Buchcover: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – Alle Toten fliegen hoch Nr. 3 (2015)

Eine Biografie, in der der Erzähler
wortgewandt nichts über sich erzählt

Titel Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – Alle Toten fliegen hoch Nr. 3
Autor Joachim Meyerhoff, Deutschland 2015
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Ausgabe E-Book, 352 Seiten
Genre Biografie, Erzählung
Website www.kiwi-verlag.de
Inhalt

Die Kindheit auf dem Gelände einer riesigen Psychiatrie und das Austauschjahr in Amerika liegen hinter ihm, die Schulzeit hat er überstanden, als vor dem Antritt des Zivildienstes das Unerwartete geschieht: Joachim wird auf der Schauspielschule in München angenommen und zieht zu seinen Großeltern in die großbürgerliche Villa in Nymphenburg.

Er wird zum Wanderer zwischen den Welten. Seine Großmutter war selbst Schauspielerin und ist eine schillernde Diva, sein Großvater ist emeritierter Philosophieprofessor, eine strenge und ehrwürdige Erscheinung. Ihre Tage sind durch abenteuerliche Rituale strukturiert, bei denen Alkohol eine wesentliche Rolle spielt. Tagsüber wird Joachim an der Schauspielschule systematisch in seine Einzelteile zerlegt, abends ertränkt er seine Verwirrung auf dem opulenten Sofa in Rotwein und anderen Getränken.

Aus dem Kontrast zwischen großelterlichem Irrsinn und ausbildungsbedingtem Ich-Zerfall entstehen die den Erzähler völlig überfordernden Ereignisse – und gleichzeitig entgeht ihm nicht, dass auch die Großeltern gegen eine große Leere ankämpfen, während er auf der Bühne sein Innerstes nach außen kehren und lernen soll, wie man mit den Brustwarzen lächelt …

aus dem Klappentext …

Was zu sagen wäre
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – Alle Toten fliegen hoch Nr. 3

Der Junge ist halbwegs erwachsen geworden. Flügge. Wieder erzählt Joachim Meyerhoff aus seinem Werden mit großer Detailschärfe und Liebe zum Subjekt. "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" heißt dieser Roman. Der Titel ist ein Zitat aus Goethes "Werther", doch gemeint ist die Lücke, die all die Menschen hinterlassen haben, die Meyerhoff früh verloren hat: erst einen Bruder, dann den Vater, schließlich die geliebten Großeltern.

Kaum etwas beschreibt besser die leise Furcht und den großen Respekt vor diesen Großeltern, als wenn diese nicht gestört werden möchten: „Die nachmittäglichen Ruhestunden von zwei bis fünf Uhr zogen sich unendlich zäh dahin. Teilnahmslos hockte die Zeit im Haus der Großeltern in den Ecken herum, als wären diese drei Stunden apathische Insassen einer Anstalt. Hundertachtzig sedierte Minuten. Als Kind konnte man in diesen drei Stunden verloren gehen. Absolute Ruhe im Haus war das oberste Gebot. Ich war zum Stillsein verdammt und spielte in Strumpfhosen und grauen Rollkragenpullovern sterbenslangweilige, selbst erfundene Spiele. Ich frisierte mit dem Kamm die Fransen der Teppiche oder versuchte zwischen den Stuhlbeinen hindurch eine Orange durchs Zimmer zur gegenüberliegenden Wand zu rollen.“ Und was das für Großeltern sind! Der Großvater schreibt seit Jahr und Tag ein sich „von Buchstabe zu Buchstabe dahinschleppendes Staats-Lexikon (…)»Heute«, sagte dann mein Großvater, »haben wir endlich nach drei Jahren das M abgeschlossen«. »Über was hast du da geschrieben?« »Über Moral und Mäeutik.«“ Seine bewunderte, großbürgerliche Großmutter, ganz Diva alter Schule auf den großen Theaterbühnen Deutschlands, lebt stets mit der großen Geste: „Es konnte passieren, dass sie wie von einem tiefen Schmerz durchdrungen den Blick in die Ferne schweifen ließ, so langsam die Arme hob, dass nicht einmal die goldenen Armreife aneinanderklackten, und erst, als sie sicher war, dass alle am Tisch gebannt zu ihr sahen, sagte: »Moooahhhh…«, und dann, nach einer langen, spannungsgeladenen Pause, »der Brie ist ja ein Gedicht heute Abend.«

