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Plakatmotiv: Margin Call - Der große Crash (2011)

Eine Tragödie in Zahlen,
Algorithmen und Opfern

Titel Margin Call – Der große Crash
(Margin Call)
Drehbuch J.C. Chandor
Regie J.C. Chandor, USA 2011
Darsteller

Kevin Spacey, Paul Bettany, Jeremy Irons, Zachary Quinto, Penn Badgley, Simon Baker, Mary McDonnell, Demi Moore, Stanley Tucci, Aasif Mandvi, Ashley Williams, Susan Blackwel, Maria Dizzia u.a.

Genre Drama
Filmlänge 107 Minuten
Deutschlandstart
29. September 2011
Inhalt

Wall Street 2008: Vermögensberater, Broker und Börsenmakler jonglieren noch ohne schlechtes Gewissen mit hohen Einsätzen und erzielen schwindelerregende Gewinnmargen. Doch die Finanzkrise hat bereits Einzug gehalten. Hauptleidtragender in einer großen Investmentfirma ist Top-Risk-Analyst Eric Dale.

Dale arbeitete an einer Analyse der aktuellen Unternehmenssituation und übergibt die brisanten Daten bei seiner Entlassung seinem ehemaligen Schützling, dem smarten Jungtalent Peter Sullivan. Sullivan stellt daraufhin weitere Berechnungen an und erkennt, dass der finanzielle Untergang seiner Firma bevorsteht.

Von den Zahlen alarmiert, beschließt die Konzernführung um Will Emerson, Sam Rogers, Jared Cohen, Sarah Robertson und John Tuld zum bevorstehenden Wochenende eine hochspekulative Rettungsaktion …

Was zu sagen wäre

Die Katastrophe kündigt sich leise an. Wie ein Tsunami, bei dem auch zuerst das Wasser am Strand zurück geht, bis sich weit draußen auf dem Meer eine große Wand aus Wasser auftürmt, die den Strand und die dahinterliegende Häuserblöcke überrollt. Im vorliegenden Film versteht ein Risikoanalyst ein paar zahlen nicht und recherchiert und findet raus, dass seine Firma auf einem Haufen Schrott sitzt, der in den Büchern fälschlicherweise aber mit hohen Millionensummen bewertet ist. Und das schon seit mehreren Wochen. Bevor, um im Bild zu bleiben, die große Welle die eigene Firma hinweg schwemmt, trifft sich der Aufsichtsrat der Bank und beschließt in einer nächtlichen Sitzung, alle Schrottpapiere abzustoßen, gleich am nächsten Tag.

Im Endeffekt, also, wenn der abspann gelaufen, der Kinovorhang geschlossen ist, wird die Welle aufgrund solcher Verkäufe nicht nur einen Strand überschwemmt haben, sondern nahezu alle Strände der Welt. „Es ist doch bloß Geld. Imaginär, mehr nicht“ sagt John Tuld, der Aufsichtsratschef der Bank. „Bloß Papiere. Mit Gesichtern drauf, damit wir uns bei der Suche nach Nahrung nicht umbringen." Margin Call" ist eine Art Horrorfilm.

Und John Huld ist das blutgierige Monster. Jeremy Irons spielt ihn als echsengesichtigen Anführer mit sardonischem Lächeln, der im Kreislauf des Geldes ein Naturgesetz sieht, durch das es Reiche und Arme gibt: „Schön: Es gibt vielleicht mehr arme Schlucker als je zuvor. Aber das Verhältnis, das bleibt immer dasselbe.“ Dieser zynische Satan im Maßanzug gibt nicht mal mehr vor, zu verstehen, was seine Trauer viele Stockwerke unter ihm da eigentlich verkaufen und als es vor einem Jahr die ersten Warnmeldungen aus der Risikoabteilung gab, da hat er sie elegant übergangen – regelmäßige Wirtschaftskrisen gehören zum Kreislauf und verteilen nur das Geld neu. Jeremy Irons vermittelt uns ein Gespür dafür, wie die Bosse in den obersten Stockwerken der Macht ticken (Der rosarote Panther 2 – 2009; Königreich der Himmel – 2005; The Time Machine – 2002; Lolita – 1997; Chinese Box – 1997; Stirb langsam – Jetzt erst recht – 1995; Das Geisterhaus – 1993; "Die Affäre der Sunny von B." – 1990; "Die Unzertrennlichen" – 1988; Mission – 1986). Die Männer unter ihm – und die eine Frau – sind vor allem damit beschäftigt, ihre Boni abzusichern und nicht als Bauernopfer zurückzubleiben. Auch unter den Abteilungsleitungen und Vorständen versteht niemand so recht, was die blinkenden Zahlen auf den Bildschirmen eigentlich bedeuten. Wofür hat man denn die teuren Analysten und Trader?

