Der junge Joachim wird überraschend an einer renommierten Schauspielschule in München aufgenommen und zieht in die Villa seiner exzentrischen Großeltern Inge und Hermann.
Zwischen intensiver Schauspielausbildung und den skurrilen, oft alkoholgeprägten Alltagsritualen seiner Großeltern sucht Joachim seinen Platz im Leben und ringt mit den Erwartungen an seine künstlerische Identität und familiären Bindungen …
Das Leben in München ist für einen Jungen aus dem norddeutschen Schleswig sehr seltsam. „Wenn man Zwiebeltürme sah, wusste man, war es nach München nicht mehr weit“, sinniert der Off-Erzähler auf seiner Zugreise in dieses neue Leben. Bei den geschätzten Großeltern ist das Leben in Routinen erstarrt, morgens wird mit Schnaps gegurgelt, zum Frühstück gibt es einen Champagner, vor dem Abendessen einen Whisky, zum Abendessen den passenden Wein und vor dem Zu-Bett-Gehen einen Cointreau. Die Möbel stehen seit Jahr und Tag an immer derselben Stelle und Großmutter und Großvater sitzen immer im selben Sessel.
Genauso fremd entwickelt sich das Leben an der Schauspielschule. Mit Schauspielerei jedenfalls, wie Joachim sich die vorstellt, hat das, was er dort machen soll, augenscheinlich wenig zu tun. Aber der Junge lernt hier fürs Leben, muss eine Lücke füllen, die mit dem Unfalltod seines Bruders entstanden ist. Daran knabbert der junge Student sehr, kann deshalb mit den Weisungen der Lehrer an der Schauspielschule, die wollen, dass er aus sich raus kommt, dass er sich zeigt, wenig anfangen. Joachim will sich eigentlich lieber verstecken hinter einer Rolle. Statt dessen muss er Fontanes Effie Briest als Nilpferd rezitieren.
Der in sich gekehrte Junge steckt fest. Zuhause bei den lieben Großeltern findet er keinen Ansatz, über sein Studium zu erzählen. Seine Großmutter war einst selbst eine gefeierte Schauspielerin, hat die großen Monologe immer noch drauf – aber kein Verständnis für moderne Schauspielausbildung. Senta Berger spielt die Großmutter Inge als gestrenge, prinzipienfeste Diva, ist zum Niederknien gut (Willkommen bei den Hartmanns – 2016; Zettl – 2012; Bin ich schön? – 1998; Steiner – Das Eiserne Kreuz – 1977; Als die Frauen noch Schwänze hatten – 1970; Mohn ist auch eine Blume – 1966). Die Momente mit Berger sind der emotionale Anker im Film, der immer dann wackelt, wenn er den Unterricht an der Schauspielschule zeigt.
Für diese bisweilen an Wahnwitz gemahnenden Schulszenen muss Simon Verhoeven gar nichts erfinden, er holt sich alle Szenen aus der Romanvorlage von Joachim Meyerhoff, wie Verhoeven überhaupt eng an dieser Vorlage bleibt. Im Buch waren die Unterrichtsszenen auch schon die schwächeren Teile. Joachim Meyerhoff erzählt in seinem Ich-Roman von seinem Aufbruch in die Welt. Ach, diese Lücke … ist das dritte von insgesamt fünf Büchern des biografischen Zyklus "Alle Toten fliegen hoch", dessen zweites Buch, Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war 2023 ins Kino kam. Offen bleibt, wie autobiografisch Meyerhoffs Erzählungen eigentlich sind. Heute ist er ein gefeierter Bühnenschauspieler, unter anderem am Wiener Burgtheater. Warum aber der junge Meyerhoff aus dem kleinen norddeutschen Schleswig Schauspieler werden wollte, ein schwieriger Beruf, der mit existenzieller Unsicherheit und Aus-sich-heraus-gehen zu tun hat, hat er in seinem Roman nicht schlüssig erklären können. Simon Verhoevens Film macht aus der unschlüssigen Motivation im Buch die einigermaßen schlüssige Motivation durch den toten Bruder, um den der Film-Joachim nachhaltiger trauert, als der Buch-Joachim.
