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Plakatmotiv: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (2023)

Liebevolle, sentimentale Beobachtungen
aus einer lange untergegangene Epoche

Titel Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war
Drehbuch Sonja Heiss & Lars Hubrich
nach dem gleichnamigen Roman von Joachim Meyerhoff
Regie Sonja Heiss, Deutschland 2023
Darsteller

Devid Striesow, Laura Tonke, Arsseni Bultmann, Camille Loup Motzen, Merlin Rose, Casper von Bülow, Pola Geiger, Axel Milberg, Sarah Bauerett, Esther Bechtold, Anna Amalie Blomeyer, Giuseppe Bonvissuto, Matthias Bundschuh, Leon Cliff, Romi Dörlitz, Luisa-Céline Gaffron, Claude Heinrich, Leevi Tjelle Höhlein u.a.

Genre Drama, Biografie
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
23. Februar 2023
Inhalt

Auf dem Gelände der größten psychiatrischen Klinik Schleswig-Holsteins aufzuwachsen ist irgendwie – anders. Für Joachim, den jüngsten Sohn von Direktor Meyerhoff, gehören die Patienten quasi zur Familie. Sie sind auch viel netter zu ihm als seine beiden älteren Brüder, die ihn in rasende Wutanfälle treiben – mit denen dann Mutter und Vater routiniert umgehen. Sie setzen den Jungen auf die Waschmaschine im Schleudergang und lassen ihn dort, vibrierend, Fuchs Du hast die Gans gestohlen singen. Das beruhigt ihn wieder.

Seine Mutter sehnt sich Aquarelle malend nach italienischen Sommernächten statt norddeutschem Dauerregen, während der Vater heimlich, aber doch nicht diskret genug, seine eigenen Wege geht. Doch während Joachim langsam erwachsen wird, bekommt seine Welt, nicht nur durch den Verlust der ersten Liebe, immer mehr Risse …

Was zu sagen wäre

Der siebenjährige Josse geht morgens zur Schule. Auf dem Weg quer über das Geländer der "Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg" gerät er ins Visier des kleinen Rudi. Der erschießt Josse. Mit einer Pfropfenpistole aus Plastik. Josse fällt um, steht aber gleich wieder auf. „Du bist tot“, insistiert der kleine Rudi. „Ich muss jetzt zur Schule. Weißte doch“, antwortet Josse geschäftsmäßig, was klingt, wie Wir sehen uns ja später noch. Solche Szenen bevölkern diesen schönen Film. Szenen, die aus Bildern bestehen, die für sich stehen und alles sagen.

Josse ist auf dem Psychatriegelände groß geworden. Für ihn sind die Bewohner seine Freunde; der große Glöckner etwa, der nicht spricht, aber Josse auf seinen Schultern übers Gelände trägt. Andere Normale als die Familie sehen wir nicht. Josse hat zwei ältere Brüder, dann sind da seine Eltern und die Putzfrau, Frau Fick, deren Name am Frühstückstisch der Familie für Heiterkeit sorgt. Josse Schulkameraden von draußen vor der Anstalt spielen buchstäblich keine Rolle.

Dieser Film ist ein kleines Juwel, das dem lauten, meist kostümierten zeitgenössischen Kino eine stille Alternative bietet: Sehen statt glotzen. Regisseurin Sonja Heiss erzählt keine Geschichte über einen Plan, der umgesetzt werden muss, erzählt keine Heldenreise, verzichtet also auf Dinge, die die Hauptfigur im Laufe des Filmes lernen und erfüllen muss. Im Kern des Films wird Josse im Rahmen der 1970er Jahre einfach nur älter. Der Autor der gleichnamigen Romanvorlage, Joachim Meyerhoff, der in seinem Ich-Roman seine eigene Kindheit als Josse niedergeschrieben hat, wurde 1967 geboren. Der Film beginnt folglich um 1974 und endet Mitte der 1980er Jahre. Die Geschichte, die der Film erzählt, ist, was er aus der Perspektive des Jungen mit der kritischen Impulskontrolle, der ab und zu von den Eltern auf die Waschmaschine während des Schleudergangs gesetzt werden muss, damit er sich wieder beruhigt, beobachtet. Der dramaturgische Erzählbogen ist Josses Erwachsen werden.

Mit zunehmendem Alter Josses wird deutlicher, dass die Eltern keine glückliche Ehe führen. Was eingangs auch für die Zuschauer nur Indizien sind, etwa, dass Mutter Iris, im verregneten Norddeutschland Bilder malt, die die Toscana unter der gleißenden Sonne Italiens zum Thema haben; oder dass der Vater auf der Treppe vor seinem Büro mit seiner Sekretärin spricht und beide dabei nicht nur zufällig so eng beieinander stehen. Oder dass bei einem Segelkurs Vater Richard vor den Augen seiner Frau auf peinliche Art scheitert und zornig schwört, nie wieder ein Segelboot zu besteigen. An einem Weihnachten eskaliert der mühsam aufrecht erhaltene Familienfrieden. Später ist Inge nach Italien umgezogen und hat Richard eine neue Freundin in Lübeck – ein Umstand, über den der Film mit einem nur drei Sätze umfassenden Vater-Sohn-Dialog informiert. Josse ist zwischenzeitlich zum Teenager und zum jungen Mann mit Erfahrungen aus einem Jahr Amerika gereift. Er hat die ersten Todesfälle in seinem Umfeld zu verarbeiten. Haben er und seine Brüder früher maximal mal eine Amsel begraben, die mit Wucht gegen das Glas der Terrassentür geflogen war, ist es später der geliebte Hund, schließlich sein älterer Bruder. Am Ende ist sein Vater schon unheilbar an Krebs erkrankt.

So gleitet diese Familiencollage durch die Jahre, die visuell liebevoll aufbereitet sind. Die Künstler für Ausstattung und Kostüm machen die 70er Jahre abseits des Prilblumen-Klischees auf der Leinwand lebendig. Die Kamera weiß, wann sie sich beobachtend zurückhalten muss, oder wann sie auch mal ganz nah ran geht, etwa, wenn Josse sich zum ersten Mal und ausgerechnet in die suizidgefährdete Marlene verliebt. Die chronologische Parade der Szenen und Ereignisse im Haus der Familie, zwischen denen manchmal Monate, gar Jahre liegen, amalgamiert zu einem melancholischen, liebevoll beobachteten Lebensabschnitt einer Generation, in dem sie lernt, dass es keine Sicherheiten im Leben gibt. Die heute seltsam anmutende, weil andauernde, aber längst gescheiterte Ehe von Inge und Richard – Laura Tonke und Devid Striesow abwechselnd bis in den Augenbrauenlupfer authentisch – erzählt mehr über jene Zeiten, in denen Frauen sich erst langsam aus der gesetzlichen Herrschaft des Mannes befreiten, als manche Doktorarbeit zum Thema Gleichberechtigung im 20. Jahrhundert. Im durchschnittlichen bildungsbürgerlichen Haushalt der 70er, zu dem mehrere Kinder gehörten, hielt man den Schein der glücklichen Familie aufrecht und ging seinen Trieben ungeniert woanders nach – wenigstens, bis die Kinder aus dem Haus waren.

Dieses Sittenbild aus einem tatsächlich anderen Jahrhundert erzählt der Film mit schmerzhaften Momenten, slapstickhaft anmutender Situationskomik, bedrückenden Erinnerungen und einfühlsamer Menschenbeobachtung.

Wertung: 6 von 8 Euro
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