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Plakatmotiv: Werk ohne Autor (2018)

Schwierige Themen elegant verpackt.
Ein episches, mitreissendes Drama.

Titel Werk ohne Autor
Drehbuch Florian Henckel von Donnersmarck
Regie Florian Henckel von Donnersmarck, Deutschland, Italien 2018
Darsteller

Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci, Hanno Koffler, Cai Cohrs, Evgeniy Sidikhin, Ulrike C. Tscharre, Jörg Schüttauf, Jeanette Hain, Hans-Uwe Bauer, Ina Weisse, Lars Eidinger, Johanna Gastdorf u.a.

Genre Drama, Historie
Filmlänge 189 Minuten
Deutschlandstart
3. Oktober 2018
Inhalt

Zu Zeiten der deutschen Teilung gelingt dem jungen Künstler Kurt Barnert die Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik. Doch ein friedliches Leben will sich für ihn nicht einstellen – zu sehr plagen ihn seine Kindheits- und Jugendtraumata, die er während der Herrschaft der Nazis und der SED-Zeit erlitten hat.

In der Studentin Elizabeth findet er die Liebe seines Lebens, die er bald heiratet. Plötzlich gelingen ihm Bilder, mit denen er nicht nur seine eigenen Erlebnisse verarbeitet, sondern auch die einer ganzen Generation.

Doch Kurts Glück wird durch das schwierige Verhältnis zu seinem undurchsichtigen Schwiegervater Professor Seeband überschattet. Denn dieser trägt einige Schuld an den schwerwiegenden Ereignissen in Kurts Leben …

Was zu sagen wäre

Den Inhalt dieses Films in fünf knackigen Absätzen zusammenzufassen, ist ähnlich schwer, wie bei anderen komplexen Werken der Filmgeschichte. Das, was im Abschnitt da oben steht, erfasst gerade mal das abgenagte Skelett des Dramas. Aber jedes Wort mehr verlangte ein weiteres Wort der Erklärung hintendran, und dann würde es bald unübersichtlich und der Schönheit dieses Films schaden.

Erzählt wird eine traumatische Liebesgeschichte und die daraus resultierenden Folgen für verschiedene Menschen. Erzählt wird die Geschichte eines skrupellosen, sich charmant gebenden Wendehalses. Erzählt wird vor allem die Geschichte eines jungen Mannes, der sein Heil in der Kunst findet, dort aber lange nach seinem persönlichen Ausdruck sucht und ihn schließlich in jener traumatischen Liebesgeschichte, von der schon die Rede war, finden wird; es ist die Liebe eines kleinen Jungen zu seiner musisch entrückten Tante, die heimlich jener Kunst nahesteht, die die Nazis „entartet“ nennen.

Florian Henkel von Donnersmarck zeigt auch in seinem dritten abendfüllenden Kinofilm nach Das Leben der Anderen (2006) und The Tourist (2010), dass er im Kino Eleganz erwartet statt den schnellen Punch; dass er das Erzählen in Bildfolgen der schnellen Erklärung aus irgendjemandes Mundes vorzieht. Als herauskam, dass "Werk ohne Autor" an die Biografie des deutschen Künstler-Stars Gerhard Richter angelehnt sei, geriet die Rezeption des Films in das Fahrwasser eines hyperventilierenden Feuilletons, das nach Abweichungen in der Biografie und Fehlern in der Interpretation beigeordneter Filmcharaktere suchte, was darin gipfelte, das Richter selbst als Gegner dieses Films ins Feld geführt wurde.

Der Film behandelt Zeitgeschichte, er behandelt Politik, er untersucht aber in erster Linie die Stellschrauben, die ein Leben beeinflussen. Beeinflusst wird das Leben von Kurt, der als etwa fünfjähriger Junge erleben muss, wie seine ein wenig exzentrische, aber feinsinnige Tante Elisabeth von Nazi-Medizinern in die Gaskammer geschickt wird. Hier stolpert der Film einmal über sein Sujet: der Tod in der Gaskammer, mit trauriger sakraler Melodie unterlegt, ist kein sanftes Entschlafen, wie hier dargestellt, sondern muss ruppig und brachial für den Körper und den Geist gewesen sein. Darf man den Gastod zeigen? Der Film braucht das nicht, die Szene verkratzt ihn eher. Interpretiert man die Szene aber als reine Imagination des Jungen, parallel montiert mit dem Tod zweier Onkel an der Ostfront und dem Feuertod von Dresden, Dinge also, die später in seiner Kunst eine Rolle spielen, ist diese Darstellung – und sogar in dieser Form – legitim.

Kurts Tante Elisabeth ist schön und erotisch so aufgeladen, dass nur ein kleiner Junge das unschuldig genießen kann. Irritierenderweise genießt augenscheinlich aber auch der Regisseur die nackten Rundungen seiner beiden Hauptdarstellerinnen Saskia Rosendahl und Paula Beer. An Beers nacktem Körper im Kerzenschein säftelt die Kamera immer wieder und nochmal entlang. Einen wirklichen Grund dafür gibt es nicht. Dass Tante Elisabeth nackt am Klavier sitzt, und ihren Neffen auffordert: „Sieh nicht weg. Nie wegsehen. Alles, was wahr ist, ist schön“, ist gar widersinnig. Welcher Junge/Mann mag bei einer nackten Schönen wegschauen? Und wäre sie nicht auch angezogen wahr und also schön? Dann spielt sie ein zweigestrichenes A und sagt: „Dieser Ton. Darin steckt die ganze Kraft der Musik, des Lebens, des ganzen Universums. Menschen suchen nach der Weltenformel. Aber hier ist sie.“ Saskia Rosendahl, die bisher vornehmlich TV-Auftritte hatte, spielt die Elisabeth feenhaft mit dem Selbstverständnis eines Freigeistes.

