Jared Leto, Chris Bauer, Michael Hyatt, Terry Kinney, Natalie Morales, Isabel Arraiza, Joris Jarsky, Glenn Morshower, Sofia Vassilieva, Jason James Richter, John Harlan Kim, Frederick Koehler, Judith Scott, Maya Kazan, Tiffany Gonzalez, Anna McKitrick u.a.

Genre Crime, Drama
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
8. Juli 2021
Website www.warnerbros/little-things
Inhalt

Deke ist der Sheriff von Kern County in Kalifornien. Er fühlt sich ausgebrannt, hat seinen Beruf längst satt. Als das Opfer eines möglichen Serienkillers auftaucht, muss er sich nochmal aufraffen. Ihm zur Seite steht der junge Detective Jim Baxter aus Los Angeles, der dem alten Provinzcop zuerst skeptisch begegnet.

Schnell ist der Jungspund aber beeindruckt von der Spürnase des alten Hasen und dessen Auge für die kleinsten Details. Doch die Partnerschaft wird schnell auf eine harte Probe gestellt, weil Deke Regeln eher eigenwillig auslegt. Zudem trägt der alte Polizist noch ein dunkles Geheimnis aus seiner Vergangenheit mit sich herum, welches ihn plagt.

In den Mittelpunkt der Ermittlung gerät Albert Sparma, Mitarbeiter in einer kleinen Firma, die Wohnungen renoviert. Sparma machte sich vor acht Jahren mal verdächtig, als er einen Mord gestand, den er gar nicht hatte begehen können. Heute weiß er erstaunlich viel über die Toten und deren Umstände – er verfügt über Täterwissen.

Aber es finden sich keine Beweise. Statt dessen beginnt Sparma ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem ausgebrannten und dem sehr engagierten Cop …

Was zu sagen wäre

Hat sich wahrscheinlich viel verändert, seit Sie hier waren“, sagt Baxter, der aufstrebende Mann im Polizeidezernat. „Fassen müssen wir die Täter noch, oder?“, fragt Deke, der alte Sheriff. „Ja.“ „Dann hat sich nicht viel verändert.“ Ein Serienmörder. Ein junger Cop und ein alter Cop. Der eine Feuer und Flamme für seinen Job, der andere hat das alles hinter sich, schiebt eine ruhige Kugel in einem Revier „im Norden“, will mit seinem alten Revier, in dem offenbar die richtige Kirchenzugehörigkeit für die Karriere entscheidend ist, möglichst wenig zu tun haben. Das klingt, wie Das Schweigen der Lämmer, die 57. mit Anteilen von Sieben und allen Polizeiserien der zurückliegenden 60 TV-Jahre. Muss man dafür heute nochmal ins Kino? Vielleicht, weil die Kinos wegen einer Pandemie seit Monaten geschlossen waren und wir froh sind, überhaupt wieder was auf der Leinwand zu sehen zu bekommen.

Der interessante Faktor ist Regisseur und Drehbuchautor John Lee Hancock, der sich in seinen bisherigen Filmen selten für den gradlinigen Heldenweg – alter und junger Cop raufen sich zusammen, wären ihre Widersprüche, alter Cop erledigt altes Trauma, Serienkiller wird gefasst – interessiert hat (The Founder – 2016; Saving Mr. Banks – 2013; Blind Side – Die große Chance – 2009; "Alamo – Der Traum, das Schicksal, die Legende" – 2004). Welche Herangehensweise wird er für diesen vordergründig ausgetrampelten Storypfad wählen?