Weniger Liebe wendet Meyerhoff auf sich und seine Motivation an. Eine große Entscheidung hat er Ende der 1980er Jahre offenbar getroffen: Zivildienst statt Bundeswehr; und da freut er sich auf seinen Schlafplatz in einem Schwesternwohnheim und insgeheim, der Junge ist heiße Anfang 20, auf zahlreiche romantische Nächte mit, in seiner Vorstellung, ausgehungerten jungen Frauen. Und dann bewirbt er sich aus einem Impuls heraus an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München, eine der ersten Adressen, wenn man in dieser Kunst reüssieren will, liefert eine ungenügende Performance bei der Aufnahmeprüfung ab und wird aber dennoch als einer von neun Eleven aus 900 Bewerbern ausgesucht – ob da die Großmutter, selbst lange Lehrerin an der Schule, im Hintergrund ein paar Strippen gezogen hat, bleibt dem Ich-Erzähler und damit dem Leser verborgen.

Verborgen bleibt auch, was den jungen Meyerhoff an die Schauspielschule getrieben hat. In Schleswig, seiner Heimat, schreibt er, habe ihn das Grab seines Bruders erdrückt, „das Mitleid in den Augen dieser Jeder-kennt-jeden-Welt“. Also musste er raus aus seinem Heimatstädtchen in die buchstäblich weite Welt: „Ich war durch den Tod des geliebten Bruders, durch die drohende Trennung der Eltern zu einer Fata Morgana geworden, zu einer verheißungsvoll flimmernden Oase: Aber da war nichts. Mein Optimismus war eine optische Täuschung und jeder, der mir zu nahe käme, da war ich mir sicher, würde das augenblicklich durchschauen. Ich war komplett durch den Wind und wusste nicht wohin mit mir. Hauptsache weg.

München liegt nahe, da wohnen die Großeltern. Aber die Schauspielschule? Nur weil er sich mal an der Theater AG in der Schule ganz wohl gefühlt hat? Natürlich, später im Leben wird aus Joachim Meyerhoff ein anerkannter Bühnenschauspieler, arbeitet ausweislich seiner Vita am gefeierten Wiener Burgtheater und wird 2007 zum Schauspieler des Jahres gewählt. Aber das liegt Anfang der 90er Jahre, über die Meyerhoff in seinem Buch erzählt, noch in weiter Ferne. Dort weist nichts auf eine Lust, eine Leidenschaft zur Schauspielerei hin, im Gegenteil. Immer wieder betont er, wie ihm die Ausbildung an der Schule auf die Nerven geht und träumt sich dann zurück in jenes imaginäre Schwesternwohnheim.

Denn an dieser Schule soll er sich fallen lassen, emotionale Verkrustungen aufbrechen, Blockaden wegatmen, sein Inneres nach Außen kehren. Dabei will er, die selbst erklärte optische Täuschung, doch genau das nicht. Dieser traumatisierte Junge will sich nicht häuten, er will das Gegenteil: sich verpuppen, verwandeln, verkleiden, nur das nimmt ihm die Angst vor dem Spielen. So wie das eine Mal bei einer Kostüm-Versteigerung, als er seinen muskelbepackten 1,90-Meter-Körper in eine mit Pailletten besetzte Damenrobe hüllt und sich plötzlich wie befreit fühlt. Nach dem schillernden Auftritt als „lebendige Discokugel“ stellt Meyerhoff fest: „Ich habe geleuchtet.“ Im trüben Schulalltag aber lernt er vor allem, wie man sich auf offener Bühne versteckt.

