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Plakatmotiv: True Lies – Wahre Lügen (1994)

Wenn Cameron Komödie
macht, dann kracht's

Titel True Lies – Wahre Lügen
(True Lies)
Drehbuch James Cameron
nach dem Drehbuch "La Totale" von Claude Zidi mit Simon Michaël & Didier Kaminka
Regie James Cameron, USA 1994
Darsteller

Arnold Schwarzenegger, Jamie Lee Curtis, Tom Arnold, Bill Paxton, Charlton Heston, Tia Carrere, Art Malik, Eliza Dushku, Grant Heslov, Marshall Manesh, James Allen, Dieter Rauter, Jane Morris, Katsy Chappell, Crystina Wyler u.a.

Genre Komödie, Action
Filmlänge 141 Minuten
Deutschlandstart
18. August 1994
Inhalt

Harry Tasker hat ein echtes Problem: Seine Frau glaubt seit 15 Ehejahren, ihr Gatte und Vater der gemeinsamen, 14 Jahre alten Tochter sei ein biederer Computervertreter: „Immer wenn ich nicht einschlafen kann, frage ich ihn, was er am Tag so getan hat. Nach sechs Sekunden bin ich im Tiefschlaf.“ In Wirklichkeit ist der Mann allerdings Agent einer geheimen US-Spionageabteilung.

Harry liebt seine Frau, lügt, dass sich die Balken biegen, kommt immer zu spät nach Hause und muss eines Tages feststellen, dass Helen ihren Computervertreter-Gatten ein bisschen langweilig findet und augenscheinlich ein Verhältnis mit einem anderen Mann hat – den sie für einen Geheimagenten mit spannendem Leben hält.

Harry Tasker, Spezialagent, setzt die Werkzeuge seiner Firma ein, um der Sache auf den Grund zu gehen – just, als sich eine internationale Terroristengruppe einige Atomsprengköpfe aneignet …

Was zu sagen wäre

Ein einsam gelegenes Chalet im nächtlichen Schweizer Schnee. Durch die dünne Eisdecke auf dem Teich bricht ein Taucher. Er platziert seine Ausrüstung, entledigt sich seines Taucheranzugs und steht perfekt gestriegelt im maßgeschneiderten Smoking da. Vier Minuten später hat er die Abendgesellschaft aus Bankern, Diplomaten und Antiquitätenhändlern infiltriert, das Büro des Hausherrn geknackt und begonnen, die Daten vom Computer des Hausherrn an seine Kollegen zu übertragen, die draußen im Wald auf ihn warten. Ist das der neue James Bond-Film? Plakatmotiv (US): True Lies (1994) Als der Mann im Smoking nach einem schwungvollen Tango mit Tia Carrere (Die Wiege der Sonne – 1993; "Wayne's World" – 1992) ein wenig plötzlich das Anwesen verlassen muss, hektikt sein Team draußen im Wald „Es geht los. Er wird rüde!“ Und dann wird's rüde. Schüsse peitschen, Sprengsätze explodieren, Skifahrer jagen den Mann im Smoking, der nacheinander alle Jäger ausschaltet. Als sein Backup-Team den Mann im Smoking zuhause abliefert, holt er seine Lovely-Husband-Identity-Papiere aus dem Handschuhfach, steckt sich seinen Ehering über, geht ins Haus und schenkt seiner maximal unbeeindruckten Teenagertochter eine Schneekugel mit Dorf im Schnee. 

Nein, das ist nicht der neue James Bond-Film. Das ist der Auftakt zum neuen Arnold Schwarzenegger-Film unter der Regie von James Cameron (Terminator 2: Tag der Abrechnung – 1991; The Abyss – 1989; Aliens – 1986; Terminator – 1984; Piranhas II – Fliegende Killer – 1981). Bei dem kracht es sogar dann gewaltig, wenn er eine Komödie inszeniert. Häuser gehen ebenso zu Klump, wie Raketenjets. Das ist gleichzeitig perfekt und unperfekt. Als der Abspann beginnt, beginnt der mit den Stuntleuten, die hier eingesetzt wurden. 40 professionell austrainierte Frauen und Männer haben ihren Körper hingehalten, um diesen Actionspaß zu inszenieren und, Ja, es ist Action und, Ja, es ist ein Spaß – der gleichzeitig die Grenzen des Genres aufzeigt. So, wie ich jeden Blue-Screen- oder Rückpro-Effekt erahne, erkenne ich jede Actionsequenz, in der ein Stuntman für Schwarzenegger übernimmt – und das tut er oft; ebenso oft, wie Filmtechnik die Realität ersetzt. Ich schreibe das hier so deutlich nieder, weil ich nicht als naiv vom Hof geschickt werden möchte: Natürlich erkenne ich die Trickserei.

