Es ist nicht leicht, im Verborgenen zu glänzen. Dr. Watson kann ein Lied davon singen. Der scharfsinnige Mediziner schreibt im viktorianischen England Kriminalnovellen für das Magazin "The Strand", in denen ein "Sherlock Holmes" jene kriminalistischen Wunder vollbringt, die in Wirklichkeit sein unscheinbarer Assistent Watson leistet. Die von Watson erfundene Figur wurde über die Jahre so populär, dass sich ihr geistiger Vater bald gezwungen sah, einen Schauspieler anzuheuern, der diesen Holmes für die Presse im richtigen Leben, na ja, zumindest darstellt. Watson fand Reginald Kincaid.
Kincaid ist Schmierenkomödiant, kaum eines eigenen Gedankens fähig und nichts weiter als ein Schluckspecht und Schürzenjäger. Den ehrgeizigen "Kriminaldoktor" Watson wurmt es sehr, derart im Schatten zu stehen, und so setzt er Kincaid auf die Straße, um fortan selbst den ihm zustehenden Ruhm zu ernten. Aber schon bald muss Watson wieder einlenken, als Schatzkanzler Smithwick Sherlock Holmes zur Rettung des britischen Pfunds aufbieten will: Unbekannte haben Druckplatten der Bank von England gestohlen und könnten eine Währungskatastrophe auslösen, wenn der Meisterdetektiv ihnen nicht das Handwerk legt.
So bleibt Watson nichts anderes übrig, als Kincaid zu reaktivieren und mit ihm gegen die Fälscherbande zu Felde zu ziehen …

Sie können nicht miteinander. Sie können aber schon gar nicht ohne einander. Das ist die Basis des modernen Buddy-Movies, in denen zwei grundverschiedene (meistens) Männer nur gemeinsam zum Erfolg kommen. Hier sind es ein kriminalistisch höchst begabter Mediziner und eine erfundene Figur, dargestellt von einem Trinker, Frauenheld und Glücksspieler, eines Menschen also, der kaum eine der Holmes'schen Grundvoraussetzungen zur Genialität mitbringt.
In dieser Sherlock Holmes-Geschichte stehen die Charaktere im Mittelpunkt, der erzählte Kriminalfall ist nur der Motor, der die beiden Buddies bei der ermittelnden Stange hält und sie dabei durchs neblige, sumpfige England bis in die brackigen Abwasser der Stadt London treibt.
Nur kurz erscheint der Fall komplex. Gerade so lange, wie Watson braucht, um seinen Erzfeind Professor Moriarty hinter dem Verbrechen der geraubten Gelddruckplatten zu erahnen – einer der ganz wenigen Menschen auf der viktorianischen Welt, der das Geheimnis hinter Meisterdetektiv und Assistent kennt.
Als das soweit klar ist, konzentriert sich das Drehbuch von Garry Murphy und Larry Drawther auf den Zauber vertauschter Rollen, den Regisseur Thom Eberhardt dann wunderbar in viktorianische Kostüme, Kulissen und Nebelbilder packt. Den dauernd an einer Meerschaumpfeife nuckelnden Schauspieler des Sherlock Holmes spielt mit augenscheinlich großem Vergnügen an der Dekonstruktion einer britischen Legende Englands Filmlegende Michael Caine ("Das vierte Protokoll" – 1987; Mona Lisa – 1986; Hannah und ihre Schwestern – 1986; Der 4 1/2 Billionen Dollar Vertrag – 1985; Die Hand – 1981; Dressed to Kill – 1980; Freibeuter des Todes – 1980; Die Brücke von Arnheim – 1977; Der Adler ist gelandet – 1976; Der Mann, der König sein wollte – 1975; Die schwarze Windmühle" – 1974; "Mord mit kleinen Fehlern" – 1972; Jack rechnet ab – 1971; Charlie staubt Millionen ab – 1969; Ein dreckiger Haufen – 1969; Das Milliarden Dollar Gehirn – 1967; Siebenmal lockt das Weib – 1967; Finale in Berlin – 1966; Ipcress - streng geheim – 1965; Der Tag an dem Erde Feuer fing – 1961).
Caine macht sich einen Spaß daraus, als die Holme zugeschriebenen Manierismen auf die Spitze zu treiben inklusive vollkommen alberner Blicke durch seine sehr große Lupe. Und egal, was er sagt – meistens ist es sinnloser Quatsch aus dem Munde eines leicht alkoholisierten Kleinhirns –, vom um ihn herum ihm lauschenden Publikum wird alles als brilliant bestaunt. Diese Filmkomödie spießt in Nebensätzen die Obrigkeitshörigkeit des Menschen auf. Stecke jemanden in einen weißen Kittel und alle Welt wird ihm medizinische Diagnosen abnehmen. Setze jemandem eine Deerstalker-Mütze auf, drücke ihm eine Meerschaumpfeife in die Hand und alle Welt glaubt, Du allein findest den Täter. Scotland Yard-Inspector Lestrade, der das Geheimnis hinter Sherlock Holmes nicht kennt, verzweifelt an dessen unsinnigen Analysen. Dass die stets von Dr. Watson ins rechte, logisch wirkende Licht gesetzt werden, fällt ebenfalls niemandem, auch dem Mann von Scotland Yard nicht auf.
Dabei ist dieser Watson ein so auffallend aufmerksamer, aufrechter Charakter, hingebungsvoll gespielt von Ben Kingsley ("Maurice" – 1987; Gandhi – 1982), der sich zunehmend aus dem Schatten seiner großen Gandhi-Rolle frei spielt. Kingsleys Watson ist ein Kavalier alter Schule, alles, was Holmes sein sollte, aber hier nicht ist. Seine einzige, charakterliche, Schwäche ist die Eifersucht auf die von ihm erfundene Figur. Nach rund zwei Dritteln verschwindet Watson auf Zeit aus dem Drehbuch. Er gilt dann als tot und ebenso, wie man gleich verraten durfte, dass Erzfeind Moriarty im Hintergrund die Fähden zieht, kann man auch verraten, dass Watson dann doch nicht tot ist. Dramaturgisch muss er aus der Geschichte verschwinden, damit sich Reginald Kincaid, der Schmierenkomödiant, rehabilitieren kann und doch noch ein vollwertiges Mitglied der denkenden Gemeinde wird. Es dauert ein wenig, bis es diesem speziellen Sherlock Holmes gelingt, 1 und 1 zusammenzuzählen – weil er nach der ersten 1 schon nicht mehr weiter weiß. aber dann gibt es doch noch ein anständig feuriges Finale in den sumpfigen Abwasserkanälen Londons.
"Without a Clue" ist eine schöne Hommage an den berühmten Detektiv, von der seine Macher aber wohl nicht ganz überzeugt sind, das sein Erfinder ihren Humor teilt. Sie binden ihren Film mit einer Entschuldigung ab: „With apologies to the late SIR ARTHUR CONAN DOYLE, creator of SHERLOCK HOMES and DR. WATSON“.