Das erklärt nur nicht, warum er überhaupt auf die Bühne wollte und will. Und dann zu jenem glücklichen einen Prozent zu gehören, dass die schwierige Aufnahmeprüfung schafft, obwohl er da nur ein Drittel der geforderten Aufgabenstellung liefert, das wäre in einem fiktiven Roman nicht vermittelbar; in dieser biografischen, anekdotischen Erzählung eines später geachteten Schauspielers macht sich hier der Verdacht breit, der Autor, der sonst mit eigenen Schwächen und Fehlern nicht zimperlich ist, erzähle nicht die Wahrheit. Andauernd möchte man ins Buch hinein rufen: Dann hör doch auf mit der Schauspielerei und werde endlich Arzt! Aber er bleibt und natürlich bietet, rein erzählerisch, so eine absonderliche Ausbildung zu einem Schauspieler, zu einem der glaubwürdig tut als ob, jede Menge Skurriles, Bizarres und Groteskes.

Da explodiert die Freude an der Erzählkunst auf, die sich manchmal selbst genug ist und das Erzählte eher als Hintergrundrauschen braucht. Auch im Haus der Großeltern, in dem die Zeit in einem ewigen Kindheitsglück vor allen Katastrophen eingefroren zu sein scheint, verliert sich Meyerhoff lustvoll in Rückblenden, erzählt gerne, um des Erzählens willen, nicht um die Vorfahren zu beschreiben. In ihrem Haus kommt er zur Ruhe. Gerade weil das Leben in diesem Mausoleum der Marotten aus den immer gleichen Ritualen besteht, unverrückbar wie die Möbelstücke, die in ihren Druckstellen ruhen, als wären sie in unsichtbare Verankerungen eingerastet.

Die Schauspielschule ist nach drei Jahren vorüber. Als einziger in seiner Klasse findet der Ich-Erzähler keine Bühne, die ihn will, keine Berufung. Und als er schließlich nach Kassel gerufen wird, ist der lustlose Akteur dort bald der ungeliebte Kleinstdarsteller, dem man zwei Sätze aus seinem Auftritt streicht, was dann schon einem Drittel seines Textes entspricht. Von einer Leidenschaft zu diesem Beruf auch hier keine Spur. Die Schauspielerei bleibt ein Nebenschauplatz dieses Ich-Romans über einen, der ins Leben aufbricht. Hingegen erzählt er mit Wonne von seinen Großeltern, von deren herrlichen Spleens und Alkoholexzessen er gar nicht genug bekommen kann. Was der junge Ich-Erzähler aus dem Leben bei den Großeltern lernt, was er mitnimmt aus jener Zeit, lässt er offen, außer, dass die Erinnerungen an seinen toten Bruder und seinen toten Vater verblassen: „Nur meine Großeltern haben nichts an Deutlichkeit verloren. Ihnen hat der Tod am wenigsten anhaben können.

Das ist nun das Meyerhoff-Buch, dass ich eigentlich die ganze Zeit lesen will, weil dessen Verfilmung von Simon Verhoeven mit seiner Mutter Senta Berger in der Rolle der Großmutter Inge Ende Januar 2026 in die Kinos kommt. Das vorliegende Buch ist das dritte aus einer ganzen Serie, die unter dem Obertitel "Alle Toten fliegen hoch" entstanden ist. Also habe ich Amerika und Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, die beiden vorherigen Bücher dieser Serie, zuerst gelesen. Das vorliegende dritte ist unterhaltsam, bietet Einblicke in die besondere Welt der Schauspielschulen, geht aber nie in die Tiefe. Als würde sich Meyerhoff hinter seinen schönen Formulierungen verstecken, wie einst sein Ich-Erzähler in jenem Pailettenkleid, in dem er endlich leuchtete.

Ich habe "Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" zwischen dem 19. und 21. Januar 2026 gelesen.