Michelle Fuller, die Vorstandsvorsitzende des Pharmariesen Auxolith, wird von dem Verschwörungstheoretiker Teddy Gatz und seinem geistig behinderten Cousin Don entführt. Teddy glaubt, Michelle gehöre einer außerirdischen Spezies an, den sogenannten "Andromedanern", die die Honigbienen der Erde ausrotten, Gemeinschaften zerstören und die Menschheit in blinde Unterwerfung zwingen.
Teddy und Don sperren Michelle in ihren Keller, rasieren ihr den Kopf und cremen ihren Körper mit Antihistaminikum ein, um zu verhindern, dass sie über ihre Haare ein Notsignal an die anderen Andromedaner aussendet. Teddy erklärt, sie habe vier Tage Zeit, um vor einer bevorstehenden Mondfinsternis ein Treffen mit dem andromedanischen Kaiser auszuhandeln, da das andromedanische Mutterschiff so unbemerkt in die Erdatmosphäre eintreten könne.
Rückblenden zeigen, dass Teddys Mutter Sandy an einer klinischen Studie für ein Auxolith-Medikament teilnahm, das sie ins Koma versetzte. Während Teddy Michelle im Keller des einsam gelegenen Hauses mit Elektroschocks foltert, schlussfolgert er, dass ihre hohe Schmerztoleranz beweise, dass sie in Wirklichkeit ein hochrangiges Mitglied der andromedanischen Königsfamilie sein muss.
Das heißt, Teddy erkennt, dass er andere Saiten aufziehen muss …
Sterben die Bienen, stirbt der Mensch. Das soll Albert Einstein gesagt haben. Kann aber auch ein anderer Kenner gewesen sein. Das Zitat jedenfalls hat es in den Kanon der Menschheit geschafft und ist im vorliegenden Film das Thema auf der Metaebene. Da geht ein Imker davon aus, dass eine Konzernchefin alle Bienen auf der Welt tötet, weil sie, eigentlich eine Alien, spezielle Pläne mit der Erde hat.
Ein Verschwörungserzähler und eine zynische Konzernchefin in einem Film von Giorgos Lanthimos, Liebling des Feuilletons und diverser Filmjurys, die ihn nicht immer auszeichnen aber gerne nominieren (Poor Things – 2023; "The Favourite" – 2018; The Killing of a Sacred Deer – 2017; "The Lobster: Eine unkonventionelle Liebesgeschichte" – 2015). Man verrät keine Geheimnisse, wenn man da nicht unbedingt der Ausgangskonstellation der Figuren vertraut – weder muss der Verschwörungsgläubige ein Spinner sein, noch die zynische Konzernchefin eine kalte Systemoptimiererin.
Im Gegenteil, bei Giorgos Lanthimos muss man davon ausgehen, dass da was nicht stimmt.
Andernfalls würde man seinen jüngsten Film nach der Hälfte verlassen.
Spoiler Warnung
Lanthimos bedient sich bei einem südkoreanischen Film und das ist eine aufregende Nachricht: Südkoreas Filmindustrie hat in den zurückliegenden Jahren einen Output an Filmen erreicht, das nicht nur Hollywood als Nabel der Filmwelt ins Wanken bringt, sondern auch das zeitgenössische filmische Erzählen neu definiert. Lanthimos macht es seinen Zuschauern nicht leicht, erwartet von ihnen Vorschusslorbeeren aufgrund seiner vorherigen Werke.
Die CEO eines Weltkonzerns wird entführt. Manchmal taucht am Bildrand ein Fernseher auf, in dem eine Nachrichtensendung darüber informiert. Und so wäre es ja auch im richtigen Leben: Wenn, sagen wir, Tim Cook von Apple entführt würde, wären alle Nachrichten voll damit und mit Spekulationen und mit vergleichbaren Fällen und Expertenrunden. Der Film "Bugonia" schert sich nicht um diese – buchstäblich – Aller-Welt-Sicht. Er zoomt sehr nah ran, bis an die Nasenspitzen der Protagonisten, wo nichts mehr bleibt als ein Haus am Waldrand, zwei irgendwie gestörte Männer mit Bienen und eine Geisel.
Und führt dann über eine Stunde ein dialogintensives Kammerspiel auf. Entführer und Geisel. Jesse Plemons (Civil War – 2024; Killers of the Flower Moon – 2023; The Power of the Dog – 2021; Jungle Cruise – 2021; Judas and the Black Messiah – 2021; El Camino: Ein Breaking Bad Film – 2019; The Irishman – 2019; Vice – Der zweite Mann – 2018; Die Verlegerin – 2017; Feinde – Hostiles – 2017; Barry Seal – Only in America – 2017; Bridge of Spies – 2015; Battleship – 2012; Paul – Ein Alien auf der Flucht –2011; All die schönen Pferde – 2000; Varsity Blues – 1999) und Emma Stone. Tatsächlich reicht das.
