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Kinoplakat: Black Swan
Traumballett als Albtraum
Sinnlichkeit ohne Sinn
Titel Black Swan
(Black Swan)
Drehbuch Andres Heinz + Mark Heyman
Regie Darren Aronofsky, USA 2010
Darsteller Natalie Portman, Mila Kunis, Vincent Cassel, Barbara Hershey, Winona Ryder, Benjamin Millepied, Ksenia Solo, Kristina Anapau, Janet Montgomery, Sebastian Stan, Toby Hemingway, Sergio Torrado, Mark Margolis, Tina Sloan u.a.
Genre Drama
Filmlänge 108 Minuten
Deutschlandstart
20. Januar 2011
Inhalt

Balletttänzerin Nina Sayers steht an der Schwelle zum Ruhm. Direktor Thomas Leroy sieht in ihr die perfekte erste Besetzung einer neuen Schwanensee-Aufführung an der New Yorker Met. Nina beherrscht jeden Schritt des Schwans; Leroy allerdings vermisst die nötige Portion Sinnlichkeit und Verführung, die es braucht, um auch den Schwarzen Schwan zu verkörpern. Das lässt er sie spüren, wirft ihr vor, eine frigide Jungfrau zu sein, der jedes Lebensgefühl fehlt. Wie soll sie da ein ganzes Publikum verführen. Diabolisch hält er ihr die sinnlichen Reize Lilys vor, eine frisch hinzugekommene Neue im Ballettensemble: „Sieh‘, wie anmutig sie sich bewegt … verführerisch!”

Zuhause lebt Nina allein mit ihrer Mutter Erica, die ebenfalls Tänzerin war, dann aber den Fehler machte, sich mit dem Choreographen einzulassen, schwanger wurde mit Nina und ihren Beruf aufgeben musste. Vor diesem Schicksal will Erica ihre Tochter bewahren und erzieht sie zu frigider Perfektion, damit die Tochter einmal erreicht, was der Mutter – wegen der Tochter – verwehrt blieb.

An Ninas Schulter bildet sich eine Wunde und sie fängt an, zu halluzinieren. Sie entwickelt eine Paranoia und denkt, dass Lily ihr die Rolle wegnehmen will. Dabei scheint Lily nur freundschaftliche Nähe zu suchen. Eines Abends steht Lily vor Ninas Tür und will mit ihr Essen gehen. Sie versacken in einer Bar, werfen ein paar Pillchen. Nina verliert Hemmungen, tanzt wild im Licht des Stroboskops, leidenschaftlich – wie ein Schwarzer Schwan; in dieser Nacht fallen Nina und Lily spät in Ninas Bett übereinander her.

Anderntags erkennt Nina Anzeichen, dass Lily sie mit der Aktion austricksen wollte. Ihr Misstrauen wächst. Ihre Halluzinationen nehmen zu, Nina neigt zu Selbstverstümmelungen. Panisch dreht sie Pirouette um Pirouette, um endgültige Perfektion zu finden. Abends hört sie zuhause die Bilder ihrer Mutter reden. Sie bemerkt, wie sich die Wunde an ihrer Schulter verschlimmert hat, und zieht aus ihr eine schwarze Feder heraus. Daraufhin verfärben sich ihre Augen rot und ihre Beine verwandeln sich in die eines Schwans. Sie stolpert.

Am nächsten Tag, dem Tag der Premiere, hat Ninas Mutter Erica die halluzinierende Nina zu Hause in ihrem Zimmer eingeschlossen und im Theater krank gemeldet …

Was zu sagen wäre

Am Anfang träumt Nina den Traum des perfekten Schwans. Von dem Moment an, an dem sie aufwacht, wird der Zuschauer Zeuge eines zweistündigen Albtraums. Ballett ist bei Darren Aronofsky („The Wrestler” – 2008; „The Fountain” – 2006; „Requiem for a Dream” – 2000; Pi – Der Film – 1998) nicht schön. Nicht sinnlich oder verführerisch. Das sinid Attribute, die dem Zuschauer unten im Saal nur vorgegaukelt werden. Das Leben auf der Bühne zeigt „Black Swan” uns als schwarzen, blutenden Albtraum. Die Nahaufnahme eines tanzenden Ballettfußes lässt den Zuschauer sich die schmerzenden Füße massieren. Die Wunden, die die Ballettkunst schlägt, übertragen sich unmittelbar auf den Kinozuschauer.

Der Schwanensee als Horror-Stück

„Black Swan” ist kein tütteliger Ballettfilm. Aronofsky serviert uns veritables Horrorkino. Horrorkino, in dem die unschuldige weiße Prinzessin von der dunklen Seite der Leidenschaft aufgesogen wird – und diese Metamorphose gehört zu den großen Momenten des Kinojahres. Zwei Stunden presst die Regie den Zuschauer in die Sessel, wechselt von einer Sekunde zur anderen die Realitätsebene. Ninas Halluzinationen sind des Zuschauers Realität.