Wie durch ein Wunder wird der Junge nach einem eigentlich inakzeptablen Auftritt bei der Aufnahmeprüfung trotzdem angenommen – „Aus tausend Bewerbern nehmen wir zehn!“. Der Film macht aus dieser unglaublichen Unmöglichkeit (aber so steht sie in der Ich-Biografie des erfolgreichen Bühnenschauspielers Meyerhoff) eine halbwegs glaubwürdige Szene, und aus dem über die gesamten drei Studienjahre unmotivierten Studenten aus dem Buch, der als einziger nach Studienabschluss kein Engagement bekommt, einen Coming-of-Age-Charakter, der etwas lernt, eine Freude am Spiel entwickelt und nach wunderbaren zwei Filmstunden mit neuen Erfahrungen motiviert in die Zukunft geht. „Das ist sehr weit … sehr weit weg von München.“
Zurück bleibt der Zuschauer im Kinosessel, der sich fragen mag, welche der beiden Biografien nun näher am behaupteten Leben Joachim Meyerhoffs ist. Es gibt weitere biografische Abweichungen, die sich filmdramaturgisch erklären lassen.
Tatsächlich aber auch nicht geklärt werden müssen, wenn man den Film als solchen sieht und die Buchvorlage außen vor lässt.
Simon Verhoeven (Alter weißer Mann – 2024; "Girl You Know It's True" – 2023; Willkommen bei den Hartmanns – 2016; Männerherzen… und die ganz ganz große Liebe – 2011; Männerherzen – 2009) inszeniert grandioses Schauspielerkino mit der ironischen Spitze, dass Bruno Alexander, der die Hauptrolle des jungen Schauspielschülers spielt, nie eine institutionalisierte Schauspielschule besucht hat. Seine Schule waren Rollen im Kinder- und Jugendfernsehen und später die Tournee durchs deutsche Serienfernsehen, bis er 2021 Boris Becker spielte ("Der Rebell – Von Leimen nach Wimbledon" – 2021) und später für Simon Verhoeven auch in dessen Alter weißer Mann. Alexander ist als orientierungsloser Student, der lieber aufschreibt, was er beobachtet, als es auf der Bühne für sein Spiel zu nutzen, die perfekte Besetzung; man möchte ihm manch hilflos wirkenden Seitenblick in seiner Rolle vorschnell als Unbeholfenheit auslegen. Bis man merkt, dass alle diese Blicke auf den Punkt gespielt sind.
Dem stehen die einzelnen Gewerke nicht nach. Den zu Beginn noch nicht in der Welt angekommenen Joachim erfasst die Kamera in ihrem unteren Bilddrittel – viel Wand, wenig Joachim. Eine sich immer wiederholende Kameraeinstellung im eleganten Nymphenburger Park wird zum Dokument verstrichener Jahre. Die Einrichtung der großelterlichen Villa im Nymphenburger Park passt präzise zu den beiden Bewohnern mit ihren alkoholisierten Ritualen. Ein Schwenk über Großmutters Schuhregal mit den jeweils unterschiedlich hohen Schuhen erklärt mehr als kurz sichtbare Narben, dass sie nach einem schweren Unfall in ihrer Jugend ein verkürztes Bein hat. Die Kostümabteilung hat sich feinsinnig durchs Drehbuch gefräst und für jede Szene stimmige Farben gefunden. Neben der raumgreifenden Großmutter im pinkfarbenen Hausmantel behauptet sich Michael Wittenborn als ihr Philosophengatte (Im Westen nichts Neues – 2022; Und morgen die ganze Welt – 2020; Wie gut ist Deine Beziehung? – 2019; Toni Erdmann – 2016; Wir sind die Neuen – 2014; Stromberg – Der Film – 2014), der nicht viel sagt, aber wenn er mal mehr als zwei Sätze spricht, sind die eingängig. Das Casting strahlt auch in den Nebenrollen: Den Regieassistenten an den Kammerspielen beschreibt Meyerhoff in seinem Buch als einen, der „seine Position uns gegenüber genoss, da er sonst offensichtlich nur herumkommandiert wurde“. Im Film spielt diese kleine Nebenrolle wie hingegossen Tom Schilling mit fettiger VoKuHiLa ("Das fliegende Klassenzimmer" – 2023; Werk ohne Autor – 2018; Who am I: Kein System ist sicher – 2014; Elementarteilchen – 2006; Crazy – 2000). Schön auch, dass Laura Tonke und Devid Striesow wieder die Rollen von Joachims Eltern anvertraut wurde, die diese schon in der Meyerhoff-Verfilmung Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war gespielt haben – obwohl der vorliegende Film kein Sequel ist.
"Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ – ein Zitat aus Goethes "Werther", dessen über das Zitat hinaus große Bedeutung für den Buch-Meyerhoff im Film nur noch ein Zitat ist, das Großvater nicht richtig zitiert – der gleichnamige Film ist ein sehenswerter Beleg dafür, dass Literaturverfilmungen manchmal ein Eigenleben entwickeln, das magnetisch auf den Zuschauer wirkt.
Die Buchvorlage
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – Joachim Meyerhoff, 2015
