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Kinoplakat: The Fan
Ein eleganter Hochglazthriller
mit zerrissenen Charakteren
Titel The Fan
(The Fan)
Drehbuch Phoef Sutton
nach dem gleichnamigen Roman von Peter Abrahams
Regie Tony Scott, USA 1996
Darsteller

Robert De Niro, Wesley Snipes, Ellen Barkin, John Leguizamo, Benicio Del Toro, Patti D'Arbanville, Chris Mulkey, Andrew J. Ferchland, Brandon Hammond, Charles Hallahan, Dan Butler, Kurt Fuller, Michael Jace, Frank Medrano, Don S. Davis u.a.

Genre Thriller, Action
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
3. Oktober 1996
Inhalt

Gil Renard verliert nacheinander seinen Job, dann das nach der Scheidung bewilligte Besuchsrecht für seinen Sohn und schließlich ganz den Sinn für die Realität. Als Ersatz für soviel entzogene Liebe dient ihm die Obsession für einen Baseballstar: Bobby Rayburn.

Jedes Mittel ist ihm recht, um seinem Idol aus dem Spieltief zu helfen. Er ermordet seinen Teamkonkurrenten, verstrickt sich immer mehr in Wahngedanken und kidnappt schließlich Rayburns Sohn, weil der ihm die Bluttat nicht danken will …

Was zu sagen wäre

Ein Filmdrama über Verlierer und wie sie mit dem Verlieren umgehen. Tony Scott verdichtet in diesem Drama, das sich zu einem Thriller wandelt, die Mechanismen eines Lebens. Da ist Gil, dieser arme Tropf, dessern Vater einst gute Messer produzierte, die sich mehr schlecht als recht verkauften, weil Dad halt kein Verkäufer war. Das Verkaufen übernahmen andere und jetzt, Jahre später, wird Gil gefeuert, weil er die Messer nicht verkauft bekommt, die längst nicht mehr die Qualität haben, die sein Vater einst voraussetzte. „Die Leute wollen schnellen, kostengünstigen Ersatz!“ sagt sein Chef – Fuck Quality. Das Leben heute ist scheiße und unfair, erlebt Gil; es sind wirtschaftliche Interessen, die die Welt drehen.

Gils Ehe ist im Eimer, seine Frau lebt mit einem Tim zusamen, der gemeinsame Sohn verhaspelt sich bisweilen und nennt Tim „Dad“, als Gil ihm noch die Werte des Sports – Fairness, Optimismus, Leiastung lohnt sich – beizubringen versucht. Gleichzeitig erlebt Gil schon die Auswüchse des kommerzialisierten Sports, die Arroganz Bobby Rayburns, der für 40 Millionen Dollar nach San Francisco kommt und dann seine Leistung nicht bringt, wobei für Gil Renard außer Frage steht, dass diese Millionarios ohne ihn, den Fan, der die 40 Millionen letztlich zahlt, „gar nichts“ ist. „Now Do You care?

Tony Scott erzählt dieses Drama vor allem in CloseUps aus dem Teleobjektiv. Das ermöglicht ihm großartige Gesichtslandschaften, Portraitaufnahmen in einer visuell nur zu ahnenden Umwelt drumrum. Neben Gil, dem abgestürzten Vater, und Bobby, dem unbefriedigenden Sportler, gibt es noch die Geschichte von Jewel Stern, der Sportreporterin, die ihr Interview mit dem Star braucht, um Quote zu machen. Scott ist da mit seiner Kamera dauernd nahe dran. Abseits der Totalen des Stadions aus der Luft gibt es kaum weitere, meistens klebt die nervöse Kamera an Gesichtern, Personen, das heißt: Wir Zuschauer können uns dem Drama nie entziehen – dauernd ist da ein Gesicht, das Bände spricht.

Und wenn Robert De Niro als Gil seine ganze Verzweiflung ausspielt, sein Du-bekommst-40-Millionen-also-warum-lieferst-Du-Fuck-nicht?, dann sind wir ganz bei ihm, dem großen Star des zeitgenössischen Kinos (Heat – 1995; Casino – 1995; Mary Shelley's Frankenstein – 1994; Kap der Angst – 1991; Backdraft – Männer, die durchs Feuer gehen – 1991; „Schuldig bei Verdacht“ – 1991; GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; „Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht“ – 1988; Die Unbestechlichen – 1987; Angel Heart – 1987; Mission – 1986; Brazil – 1985; Es war einmal in Amerika – 1984; „King of Comedy" – 1982; „Wie ein wilder Stier“ – 1980; „Die durch die Hölle gehen“ – 1978; Der letzte Tycoon – 1976; „Taxi Driver“ – 1976; Der Pate II – 1974), auch wenn der hier einen Versager spielt, den man aus der Perspektive eines adoleszenten Sohnes auch Arschloch nennen darf. Es ist dieses Unten- gegen Oben-, Verlierer- gegen Gewinner-, NoChance- gegen EveryChance-Duell, gespielt von dem Weltschauspieler Robert De Niro und dem physischen Kraftmeier Wesley Snipes, das diesen Film spannend macht. Der eine, Gil, hat alles verloren hat, weil er doch immer an die Werte glaubte – Qualität setzt sich durch – und Bobby, der andere, der sich einfach für ein paar Millionen kaufen lässt und immer auf der Sonnenseite lebt, auch wenn er mal drei Wochen keinen Homerun verkauft.

Tony Scott (s.u.), der jüngere Bruder von Alien-Regisseur Ridley, hat eine faszinierende Art, seine Zuschauer bei den Eiern zu packen – das muss, nachdem der Vorhang sich geschlossen hat, kein guter Film insgesamt sein; aber während der Film läuft, er sich an meinem Eintrittsgeld abarbeitet, funktioniert er sehr gut. Plötzlich bremst Scott, nach dem ersten Mord, sein Erzähltempo runter, Santanas „Samba Pati“ belegt den Soundtrack, ein ganzes Stadion trauert Momente über Momente – im Kino eine Ewigkeit – und dann schreit Gil in die Trauer, „Come on, let's play Ball!“ und das Flutlicht explodiert in die dunkle Trauer. In diesen Stadionszenen und seiner Betrachtung des kommerziellen Sports erweitert Scott seine Bilder, seinen Zynismus, die er in Last Boy Scout, der im Football-Umfeld spielt, angedeutet hat.

De Niro, Benicio Del Toro und Wesley Snipes tragen viel zum guten Eindruck bei. Die blanke Story schmückt einen ARD-Tatort in der Sommerpause. Aber Dariusz Wolskis Fotografie mit harten Farbkontrasten, die er sich bei William Friedkin abgeschaut haben könnte, Tony Scotts zupackende Schaupielerführung und das Spiel der drei Hauptfiguren heben den Film über das Mittelmaß seines Scripts.

Robert De Niro spielt den Psychopathen ähnlich eindrucksvoll, wie er das schon bei Martin Scorsese mehrfach, zuletzt in Kap der Angst getan hat. Wesley Snipes (Money Train – 1995; „Drop Zone“ – 1994; Demolition Man – 1993; Die Wiege der Sonne – 1993; Passagier 57 – 1992; „Weiße Jungs bringen's nicht“ – 1992; „New Jack City“ – 1991) gibt sein Bestes als der arrogante, kalte, wiewohl sehr talentierte Sportler, der zum Opfer wird – allerdings braucht ein Schauspieler für diese Rolle – so wie sie geschrieben ist – nicht viele Facetten.

Wertung: 7 von 11 D-Mark
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