Aber sie ist mir ziemlich egal! Weil James Camerons Drehbuch und James Camerons Regie ein Produkt hervorbringen, das Spaß macht. "True Lies" ist visuelle kinetische Energie. Als man gerade beginnt, sich über die für Hollywoodfilme dieser Klasse überraschend mäßigen Stuntbesetzungen zu ärgern, dreht Cameron kurz mal auf. Aus einer Agent-Tasker-geht-pinkeln-Szene entwickelt sich eine Leistungsshow des Action-Departements. Sie beginnt mit einer eleganten Prügel- und Schießerei in einer schneeweiß gekachelten Herrentoilette eines eleganten Hotelkomplexes und geht dann nahtlos über in eine wilde Jagd auf einen Killer auf Motorrad, die Harry Tasker auf einem Pferd absolviert – über Straßenkreuzungen, durch Hotelfoyers, in gläsernen Aufzügen in die oberste Etage. In der Inszenierung dieser Sequenz, die von einem Hotelkonzern, dessen Neon-Schriftzug groß ins Bild gerät, zeitgemäß gesponsert wird, ist Cameron sehr bei sich, die Dynamik ist einzigartig.

In all dem Aufwand, den der Filmemacher betreibt, hat er Muße für das spezielle Bild. Gerade hat Harry Tasker erfahren, dass seine Frau womöglich einen Liebhaber hat. Deshalb hat er das große Geheimdienst-Besteck gegen sie aufgelegt. Aber jedes Besteck beginnt mit alltäglicher Kost. Also geht Tasker mit dem großohrigen Pinscher Gizmo spazieren, im strömenden Regen bei Nacht. Der Film braucht die Szene nicht. Aber der massive Schwarzenegger (Last Action Hero – 1993; Total Recall – 1990; Zwillinge – 1988; Running Man – 1987; Der City-Hai – 1986; Phantom Kommando – 1985; Terminator – 1984) mit dem quietschenden Pinscher ist ein Hingucker.

Ohne eine selbstbewusste Frau auf dem Spielfeld würde der Film nicht funktionieren. Helen Tasker ist die formvollendete Hausfrau und Mutter mit Zuerwerbs-Job in einer Kanzlei, die sich gerne über ihren Mann mokiert: „Wenn ich nicht einschlafen kann, frage ich, wie sein Tag war. In sechs Sekunden schlafe ich tief und fest.In ihrer Sehnsucht nach ein wenig Action, die sich in dem Gebrauchtwagenhändler Simon äußert, wird sie eine Art Lucy Jordan, die At the age of thirty-seven / She realised she'd never / Ride through Paris in a sports car / With the warm wind in her hair. Helen Tasker hat, als der Film beginnt, längst akzeptiert, dass sie niemals im Coupé mit wehendem Haar durch Paris fahren wird. “ Aber bedauert sie es? Würde sie ihren Mann, den sie liebt, nicht lieben, vielleicht. Trotzdem ist da dieser Gebrauchtwagenhändler, den sie für den Agenten hält, der ihr Mann, den sie für einen biederen Vertreter hält, tatsächlich ist, der ihre Libido irritiert. Diesen Spagat zwischen Biederfrau in der Küche und Traumfrau für den Spezialagenten benötigt das Gewicht einer erfahrenen Schauspielerin. Plakatmotiv (US): True Lies (1994) Das gibt Jamie Lee Curtis die Gelegenheit, im Verlauf der Spionagegeschichte ihr großes komödiantisches Talent auszuspielen, von der unambitionierten Hausfrau zur Spezialagentin des Geheimdienstes in enger Reizwäsche, ohne dabei doof zu wirken ("Forever Young" – 1992; "My Girl" – 1991; Blue Steel – 1990; Ein Fisch namens Wanda – 1988; "Perfect" – 1985; Die Glücksritter – 1983; Halloween 3 – 1982; Halloween 2 – Das Grauen kehrt zurück – 1981; The Fog – Nebel des Grauens – 1980; Halloween – Die Nacht des Grauens – 1978). Die sexistischen Männerträume von starken Agenten und willigen Frauen, die Cameron in seinem Film lustvoll parodiert, erlegt Curtis im Alleingang.