Wir lernen Joe 'Deke' Deacon kennen, alter Streifencop im Nirgendwo. Er lebt mit einem Hund zusammen, der sich alle zwei, drei Wochen mal blicken lässt. Er bewegt sich, wenn er sch bewegen muss. Denzel Washington spielt diesen Deke als gewohnt wortkargen Mann, in dessen traurigen Augen ein Geheimnis aus der Vergangenheit stichelt. Bald ist klar: Deke ist ein Mann mit Vergangenheit in jenem Polizeirevier, in dem wir auf den anderen, den jungen Cop treffen – Sergeant, verheiratet, zwei Kinder, hübsches Häuschen am Stadtrand, ein Mann mit Zukunft. Nebenbei gibt es tote Frauen, deren Todesumstände sich ähneln. Der junge Cop mag den Alten nicht. aber er lässt ihn mit zum Tatort kommen, wo der prompt eine Spur findet, die der Junge nie erkannt hätte. Der Respekt steigt. Die beiden werden eine Art Team, in dem der Alte seiner Nase nachgeht, ohne dass das im Revier an die große Glocke gehängt würde. Plakatmotiv (US): The Little Things (2021) Wir erfahren, dass Deke geschieden ist, zwei erwachsene Töchter hat, zu denen er keinen Kontakt mehr hat und offenbar mehrere Bypässe hinter sich hat ("The Equalizer 2" –2018; "Fences" – 2016; Die glorreichen Sieben – 2016; The Equalizer – 2014; 2 Guns – 2013; Flight – 2012; Safe House – 2012; Unstoppable – Außer Kontrolle – 2010; Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3 – 2009; American Gangster – 2007; Déjà Vu – 2006; Inside Man – 2006; Der Manchurian Kandidat – 2004; Mann unter Feuer – 2004; Training Day – 2001; Hurricane – 1999; Der Knochenjäger – 1999; Ausnahmezu – 1998; Dämon – Trau keiner Seele – 1998; Mut zur Wahrheit – 1996; Crimson Tide – 1995; Teufel in Blau – 1995; Die Akte – 1993; Philadelphia – 1993; Ricochet – Der Aufprall – 1991).

Was wir nicht sehen, sind weitere Hinweise, die genretypischen Beweise, die plötzlich auftauchen, Spuren, die einen Verdacht lenken. Statt dessen sehen wir viele Bilder einsamer Wölfe, die in Anzug und Krawatte schweigsam durch die Straßen der Stadt cruisen, Verdächtige beschatten und Seven/Eleven-Kaffee aus Pappbechern trinken, einmal sitzt Deke sogar nachts alleine in einem Edward-Hopper-Diner. Einsamkeit ist das Leitmotiv dieses Filmes, der man nicht mal mit Frau und zwei Töchtern in hübschem Vorstadthäuschen entkommt. Aus einem fadenscheinigen Grund beißen sich die beiden Cops an Albert Sparma fest, den Jared Leto mit langen fettigen Haaren und leicht abgedrehter Jesus-Attitüde spielt. Leto spielt in seinen meisten Rollen einen unangenehmen Menschen – harte Wirtschaftsbosse, feixende Killer, notorisch Verdächtige (Blade Runner 2049 – 2017; Suicide Squad – 2016; Dallas Buyers Club – 2013; Panic Room – 2002; Requiem for a Dream – 2000; American Psycho – 2000; Durchgeknallt – 1999; Fight Club – 1999; Der schmale Grat – 1998; Düstere Legenden – 1998; Ein amerikanischer Quilt – 1995). Insofern ist seine Besetzung in diesem Film ein Fehler. Sparma entwickelt sich im Drehbuch zum Hauptverdächtigen und Jared Leto mit stierem Blick sieht auch genauso aus. Ein Rätsel verbirgt sein Albert Sparma nur, wenn er sich am Ende als unschuldig herausstellen sollte. Aber diese Frage wird der Film nicht beantworten.

John Lee Hancock interessiert sich nicht für die strichte Ermittlungsarbeit zweier Cops. Er interessiert sich für die Cops, die irgendwann im Leben mal an einem Fall gescheitert sind, und daran, wie sie das verarbeiten. Schaut man sich die Zeitungsseiten mit dem Vermischten aus aller Welt, gibt es wöchentlich mehrere Morde, die nie aufgeklärt werden. Im Kino kompensiert das der einst erfolglose Cop mit der späten Genugtuung im großen Finale. Und wie geht das im wirklichen Leben?

John Lee Hancock wählt auch für seinen jüngsten Film nicht den gradlinigen Heldenweg. Er erzählt nicht von einer Mörderjagd. Die ist nur der Bilderrahmen, in dem er zwei Männer portraitiert, von denen der eine schon hinter sich hat, was der andere gerade vor sich hat. Und während die Männer darüber in Melancholie versinken, ruft im Polizeirevier ein neuer Mann mit Zukunft zum Hallali auf den mutmaßlichen Serienmörder, den „wir auf jeden Fall kriegen werden“.

Wertung: 3 von 8 €uro
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