Im Zentrum Natalie Portman („Hesher – Der Rebell” – 2010; The other Woman – 2009; „Die Schwester der Königin” – 2008) als Nina, an der nichts mehr an die toffelige Princess Amidala erinnert. Portman ist teuflisch gut im dauernden Wechsel zwischen Weiß und Schwarz, zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Erotik und aufgesetzter Frivolität. Neben ihr Mila Kunis (”Date Night – Gangster für eine Nacht” – 2010; „Max Payne” – 2008) als Lily, sinnlicher Gegenpart der verklemmten Nina. Sie hat nicht viele Szenen und vielleicht sind es einfach nur diese dunklen Augen und das unaufhörliche Lächeln, wahrscheinlich hat es aber doch mit hoher Spielkunst und einfühlsamer Schauspielerführung zu tun – jedenfalls steigt die Temperatur sofort auf Körperwärme, wenn sie auftaucht. Man(n) wird schnell süchtig nach ihr. Kein Wunder, dass Nina Angst hat, Lily könne ihr die Rolle des weißen und schwarzen Schwans streitig machen – Lily bewegt sich auch sinnlich, wenn weit und breit keine Bühne zu sehen ist.

Kinoplakat: Black SwanWinona Ryder in einer kleinen, aber feinen Rolle

Eine zweite Nebenrolle gibt es – klein, aber ungemein fein. Es ist die der Ex-Primaballerina, die von Nina abgelöst wird. Ihr Schicksal ist grausam und trägt zum Horror-Charakter des Films bei. Gespielt wird sie von Winona Ryder, die damit den Sprung geschafft hat vom gefeierten Generation-X-Star (Ein amerikanischer Quilt – 1995; Reality Bites – Voll das Leben – 1994; „Zeit der Unschuld“ – 1993; Bram Stokers Dracula – 1992; Meerjungfrauen küssen besser – 1990; Edward mit den Scherenhänden – 1990; Great Balls of Fire – 1989) über die Kaufhausdiebin direkt zur Elder-Charakter-Nebenrolle („A Scanner Darkly“ – 2006; Es begann im September – 2000; Durchgeknallt – 1999; Celebrity – Schön, reich, berühmt – 1998; Alien – Die Wiedergeburt – 1997). Nach Star Trek, wo sie nachhaltig die Mutter von Spock spielt, ist das das zweite Mal. Und sie ist immer noch ebenso schön wie nachdrücklich in ihrem Spiel.

Die kalte Welt des Balletts unterstreicht die Kameraführung. Darren Aronofsky und sein Kameramann Matthew Libatique haben sich für einen dokumentarischen Charakter für ihre Geschichte entschieden. Das Bild ist dunkel und körnig, erinnert an News-Footage aus dem Reuters-Fundus. Stative und Dollys blieben im Schrank. Die Kamera wird geschultert, das Bild ist entsprechend wacklig. Daran muss man sich ein paar Minuten gewöhnen: Zu Anfang tanzt Nina den Schwan und die Kamera tut so, als sei man in einem Kriegsgebiet und auf der Flucht. Aronofsky treibt so die Herzfrequenz seiner Zuschauer hoch, auf dass sie ähnlich unruhig werden, wie Nina. Und hier beginnt, was an „Black Swan” nicht funktioniert.

Warum will ein Mädchen diesen Horror freiwillig?

Die Motivation bleibt offen. Es wird behauptet, Nina sei von ihrer Mutter getrieben und dazu bekommen wir in Barbara Hershey eine Mutter, die alle Dämonen in sich vereinigt, die Mütter seit 100 Jahren im Kino immer wieder verkörpern. Aber es bleibt offen, wozu sie getrieben wird. Die Ballettwelt des Darren Aronofsky hat nichts Erstrebenswertes, nichts Schönes. Das wirkt alles wie eine Versuchsanordnung im Labor: „Wir nehmen mal eine besitzergreifende Mutter, die ihre Tochter mit ihren Obsessionen ins Unglück treibt – und dazu nehmen wir die Welt des Balletts!” Sowas hat – nur als Beispiel – vor 40 Jahren auch schon Stephen King mit seiner „Carrie” (1974) exerziert; da war es nur nicht die Welt des Balletts, sondern die der High School, aber die Mutter war ähnlich obsessiv.

Die Versuchsanordnung läuft im Film ab, wie ein Uhrwerk, alles passt. Aber der Zuschauer bleibt Zuschauer einer Versuchsanordnung. Mutter und Tochter bleiben grob geschnitzte Figuren, bei denen ich mich dauernd frage, wieso die junge schöne Nina nicht einfach geht. Die lebt und arbeitet in New York, Zentrum liberalen freiheitlichen Gedankenguts. Das Leben ihrer Mutter, der gescheiterten Ex-Tänzerin, ist nach dem, was wir sehen und erleben, alles andere, als erstrebenswert; die blutenden Füße, der ekelhafte Tanzdirektor … nichts, was mich auf die Bühne triebe. Ein paar Minuten die sinnliche Schönheit eines Balletts, fotografiert in ruhigen, strahlenden Bildern – Nein: Nicht in Kitsch-Bildern – und vielleicht hätte ich verstehen können, worum es eigentlich geht. Denn wenn Ballett nur aus blutenden Füßen, idiotisch quatschenden Chefs sowie Neid und Missgunst besteht, ist ein „Ich will da hin!” schwer nachzuvollziehen.

Ein Film voller großer Momente, ganz ohne Menschen.

Wertung: 5 von 7 €uro
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