Zwischen den beiden steht der genannte Gebrauchtwagenhändler. Es wäre mal interessant, herauszufinden, in wie vielen Filmen Gebrauchtwagenhändler schon als halbseidene, chauvinistische, ölige Schwätzer, die Schrottkarren als Edellimousinen anpreisen, inszeniert worden sind. Es sind sicher tausende. In "True lies" übernimmt Bill Paxton diesen Part, der häufig Männer spielt, die auch als Gebrauchtwagenhändler in Frage kämen (Tombstone – 1993; Predator 2 – 1990; Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis – 1987; Aliens: Die Rückkehr – 1986; Phantom Kommando – 1985; L.I.S.A. – Der helle Wahnsinn – 1985; Terminator – 1984; Straßen in Flammen – 1984; Ich glaub' mich knutscht ein Elch! – 1981). Paxtons Simon ist ein Widerling, ein kleines Würstchen, das sich groß macht und bei den Frauen dennoch scheitert. Das bekommt dem Gebrauchtwagenhändler nicht gut. Der Mann wird wimmernd bis auf die Unterhose enteiert im Dunkel der Nacht am Straßenrand zurückgelassen. Cameron und Arnold Schwarzenegger hatten offenbar Lust, mal so richtig albern zu sein und so sieht das dann aus, wenn Hollywoods Hotties spielen gehen: Dass die Terroristen, die eine Atombombe über Miami zünden wollen, scheitern werden, macht der film schnell klar. Ihr cleverer Plan hat mit so Nickligkeiten zu kämpfen, wie einer sterbenden Batterie in der Videokamera mitten in der wichtigen Ansprache des Terrorchefs an die Welt. Auf Cameron, den Freund des Harten, konnte Schwarzenegger, der nach dem Last Action Hero-Flop an der Kinokasse dringend einen Hit brauchte, vertrauen.
Apropos "Last Action Hero": Diesem Film geben Schwarzenegger/Cameron einen Kleinen mit. In John McTiernans Film will der Kino-Actionheld in der realen Welt eine Windschutzscheibe einschlagen und bricht sich dabei (realistischerweise) fast die Hand – die Fans mochten "Last Action Hero" wegen solcher zu sehr ihren Alltag spiegelnden Szenen nicht, also korrigiert Schwarzenegger das. In "True Lies" haut sein Harry Tasker in einem Anfall aufwallenden Zorns mal eben eine Autoscheibe ein, ohne etwas zu merken.

Als Schwarzeneggers Boss hat Charlton Heston einen knurrigen Kurzauftritt mit markanter Augenklappe (Tombstone – 1993; U-Boot in Not – 1978; Schlacht um Midway – 1976; Erdbeben – 1974; Die vier Musketiere – 1974; Airport '74 – Giganten am Himmel – 1974; Die drei Musketiere – 1973; Jahr 2022 … die überleben wollen – 1973; Der Omega-Mann – 1971; Herrscher der Insel – 1970; Planet der Affen – 1968; Der Verwegene – 1967; Sierra Charriba – 1965; El Cid – 1961; Ben Hur – 1959; König der Freibeuter – 1958; Weites Land – 1958; Im Zeichen des Bösen – 1958; Die zehn Gebote – 1956; Am fernen Horizont – 1955; Pony-Express – 1953; Wildes Blut – 1952).

Wertung: 8 von 10 D-Mark
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