Die restlichen zweieinhalb Filmstunden wird Kurt damit verbringen, sein persönliches zweigestrichenes A zu finden, während die geliebte Tante Elisabeth ihre Suche nach der Perfektion in die Gaskammern führt – ausgelöst durch SS-Obersturmbannführer Carl Seeband, perfider Wendehals und später Vater von Ellie Seeband, die Kurt heiraten wird, Elisabeths Neffen.

An dieser Stelle baut von Donnersmarck eine kleine Übernatürlichkeit in seine ansonsten geerdete Story ein. Kurt weiß nichts von des Professors Schandtaten, der Professor weiß nicht, dass er Kurts Tante ins Gas geschickt hat. Sie kennen sich über Ellie. Als Kurt das erste Mal in Seebands Büro kommt, fühlt er sich unwohl und schaut dann instinktiv in jene Zimmerecke, in der sich seine Tante Elisabeth vor vielen Jahren verzweifelt gegen ihre Sterilisation wehrte. Kurt kann davon nichts wissen, aber er spürt etwas, es gibt offenbar eine mystische Verbindung zu seiner geliebten Tante. Viel später im Film wird Kurt seinen künstlerischen Ausdruck finden, weil im richtigen Moment ein Windstoß im Atelier Fenster schließt und eine Diaprojektion vortäuscht, in der seine Tante Elisabeth eine wichtige Rolle spielt und die Kurt alles zeigt, was er immer gesucht hat. Der Begriff Kunst leite sich ab von Können, sagt ein Museumsführer der Nazis am Anfang. Hier wird klar: Das Können ist lediglich die Voraussetzung, um die Kunst im Alltäglichen darstellen zu können.

Seien Sie anders!“, mahnt der Kunstprofessor an der Akademie im kommunistischen Dresden. Und er meint nicht anders als andere, sondern anders als Leute wie etwa Picasso oder Kandinsky oder Miró, die Formsprache zur Kunst erklären, „nur um als Erneuerer zu gelten“. Ein Künstler solle zeigen, was er sehe, nicht wie er etwas wahrnehme. Kurt wird sehr gut darin, zu malen, was er sieht. Und er leidet darunter, nicht malen zu können, was er wahrnimmt.

Die Kunstakademie Düsseldorf ist das genaue Gegenteil. Für die Studenten ist ihr Machismo – „Ihr künstlerischer Ausdruck ist altmodisch. Aber sie hat feste Brüste, also lassen wir sie machen.“ – und die Verkaufbarkeit von Kunst wichtiger, als ein eigener Ausdruck. Hier findet Kurt in einem zähen Lernprozess seinen eigenen künstlerischen Ausdruck, in dem Sehen und Wahrnehmen verschmelzen. Er offenbart in seinen fotorealistischen Bildern von Kriegsbombern, von seiner Tante Elisabeth, von anonymisierten Nazi-Schergen seine Seele, er malt sich frei. Und behält den Kern seiner Bilder für sich. Die Kunstszene ist auch ohne Erklärung angetan von „solchen Bildern, die eine unerklärliche Kraft besitzen“. Ihnen reicht, wenn der Künstler sagt, es sei ihm egal, wer oder was auf seinen Bildern sei, es sei sogar besser, wenn er die Personen darauf nicht kenne. „Ich mache Bilder. Fotos. Mit anderen Mitteln.“ Ein Feuilleton-Redakteur kommentiert vor laufender Kamera über einen Künstler, der „wie viele in seiner Generation, nichts zu erzählen hat, nichts zu sagen. Löst sich von jeder Tradition. Verabschiedet sich vom biografischen Ansatz in der Kunst und schafft so zum ersten Mal in der Kunstgeschichte ein Werk ohne Autor“. Wo der Redakteur lediglich „Mutter und Kind“ sieht, nimmt der Künstler die ganze Tragweite des Bildes wahr.

"Werk ohne Autor“ ist großes Erzählkino, episch, elegant fotografiert, unaufdringlich geschnitten, packend, mit vielen guten Schauspielleistungen. Tom Schilling war, glaube ich, noch nie so präzise in seinem Spiel. Es ist schade, dass sich Paula Beer als seine geliebte Ella unter Wert anbieten muss. Beer bleibt wenig mehr, als die Rolle der hübschen Frau. Sebastian Koch spielt den Wendehals Carl Seeband als arroganten Herrn mit Dünkel, der nie die Stimme erheben muss, um Gehör zu finden. Als er sich von Kurt malen lässt, neben einem Skelett stehend, ist er der Tod persönlich.

Die Geschichte einer Suche, die nach vielerlei Widrigkeiten, Opfern, Rückschlägen in drei politischen Systemen schließlich im Erfolg mündet. Klingt wie: amerikanisches Großkino aus Europa! „Du bist so schön, dass es unromantisch ist. Es ist fast zu einfach, dich zu lieben“, sagt Kurt zu Ellie. Der Film erzählt aus schwierigen deutschen Zeiten, vieles ist unbequem, aber in Bildern, die es einfacher machen, das Drama zu lieben.

Wertung: 7 von 8 €uro
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