Plemons als der Verschwörungsfreund und Stone als bald ihrer Haarpracht beraubte – als Schauspielerin einmal mehr auch alle Eitelkeit fahren lassende – Konzernlenkerin, die aufgrund ihrer Erfahrung nicht so hilflos ist, wie sie anhand ihrer Fesseln erscheint – ihre Michelle Fuller hat auch einen Abschluss in Psychologie! Dem verbalen Duell der beiden zuzugucken, ist ein Vergnügen. Plemons' Charakter muss sich noch um seinen geistig eingeschränkten Cousin kümmern, ihn bei der Stange halten. Die Konzernlenkerin kann sich ganz auf sich, ihre Situation und ihre Ausbildung konzentrieren.
Emma Stone zeigt in dieser Rolle, dass sie sich für nichts zu schade ist (Poor Things – 2023; Cruella – 2021; "Zombieland 2: Doppelt hält besser" – 2019; "Battle of the Sexes – Gegen jede Regel" – 2017; La La Land – 2016; Irrational Man – 2015; Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) – 2014; Magic in the Moonlight – 2014; The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro – 2014; Gangster Squad – 2013; The Amazing Spider-Man – 2012; The Help – 2011; Crazy, Stupid, Love – 2011; Freunde mit gewissen Vorzügen – 2011; Einfach zu haben – 2010; Zombieland – 2009; "Superbad" – 2007). Angeschmiert mit einer fettigen Schicht weißer Creme und mit kahl rasiertem Schädel, meistens ans Bett gefesselt, konzentrieren sich ihr Regisseur und sie auf ihre Augen, für die der Begriff ausdrucksstark nicht stark genug ist.
Aber dann muss diese mysteriöse Geschichte ja für den Film noch zu einem entsprechenden Ende führen. Lanthimos' Film gleicht einem Essay, dem die abschließende Schriftform gereicht hätte. Sein Werk endet als Betrachtung des kurzen Moments, den die Menschheit auf diesem Planeten zugebracht hat und setzt als kleinen Gruß an den jüngst verstorbenen Erich von Däniken dessen populäre Vermutungen posthum ins Recht. Als filmisches Werk, in dem also das Bild und dessen Montage herausragende Bedeutung erfahren, hebt "Bugonia" nicht ab. Zwar positioniert er seine ausdrucksstarken Gesprächspartner in jeder Einstellung geschickt im Rahmen der Leinwand und entgeht so der Gefahr lahmer Talking Heads im SchnittGegenschnitt. Aber als Zuschauer sehen wir darüberhinaus ein abgelegenes Haus von innen, einen Keller und eine nur aus Glas zu bestehen scheinende Konzernzentrale. Der niedergeschriebene Text, der die interessante Idee des Films transportiert, hätte eigentlich gereicht.
So verlassen wir das Kino mit der befriedigenden Erkenntnis, dass wir mit unserer Vermutung vom Anfang wohl Recht gehabt haben, und dazu Bilder mit Booah-Effekt gesehen haben. Aber ein Kino erlebt haben, das in Zeiten von kalkulierten Streaming-Produktionen, Computergames und Künstlicher Intelligenz weiter auf der Suche nach einer neuen Ausdrucksform ist.
Der Filmtitel "Bugonia" stammt aus dem Griechischen und bedeutet in etwa "Ochsengeburt" oder "aus dem Rind geboren". Die Bugonie bezieht sich auf einen antiken, im Mittelmeerraum verbreiteten Glauben, dass Bienen aus den Kadavern toter Tiere, insbesondere Ochsen, entstehen. In der Literatur der Römerzeit finden sich zahlreiche Erzählungen von diesem Vorgang der Urzeugung.
Eine der berühmtesten stammt aus dem vierten Buch der Georgica von Vergil: „Plötzlich und wundersam zu erzählen – im ganzen Bauch, inmitten des geschmolzenen Fleisches der Ochsen, summten und schwärmten Bienen aus den aufgerissenen Seiten, zogen dann in riesigen Wolken hinterher, bis sie schließlich auf einer Baumkrone zusammenströmten und in Trauben von den sich biegenden Zweigen herabhingen.“ Die ausführliche und stark idealisierende Schilderung des Bienenstaates in Georgica (der Film spielt im US-Bundesstaat GEORGIA) diente Vergil als Gleichnis für die Herrschaft seines Dienstherrn Augustus.