Beeindruckend an "Margin Call" ist weniger die Handlung als solche. Die ist angelehnt an die Pleite der Lehman Brothers im Herbst 2008. Wir wissen, wie das ausgegangen ist, die meisten von uns haben es in Zeitungslektüre und Fernsehreportagen aber nur oberflächlich verstanden. J.C. Chandor versteht es meisterhaft, das was nicht einmal die Profis im Film verstehen, sogar für die Laien im Kinosessel verständlich nachzuerzählen – „Bitte sprechen Sie so, als wäre ich ein kleiner Junge. Oder ein Golden Retriever“, fordert der echsengesichtige Blutrünstige einen Mitarbeiter auf. Beeindruckend an "Margin Call" sind die personellen Mechanismen in so einer Krise, von der niemand glauben mag, dass sie existiert, weil die Zahlen ja auch gar keinen Sinn ergeben, und ob man dafür jetzt den Vorgesetzten aus dem Bett klingeln soll? Die Angst vor dem Karrierebruch steht den Männern im Gesicht. Und wie also in so einer Bank dann immer noch ein neues Gesicht auftaucht, das noch gefürchteter und mächtiger ist, als der gefürchtete Mächtige, den wir gerade kennengelernt hatten. Und auch der oberste Mächtige sieht über sich noch die unverrückbaren Mächte des Marktes am Werk. Das ist grandios gespielt und grandios in Bilder umgesetzt. Die Botschaft über die Mächte hinter den Mächtigen ist als solche nicht neu, schon Sidney Lumet vermittelte sie 1976 in seiner Mediensatire Network. In "Margin Call" ist das Ganze nur auf die aktuelle Tragweite gebracht und ein paar Umdrehungen schneller.

Dabei liefert der Film in sich wenig Bewegung; die Handlung spielt, bis auf zwei kurze Szenen, in der Bank, deren Büros hinter Glaswänden maximale Transparenz vorgaukeln und größtmögliche Gaunereien verbergen. Die Handlung wird getrieben von Zahlen, die wenig Esprit auf der Leinwand entwickeln. Umso mehr tun das deren Opfer, die Manager des Geldes, deren Gesichter in Großaufnahme kontrastreich ausgeleuchtet die Tragweite erkennen lassen, die ihr Tun auslöst. Selten sind Talking Heads so spannend inszeniert.

Ob Kevin Spacey (Männer, die auf Ziegen starren – 2009; Superman Returns – 2006; Schiffsmeldungen – 2001; Das Glücksprinzip – 2000; American Beauty – 1999; Verhandlungssache – 1998; L.A. Confidential – 1997; Die Jury – 1996; Sieben – 1995; Outbreak – Lautlose Killer – 1995; Die üblichen Verdächtigen – 1995; Glengarry Glen Ross – 1992) als zweifelnder Thomas oder Demi Moore ("Mr. Brooks – Der Mörder in Dir" – 2007; 3 Engel für Charlie – Volle Power – 2003; Die Akte Jane – 1997; Nicht schuldig – 1996; Enthüllung – 1994; Ein unmoralisches Angebot – 1993; Eine Frage der Ehre – 1992; "Ghost – Nachricht von Sam" – 1990; Nochmal so wie letzte Nacht – 1986; St. Elmo's Fire – Die Leidenschaft brennt tief – 1985) als kalte Managerin, sie alle sind verkümmerte Seelen, geopfert auf dem Altar des Mammons. Und trotzdem gehen sie mit Millionen-Verdienst oder Millionen-Abfindung nach Hause … während „irgendwo da draußen” jede Menge Hausbesitzer ihr Hab und Gut verlieren werden.

Wertung: 5 von 7 €uro
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